Fachartikel vom 04/30/2018

Reisesicherheit Sicherheit in unsicheren Zeiten

Innovative Methoden der Gefährdungsanalyse wie auch verbesserte Schutzmaßnahmen für Mitarbeiter waren Themen auf dem 4. Simedia-Fachforum „Sicherheit im Ausland“.

Bild: Jerzy/Pixelio
Wenn Mitarbeiter in Krisengebieten entsendet werden, müssen die Schutzmaßnahmen vorab vom Unternehmen geplant werden. (Bild: Jerzy/Pixelio)

Es ist viel los rund um den Globus momentan. Neue Krisenherde sind am Entstehen, alte dabei noch längst nicht erloschen, und auch die allgemeine politische Gesamtwetterlage stimmt nicht gerade optimistisch. Ein Blick auf diverse Threat Maps zeigt, dass sich insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent und in der arabischen Welt die Konfliktsituation in den letzten Jahren erheblich verschärft hat.

Für Unternehmen stellt sich vielfach die Frage, inwiefern geschäftliche Investitionen in Risikoländern tragbar sind und wie sie bestmöglich ihrer „Duty of Care“ für ihre Mitarbeiter nachkommen können. Frei nach dem Motto „Am Krisenherd sollte nicht jeder nur sein Süppchen kochen.“ (E. Bellermann) trafen sich vor Kurzem auf dem 4. Simedia-Fachforum „Sicherheit im Ausland“ in Hamburg fast 90 Fach- und Führungskräfte, um sich zu den neuesten globalen Entwicklungen sowie auch über Konsequenzen und Handlungsstrategien für Unternehmen auszutauschen.

Alter neuer Brennpunkt Naher Osten. Eine besondere Herausforderung stellt momentan die sich ständig verändernde Sicherheitslage im Nahen Osten dar, die auch ein Schwerpunkt der Veranstaltung war. Die Türkei, jahrelang als EU-Beitrittskandidat gehandelt mit strategisch wichtiger geopolitischer Lage, hat in den letzten Jahren eine (nicht nur) für Unternehmen schwierige Entwicklung beschritten. Nach Einschätzung des Türkei-Experten Mahir Tokatlı von der Universität Bonn ist der momentane Weg der türkischen Regierung besorgniserregend, und auch in den nächsten Jahren scheint keine Veränderung in Sicht – eher sei sogar eine Eskalation der politischen Situation in der Türkei vor den Wahlen 2019 vorprogrammiert. Das Risiko für Unternehmen und ihre Mitarbeiter schätzt er momentan noch als kalkulierbar ein. Wichtig sei jedoch unter anderem, dass sich Mitarbeiter mit Aussagen über die politische Lage in der Öffentlichkeit wie auch in den sozialen Medien sehr zurückhalten.

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Auch in anderen Teilen des Nahen Ostens sind die Aussichten nicht allzu optimistisch, wie der Nahost-Experte Dr. Wilfried Buchta erläuterte. Die arabische Welt stelle zwar nur fünf Prozent der Weltbevölkerung, doch entfielen auf sie 2014 weltweit 68 Prozent aller Kriegstoten, 45 Prozent aller Terror-anschläge und 58 Prozent aller ins Ausland getriebenen Flüchtlinge – um nur ein paar Zahlen dieser besorgniserregenden Entwicklung zu nennen, Tendenz nach UN-Prognosen steigend. Als eine der Hauptherausforderungen nannte Dr. Buchta, der jahrelang im Irak und anderen Ländern der arabischen Welt gelebt hat, die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Erwachsenen, das stetig steigende Bevölkerungswachstum und die korrupten autoritären politischen Regime. Einzig die Entwicklung in Tunesien ließe seiner Meinung nach hoffen. Spannend bleibt auch die Situation in Saudi-Arabien, wo Kronprinz Mohammed bin Salman – per Dekret und entgegen der traditionellen Nachfolgeregelungen in diese Position gekommen – einen Reformkurs eingeschlagen hat, bei jedoch gleichzeitig zunehmend aggressiver Außenpolitik und unsicheren und instabilen innenpolitischen Situation.

Gefährdungsanalysen sparen Kosten

Präzise Gefährdungsanalysen verbessern die Qualität der Schutzmaßnahmen und sparen Kosten. Wie so eine Sicherheitsanalyse durchgeführt werden kann, erläuterte Dr. Konstantinos Tsetsos von der Bundeswehr-Universität in München. Das am Lehrstuhl für Internationale Politik entwickelte Analyseprogramm erlaubt es, detailgenaue Aussagen über die momentane Sicherheitslage zu treffen wie auch mittel- und langfristige Trends und Dynamiken zu modellieren. Dabei werden Polizeimeldungen, Nachrichtenartikel und andere Veröffentlichungen zu weltweiten Konfliktereignissen auf Schlagworten basierend eingelesen und entsprechend geographisch abgebildet. So ist es möglich, die Gefährdungslage für bestimmte Länder, Regionen, Städte und sogar einzelne Straßenzüge nach Häufigkeiten, Konfliktauslösern oder potenziellen Risikogruppen zu präzisieren und damit konkretere Aussagen über das jeweilige Gefährdungspotenzial zu treffen sowie Handlungsempfehlungen zu generieren.

In Richtung der Entwicklung von präziseren Schutzmaßnahmen gehen auch die passgenauen Sicherheitslösungen, mit denen Heimo Grasser, Regional Security Manager bei Medtronic, arbeitet. Ihm hilft dabei ein mehrstufiges computergestütztes Travel Risk Management-Verfahren. So werden unter anderem Daten zu Konfliktereignissen nach Eintrittswahrscheinlichkeit und möglichen Konsequenzen analysiert, sein persönlicher Eindruck von der Gefahrenlage vor Ort sowie den jeweiligen Sicherheitsdienstleistern eingepflegt und auch das individuelle Sicherheitsbedürfnis des jeweiligen Mitarbeiters berücksichtigt. Durch diese genaue Situationsanalyse können Risikobeurteilungen und Sicherheitslösungen entwickelt werden, die unter anderem die zentrale Frage nach Low Profile- oder High Profile-Schutzmaßnahmen einzelfallbezogen beantworten. Oftmals seien nach Grasser sogar Kosteneinsparungen möglich, da zum Beispiel auf Grundlage einer detaillierten Situationsanalyse eine Low Profile-Maßnahme in Kooperation mit lokalen Sicherheitsdiensten geeigneter erscheint als ein vormals generalisiert empfohlener High Profile-Schutz.

Organisationen müssen auch intern effektiv zur Verbesserung der Sicherheit aufgestellt sein. Martin Beck, Leiter der Sicherheitsabteilung der US-Botschaft in Wien, berichtete von den Lehren, die aus dem Anschlag auf die US-Botschaft in Benghazi gezogen wurden. So entwickelte man ein Tool, welches klare Entscheidungsstrukturen bei Sicherheitsfragen definiert und Aussagen über akzeptable wie auch kritische Risiken trifft. Wichtig ist zudem auch die genaue Festlegung von Regeln, Prozessen und Verantwortlichkeiten, die bei einer Unterschreitung sicherheitsbezogener Mindeststandards automatisch gelten sollen. Die Verantwortlichkeiten für sicherheitsrelevante Fragestellungen haben darüber hinaus in der Arbeitsplatzbeschreibung zu stehen, und der Haftungsrahmen für Abteilungen und Führungskräfte muss klar definiert sein. Auch sollte man die Macht von vermeintlichen Nebensächlichkeiten nicht unterschätzen: Dazu gehören unter anderem eine stets aktualisierte Mitarbeiter- und Gästeliste inklusive der Familienangehörigen, mit zugeordneten Verpflichtungen für den Ernstfall (zum Beispiel auch Regelungen über den Umgang mit Haustieren).

Einen weiteren innovativen Ansatz zur Gefährdungsbeurteilung bei Auslandsentsendungen stellten Prof. Dr. Dirk Sohn von der TH Bochum sowie Thomas Jehmlich von der KfW vor. Sie schlugen eine Übertragung bestehender Regelungen im Bereich des Arbeitsschutzes auf die Situation der im Ausland tätigen Mitarbeiter vor, was unter anderem eine strukturiertere Beurteilung der Gefährdungslage, eine Reorganisation in der Führungsstruktur sowie eine Berücksichtigung auch der psychischen Situation der einzelnen Mitarbeiter in dem KfW-Pilotprojekt nach sich zog.

Kosteneffizienter Schutz durch Security by Design

Eine physikalisch-orientierte Perspektive eröffnete Dr. Alexander Stolz vom Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik. So sollten Unternehmen bereits im Vorfeld bei der Standortwahl die Konsequenzen möglicher Sprengwirkungen auf den Firmensitz wie auch bezogen auf weitere potenzielle Ziele in der Umgebung analysieren und gegebenenfalls ihre Standortentscheidung daran ausrichten. Bei einem Neubau hilft es, schon in der Planungsphase Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen und bei der Architektur zum Beispiel durch eine günstige Gebäudegeometrie zu integrieren – denn „Security by Design“ führe laut Dr. Stolz letztlich zum kosteneffizientesten Schutz. Jedoch kann auch bei bestehenden Bauwerken Etliches an Maßnahmen zum Schutz der im Gebäude befindlichen Personen ergriffen werden. So lassen sich beispielsweise vorfertigbare Wandplatten am Mauerwerk befestigen, Membranfassaden an Glasfassaden anbringen oder Stahlbetonwände und-–pfeiler nachträglich verstärken, was die Resttragfähigkeit nach „dynamischen Einwirkungen“ erheblich verbessert.

Generell lässt sich konstatieren: eine hundertprozentige Sicherheit wird es bei Auslandseinsätzen nie geben. Vieles ist momentan im Umbruch, mit dynamisch entwickelnden Krisen und neuen Formen der Bedrohung. Durch eine genaue Analyse der Gefährdungslage wie auch durch wohl durchdachte interne wie auch externe Sicherheitsmaßnahmen lassen sich jedoch viele Risiken minimieren und kalkulierbar machen.

Das nächste Simedia-Fachforum „Sicherheit im Ausland“ findet am 5. und 6. Februar 2019 wieder in Hamburg statt.

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