Fachartikel aus PROTECTOR Special Videoüberwachung 2018, S. 30 bis 35

PROTECTOR & WIK Forum Videosicherheit 2018 Drohnen, Bodycams und Co

Die Videotechnik erfährt seit Jahren eine stetige Erweiterung ihrer Anwendungsfelder. Dies ist einerseits bedingt durch sinkende Preise von Komponenten, andererseits aber auch durch technologische Weiterentwicklungen und zunehmende Intelligenz in den Produkten. Wohin aktuelle Trends gehen und welche Potenziale noch schlummern, war Thema beim Forum Videosicherheit 2018.

Bild: Michael Gückel
(Bild: Michael Gückel)

Mit einem kurzen Überblick führte Moderator Dirk Ostermann die Teilnehmer in die Diskussion ein. „Ich nehme seit einiger Zeit verstärkt war, dass Drohnen, Bodycams, Analysefunktio nen und auch Cloud-basierte Videosysteme bei den Kunden immer höher im Kurs stehen. Vor ein paar Jahren sah das noch ganz anders aus. Wo liegen die Gründe für diese Entwicklung und was bringen derartige Lösungen im praktischen Einsatz?“

Drohnen im Aufwind

Für Andreas Fieberg von Moog Pieper sind drohnenbezogene Anwendungen vor allem für Anwender aus dem Industrie-Sektor ein Thema: „Wir haben viele Industriekunden, sowohl in der Prozesstechnik als auch in der Sicherheitstechnik. Hier verzeichnen wir zunehmend eine Nachfrage nach einem Drohneneinsatz aus Sicherheitsgründen. Gleichzeitig sehen wir eine starke Nachfrage nach Systemen zur Erkennung und Abwehr fremder Drohnen. Beispielsweise ist die Absicherung des Luftraums über Industriearealen zu einem großen Thema geworden, was man auch als eine Erweiterung des Perimeterschutzes von oben sehen kann.“ Dem stimmt Uwe Gleich vom Errichter Gleich GmbH zu: „Anforderungen hinsichtlich der Luftraumüberwachung finden sich natürlich auch in Verbindung mit einer Zaunsensorik. Oder aber man kombiniert es sogar mit einer Brandmeldetechnik.

Mittels einer Drohne kann man auch eine klassische Alarmvorprüfung machen und dann gegebenenfalls direkt Bilder an die anfahrenden Einsatzkräfte übermitteln. Das schafft einen Überblick darüber, was genau vorgefallen ist, ob Personen evakuiert werden müssen oder ob eventuell eine Spezialausrüstung mitzubringen ist. Auf einem großen Gelände ist das sehr sinnvoll, denn wenn man überlegt, wie lange ein Werkschützer oder ein Feuerwehrmann brauchen würde, um zu einem abgelegenen Punkt auf dem Gelände zu kommen, liegt der Vorteil auf der Hand.“ Sinnig ist es, wenn man solche automatisierten Drohnen-Systeme direkt mit anderen Videokomponenten und der entsprechenden Software koppeln kann. Stefan Dörenbach von Genetec erklärt: „Einige Kunden haben weitläufige Areale, in denen auch Kamera- Drohnen zur Ergänzung eingesetzt werden. Es gibt bereits einen Drohnen-Hersteller, der tief mit unserer Software integriert ist. Damit sind wir in der Lage, die Drohne anhand von georeferenzierten Lageplänen mit einem Klick auf den Weg zu schicken und mit einem Home-Button wieder zurückzurufen. Man kann die Drohne also über das Videomanagementsystem steuern und die Bilder aufzeichnen. Eine solche Integration gibt es aber noch nicht flächendeckend für alle Drohnenhersteller.“

Drohnenabwehr gefragt

Es klang bereits früh in der Diskussion an, dass Drohnen aus Sicht der Unternehmenssicherheit durchaus ein zweischneidiges Schwert sind, wie auch Martin Scherrer von Siemens zu bedenken gibt: „Drohnen muss man auch immer als potenzielle Gefahr im Blick haben. Nicht von ungefähr wird bei den kritischen Infrastrukturen immer häufiger eine Drohnendetektion gefordert. In der Vergangenheit hat man sich darauf beschränkt, nur das Gebäude und den Perimeter von allen Seiten abzusichern, nun aber rückt die Dachfläche immer mehr in den Fokus. Auch dort gibt es potenzielle Angriffsziele, wie etwa Lüftungsanlagen und dergleichen. Das betrifft aber nicht nur Industrieanlagen oder Kraftwerke, sondern auch Rechenzentren, oder JVAs. Aus meiner Sicht bieten die meisten Drohnendetektionssysteme noch Verbesserungspotential und die Ergebnisse sind mitunter ernüchternd. Hier kommt es stark darauf an, welche Sensorenkombination ein Hersteller benutzt – Video, Audio, Radar und so weiter.“

Präventive Bodycams

Ein weiteres Anwendungsfeld, das in der Öffentlichkeit immer häufiger wahrzunehmen ist, stellen sogenannte Bodycams dar, die von Einsatzkräften am Körper getragen werden und Geschehnisse objektiv dokumentieren sollen. Thorsten Reichegger von Videor skizziert den Ansatz: „Wenn wir an Bodycams denken, dann dienen diese einerseits dazu, Vorfälle später besser nachvollziehen zu können und auch Beweismaterial zu sichern, aber anderseits haben sie auch einen abschreckenden Charakter. Denn es wird berichtet, dass sie durchaus konkret zur Prävention beitragen, indem sie die Zahl der Angriffe auf die mit Kameras ausgestatteten Polizeibeamten senken. Videotechnik wirkt in diesem Fall klassisch abschreckend.“ Jörg Flohr von Bosch Sicherheitssysteme sieht dies als entscheidenden Vorteil, nicht nur für Polizisten: „Mit Bodycams lassen sich nicht nur Polizeibeamte ausrüsten, wir sehen auch Personenschützer sowie Personal im öffentlichen Nahverkehr, das sie trägt.

Es werden hier in Zukunft vermutlich noch mehr damit ausgestattet, weil das Maß an Aggressionen im Alltag wächst. Und durch das Tragen einer solchen Kamera wird die Hemmschwelle höher. Für Unternehmen zahlt sich das aus, weil sie ihre Mitarbeiter schützen und damit auch unter anderem der Fluktuation bei den Mitarbeitern entgegenwirken. Viele im ÖPNV kündigen, weil sie oft angegriffen werden und keine Hilfe vor Ort ist.“ Uwe Gleich findet: „Ich kann mir schon vorstellen, dass Bodycams eine abschreckende Wirkung haben, weil man sich nicht sicher ist, ob nun jemand extern noch zusieht oder ob die Daten aufgezeichnet werden.“ Die präventive Wirkung sollte man allerdings auch nicht überschätzen und sich in einer falschen Sicherheit wähnen, rät Christoph Knobloch von IPS: „Ich denke, wie bei allen Anwendungen von Videotechnik im öffentlichen Raum, muss man auch den Verdrängungseffekt mit einbeziehen. Straftaten verlagern sich manchmal auch nur auf die Gebiete, die nicht mit Kameras überwacht werden oder eben auf Personen ohne Bodycam. Außerdem gibt es auch die Täter, denen eine Videoaufzeichnung schlicht egal ist oder die im Affekt handeln. Dann hilft natürlich die Videoüberwachung sehr, um den Vorfall aufzuklären.“

Analyse und Intelligenz

Konkreter messbar ist der Erfolg von videobasierten Systemen, wenn diese neben – oder sogar abseits – der Sicherheit eingesetzt werden, etwa in Form von intelligenten Analysefunktionen, die für bestimmte Branchen Mehrwerte schaffen. Andreas Fieberg schildert seinen Eindruck: „Analysefunktionen direkt auf Kameras ist verstärkt ein Thema geworden. Hier geht es darum, kundenspezifische Anforderungen mittels eines Sensors – so nennen wir Kameras auch intern – intelligent umzusetzen. Wir haben daher das Ziel, diesen Sensor so smart wie möglich zu gestalten und mit passgenauen Applikationen auszustatten. Das geht im industriellen Umfeld soweit, dass wir mittlerweile Werte in Prozessleitsysteme übergeben und ganze Anlagen steuern. Ein solcher Ansatz ist sehr komplex und geht weit über die reine Videobeobachtung hinaus, die man früher einmal betrieben hat.“ Jörg Flohr stimmt zu: „Die intelligente Videoanalyse direkt in unseren Kameras wird immer mehr nachgefragt. Die Algorithmen, die dort laufen, werden immer intelligenter und leistungsfähiger. Das betrifft neben dem Sicherheitsbereich auch sehr stark den Marketingsektor, etwa im Einzelhandel. Hier können Kameras einen Shop zeitgleich überwachen und zusätzlich Laufwege analysieren, die Länge von Kassenschlangen erkennen und vieles mehr. Mit Hilfe der standardmäßig in der Kamera eingebauten intelligenten Videoanalyse werden anonyme Positionsdaten der Kundenbewegungen im Laden erstellt. Zum Schutz der Privatsphäre werden nur anonymisierte Positionsdaten zur Weiterverarbeitung an die Cloud übertragen. Die Auswertung und Bereitstellung der Daten erfolgt über die Bosch-eigene Cloud. Die Instore Analytics ist ein weiteres Geschäftsfeld von Bosch, das mit Cloud-Lösungen weiter ausgebaut wird.“

Mehrwerte schaffen

Häufig steht bei den Anwendern heute schon der Mehrwert im Fokus. Stefan Dörenbach merkt an: „Untersuchungen belegen, dass die Wartedauer an einer Kasse das Kaufverhalten beim nächsten Mal beeinflusst. An Flughäfen bestimmt die Wartezeit am Sicherheitscheck, wie viel Geld ein Passagier am nächstgelegenen Dutyfree-Shop ausgibt. Da redet man insofern nicht nur über Sicherheit, sondern auch über sinnvolle Prozessoptimierung.“ Für Mark Kieffer von Milestone Systems kann Effizienz auch in Symbiose in einer Anwendung zusammen funktionieren. „Wir kennen viele nutzbringende Anwendungen intelligenter Videotechnik, weil wir natürlich mit unserer offenen Plattform mit sehr vielen Lösungspartnern zusammenarbeiten. Ein Partner skizzierte kürzlich einen Fall, in dem es darum ging, in einer Menschenmenge möglichst schnell vermisste Kinder herauszufiltern. So etwas hat in der Vergangenheit ewig gedauert, kann aber mit smarten Lösungen innerhalb von drei Minuten erledigt sein. Gleiches ist denkbar, um zu alarmieren, wenn Personen im Gleisbett detektiert werden und wenn Sabotage oder Vandalismus verübt werden. Es gibt heute sehr viele Bereiche, in denen uns intelligente Videotechnik unterstützt.“ Christof Knobloch findet: „Videoüberwachung kann Abläufe effizienter machen und mittels Intelligenz bisher sehr umständliche Aufgaben erleichtern und beschleunigen. Es ist ein klarer Vorteil, wenn man schon nach drei Minuten ein Ergebnis hat und nicht erst nach drei Tagen oder gar Wochen. Aber man muss die Grenzen kennen. Trotz Deep Learning und Künstlicher Intelligenz wird Videotechnik an sich nichts verhindern können. Aber sie ermöglicht Mehrwerte und sorgt für bessere und schnellere Aufklärung.“

Brandfrüherkennung per Video

Dirk Ostermann wirf noch ein weiteres Beispiel in die Runde: „In jüngster Zeit kamen wieder Systeme auf den Markt, die eine optische Brandfrüherkennung per Video bieten und die klassische Brandmeldetechnik unterstützen. Wie weit ist die Entwicklung hier fortgeschritten? Und ist es abzusehen, dass sich das durchsetzt?“ Andreas Fieberg meint: „Solche videobasierten Brandfrüherkennungssysteme werden sich früher oder später durchsetzen, denn der Ansatz hat aus meiner Sicht viele Vorteile. Davon abgesehen, dass die Detektion sehr frühzeitig erfolgt, sind solche Lösungen vor allem in schwierigen und kritischen Bereichen nützlich, in denen es nicht möglich ist, mit einem RAS-System oder einem ähnlichen Detektor zu arbeiten. Das kann der Fall sein, weil der Rauch nicht bis zum Detektor gelangt oder aber, weil die Luft so staubig ist, dass alle zwei Sekunden ein Fehlalarm ausgelöst werden würde. Ein weiterer Vorteil ist, dass sich mit dem Videobild sofort verifizieren lässt, ob es wirklich brennt.“

Cloudsysteme heben ab

Eine Triebfeder für neue Videoanwendungen wurde zuvor in der Diskussion schon angerissen: Die Cloud-Architektur. Martin Scherrer ist überzeugt, dass diese künftig noch wesentlich wichtiger werden wird: „Ich glaube, wir sind momentan in einer Übergangsphase, ähnlich der in den 2000er Jahren, als der Wandel von analog zu IP eingeleitet wurde. Heute wird die Entwicklung von Cloud-Services getrieben. Zunächst vor allem im Home-Bereich, aber immer stärker auch im professionellen Sektor. Immer öfter vollziehen Anwender den Übergang von lokalen Systemen zu Cloudbasierten Lösungen. Dies ist bedingt durch die Kundenanforderung nach mehr Ortsunabhängigkeit. Somit besteht die Möglichkeit mehrere Standorte im gleichen System zu bündeln, ohne jeweils vor Ort in großem Umfang investieren zu müssen.“ Henning Wenzel von Synology glaubt ebenfalls an eine zunehmende Auslagerung der Videotechnik: „Wir sehen schon den Trend, dass Anwender Analysefunktionen als Service an externe Anbieter auslagern.

Und in dem Zug kann man natürlich auch darüber nachdenken, die komplette Videosicherheit in eine Cloud zu verlagern. Das kann durchaus Sinn ergeben, etwa wenn man im eigenen Betrieb nicht genügend Mitarbeiter hat, die sich darum kümmern können. Eine Cloud-Analyse funktioniert auch, wenn gerade niemand vor dem PC sitzt. Sie kann rund um die Uhr relevante Infos an die entsprechenden Stellen weiterleiten. Das ist schon ein wichtiger Punkt, um auch die Qualität sicherstellen zu können. Ich denke, das wird ein sehr großes Geschäftsfeld werden. Um die Akzeptanz cloudbasierter Videosicherheit im Firmenumfeld weiter zu erhöhen, muss dafür die Datensicherheit gewährleistet sein und es muss auch transparent und überprüfbar sein, was mit den eigenen Daten passiert. Hier spielt die DSGVO entsprechend eine große Rolle.“ Damit ist der Bogen zurück zur Sicherheit gespannt. Denn diese ist bei aller Effizienz und Flexibilität, die eine Cloud bieten kann, die Basis dafür, dass Cloud-basierte Systeme auch in professionellen Anwendungen Einzug halten können. Hier das nötige Vertrauen der Betreiber zu erlangen, wird eine der großen Herausforderungen der genannten Übergangsphase sein. Wilhelm Fischer von Netzwerkservice Fischer appelliert: „Wir müssen als Errichter, Distributoren und Hersteller in das Thema Cloud noch mehr Bewegung reinbringen, denn die Anwendungsfelder und die Perspektiven sind durchaus interessant. Vor allem vor dem Hintergrund, dass so mancher die Situation vor zwei Jahren noch ganz anders gesehen hat. Da war man gegenüber Cloud-Anwendungen noch sehr skeptisch, aber jetzt zeigt sich, man darf keine Innovationsbremse sein, sondern sollte versuchen, den Trend für sich zu nutzen.“

MG

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