Fachartikel aus PROTECTOR Special Videoüberwachung 2012, S. 22 bis 27

Effizienter Know-how-Transfer Knackpunkt Qualifikation

Die Anforderungen an die Planung von Videosystemen wachsen unweigerlich mit zunehmender Komplexität und Größe – jedoch steigt nicht zwangsläufig die Qualität der Planung. Das kann einerseits an mangelnder Fachkenntnis des Planenden liegen oder andererseits an den unrealistischen Forderungen von Anwendern. In beiden Fällen hilft nur konsequenter Know-how-Transfer.

Bild: Zumpe/Gückel
Teilnehmer am zweiten Tag des PROTECTOR Forums Videoüberwachung: Albert Unterberger, Udo Kürzdörfer, Jan Schwager, Achim Hauschke, Klaus Middelanis, Harald Zander, Andreas Wolf, Stephan Beckmann, Frank Marcus Schille, Christian Werner, Dirk Brand, Heinz-Joachim Wilke (stehend v.l.), Peter Reithmeier, Bertrand Völckers, Edwin Roobol und Dirk Ostermann (sitzend v.l.). (Bild: Zumpe/Gückel)

Die momentane Lage im Videomarkt gleicht hinsichtlich der Planung einem diffusem Spannungsfeld aus Unwissen, Marketingversprechen und Bequemlichkeit auf der einen Seite und umfangreichen Schulungsangeboten, großen Marktpotenzialen und Mehrwert für den Anwender auf der anderen Seite. Doch noch zu selten gelingt es, diese beiden Seiten zum Vorteil aller Beteiligten zu vereinen.

Achim Hauschke von der Vidicore KG vermutet eher historisch gewachsene Ursachen dafür, dass Schulungsangebote von Planenden noch nicht ausreichend wahrgenommen werden: „Es ist vielleicht auch die umfangreiche Palette an elektronischen Sicherheitsprodukten, weshalb momentan auf Planerseite noch viel analog abgewickelt und auf Bestehendes zurückgegriffen wird. Es erfordert sehr viel Zeit und Aufwand, sich auf die vielen technischen Neuheiten schulen zu lassen.“ Und Harald Zander von Milestone Systems berichtet: „Was Schulungen und Ausbildung angeht, weiß ich, dass sich viele Hersteller stark engagieren und vieles versuchen, aber damit nicht immer bis zu den Planenden vordringen.“

Statements
„Der Systemintegrator muss wohl nicht zwangsläufig jede Schulung mitmachen, denn er hat den Vorteil, dass er sehr häufig nach der Devise 'Learning-by-Doing' vorgehen kann. Er geht in die Projekte hinein und lernt dabei – nach ein paar Projekten macht er die Planung im Schlaf. Man muss aber einschränkend sagen, dass die Systemintegratoren meist nur die Systeme eines ausgewählten Hersteller anbieten.“
Christian Werner, Business Development Manager DACH, Samsung Techwin Europe Ltd.
„Die Entscheider gehen an Projekte manchmal auch ohne viel Fachwissen heran. Das heißt, sie müssten selbst erst einmal geschult werden, sofern sie keine Fachabteilungen besitzen, die sowieso in der Materie drin sind. Denn jeder, der sich nicht hauptberuflich mit Video beschäftigt, kann nicht ernsthaft zwischen den Systemen unterscheiden. Er ist auf jemanden angewiesen, der ihn unabhängig berät – und mit diesem muss es eine gemeinsame Vertrauensebene geben.“
Peter Reithmeier, Geschäftsführer, Verband für Sicherheitstechnik e.V.
„Gerade die Vielschichtigkeit in unserem Markt verhindert, dass es so etwas wie das Idealprojekt überhaupt gibt. Es ergibt sich immer eine mehr oder weniger tragfähige Konstellation aus der Erwartungshaltung des Kunden, dem Preisdruck und der Qualifikation der Planer und Errichter. Womöglich sind auch Zertifizierungen sinnvoll, aber sie dürfen niemals endgültig sein, denn die Technik wird immer komplexer, so dass die Weiterbildung ein unaufhörlicher Prozess sein muss.“
Udo Kürzdörfer, Leiter Produktmanagement, Funkwerk Plettac Electronic GmbH

Das überrascht Dirk Brand von der Seetec AG nicht: „Die allgemeine Erfahrung zeigt, dass die Fachplaner nur schwer zu erreichen sind. Wir bemühen uns um diese Zielgruppe, aber es besuchen noch viel zu wenige unsere Schulungen.“ Diesem Konsens kann sich auch Frank Schille von Schille Informationssysteme anschließen: „Es geht nicht einmal darum, die Planer mit reinen Produktinformationen zu versorgen – wir haben Veranstaltungen gemacht, zu denen wir auch andere Hersteller eingeladen haben, um die Planer einmal ganz allgemein auf den neuesten Stand zu bringen. Wir wollten Grundlagen und neue Techniken erklären, aber die Resonanz war sehr bescheiden.“

Gegen die Überforderung

Dieses geringe Interesse an Schulungen deutet allerdings nicht darauf hin, dass die Planenden womöglich schon alles wüssten. Viel zu oft ist das Gegenteil der Fall, wie Dirk Ostermann von DOI aus Erfahrung weiß: „Das Problem ist, dass manche Planer, Systemintegratoren oder Errichter mit den Anforderungen, die heute an die Planung einer Videoüberwachung gestellt werden, schlicht überfordert sind. Teilweise wegen mangelnder Ausbildung, teilweise wegen der Vielfalt, die angeboten wird und ganz besonders auch durch irreführende Marketingaktivitäten der Hersteller.

Ich will niemandem unterstellen, dass er nicht gut planen wollte, aber es ist eben sehr schwierig, wenn teilweise das Know-how fehlt und man auch noch unterscheiden soll, welche Produkte wirklich was leisten können.“ Achim Hauschke sieht es realistisch: „Die Bandbreite der Technik ist heute zu groß, als dass man IP-Video einfach nebenher planen könnte. Das Feld ist mit der Netzwerktechnik und der ganzen Peripherie mittlerweile so umfangreich, dass man es einem kleinen Planungsbüro, das vielleicht keine Spezialisten für die einzelnen Bereiche hat, gar nicht zumuten kann, sich dieses ganze Wissen anzueignen. Deren Ressourcen sind schließlich auch begrenzt.“

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Aus dieser Überforderung entsteht gefährliches Halbwissen, wie Albert Unterberger von der Securiton GmbH zu bedenken gibt: „Ich glaube, man macht häufig den Fehler, das Ganze nur sehr technisch zu sehen. Aber wenn es wirklich um Sicherheit geht, dann geht es in erster Linie darum, ein Sicherheitskonzept zu entwickeln, welches man später mit geeigneter Technik umsetzt. Wenn es in komplexe Bereiche, etwa mit Videoanalyse hineingeht, dann müssen viele Dinge individuell angepasst werden – das ist spätestens der Punkt, an dem Halbwissen sehr gefährlich und für den Kunden hinterher auch sehr teuer werden kann.“

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