Fachartikel aus W&S 6/2009, S. 12 bis 13

Sicherheit im ÖPNV Fahrgastschutz bei der üstra in Hannover

Nach den diesjährigen Übergriffen auf Fahrgäste im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) stellt sich sowohl den Passagieren als auch der Öffentlichkeit die Frage, was die Verkehrsbetriebe unternehmen, um die Reise mit Bus und Bahn sicherer zu machen.

Bild: üstra
Udo Iwannek ist Pressesprecher der üstra Hannoversche Verkehrsbetriebe AG. (Bild: üstra)

Udo Iwannek von der üstra Hannoversche Verkehrsbetriebe AG, die rund 160 Millionen Menschen jährlich befördert, gibt Einblicke in die Sicherheitsmaßnahmen bei der Personenbeförderung.

W&S: Immer wieder wird von brutalen Angriffen auf Fahrgäste und Personal berichtet. Ist der öffentliche Personennahverkehr ein Schauplatz der Unsicherheit?

Udo Iwannek: Den Eindruck könnte man gewinnen, wenn man die Berichterstattung in den Medien betrachtet. Aber da wird ein Zerrbild wiedergegeben. Unsere Busse und Bahnen sind sehr sicher – auch nachts und am Wochenende. Da sprechen die objektiven Zahlen eine deutliche Sprache. Natürlich ist jeder Vorfall von Gewalt im Nahverkehr empörend und nicht zu tolerieren, aber die Gefahr für den Fahrgast ist verschwindend gering, mit Gewalt konfrontiert zu werden.

Wie viele Vorfälle hat die üstra Hannoversche Verkehrsbetriebe AG jährlich zu verzeichnen?

Iwannek: Wir befördern rund 160 Millionen Menschen im Jahr und haben jährlich weniger als 50 Fälle, in denen Fahrgäste angepöbelt oder bedroht werden. Da ist die Gefahr, auf der Straße vom Blitz getroffen zu werden, noch höher als im Nahverkehr Opfer einer Gewalttat zu werden. Zudem sind die Fallzahlen bei uns rückläufig.

Was wird konkret unternommen, um die Sicherheit der Fahrgäste zu verbessern?

Iwannek: Wir haben zur WM 2006 unser Sicherheitskonzept auf den Prüfstand gestellt und in Abstimmung mit den Experten der Polizei ausgebaut. Heute gibt es an jeder unserer 190 Stadtbahnhaltestellen einen Notrufknopf, über den man sofort Verbindung mit unserer Leitstelle aufnehmen kann. In unseren silbernen Stadtbahnen befinden sich die Sprechstellen neben den Türen. Bei einem Notruf wird die betreffende Säule sofort per Videotechnik erfasst.

Unser gesamter unterirdischer Stadtbahnbereich und wichtige oberirdische Stationen werden ständig mit Video überwacht, ebenso ein Teil unserer Busse und Bahnen. Das umfasst auch Bereiche, die neben den Bahnsteigen als besonderes kritisch gelten, wie Zugänge, Treppen, Aufzüge und Verteilerebenen. Dazu kommen die regelmäßigen Streifen der protec, unserer üstra-Sicherheitsfirma. Deren rund 110 Mitarbeiter geben der Sicherheit bei der üstra ein Gesicht. Sie können jederzeit angesprochen werden und sind für alle Eventualitäten ausgebildet und ausgerüstet. Ein Führungs- und Lagezentrum, bei dem auch die Notrufe auflaufen, ist rund um die Uhr besetzt. Man darf die Sicherheit nicht allein der Technik überlassen.

Bild: üstra
Der Notruf stellt eine direkte Verbindung zur Leitstelle her, die in Gefahrensituationen Hilfe am Bahnsteig bereitstellen kann. (Bild: üstra)

Wie steht es mit der Akzeptanz der Sicherheits-mitarbeiter in der Öffentlichkeit?

Iwannek: Das ist eine Frage der Qualifizierung der Mitarbeiter im Sicherheitsdienst, und hier ist die protec hervorragend aufgestellt. Nur jeder dreißigste Bewerber erfüllt das Qualifikationssystem, zu dem neben einer abgeschlossenen Ausbildung und mehrjähriger Berufspraxis auch ein hohes Maß an sozialer Kompetenz gehört. Daraus resultiert ein sicheres und freundliches Auftreten der Servicekräfte, die auch dank einer gezielten Vorbereitung unaufdringliche Präsenz und erfolgreiche Ergebnisse gewährleistet.

Gibt es außer den protec-Mitarbeitern vor Ort weitere Ansprechpartner?

Iwannek: Ja, auch unsere Fahrerinnen und Fahrer sind immer Ansprechpartner für unsere Kunden. Sie werden ebenso wie die protec-Mitarbeiter geschult und sind auf Notsituationen bestens vorbereitet.

Gute Beleuchtung und Sauberkeit tragen zur Sicherheit bei. Ist das auch Ihre Erfahrung?

Iwannek: Wichtig ist uns, dass die Fahrgäste bei uns nicht nur sicher sind, sondern sich auch sicher fühlen. Dazu trägt eine helle, freundliche Beleuchtung der Stationen ebenso bei wie die Sauberkeit. Wir dulden keinerlei Verwahrlosung, denn die würde signalisieren, dass es bei uns Orte gibt, um die sich keiner kümmert. Alle Stationen und Fahrzeuge werden jede Nacht gereinigt. Dazu gilt: Es verlassen keine mit Graffitis beschmierten Busse oder Bahnen morgens unsere Betriebshöfe. So verderben wir Schmierfinken den Spaß.

Letztlich sind es die Qualitäten, die darüber entscheiden, wie das Nahverkehrsangebot wahrgenommen und beurteilt wird. Neben der Schnelligkeit – also in welcher Zeit komme ich von A nach B – sind es vor allem Sauberkeit und Sicherheit, die für die Fahrgäste eine Rolle spielen, ob sie mit uns fahren oder nicht. Dass wir in Hannover auf einem guten Weg sind, zeigt sich daran, dass der Anteil der ÖPNV-Nutzer hier wesentlich höher ist als in anderen vergleichbaren Städten.

Das Personal wird geschult, aber wie können sich Fahrgäste auf kritische Situationen vorbereiten?

Iwannek: Die üstra bietet ihren Fahrgästen ein kostenloses Sicherheitstraining mit wichtigen Hinweisen für das korrekte Verhalten in Notsituationen an. Speziell für Jugendliche der Jahrgangsstufen drei bis zehn sind zusammen mit der Region Hannover und dem Großraum-Verkehr Hannover (GVH) multimediale Unterrichtsprogramme und -materialien unter dem Projektnamen „Sicher und fair mit Bus & Bahn“ entwickelt worden. Unter dem Motto „Ich und die anderen in Bus und Bahn“ wird das rücksichtsvolle Miteinander im ÖPNV, das Erkennen von kritischen Situationen und der Umgang mit ihnen trainiert.

Interview: Klaus-Henning Glitza

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