Fachartikel aus PROTECTOR Special Zutrittskontrolle 2010, S. 20 bis 23

Forum Zutrittskontrolle 2010 Umfassende Beratung als Schlüssel zu wirksamen Systemen

Individuelle Beratung ist unverzichtbar, wenn es um die Installation eines wirksamen und sicheren Zutrittskontrollsystems geht – vor allem, da neben technischen auch organisatorische Maßnahmen zu ergreifen sind. Doch wie kann man bei einer Fülle unterschiedlicher Kundenwünsche und -strukturen gewährleisten, dass jeder Kunde das System bekommt, welches seine Anforderungen optimal erfüllt? Ansätze dazu wurden beim PROTECTOR Forum Zutrittskontrolle 2010 diskutiert.

Bild: HZ
Beratung ist unerlässlich, wenn man von einer Zuko-Lösung profitieren möchte. (Bild: HZ)

Zusammengewürfel- te Systeme, überfor- derte Verantwortli- che, unsinnige Anforderungen und überfrachtete Anla- gen – all dies trifft man in der täglichen Praxis bei vielen Zutrittssystemen an. Oft, weil nicht sorgfältig geplant und ausgeschrieben wurde oder weil es den verantwortlichen Mitarbeitern an Know-how mangelt. Nicht selten fehlt aber auch das nötige Budget oder die Zeit, etwas korrekt zu pflegen. Schließlich trägt auch eine unzureichende Beratung in einigen Fällen zum GAU in Sachen Zutritt bei.

Tragisches Beispiel

Peter Reithmeier vom VfS berichtet von einem missglückten Fall mit tragischem Hintergrund: „Vor etwa zehn Jahren wurde in einem Gericht eine Richterin ermordet. Verständlicherweise sorgte das für großen Aufruhr. Als Folge sollten in dem betreffenden Bundesland ad hoc in allen Staatsanwaltschaften und Gerichten Zutrittskontrollsysteme errichtet werden. Für jede dieser Liegenschaften wurden Mitarbeiter mit der Verantwortung für die Auswahl von Technik betraut. Auswahlkriterien waren nicht Technikkenntnisse oder Erfahrung mit Sicherheitsplanung. Das Ergebnis kann man sich vorstellen: löchrig wie ein Schweizer Käse."

Beratung ist also unerlässlich, wenn man von einer Zuko-Lösung profitieren möchte. Dennoch kann sich das als schwierig erweisen, wie auch Richard Köther von Bosch weiß: „Die Sicherheitsphilosophie in den Unternehmen ist oft eine echte Glaubensfrage. Man trifft auf vorgefertigte Meinungen, gegen die man trotz viel guten Willens nur schwer argumentieren kann. Ich habe es beispielsweise noch nie geschafft, jemandem zu erklären, dass seine Zugriffe und Abläufe nicht optimal sind. In seinen Augen sind sie für sein Unternehmen ideal, und das sagt fast jeder von seinen Abläufen. Aber wir haben dank vieler Projekte einen größeren Überblick. Dennoch spürt man manchmal eine irrsinnige Beratungsresistenz im Hinblick auf Organisatorisches.“

Statements

"Das Thema Organi- sation wird oft unter- schätzt. Es gibt auch Kunden, die sagen, wir sind schon froh, wenn wir die Karte bei Bedarf sperren können. Es gibt Be- ratungsprojekte, bei denen die Anwender bislang nicht über den Nutzen der Kartensperrung hinaus- kommen, weil sie bisher ausschließlich mit mechanischen Schließanlagen um- gehen. Da sind die elektronischen Lösungen und Anwendungen – quasi per Mausklick –, wie wir sie geschaffen haben, schon viel komfortabler. Wir versuchen dann das auch noch dahin- gehend zu unterstützen, indem wir dafür eine Software anbieten, die auch mechanische Schlüssel abbildet."
Rainer K. Füess, Prokurist, Tisoware Gesellschaft für Zeitwirtschaft GmbH


"Die Beratung fängt beim Ausweis an und hört eigentlich bei der Tür auf. Ich nenne ein Beispiel aus der Erfahrung unserer Security Consulting Group: Ein großes Unterneh- men wollte nur eine neue Zeiterfassung einführen, hatte aber bereits drei verschiedene Ausweise für unterschied- liche Funktionen im Umlauf. Dann war doch in der Beratung die erste Frage: Wie kann man das vereinfachen? Am besten gründet man dazu einen Work- shop, in dem erörtert wird, welche Medien werden eigentlich als Unterneh- mensausweis oder zur Kantinenabrech- nung eingesetzt und wie kann man das zusammenfassen, statt nun noch einen vierten Ausweis dazu zu packen."
Robert Karolus, Product Manager, Interflex Datensysteme GmbH & Co. KG

Stephan Kurz von Kaba hat ebenfalls Schwierigkeiten auf organisatorischer Ebene erlebt: „Wir merken in den Projektsituationen häufig, wie wichtig es ist, die vom Kunden vordefinierten Sicherheitsanforderungen genau zu analysieren. Wenn man nun in die Beratung hineingeht, dann muss man zunächst eine Prozessanalyse durchführen und dann gewisse organisatorische Dinge in den Applikationen mit abdecken. Man muss eine Beratung anbieten, die auf die Bedürfnisse des Kunden abzielt und nicht auf den kurzfristigen Verkaufserfolg. Das ideale Sicherheitssystem entsteht, wenn die Funktionalitäten in den Applikationen mit einer verantwortungsbewussten Umsetzung beim Kunden einhergehen.“

Haken und Ösen

Bei der verantwortungsvollen Umsetzung und Betreuung sieht Kester Brands von Nedap noch Steigerungspotenzial: „Vielleicht kann man den Haken bei den Endkunden oft auf der wirtschaftlichen und personellen Seite sehen. Es werden häufig beliebige Mitarbeiter für die Betreuung der Anlagen auserkoren, die bisher damit überhaupt nichts zu tun hatten und vielleicht aus einem völlig fremden Bereich kommen. Die bekommen dann ein Budget zugeteilt und müssen den Spagat schaffen, mit relativ wenig Wissen und viel zu wenig Geld die Bedrohungsabsicherung möglichst zu 100 Prozent zu gewährleisten. Aber wenn man das Budget und das Know-how so zusammenschrumpft und dann die Bedrohungsabwehr diesen Faktoren anpasst, kann das nicht funktionieren.“

Auch für die Mitarbeiter, die plötzlich mit der Zutrittskontrolle betraut werden, ist das keine angenehme Ausgangslage, wie Stephan Beckmann von Tyco zu bedenken gibt: „Dem Kunden selber kann man an dieser Stelle keinen Vorwurf machen, zumal viele Verantwortliche heute im Unternehmen an das Thema herankommen wie die Jungfrau zum Kind – SAP-Berater sind plötzlich verantwortlich für Zeiterfassung und Zutritt, oder IT-Leute müssen sich damit befassen. Da ist vielleicht auch von den Herstellern etwas mehr gefordert in Richtung auf die Betrachtung der Organisation und der Prozesse. Der Ausweg wäre wirklich nur, die Projekte im engen Zusammenhalt mit den planerischen Aspekten anzugehen.“

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