Fachartikel aus PROTECTOR 6/2018, S. 68 bis 69

PKS 2017 Signal für mehr oder weniger Unternehmenssicherheit?

Der Bundesinnenminister hat zusammen mit dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz im Mai die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) 2017 für Deutschland veröffentlicht. Was bedeuten die aktuellen Zahlen für die Unternehmenssicherheit?

Bild: Securitas
Die Zahl der Ladendiebstähle ist leicht gesunken (Bild: Securitas)

Die zentrale Botschaft war: „Die Zahl der in Deutschland verübten Straftaten ist mit etwa 5,76 Millionen Fällen die niedrigste seit 1992.“ Das ist eine gute Nachricht, aber nur die halbe Wahrheit; denn die PKS misst nur die entdeckten, der Polizei angezeigten, von ihr verfolgten und an die Staatsanwaltschaft abgegebenen Verdachtsfälle, also nicht das je nach Deliktsart große – zum Beispiel beim Ladendiebstahl auf etwa 90 Prozent geschätzte – Dunkelfeld. Und die PKS umfasst weder die Staatsschutzkriminalität (einschließlich terroristischer Straftaten) noch Verkehrsdelikte, Verstöße gegen strafrechtliche Landesgesetze, Finanz- und Steuerstraftaten. Andererseits berücksichtigt die PKS nicht den „justiziellen Ausfilterungsprozess“ nach Abgabe des Falles an die Staatsanwaltschaft. Dennoch zeigt die PKS insbesondere im zeitlichen Vergleich die tendenzielle Entwicklung der Kriminalitätsbelastung: Sie ist im Zehn- Jahres-Vergleich um 8,3 Prozent, gegenüber 2016 sogar um 9,6 Prozent, zurückgegangen. Gleichzeitig ist die Gesamtaufklärungsquote, die 1993 nur 43,8 Prozent betragen hatte, im Vergleich zu 2016 nochmals auf nunmehr 57,1 Prozent angestiegen. Diese konträre Entwicklung ist vor allem der Ermittlungsintensität der Polizei und der Sicherheitswirtschaft zu danken, die immer wirksamere Detektionstechnik zum Einsatz bringt. Diese erfreuliche Entwicklung zeigt sich auch bei den meisten Deliktsarten, die die Wirtschaft besonders belasten.

Raubüberfälle im gewerblichen Bereich zurückgegangen

Raubüberfälle auf Geschäfte und Banken, Geldboten und Taxifahrer sind 2017 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, ebenso wie die gesamte Raubkriminalität (um 9,7 Prozent). Lediglich die Anzahl der Überfälle auf Spezialgeldtransporte hat sich von drei auf sechs verdoppelt. Das Online-Banking und der abnehmende Bargeldverkehr in den Bankfilialen haben die Tatgelegenheit zum Bankraub reduziert. Die Tankstellen haben ihre Sicherheitssysteme, insbesondere die Videoüberwachung, weiter aufgerüstet. Zurückgegangen ist nach dem Bundeslagebild „Angriffe auf Geldautomaten 2017“ auch die Zahl der Sprengungen von GA, gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent auf 268. Dafür ist die Zahl der Skimming-Angriffe auf GA 2017 auf 499 gestiegen, mit einer Schadenszunahme von 15 Prozent auf 2,2 Millionen Euro. Und auf wirksame technische Sicherheitsmaßnahmen reagieren die Täter – vorwiegend aus Bulgarien und Rumänien – mit vermehrten Hackingangriffen.

Geschäftsdiebstahl weiterhin auf hohem Niveau

In fast allen Branchenbereichen ist die Zahl der ermittelten Diebstähle 2017 gegenüber dem Vorjahr gesunken, bei Diebstählen aus Büros, Fabriken und Lagern um zwölf Prozent auf 107.824, bei Diebstählen aus Hotels und Gaststätten um 16 Prozent auf 49.279, beim Ladendiebstahl um 6,6 Prozent auf 353.384. Die Zahl der Baustellendiebstähle ist dagegen gegenüber 2016 gleich geblieben (24.933). Allein in NRW sind durch Baustellendiebstahl 2017 Beuteschäden in Höhe von 9,4 Millionen Euro entstanden. Zugenommen hat der Frachtdiebstahl, insbesondere durch „Planenschlitzer“ bei unbewachten LKWs. Nach Angaben des GDV belaufen sich die direkten Schäden durch Frachtdiebstahl von LKWs in Deutsch land jährlich derzeit auf rund 300 Millionen Euro. Insgesamt sind 2017 in jeder Minute durchschnittlich 14 Diebstähle im gewerblichen Bereich ermittelt worden. Die Zahl der Anzeigen ist natürlich von der Schadenswahrnehmung und der Anzeigenbereitschaft der Geschädigten abhängig.

Betrug im Geschäftsleben

Die Entwicklung polizeilich ermittelter Betrügereien und Untreuedelikte im Ge schäftsleben zeigt 2017 gegenüber dem Vorjahr ein sehr ambivalentes Bild: Gestiegen sind insbesondere Fälle des Abrechnungsbetrugs (um 94 Prozent auf 7.712), des Betrugs zum Nachteil von Versicherungen (um 51 Prozent auf 5.524) und des Subventionsbetrugs (um 33,5 Prozent auf 629). Alle anderen in der PKS ausgewiesenen Betrugsarten im wirtschaftlichen Bereich (so Kreditbetrug im Geschäftsverkehr, Betrug und Computerbetrug mittels rechtswidrig erlangter unbarer Zahlungsmittel, Leistungsbetrug, Sozialleistungsbetrug, Kreditvermittlungsbetrug, Waren- und Warenkreditbetrug, Überweisungsbetrug, Vorenthalten von Arbeitsentgelt, Missbrauch von Scheck- und Kreditkarten) sind zahlenmäßig hinter den 2016 registrierten Fallzahlen zurückgeblieben. Auch hier ist das Dunkelfeld je nach Deliktsart unterschiedlich hoch. Das gilt insbesondere für den Waren- und Warenkreditbetrug (292.617 Verdachtsfälle) und für das Erschleichen von Leistungen (245.696 ermittelte Fälle).

Cybercrime wird immer raffinierter

108.510 Fälle der Computerkriminalität sind in der PKS 2017 registriert. Das ist nur scheinbar ein Gleichstand zu 2016, denn das Dunkelfeld ist unermesslich groß. Aus einer Befragung von rund 1.000 kleinen und mittleren Unternehmen ergibt sich, dass 40 Prozent der KMU Cyberrisiken als eine der bedrohlichsten Gefahren für ihren Betrieb einschätzen (gegenüber 32 Prozent 2016), aber nur ein Fünftel von ihnen nicht einmal ein Virenschutzprogramm einsetzt und nach einer Umfrage des BMWi ein Viertel keine Verschlüsselungstechnik nutzt. Die Cyberangriffe werden immer raffinierter. Nach dem im Februar 2018 erschienenen Sicherheitsbericht des Netzwerkausrüsters Cisco wird vermehrt die für Unternehmen kritische Infrastruktur angegriffen. Nach der jährlichen IT Security Risk-Studie von Kaspersky Lab 2017 sind die Schäden für Unternehmen durch DDoS-Angriffe in diesem Jahr erheblich angestiegen: für KMU auf durchschnittlich 123.000 Dollar.

Fälschungen und Produktpiraterie

Falschgeldhersteller nutzen vermehrt das „Darknet“, um ihre Blüten zu produzieren und zu vertreiben. Die Zahl der sichergestellten gefälschten Geldnoten hat im ersten Halbjahr 2017 gegenüber der zweiten Jahreshälfte 2016 um 9 Prozent auf 39.700 zugenommen. Fast zwei Drittel entfielen auf gefälschte 50 Euro-Noten. Produktfälschungen belasteten 2017 vor allem die Pharmaindustrie. Gefälschte Medikamente verursachten in Deutschland jährlich circa eine Milliarde Euro Schaden. Deshalb müssen Arzneimittelpackungen ab Februar 2019 mit Sicherheitsmerkmalen des Erstöffnungsschutzes und individueller Seriennummer ausgestattet werden. In der Studie „Produktpiraterie 2018“ weist der VDMA auf einen geschätzten jährlichen Schaden von 7,3 Milliarden Euro für die Maschinenindustrie hin, was umgerechnet 30.000 Arbeitsplätzen entspreche. 82 Prozent der 140 befragten Unternehmen aus der Maschinenbaubranche haben China als häufigstes Herkunftsland von Plagiaten genannt. 71 Prozent der Unternehmen haben angegeben, von Produktpiraterie betroffen zu sein. Zunehmend erfolgt der Vertrieb über Plattformen im Internet.

Insolvenzkriminalität

Nur leicht zurückgegangen gegenüber dem Vorjahr ist 2017 die Insolvenzkriminalität. Insgesamt 10.640 Fälle des Bankrotts, der Verletzung der Buchführungspflicht, der Gläubiger- und Schuldnerbegünstigung sowie der Insolvenzverschleppung wurden registriert (2016: 11.283 Fälle).

Umweltkriminalität bleibt bedrohlich

Unter den 2017 ermittelten 11.538 Straftaten gegen die Umwelt waren 2.303 Fälle der Gewässerverunreinigung und 7.345 Fälle des unerlaubten Umgangs mit gefährlichen Abfällen, aber auch 105 Fälle des unerlaubten Umgangs mit radioaktiven Stoffen und anderen gefährlichen Gütern und 41 schwere Gefährdungen durch Freisetzen von Giften.

Spionage

200 Fälle des Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen wurden 2017 ermittelt (2016: 397). Und in 9.600 Fällen (2016: 10.638) wurde das Ausspähen oder Abfangen von Daten angezeigt. Nach dem neuesten von Corporate Trust zusammen mit dem Bayerischen Verband für Sicherheit der Wirtschaft herausgegebenen Future Report haben etwa 30 Prozent der befragten 4.738 leitenden Manager angegeben, dass ihr Unternehmen Opfer von Spionage oder Informationsabfluss geworden sei. Experten des Bundesamts für Verfassungsschutz haben beobachtet, dass die Nachrichtendienste Chinas in sozialen Netzen eine Vielzahl von „Fake Profilen“ einrichten und sich die Akteure als Mitarbeiter von Headhunting- Agenturen und Think Tanks tarnen. Insgesamt zeigt die PKS 2017s trotz erfreulicher Entwicklungen in der Gesamtkriminalität und in vielen Deliktsbereichen für die Unternehmenssicherheit „Licht und Schatten“. Vor allem im Hinblick auf die zunehmende Verletzlichkeit der deutschen Wirtschaft durch automatisierte Steuerung, Vernetzung und Globalisierung und die immer erfindungsreichere Cyberkriminalität besteht kein Anlass, „Entwarnung“ zu geben. Vielmehr ist den Unternehmen auch im Licht der PKS 2017 dringend zu empfehlen, die vielfältigen Möglichkeiten der immer intelligenter und wirksamer werdenden physischen und virtuellen Sicherheitstechnik zur Gefahren- und Schadensabwehr auszuschöpfen.

Manfred Buhl, CEO Securitas Deutschland

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