Fachartikel aus PROTECTOR 12/2017, S. 6 bis 7

Markt & Konjunktur Chancen der Digitalisierung nutzen

Es überrascht mittlerweile nicht mehr, wie stark das Thema Digitalisierung in den letzten Jahren völlig branchenunabhängig an Aufmerksamkeit gewonnen hat. Eines steht fest: Ein reiner „Hype“ ist es definitiv nicht. Vielmehr birgt die Digitalisierung auf Grund der vielbeschworenen disruptiven Energie tatsächlich großes Veränderungspotential für etablierte Strukturen und Prozesse.

Bild: Dr. Wieselhuber & Partner GmbH
Dr. Peter Fey, Senior Manager, Dr. Wieselhuber & Partner GmbH. (Bild: Dr. Wieselhuber & Partner GmbH)

Im Ergebnis bringt Digitalisierung große Chancen für echte Kundenorientierung und die Steigerung der Wertschöpfungs- effizienz. Doch: Wer diese Chancen nutzen will, um sich zukunftsfähig aufzustellen, der benötigt eine Strategie. Denn Digitalisierung passiert nicht einfach nebenbei. Das gilt für die Sicherheitstechnik genauso wie für andere Branchen. In der Branche entwickeln sich die Geschäfte grundsätzlich positiv. Zwar gibt es in den einzelnen Teilbereichen der Sicherheitstechnik unterschiedliche Wachstums potenziale. So richtig schlecht läuft es aber nirgends. Und doch haben die wenigsten Unternehmen eine klare Antwort auf die Frage nach ihrer digitalen Agenda beziehungsweise ihrer Digitalisierungsstrategie. In anderen Branchen ist man teilweise schon weiter – doch dazu später.

In Deutschland ähnelt die gegenwärtige Situation in vielen Marktsegmenten dem berühmten Spruch von Franz Beckenbauer: „Schaun mer mal, dann sehn mer scho.“ Fakt ist jedoch, dass die Digitalisierung der verschiedensten Märkte schon heute Realität ist und eine frühzeitige, zukunftsfähige Ausrichtung zahlreiche Wettbewerbsvorteile bietet. Weiter abwartend zu verharren, ist also keine Option. Im strategischen Diskurs werden die unterschiedlichen Facetten, in der sich die Digitalisierung in der Branche widerspiegelt, häufig isoliert betrachtet. Entsprechend ihrer funktionalen Zuständigkeit in den einzelnen Stufen der Wertschöpfungskette oder Funktionen werden sie nur partiell durchdacht und gestaltet. Dabei liegt gerade in der integrativen Ausrichtung der folgenden vier Bereiche die besondere Chance der Digitalisierung in der Sicherheitstechnik.

1. Produkte und Lösungen

Zu denken ist hier insbesondere an die Bereiche Smart Security, Smart Home und Smart Building sowie teilweise an weiterführende Dienstleistungen während der Nutzung eines zu sichernden Objekts. Die Produkte der Sicherheitstechnik sind längst digital. Nur was ist in diesem Umfeld die nächste Stufe der Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen?

2. Marktbearbeitung und Interaktion

Intensivere und engere Interaktion mit den vielfältigen Zielgruppen von der herstellenden Industrie, den Systemanbietern und Errichtern bis hin zum Auftraggeber, Bauherren sowie Facility Management. Die zunehmend vielfältiger werdenden Buying Center und Vertriebswege verlangen nach neuen Bearbeitungsformen, wie zum Beispiel Web Shops und Konfiguratoren für den Fachmann und für den Laien.

3. Produktion und Supply Chain

Unter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ werden schon lange Konzepte wie „Losgröße 1“ und digitalisierte Herstellungsprozesse diskutiert und implementiert. Doch in der verwobenen Wertschöpfungskette der Sicherheitstechnik kann auch eine konsequente Integration der mehrstufigen Supply Chain echten Mehrnutzen bei den verschiedensten involvierten Playern entlang der Wertekette schaffen.

4. Wertschöpfungs und Errichtungsprozess

Hiermit ist ein Aspekt angesprochen, der sicherlich nicht für jeden Player und für jeden Fall zutrifft. BIM – Building Information Modeling als digitale Plattform reicht von der integralen Planung über optimiertes Prozessmanagement in der Errichtungsphase und die frühzeitige Einbindung der verschiedenen Player bis hin zur Betriebsphase eines Gebäudes. Deutschland hinkt anderen Ländern in dieser Hinsicht noch etwas hinterher. Dennoch werden die Anforderungen nach einem plattformgestützten Agieren gerade bei Großprojekten den einen oder anderen in Zukunft fordern.
Klar ist: Eine systematische Auseinandersetzung und Integration dieser Themen wird zur dringendsten Hausaufgabe, denn sie ist das Fundament einer jeden Digitalisierungsstrategie.

Doch wie nähert man sich dieser Aufgabenstellung? Beispielsweise könnten Nutzungsdaten aus einem Produkt oder System zu einem zusätzlichen Nutzenbündel angereichert werden. Aus den Anbeziehungsweise Abwesenheitsdaten eines Zutrittssystems könnten Informationen zur Heizkostenoptimierung generiert werden. Ansätze, die aus Smart-Home-Lösungen bekannt sind, aber was ist die Antwort der professionellen Anbieter? Denkbar ist auch ein Art Push Service: Die herstellende Industrie erfasst über Fernzugriff Daten aus den von ihr verbauten Systemen und kann so Rückschlüsse auf fällige Wartungen ziehen und die lokalen Errichter proaktiv in den Prozess einbinden. Der Hersteller erhält über Data Analytics Informationen zur Produktoptimierung, der Errichter kommt in den Genuss eines Wartungsauftrags und für den Betreiber reduzieren sich die Ausfallrisiken. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Wirft man einen genaueren Blick auf den Teilaspekt des Planungsprozesses, die Koordination der Beteiligten und der Objektrealisierung, zeigen sich die Chancen und Potenziale der Digitalisierung noch deutlicher: Die digitale Planung und Projektsteuerung im Sinne des Building Information Modelings (BIM) kann die zunehmenden Anforderungen hinsichtlich Komplexität, Zeit, Realisierungsgeschwindigkeit und Dokumentation zumindest bei Neubauvorhaben lösen. Eine Schubladenlösung für ein zukunftsfähiges digitales Leistungsangebot gibt es nicht, so viel ist klar. Doch mit einfachen Grundsätzen in der Konzeption und dem Mut, althergebrachte Grenzen zu überwinden, bergen die vielgepriesenen disruptiven Elemente der Digitalisierung sowohl für kleine Spezialisten als auch für die jeweiligen Marktführer der Sicherheitstechnik echte Chancen.

Dr. Peter Fey, Senior Manager, Dr. Wieselhuber & Partner GmbH

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