Fachartikel aus PROTECTOR 5/2017, S. 32 bis 33

Videoaufschaltung in Leitstellen Sofort im Bilde

Professionelle Leitstellen reagieren rund um die Uhr zeitnah und gezielt auf Ereignisse. Eine Aufschaltung von Videobildern ermöglicht dabei ein unmittelbares Einschätzen der Situation vor Ort und in der Folge eine schnellere Hilfe im Notfall.

Bild: Ziemann Sicherheit
Konvergenz bedeutet Integration verschiedener Gewerke zu einer Gesamtlösung für Leitstellen. (Bild: Ziemann Sicherheit)

Die beste Videoanlage nützt nichts, wenn im Falle eines Falles niemand hinsieht. Bei modernen Anlagen könnte der Kunde zwar beispielsweise jederzeit auf dem Smartphone die Bilder seiner Kameras sehen, aber dies ist rein theoretisch. Denn vielleicht sitzt er gerade im Kino oder in einem Funkloch, wenn bei ihm eingebrochen wird. Eine Leitstelle dagegen ist immer verfügbar. Das ist ein entscheidender Vorteil in Sachen Sicherheit. Bei einer Videoaufschaltung sieht die Leitstelle auf einen Blick, was vor Ort passiert, kann schneller und gezielter reagieren, als es bei rein textbasierten Alarmmeldungen möglich wäre. Videobilder transportieren große Informa tionsmengen quasi live und in besonders anschaulicher Form, so dass auch ein komplexes Geschehen schnell erfasst wird. Das Ziel ist, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und zu handeln, bevor etwas passiert. Dafür müssen alle relevanten Informationen schnellstmöglich in die Leitstelle übertragen und dort von geschultem Personal ausgewertet werden.

Besser durch Kombination

Video ist eine wichtige Ergänzung zu anderen Informationsarten: Erst durch die Kombination aller verfügbarer Daten gewinnt die Leitstelle in Echtzeit einen umfassenden Überblick über die Lage im überwachten Objekt, kann Alarmmeldungen verifizieren, sicher bewerten und auf dieser Basis zuverlässig alle nötigen Maßnahmen einleiten. Mit Hilfe der Videobeobachtung kann die Leitstelle Einsatzkräfte gezielt führen und vor Gefahren warnen, um beispielsweise unerwartete Konfrontations situationen mit dem Täter zu vermeiden. Dies schützt Mitarbeiter, spart Zeit und Kosten. Die Verknüpfung verschiedener Gewerke liefert nicht nur mehr Informationen, sondern ermöglicht es auch, vereinbarte Maßnahmen aus der Ferne direkt von der Leitstelle aus durchzuführen. Ein beispielhafter Ablauf soll dies veranschaulichen: Ein Bewegungsmelder sendet einen Alarm; das Videomanagement in der Leitstelle zeigt daraufhin automatisch die zu dieser Meldelinie passende Kamera; mittels Fernwirken schaltet die Leitstelle einen Scheinwerfer im Kundenobjekt ein; der Zentralist beobachtet und bewertet, wer da was macht und spricht den Eindringling über eine Sprechanlage gezielt an; durch ein vereinbartes Kennwort und Abgleich mit Referenzbildern wird die Zutrittsberechtigung verifiziert; per Fernwirken öffnet der Zentralist dem Besucher die Tür.

Moderne Services

Bild: Accellence Technologies
Ein „virtueller Wächterrundgang“ bietet viele individuelle Konfigurationsmöglichkeiten. (Bild: Accellence Technologies)

Notruf- und Service-Leitstellen (NSL) reagieren – wie der Name schon andeutet – nicht nur auf Alarme, sondern bieten ihren Kunden darüber hinaus vielfältige Dienstleistungen. Die Kombination verschiedener Technologien ermöglicht dabei neue Geschäftsmodelle. Dazu zählt der „virtuelle Wächterrundgang“, die softwareunterstützte Auftragsabarbeitung: Dabei werden zu festgelegten Zeitpunkten automatisch bestimmte Kameras in der Leitstelle aufgeschaltet und unter Videobeobachtung vom Kunden gewünschte Maßnahmen ausgeführt, beispielsweise „Prüfe jeden Tag nach Geschäftsschluss, ob alle Personen das Gebäude verlassen haben, ob alle Fenster und Türen verriegelt sind, fahre die Rollläden herunter und schalte die Alarmanlage scharf“. Von einer Software wie Ebüs werden alle anstehenden Maßnahmen auf die jeweils freien Arbeitsplätze der Leitstelle verteilt. Den Mitarbeitern wird zu gegebener Zeit akustisch und optisch signalisiert, was jeweils zu tun ist. Die Ausführung der Maßnahmen wird elektronisch unterstützt und protokolliert. Mit dem Modul „automatischer Verbindungsnachweis“ können alle Aktivitäten der Leitstelle dem Kunden gegenüber nachgewiesen und detailliert abgerechnet werden. Im Vergleich zu konventionellen Rundgängen werden Risiken für die Mitarbeiter minimiert und Kosten reduziert: Anstatt im Stau zu stehen können Mitarbeiter dank Videoaufschaltung effektiv für den Kunden arbeiten.

Mangel in der Fläche

Viele Sicherheitsunternehmen berichten, dass es zunehmend schwerer wird, in der Fläche genügend Interventionskräfte zu bekommen. Da ist es von großem Vorteil, wenn mit Videotechnik inzwischen viele Aufträge „ferngesteuert“ von der Leitstelle aus erledigt und durch präzise Videobeobachtungen unnötige Einsatzfahrten vermieden werden können. Für den Kunden bedeutet Konvergenz, dass schneller und gezielter auf alle Vorkommnisse in seiner Liegenschaft reagiert wird. Das bringt ein deutliches Plus an Sicherheit. Um Bedien- und Übertragungsfehler zu vermeiden und die Arbeitsabläufe zu optimieren, sollten Daten zwischen den verschiedenen Gewerken über geeignete Schnittstellen digital ausgetauscht und alle Prozesse weitest möglich automatisiert werden. Moderne Systeme erstellen beispielsweise automatisch eine Dokumentation aller Alarmbearbeitungen gemäß EN 50518.

Herausforderung: Vielfalt

In Kundenobjekten sind heute Videoanlagen vieler verschiedener Hersteller verbaut, die oft nicht miteinander kompatibel sind. Für Anwender, die nur ihr eigenes Objekt überwachen, ist das kein Problem, denn sie müssen nur ihr eigenes System beherrschen. In einer NSL treffen dagegen Aufschaltungen aus Hunderten Objekten ein. Das stellt eine große Herausforderung dar, denn mehr als drei bis fünf verschiedene Videosysteme können von den Mitarbeitern in der Leitstelle nicht mehr effektiv bedient werden: Mit jedem weiteren System steigt der Schulungsaufwand, das Risiko von Bedienfehlern, der Platzbedarf, der Stromverbrauch und ähnliches. Damit Leitstellen Videoaufschaltungen effizient nutzen können wird eine Lösung benötigt, die alle in den Kundenobjekten vorhandenen Videosysteme unterstützt und alle Funktionen bietet, die zum Erbringen der mit den Kunden vereinbarten Dienstleistungen benötigt werden. Aus diesem Grund wurde auf Initiative der Polizei, des ZVEI, BDSW und BHE die integrative Videomanagementsoftware Ebüs entwickelt. Damit werden nicht nur IP-Kameras, sondern auch digitale Videorecorder, Netzwerk-Videorecorder, andere Videomanagementsysteme sowie neuartige Cloud-Lösungen und alle anderen Arten von bildgebenden Systemen integriert; analoge Kameras werden über passende Videoencoder angeschlossen.

Wachstumsmarkt Videosicherheit

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Die Sicherheitsbranche wächst, besonders stark im Bereich der Videosicherheitstechnik. Der Trend geht von „klassischen“ Alarmaufschaltungen und Wachpersonal vor Ort hin zu einem Angebot umfassender videounterstützter Dienstleistungen, für die neueste Technologien genutzt werden, um in Echtzeit aus der Ferne alle vom Kunden gewünschten Aufgaben zu erfüllen. Innovative videobasierte Services eröffnen neue Geschäftsfelder, etwa indem Leitstellen zu festgelegten Zeiten oder bei bestimmten Ereignissen mit dem Kunden vereinbarte Maßnahmen durchführen und deren Wirkung mittels Videobeobachtung überwachen. Videoaufschaltungen bieten Sicherheitsunternehmen viele Chancen, Umsatz und Rentabilität zu steigern. Wichtige Kriterien bei der Auswahl geeigneter Software sind neben Funktionalität und Interoperabilität auch Dokumentation, Support, Schulungen sowie die Möglichkeit individueller Anpassungen.

Hardo Naumann, General Manager „Alarm Receiving Solutions“ bei der Accellence Technologies GmbH

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