Fachartikel aus PROTECTOR 11/2017, S. 73

Soziale Netzwerke Vollzeit-Aufgabe

In der heutigen Zeit vielfältiger Kommunikationsmittel spielen die Sozialen Netzwerke eine immer größere Rolle. Von dieser technischen und sozio-kulturellen Entwicklung sind auch Sicherheitsbehörden und hier insbesondere die Polizei betroffen, die sich auf diese bereits seit einigen Jahren im täglichen Umgang etablierten Medien ebenfalls einstellen muss.

Bild: JMG/Pixelio
Die Sozialen Netzwerke haben auch Einfluss auf die Polizeiarbeit. (Bild: JMG/Pixelio)

Die digitale Echtzeit-kommunikation hat die teilweise auch noch vorhandene Praxis, wie Behörden Informationen verbreiten, etwa über Presseverteiler, in ihrer Wirkung stark beeinträchtigt. Nutzen Sicherheitsbehörden die Sozialen Netzwerke professionell als Kommunikationsmittel, können sie eine große Reichweite erzielen und unmittelbar Informationen weitergeben.

Bislang sind etwa (Stand Anfang 2017) 216 Polizeiliche Institutionen mit eigenen Auftritten in Sozialen Netzwerken vertreten, 2012 waren es gerade mal 19. Das zeigt, dass sich die Sicherheitsbehörden der Bedeutung dieser Plattformen bewusst sind. Diese Netzwerke stellen per se ein eigenes Arbeitsfeld dar, denn die Polizei kann diese nicht nur aktiv nutzen, sondern muss auch auf Entwicklungen reagieren. Bedingt durch die Vernetzung der Mitglieder der Netzwerke untereinander können beispielsweise Falschmeldungen eine Virulenz erreichen, die bei zu später oder auch falscher Adressierung nur schwer oder gar nicht unter Kontrolle zu halten ist. Die Behörden müssen hier besonders sorgfältig arbeiten und entscheiden, wann welche Information verbreitet wird.

Zur Person

Marcus da Gloria Martins ist Pressesprecher der Polizei München.



  • 2005 Wechsel zur Polizei München von Köln
  • seit Ende 2015 Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidiums München

Eine ungeprüfte oder schlimmstenfalls falsche Meldung kann zu einem ernsten Reputationsverlust führen. Die Überprüfung einer Meldung, ob am Telefon oder über die Netzwerke eingegangen, benötigt Zeit, in der sich wiederum Gerüchte weiter verbreiten können. Messenger-Dienste können hier eine zusätzliche Dynamik entfalten, die an den Behörden vorbeigeht, da sie keinen Einblick haben. Doch nur wenn die Behörden glaubhaft unbewiesenen Behauptungen oder Meldungen mit Fakten entgegentreten können, lässt sich die Reputation positiv in der Kommunikation nutzen. Die großstädtische Zivilgesellschaft verfügt über keine Resilienzen im Umgang mit Terrorangst und hat kein Handlungsmuster für Krisen. Hier müssen die Sicherheitsbehörden und allen voran die Polizei anleiten und Hilfestellung durch genaue Informationspolitik geben.

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Die intensive Betreuung der „Community“ kann dabei bis zu 48 Stunden nach einem relevanten Ereignis andauern. Dabei ist es wichtig, die Bevölkerung auch immer wieder zu sensibilisieren, um auf die Problematik eines unreflektierten Weiterleitens von Sensationsinformationen deutlich hinzuweisen. Die Betreuung der Sozialen Netzwerke muss als Vollzeit-Aufgabe verstanden und mit entsprechenden personellen und technischen Ressourcen ausgestattet werden. Eine Betreuung quasi „nebenbei“ wird nicht funktionieren, sondern es muss eigentlich geschultes Fachpersonal, besser noch extra dafür ausgebildetes Personal vorgehalten werden, um im Ernstfall schnell und professionell reagieren zu können, was viele Behörden vor Probleme stellt. Die Sozialen Medien lassen sich dabei unterschiedlich für die Polizeiarbeit nutzen. Es können aktiv Informationen erbeten werden (etwa bei Fahndungsaufrufen), die Polizei kann wiederum selbst Informationen und Hinweise etwa als Warnung absetzen, und die Netzwerke lassen sich zur Beziehungspflege und PR-Maßnahmen heranziehen. Gerade letzteres ist in Deutschland im Unterschied zu einigen europäischen Nachbarn noch eher Neuland, wobei es auch Fortschritte gibt, wie Zugriffszahlen auf verschiedenen Plattformen zeigen.