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Fachartikel aus W&S 2/2011, S. 12 bis 13

Kriminalität verhindern und Zivilcourage fördern

Kultur des Hinsehens

Osnabrück ist eine sichere Stadt. Dies belegen Umfragen und die jüngste Verleihung des Städtepreises für Kriminalprävention. Dass eine Großstadt aber nur durch die Mitwirkung von Behörden, Verbänden und Bürgern sicher werden und bleiben kann, weiß Osnabrücks Oberbürgermeister Boris Pistorius. Deshalb unterstützt er mit dem Osnabrücker Kriminalpräventionsrat, dass die Bürger in ihrem eigenen Lebensumfeld Verantwortung für die Sicherheit in ihrer Stadt übernehmen.

Bild: Stadt Osnabrück
Blick aus dem Osnabrücker Rathaus auf den Marktplatz. Der Zusatz "Stadt des Friedens" stammt aus dem Jahr 1648, also Osnabrück Verhandlungsort des Westfälischen Friedens war. (Bild: Stadt Osnabrück)

W&S: Herr Oberbürgermeister, Osnabrück ist eine Stadt des Friedens und der Sicherheit. Bei Sicherheitsumfragen nimmt Ihre Stadt bundesweit eine positive Spitzenposition ein; 2010 wurde Osnabrück der Städtepreis für Kriminalprävention der Stiftung Kriminalprävention, Münster, verliehen. Eine Frage auch an Sie als Vorsitzender des Kriminalpräventiven Rats Osnabrück: Wie schafft man das?

Boris Pistorius: In den Anfängen wurde die kriminalpräventive Arbeit als klassische Aufgabenstellung der Polizei, allenfalls noch einiger weniger weiterer öffentlicher Institutionen angesehen. Dank der ressortübergreifenden Präventionskommission und einzelner Personen, wie vor allem Kriminaldirektor a.D. Ernst Hunsicker, wurde die präventive Arbeit mit hoher fachlicher Kompetenz weiter entwickelt und institutionalisiert und auf eine breitere Basis gestellt.

Durch die Gründung des Kriminalpräventionsrates im Herbst 2005 als Nachfolgegremium der seit 1989 federführend von der Polizei betreuten Ressortübergreifenden Präventionskommission Osnabrück (Repros) ist dann die Federführung an die Stadt Osnabrück übergegangen. In diesen 20 Jahren hat sich unsere Gesellschaft verändert, aber auch die Kriminalität hat eine Entwicklung hin auf neue, damals noch unbekannte Deliktsfelder genommen, die es notwendig macht mit immer neuen Strategien und Schwerpunkten in der präventiven Arbeit zu reagieren.

Es wird keinen kriminalitätsfreien Raum geben, aber es macht Sinn und ist eine für die Gesellschaft wichtige Aufgabe, durch präventive Angebote das Sicherheitsgefühl unserer Bevölkerung zu verbessern, Straftaten zu reduzieren und Menschen bei der Resozialisierung zu unterstützen

W&S: So etwas geht bekanntermaßen nicht ohne Partner, ohne „Anpacker“. Die Liste der Institutionen und Verbände, die Kriminalprävention unterstützen, ist erfreulich lang. Wie ist es gelungen, so viele Partner mit ins Boot holen?

Boris Pistorius: Anlässlich der stadtpolitischen Erörterungen über die Einrichtung eines Kriminalpräventionsrates gab es Einvernehmen, den Kriminalpräventionsrat als ein offenes Gremium zu organisieren, dem Behörden, Institutionen, Verbände, Einrichtungen, Runde Tische und Nachbarschaftshilfevereine angehören, die im weitesten Sinne Aufgaben der Kriminalprävention wahrnehmen und dazu beitragen möchten, dass die Entstehung von Gewalt und Kriminalität bereits im Vorfeld verhindert wird.

Im Präventionsrat sollten alle gesellschaftlich relevanten Gruppen mitarbeiten und sich aktiv an Maßnahmen zur Verhinderung von Kriminalität im eigenen Umfeld beteiligen. Bürgerinnen und Bürger in unterschiedlichsten Funktionen sollten gemeinsam mit den zuständigen Organen Verantwortung für den Sicherheitszustand ihres Gemeinwesens übernehmen.

Diese offene und von Vertrauen und gegenseitigem Respekt getragene Arbeit hat über die Jahre zur Akzeptanz bei den verschiedenen Beteiligten geführt. Inzwischen arbeiten rund 50 Behörden, Verbände, Träger von Jugendarbeit, kirchliche Einrichtungen, Justiz, Staatsanwaltschaft und Runde Tische mit. Wichtiges Ziel ist die Einbindung möglichst vieler gesellschaftlicher Gruppen, was nach und nach gelungen ist.

W&S: Kriminalprävention ist also eine gesamtgesellschliche Aufgabe. Wie sieht es in Osnabrück mit der ehrenamtlichen Beteiligung von Bürgern aus?

Boris Pistorius: Sowohl im Kernteam in der täglichen Arbeit wie im Kriminalpräventionsrat arbeiten engagierte Personen und Gruppen ehrenamtlich mit. So sind Runde Tische, Nachbarschaftshilfvereine und interessierte Bürgerinnen und Bürger aktiv an den Zielen unserer kriminalpräventiven Arbeit beteiligt.

W&S: Eine wichtige Grundlage Ihrer kriminalpräventiven Arbeit ist die Kriminologische Regionalanalyse. Ist Ihre Stadt auch deshalb so sicher, weil diese Analyse als praxisorientierte Arbeitsgrundlage betrachtet wird, wie Kriminaldirektor a.D. Ernst Hunsicker schrieb, und nicht als „politisches Prestigeobjekt“?

Boris Pistorius: Es ist richtig, dass Initiator und Mentor der Kriminologischen Regionalanalyse Ernst Hunsicker war, der nicht nur auf praxisnahe Erkenntnisse und Umsetzungsmöglichkeiten geachtet hat, sondern auch mit großer Energie verfolgt hat, dass die Regionalanalyse kein einmaliges Produkt für die Bücherwand wurde. Er hat immer wieder dafür geworben, die Regionalanalyse in regelmäßigen Abständen zu wiederholen. Nur so war es möglich, längerfristige Erkenntnisse über die objektiven Gefährdungspotentiale zu erhalten und - was ebenso wichtig ist - zu erfahren, wie sich die subjektive Einschätzung, das Sicherheitsempfinden, unserer Bürgerinnen und Bürger entwickelt.

W&S: Sie haben sicherlich auch noch Zukunftsziele. Welche wären das und wer hilft Ihnen dabei?

Boris Pistorius: Gerade für die Jahre 2011 und 2012 widmen wir uns gemeinsam mit dem Landkreis Osnabrück einem besonders wichtigem Thema: Wir starten am 15. März 2011 in den Räumen der Sparkasse Osnabrück die Aktionsjahre „Zivilcourage: Mut tut gut!“

Die gemeinsame Initiative von Stadt und Landkreis Osnabrück soll die Schaffung einer „Kultur des Hinsehens und Helfens“ befördern, das Bewusstsein für Zivilcourage in der Bevölkerung stärken, der thematischen Sensibilisierung der Bürger dienen, und ihnen Vorgehensweisen vermitteln, um in Gewaltsituationen Hilfe leisten zu können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Es soll die Menschen darin bestärken, sich für andere einzusetzen und aktiv, freiwillig und eigenständig Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Schon vor einigen Jahren hat sich der gegenseitige Wunsch ergeben, die Zusammenarbeit zwischen der Stadt und dem Landkreis Osnabrück in der Kriminalprävention zu verstärken. Kriminalität macht bekanntlich nicht Halt vor kommunalen oder staatlichen Grenzen; Art und Intensität von Kriminalität sind oft ähnlich. So wurde auch im Herbst letzten Jahres bereits der fünfte gemeinsame „Präventionstag Stadt und Landkreis Osnabrück“ begangen und jährlich werden zahlreiche gemeinsame Veranstaltungen durchgeführt.

Eines dieser in vorbildlicher Zusammenarbeit entstandenen Projekte ist das erwähnte „Zivilcourage: Mut tut gut!“ Ich betrachte auch dieses Projekt als ein Signal für die Zukunft, zu bestimmten Aufgaben und Problemstellungen gemeinsame Lösungen und Antworten zu entwickeln.

Interview: Klaus Henning Glitza
Zur Person
Boris Pistorius ist als Oberbürgermeister nicht nur oberster Repräsentant der Stadt Osnabrück, sondern auch Chef der Verwaltung. Der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann und studierte Jurist wechselte 1991 in den Landesdienst und arbeitete dort in unterschiedlichen administrativen und politischen Bereichen, unter anderem im Büro des niedersächsischen Innenministers und seit 2002 als Abteilungsdirektor der Landesschulbehörde, Abteilung Osnabrück. Der 2006 als Oberbürgermeister gewählte Sozialdemokrat gehört dem Rat der Stadt Osnabrück seit 1996 an. Von 1999 bis 2002 amtierte er bereits als ehrenamtlicher Bürgermeister.