Kommentar aus PROTECTOR 3/2018, S. 3

Editorial Revolution oder Rohrkrepierer?

Nach einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Oliver Wyman könnten in zehn bis 15 Jahren von derzeit 1.900 privaten Geldinstituten, Sparkassen und genossenschaftlich organisierten Banken nur noch 150 übrig sein. Hauptgrund für das erwartete Bankensterben ist laut Studie die Digitalisierung der Finanzdienstleistungen.

Andreas Albrecht, Chefredakteur. 

Blockchain heißt die Technologie, die dabei seit einiger Zeit oft genannt wird und die als Folge der explosionsartigen Wertsteigerung des Bitcoins Ende letzten Jahres einen unvergleichlichen Hype erlebt. Vom „Megatrend schlechthin“ ist die Rede, von der „größten Revolution seit dem Internet“, und viele Börsenexperten sind sich einig: Blockchain wird nicht nur die Finanzbranche grundlegend verändern, sondern die komplette Geschäftswelt und industrielle Produktion umkrempeln.

Was die Veränderung der Finanzwelt betrifft, lauten die Erklärungen ungefähr so: Bislang brauchte jeder, der Geld überweisen wollte, eine Bank, die Überweisungen annimmt, überprüft und Zahlungen abbucht. Die Blockchain-Technologie leistet genau das gleiche, nur eben direkt zwischen den zwei Beteiligten einer Transaktion, also ohne den Umweg über eine Bankund das vollautomatisch, schneller, billiger und sicherer. Blockchain, so die Schlussfolgerung dieser Leseart, macht Banken also in Zukunft überflüssig, und nicht nur diese. Nach dem gleichen Prinzip könnte die Technik bald auch den Stromanbieter, Musikkonzern und Immobilienmakler ersetzen, kurz: Mehrstufige Vertriebskonzepte allgemein hätten endgültig ausgedient. Doch nüchtern betrachtet, hat Blockchain bislang nicht viel mehr hervorgebracht als eine Flut digitaler Währungen, deren Nutzen unklar und deren Fortbestehen zweifelhaft ist. Denn die Technologie hat neben ihrem theoretischen Potential noch eine Reihe von praktischen Problemen zu lösen (siehe auch Artikel auf den Seiten 20 bis 23 sowie 36 bis 37), von denen der immense Stromverbrauch, der zur Generierung von Bitcoins, dem so genannten „Mining“, notwendig ist, eines der größeren ist. So könnte beispielsweise in Island, das aufgrund seiner niedrigen Strompreise viele Rechenzentren angelockt hat, der Energieverbrauch zur Herstellung von Bitcoins schon bald jenen aller Haushalte übertreffen. Auch die Vorstellung, die USA würden eine virtuelle Konkurrenzwährung neben dem Dollar auf Dauer tolerieren, scheint doch etwas naiv. Sollte sich der Bitcoin oder eine andere Kryptowährung tatsächlich zu einer ernsthaften Konkurrenz entwickeln, könnte dieser schnell durch Regulierungen oder sogar Verbote der Garaus gemacht werden – und die klassischen Banken könnten erstmal wieder aufatmen.