Fachartikel aus PROTECTOR Special Brandschutz 2017, S. 28 bis 29

Missbrauch von Fluchtwegen Hohe Hemmschwelle

Allgemein gilt: „Türen der jeweiligen Rettungswege müssen jederzeit von innen leicht und in voller Breite geöffnet werden können.“ Was aber ist, wenn Rettungswege missbräuchlich genutzt werden?

Bild: GfS
Konfigurationen der elektrischen Türverriegelung gemäß EN 13637. (Bild: GfS)

Oder wenn herkömmliche Hemmschwellen wie Tagalarmgeräte, Türwächter und elektrische Türverriegelungen nicht ausreichen, und der Missbrauch des Rettungswegs zur alltäglichen Erfahrung des leidgeprüften Personals wird?

Hier eröffnet die im Dezember 2015 veröffentlichte, aber noch nicht harmonisierte EN 13637 „Elek trisch gesteuerte Fluchttüranlagen für Türen in Fluchtwegen“ neue Lösungsansätze. Seit Anfang des Jahres machen sich Hersteller und Prüfinstitute verstärkt auf den Weg, die Norm mit Leben zu erfüllen. Auf Messen lassen sich erste Produktideen zum Thema begutachten.

Abschied von liebgewonnenen Gewissheiten

Für den Nutzer bedeutet die EN 13637 Abschied nehmen von manch liebgewonnen Gewissheiten, zum Beispiel:

  • dass sich Türen in Rettungswegen innerhalb von einer Sekunde öffnen lassen. Schon heute ist die verzögerte Freigabe von Notausgangstüren in Ländern wie Frankreich, England und Norwegen eine allgemein akzeptierte Form, Hemmschwellen hochzusetzen, weswegen dieses Feature nicht nur in Museen, sondern auch im Einzelhandel Einzug gefunden hat. Und so erlaubt die EN13637 einen Zeitverzug von bis zu 15 Sekunden (t1). In Verbindung mit einer zentralen Fluchtwegsteuerung sind ein Zeitverzug von bis zu 180 Sekunden (t2) und das Blockieren des Nottasters möglich.
  • dass der Nottaster ein roter Pilzknopf ist. Der Nottaster muss gemäß der EN13637 nun kein roter Pilzknopf mehr sein – er kann auch in Gestalt eines Touchscreens daherkommen.
  • dass sich der Nottaster neben der Tür befindet. Zeitverzug ist Voraussetzung für die Integration des Nottasters im Beschlag. Durch das erstmalige Betätigen des Beschlags wird die elektrische Verriegelung nach einer gewissen Zeit spannungslos geschaltet, durch das nochmalige Betätigen wird die Tür dann mechanisch entriegelt. Durch Integra tion des Nottasters im Beschlag können ästhetisch interessante Produktinno vationen realisiert werden.

Neue Sicherheitsstandards

Dieser im europäischen Ausland von vielen Fernostimporten geprägte Markt wird mit der EN13637 strikten Sicherheitsstandards unterworfen, die bislang auch in der EltVTR so nicht bekannt waren.

  1. Wie auch die EltVTR setzt die EN13637 auf dem Systemgedanken auf. Das System besteht aus einem Verriegelungs (VE), Steuerungs(SE) und Auslöse element (AE), gegebenenfalls ergänzt um das Bedienelement (BE). Geprüft wird das gesamte System.
  2. In der EN13637 ist der SIL2 Sicherheitsstandard festgeschrieben. Gemäß diesem Sicherheitsstandard wird die Ausfallwahrscheinlichkeit des Systems rechnerisch ermittelt. Liegt sie unterhalb eines bestimmten Schwellenwertes, ist SIL2 erfüllt.
  3. Neu gegenüber der EltVTR ist auch die Vandalismusprüfung. Nach Durchführung dieser Prüfung muss das System funktionsfähig sein, zumindest aber die Tür freigeben.
  4. Der Klassifikationsschlüssel sieht Dauerfunktionstests von bis zu einer Million Zyklen vor – im Vergleich dazu nehmen sich die 200.000 Zyklen der EN179/ 1125 geradezu bescheiden aus.

Einsatz von EN13637-Lösungen

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In manchen Fällen bietet die nach EltVTR zugelassene elektrische Türverriegelung keine ausreichend hohe Hemmschwelle. In diesem Fall bedarf es einer Zustimmung im Einzelfall, um die Hemmschwelle durch Zeitverzug oder Weglassen des Nottasters zu erhöhen. Auf Basis der EN13637 entwickelte und geprüfte Produkte könnten hier auf Basis hoher Sicherheitsstandards Abhilfe schaffen. Freilich birgt der übermäßige Einsatz von Zeitverzug die Gefahr, dass Personen im Notfall nicht auf dem kürzesten Weg ins Freie gelangen, sondern irritiert vom Nichtöffnen der Tür von einem Notausgang zum nächsten laufen, wo sie dieselbe Situation vorfinden. Diese Gefahr wird durch unterschiedliche Erscheinungsformen des Nottasters und nicht standardisierte Anzeigen des Zeitverzugs zusätzlich erhöht. An Fluchtwegtüren, die gemäß EN 1125 für eine Paniksituation ausgelegt sind, hat Zeitverzug mit Sicherheit nichts verloren.

Martin Grell, Export Sales Manager, GfS Gesellschaft für Sicherheitstechnik mbH

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