Fachartikel aus PROTECTOR 7-8/2018, S. 24 bis 26

Sicherheit in Fußballstadien Adleraugen im weiten Rund

Der Fußball begeistert nicht nur Menschen weltweit, er stellt auch die Sicherheitsbehörden und Veranstalter vor Herausforderungen. Das Thema Sicherheit steht hier an erster Stelle, denn immer wieder kommt es in Stadien zum verbotenen Einsatz von Pyrotechnik oder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Die Überprüfung bisheriger Konzepte und der Einsatz neuer Technologien im Bereich der Videoüberwachung scheinen daher eine logische Konsequenz.

Bild: Pixabay
Bengalische Fackeln werden in Fußballstadien immer wieder abgebrannt. (Bild: Pixabay)

Die Sicherheit in und um Stadien beschäftigt nicht erst seit der vergangenen Fußballwelt- meisterschaft in Russland die verantwortlichen Stellen. Das Thema ist in den nationalen Ligen allgemein mehr oder weniger dauernd präsent. Immer wieder kommt es bei Spielen national wie international und beinahe durch alle Ligen hinweg zu Krawallen zwischen Fans untereinander oder mit den Sicherheitsbehörden. Die Auseinandersetzungen können dabei im Stadion selbst stattfinden oder außerhalb, meist nach einem Spiel.

Ein weiteres großes Problem ist das Abbrennen von Feuerwerkskörpern, die die Fans in die Stadien schmuggeln. Häufig zünden die sogenannten Ultras und Hooligans Bengalos und Feuerwerkskörper, die nicht nur das Risiko von Verletzungen mit sich bringen, sondern auch letztendlich nicht selten in Spielabbrüche münden. Die verbotenen Böller und Fackeln werden vor einem Spiel ins Stadion geschmuggelt, meist, indem sie einfach von Dritten über die Umzäunung geworfen werden. Auch Ordner oder Caterer sollen zuweilen beteiligt sein und verstecken selbst die Pyrotechnik an vorher abgesprochenen Orten auf dem Stadiongelände. Hiergegen effektiv vorzugehen erweist sich in der Praxis häufig als schwierig, was zu einem großen Teil an der Weitläufigkeit des Stadiongeländes liegt und der Anzahl möglicher Verstecke.

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Konzepte erarbeiten

Die Probleme sind bei den Vereinen, Stadionbetreibern und Verbänden bekannt und werden immer wieder intensiv diskutiert, wobei die Verantwortlichen möglichst individuelle Lösungen favorisieren, die sich in bestehende Gewerke integrieren lassen. Die nationalen Verbände wie der Deutsche Fußballbund (DFB) und die Fédération Internationale de Football Association (Fifa) haben umfangreiche Regelwerke und Richtlinien erstellt, die Fußballstadien unter anderem in punkto Sicherheit erfüllen müssen.

Die Sicherheit beginnt dabei zunächst mit einer entsprechenden Notfallplanung. Hierbei sind möglichst die Risiken abzuschätzen und nach Wahrscheinlichkeit des Eintreffens zu bewerten. Die Fifa benennt hier beispielsweise auch terroristische Akte wie Selbstmordattentate, Luftangriffe und Angriffe mit ABC-Waffen. Allgemein betrachtet stellen der Ausfall der Technik oder Teile davon sowie Naturereignisse wie schwere Unwetter sowie „klassische“ Brandrisiken weitere einzubeziehende Faktoren bei der Sicherheitsbewertung dar. Der Einsatz von Feuerwerkskörpern ist hier nur ein Risiko von vielen für das Entstehen eines Feuers, andere sind etwa Heizplatten der Caterer, Deko-Materialien oder Gasflaschen und Druckbehälter. Besonders wichtig ist es zudem, das Verhalten der Menschen im Stadion zu betrachten, etwa bei Panik, Tumulten, Krawallen oder Gedränge. Auch Erkenntnisse über Fangruppen, der Austausch in sozialen Netzwerken und mögliche vorbereitete Aktionen sind in diesem Zusammenhang wichtig.

Den Überblick behalten

Die Sicherheit beginnt am Außengelände eines Stadions, dem Perimeterschutz. Diese Umfriedung muss gemäß DFB mindestens 2,20 Meter hoch sein und darf nicht leicht übersteigbar oder sonst wie zu überwinden sein, nach Fifa-Reglement muss der Zaun oder die Mauer sogar 2,50 Meter hoch sein und durch Posten oder eine Videoüberwachungsanlage gesichert werden. Ebenso dürfen in Einfriedungsnähe keine Büsche oder Bäume stehen, die ein Übersteigen erleichtern könnten. Das Gleiche gilt für Kassenhäuschen oder Kioske. Der unmittelbare Zugang zum Spielfeld oder Innenraum ist ebenfalls durch eine geeignete Einzäunung zu sichern oder durch einen Graben oder durch eine Kombination von beidem.

Besondere Aufmerksamkeit wird im Zusammenspiel mit den baulichen und videoüberwachungstechnischen Maßnahmen auch den Ordnern in den Regelwerken gewidmet, denn diese sind an den Einlasspunkten für die Kontrollen zuständig und für die Sicherheit im Stadion. Sofern ein Verein keinen vereinseigenen Ordnungsdienst beschäftigt, muss er einen externen beauftragen, dessen Mitarbeiter gemäß § 34 der Gewerbeordnung zertifiziert sind. Die Aufgaben der Ordner umfassen die Durchführung von Zugangs- und Zufahrtskontrollen an der äußeren und inneren Umfriedung des Stadions sowie je nach Situation an bestimmten Zugängen der Zuschauerbereiche. Ordner und auch Polizisten sollen laut Fifa keine Schusswaffen im Innenbereich am Spielfeldrand tragen und auch keine aggressiv wirkende Ausrüstung angelegt haben, es sei denn, es gibt eine reale Bedrohung. Die Anzahl an Ordnern und Polizisten im Innenraum richtet sich nach der Risikoanalyse und sollte ausreichend, aber so gering wie möglich sein. Bei Ordnern kann das Verhältnis zu den Zuschauern je nach Risiko bis zu eins zu 100 betragen.

Künstliche Intelligenz kann helfen

Ordner allein können das Geschehen auf den Tribünen nicht vollständig erfassen, weswegen eine Videoüberwachung in Stadion heute Standard ist und von DFB uns Fifa auch vorgeschrieben sind (Kasten). Doch auch hier gibt es in der Technik durchaus Unterschiede. Zur Überwachung der Tribünen kommen häufig PTZ-Kameras zum Einsatz, die ein Heranzoomen an die Ränge und damit einzelne Personen erlauben. Mittlerweile können Kameras mit 4K-Auflösung bis zu 200 Meter entfernt Details erkennen. Technologien wie das „Stitching“, bei dem die Aufnahmen mehrerer Videokameras zu einer Gesamtansicht nahtlos zusammengeführt werden, helfen den Beobachtern an den Monitoren, den Überblick zu behalten. Das Philips Stadion des PSV Eindhoven nutzt diese Technik mit dem VMS (Videomanagementsystem) von Bosch.

Eine intelligente Videoüberwachung kann auch in Verbindung mit den Ordnern genutzt werden, um diese möglichst schnell bei einem Vorfall einzuweisen. Dies geschieht wie bei der Lösung von Inmotio mittels eines RFID-Chips, der in die Kleidung der Ordner eingenäht ist, über die die Standorte e übermittelt werden. Nach wie vor besteht aber das Problem, dass viele Videobilder manuell, sprich von Personen, ausgewertet werden müssen, um eine etwa eine Straftat zu erkennen oder eine möglicherweise sicherheitsgefährdende Entwicklung auf den Zuschauerrängen. Das Startup-Unternehmen Brainplug hat hierfür eine Lösung in Form einer Software entwickelt, die mittels intelligenter Analyse Gefahren in Echtzeit erkennt und auf dem Monitor entsprechend ausgibt.

Möglich wird dies durch die Nutzung neuronaler Netzwerke (Deep-Learning-Ansatz) im Bereich der Künstlichen Intelligenz, bei dem die Software lernt, bestimmte Verhaltensmuster oder Gegenstände zu erkennen. „Das Besondere bei unserer Lösung ist, dass unser System in der Lage ist, auch über einen zeitlichen Zusammenhang Verhaltensmuster zu erkennen, was in er Fachsprache mit Spatial–temporal Reasoning umschrieben wird“, erläutert Felix Geilert von Brainplug. Es geht darum, den Kontext einer Handlung in Zusammenhang mit der zeitlichen Dimension zu bringen und auszuwerten. Ein Beispiel hierfür ist der abgestellte herrenlose Rucksack. Der alleinstehende Rucksack könnte direkt einen Alarm ausgeben, da dieser eine Bedrohung darstellen könnte.

Über die zeitliche Analyse ließe sich aber feststellen, ob der Besitzer etwa nur ein paar Schritte weitergegangen ist und nach einem kurzen Moment wieder zurück zu seinem Rucksack gegangen ist. Mit der zeitlichen Verlaufsanalyse lässt sich auch feststellen, ob Einzelpersonen das Stadion verlassen, um sich danach in Gruppen zu treffen um Krawalle anzuzetteln. Das System kann den beobachteten Polizeibeamten bereits im Vorfeld darauf hinweisen, dass hier eine potenziell gefährliche Entwicklung eintritt, die zumindest dann genauer vor Ort beobachtet werden sollte. „Unser System hilft der Polizei dabei, proaktiv und nicht erst reaktiv handeln zu können“, so Geilert. Die Software läuft auf einem kleinen mobilen Rechner mit leistungsfähiger Grafikeinheit, die zwischen VMS und den Kameras installiert wird.

Biometrische Daten werden nicht erfasst. Bei größeren Datenmengen kann zusätzliche Rechenleistung durch Server bereitgestellt werden. In Niedersachsen ist in einem Stadion ein Testlauf für das System geplant, um Möglichkeiten und Grenzen auszuloten, wobei unter anderem der Einhaltung datenschutzrechtlicher Regelungen größte Aufmerksamkeit gilt.

Der Einsatz intelligenter Videoanalyse- Software nimmt in der Videoüberwachung immer mehr zu. Egal, ob Gesichtserkennung oder Verhaltensanalyse, der Einsatz solcher Software hat immer den Zweck, den menschlichen Beobachter zu entlasten, ohne ihn dabei aber der letztendlichen Entscheidungshoheit zu berauben. Im Falle der Stadionsicherheit entscheidet nach wie vor die Polizei, wie ein vom System angezeigter Alarm zu bewerten ist. Die Genauigkeit solcher Lösungen hängt von den Kameras auf der technischen Seite (Auflösung, Zoom) und der Möglichkeit der Software, zu lernen, ab. Neben den rechtlichen Voraussetzungen ist auch der Datenschutz gefordert, denn das Erstellen von Bewegungsmustern und anderen Faktoren, die Personen konkret zuzuordnen wären, stellet einen erheblichen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht dar, bei dem die Bedenken ernst genommen und nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

Hendrick Lehmann