Fachartikel vom 01/16/2017

ASWN „12-Stunden-Schichten machen wir immer!“

Beim Erfahrungsaustausch mit Auszubildenden der Fachkraft für Schutz und Sicherheit (FKSS) und Servicekraft für Schutz und Sicherheit (SKSS) aus dem zweiten Lehrjahr an der Gewerbeschule Werft und Hafen G 7 wurden massive Arbeitgeberverfehlungen öffentlich. Die Handelskammer Hamburg bietet sich als Beschwerdestelle an.

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Es diskutieren auf dem Podium (v.l.n.r.: Klaus Kapinos (ASW Nord), Kerstin Pridat (Handelskammer Hamburg. Gewerkschaft Verdi), Fin Mohaupt (Handelskammer Hamburg), Jens Müller (BDSW LV Hamburg), Cornelia Okpara (BDSW). (Bild: ASWN)

Junge Mitarbeiter binden, Talente gewinnen und halten: Das ist für viele Firmen oft eine große Herausforderung im tristen Unternehmensalltag. Wer eine Firma leitet oder Personalchef ist, weiß, wie sehr es schaden kann, plötzlich einen guten Mitarbeiter oder einen guten Azubi zu verlieren.

Für Hamburg wurden im Berufsfeld FKSS im Jahr 2014 gesamt 164 und im Jahr 2015 gesamt 146 Ausbildungsverträge eingetragen. Von den Verträgen wurden davon im Jahr 2014 63 und 2015 58 Verträge wieder gelöst. Beim Berufsfeld SKSS sieht es schlimmer aus: Im Jahr 2014 wurden von 32 Verträgen 11 gelöst, im Jahr 2015 von 18 Verträgen wieder 16 aufgelöst.

Erfahrungsaustausch nötig

Der Erfahrungsaustausch mit Azubis aus dem 2. Ausbildungsjahr zur Fachkraft für Schutz- und Sicherheit sowie Servicekraft für Schutz- und Sicherheit war erforderlich, weil massive Beschwerden von Azubis über ihre Arbeitgeber vorlagen. Von gesamt 270 Auszubildenden nahmen fast 100 Azubis und Lehrkräfte an dieser Veranstaltung teil.

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Zu den weiteren Teilnehmern gehörten der Arbeitgeber-Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW), die Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland e.V. (ASW Nord), die Handelskammer Hamburg und die Gewerkschaft Verdi. Die Schulleiterin, Frau Kettgen, sagt: „Es sind derzeit 270 Azubis (FKSS uns SKSS) an der Schule eingetragen. In diesem Jahr 2016 musste sogar eine Extraklasse für das 1. Lehrjahr eingerichtet werden.“

Die Aula mit der futuristischen Deckenbeleuchtung war bis auf den letzten Platz gefüllt. Eine Menge Plakate aus einer Umfrage unter den Azubis vermittelte dem Betrachter sofort bedrückende Gefühle. Verbandsvertreter äußerten spontan: „Da hat sich in den letzten fünf Jahren ja fast gar nichts geändert!“

Großes Interesse an allen Fronten

Frank Schimmel vom BDSW begrüßte die Teilnehmer mit den Worten: „Die Ausbildungsberufe werden alle fünf Jahre überprüft. Es knirscht erheblich im Getriebe bei den Ausbildungsberufen FKSS sowie SKSS wegen hoher Auflösungsquoten von Verträgen.“

Jens Müller, als Landesgruppenchef Hamburg vom BDSW, ermunterte die Azubis zur Mitgestaltung der Branche in einer Umbruchphase, welche eine langjährige Perspektive bietet. Jeder Azubi möge sein Selbstbewusstsein stärken und mit seinem Arbeitgeber eine Kommunikationsbasis finden.

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Zahlreiche Auszubildenden der Fachkraft für Schutz und Sicherheit und Servicekraft für Schutz und Sicherheit kamen zum Erfahrungsaustausch. (Bild: ASWN)

Nach den Statements der Verbände, der Handelskammer und Verdi stellte Cornelia Okpara vom BDSW die rechtlichen Rahmenbedingungen der Ausbildung vor. Mehrarbeit der Azubis über die 8-Stundenregelung sind nur in Ausnahmefällen möglich, 12 Stunden-Schichten dürfen jedoch nicht die Regel sein. Nebenbeschäftigungen sind nur mit einem Zusatzvertrag möglich, die monatliche Arbeitszeit darf dann 220 Stunden nicht überschreiten.

Rechtlicher Rahmen ist klar

Kerstin Pridat von der Handelskammer erklärte den Teilnehmern, dass das Amt für Arbeitsschutz bei Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz Geldstrafen verhängen kann. Sie bot ihre Abteilung der Ausbildungsberatung den Azubis als zusätzliche Beschwerdestelle an. Auch forderte Pridat die Azubis auf, von Arbeitgebern manipulierte Arbeitshefte der Handelskammer vorzulegen.

Äußerungen der Auszubildenden
  • „12-Stunden-Schichten machen wir immer.“
  • „Alarmfahrten fahre ich allein.“
  • „Wir zwei Azubis bewachen ein Flüchtlingsheim allein.“
  • „Ich musste öfters Doppelschichten machen.“
  • „Meine Berichtshefte werden durch den Arbeitgeber bei den Arbeitszeiten und Einsatzorten manipuliert.“
  • „Wenn ich nicht pariere, werde ich gemobbt.“
  • „Vor Schulbeginn musste ich noch eine 12-Stunden-Nachtschicht machen.“
  • „Ich habe keinen qualifizierten Ausbilder.“

Repräsentative Umfrage überrascht

Die unter 87 Azubis durchgeführte und repräsentative Umfrage wurde von einigen Berufsschülern im Plenum präsentiert. Wider Erwarten zeigten sich 66 Prozent sehr zufrieden und zufrieden mit ihrer Ausbildung, 33,3 Prozent dagegen unzufrieden. Ihre Ausbildung wollten 49,4 Prozent nicht abbrechen, 17,2 Prozent den Betrieb wechseln und 32,18 Prozent die Ausbildung abbrechen.

Auf die Zufriedenheit mit der Arbeitszeit befragt, erklärten sich 34,5 Prozent zufrieden, 14,9 Prozent mit sehr zufrieden, 32,2 Prozent mit unzufrieden und 17,2 Prozent mit sehr unzufrieden. Die wöchentlichen Arbeitszeiten betragen bei 26,4 Prozent zwischen 35-40 Stunden, 19,5 Prozent bis 48 Stunden, 40,2 Prozent zwischen 48-60 Stunden und 9,2 Prozent mehr als 60 Stunden.

Die Frage „Sind sie mit ihrer Vergütung zufrieden?“ zeigt deutlich die Unzufriedenheit: 21,84 Prozent sind zufrieden, 6,9 Prozent sehr zufrieden (Azubi der DB Sicherheit), 32,2 Prozent unzufrieden und 39,1 Prozent sehr unzufrieden.

Die ambivalenten Meinungen der Azubis decken sich mit den Zahlen der Vertragsauflösungen: ungefähr 30-40 Prozent sind mit den Bedingungen der Ausbildung in der Sicherheitswirtschaft unzufrieden. Schwerpunkte sind dabei die langen Arbeitszeiten, die Bezahlung sowie Manipulationen der Arbeitshefte durch die Arbeitgeber.

Eine anschließende Diskussion brachte den Zeitplan durcheinander, machte aber deutlich, dass Schule, Verbände und Handelskammer großes Verständnis für die Belange der Berufsschüler haben.

Die Kette der Arbeitergeberverfehlungen dauert leider nun schon Jahre lang an. Die Nachfrage des Autors bei der Hamburger Schulbehörde ergab, dass die Handelskammer für die Eignungsprüfung von Ausbildungsunternehmen zuständig ist. Auch die Überprüfung, ob die Ausbildung dort ordnungsgemäß durchgeführt wird, liegt laut Aufsichtsbehörde in den Händen der Kammer.

Nachfrage beim Experten

Wie müssen die Rahmenbedingungen sein, damit junge Menschen ihre Potenziale besser entfalten können? „Die praktische Umsetzung kann nur in einem günstigen sozialen Umfeld gelingen. Denn die wichtigsten Erfahrungen, die in Form komplexer Vernetzungsstrukturen im menschlichen Gehirn verankert werden, sind sozialer Natur. Das menschliche Gehirn ist ein durch soziale Beziehungserfahrungen strukturiertes Organ.“ sagt der Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther.

Die Veranstaltung schloss mit einem Statement der Verbände, Gewerkschaft und Handelskammer. Die Azubis wurden aufgefordert, Missstände der Handelskammer und den Verbänden zu nennen sowie mit ihren Arbeitgebern über diese Missstände ins Gespräch zu kommen. In einem Jahr will man sich wieder treffen und auf Verbesserungen hoffen.

Klaus Kapinos

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