Fachartikel aus PROTECTOR 7-8/2018, S. 70 bis 71

Sonderfahrzeuge der Polizei Rollender Schutz

Die Gefahrenlage der letzten Zeit mit verschiedenen terroristischen Anschlägen beschäftigt die Polizei zunehmend auch im Hinblick auf ihre Ausrüstung und die Fähigkeit, Bedrohungen effektiv zu begegnen. Dies schließt nicht nur die persönliche Ausrüstung der Beamten mit ein, sondern auch deren Einsatzfahrzeuge.

Bild: Rheinmetall Defence
Gepanzerte Fahrzeuge wie der Survivor R werden bei Sicherheitsbehörden an Bedeutung zunehmen. (Bild: Rheinmetall Defence)

Das Einsatzprofil solcher Fahrzeuge beinhaltet unter anderem die Fähigkeit, sich gegebenenfalls direkt in die Schusslinie begeben zu können, um Einsatzkräfte abzusetzen oder gefährdete Personen zu bergen. Dabei hat sich die Bedrohungslage in den letzten Jahren deutlich verschärft. „Wir müssen heute von einem polizeilichen Gegenüber ausgehen, das militärisch geschult, mit Kriegswaffen und Sprengstoff ausgestattet ist und diese Waffen auch zum Schaden der Bevölkerung einsetzen will. Um gegen dieses Gegenüber erfolgreich vorgehen zu können, sind besondere Schutzvorrichtungen für eigene Kräfte und besondere Einsatzmittel erforderlich“, so eine Sprecherin der Polizei in Sachsen. Die Anschläge von Paris 2015 haben drastisch aufgezeigt, über welche Mittel Terroristen heute verfügen. Die persönliche wie einsatztaktische Ausrüstung der Polizei in Deutschland musste dahingehend überprüft werden.

Nicht mehr ausreichend

Bislang ist bei der Bundespolizei und den Landespolizeien überwiegend der „Sonderwagen 4“ (TM-170) bei bestimmten Gefahrenlagen zum Einsatz gekommen. Dieses Modell aus den 80er-Jahren verfügt über eine leichte Panzerung, die Möglichkeit Einsatzkräfte zu befördern sowie über eine Einrohrwurfanlage für Reizstoff- und Nebelwurfkörper. Die aktuelle Bedrohungslage, bei der Terroristen oder Schwerstkriminelle mit Kriegswaffen und Sprengstoffen agieren, hat eine Neubewertung und damit letztlich eine Neubeschaffung von Fahrzeugen bei der Polizei ausgelöst, da die TM-170 für diese Art Einsätze als nicht mehr ausreichend angesehen werden können. Bei den neuen Fahrzeugen liegt der Fokus vor allem auf dem Schutz der Insassen sowie einer möglichst großen Mobilität im Verhältnis zum Gewicht des Fahrzeugs.

Derzeit haben Sachsen und Berlin gepanzerte Fahrzeuge vom Typ „Survivor R“ von Rheinmetall Man Military Vehicles in Dienst gestellt, Brandenburg und Hamburg ein Fahrzeug vom Typ „Survivor I“ vom österreichischen Spezialfahrzeughersteller Achleitner. Der „Survivor R“ verfügt über die Schutzklasse VR9/Stanag Level 3 und würde damit auch dem Beschuss aus Sturmgewehren, wie der AK-47, sowie Explosionen, wie von Minen, bis acht Kilogramm TNT standhalten können. Das Fahrzeug lässt sich individuell gemäß Einsatzprofil ausrüsten, etwa mit einer Seilwinde, einem Räumschild/Räumgitter, ABC-Schutzbelüftungsanlage und nichtletalem Wirkmittel/Wirkmittelwerfer für Nebelgranaten oder Tränengas. Der Innenraum bietet Platz für bis zu zehn Personen. Ein großer Wert wird auch auf die Mobilität gelegt, denn das Fahrzeug kann 1,20 Meter tiefe Flüsse durchfahren und den Reifendruck dem Untergrund anpassen. Der „HMV Survivor I“ besitzt eine etwas geringere Schutzklasse gegen Projektile und Minen (Stanag Level 2 und 1) und ebenfalls Platz für zehn Personen. Die Variante, die in Hamburg zum Einsatz kommt, verfügt zusätzlich über eine Hebebühne, mit der Eisatzkräfte auch in höher gelegene Räume von außen eindringen können.

Alternative Modelle

Die „Survivor“ sind aber nicht die einzigen Fahrzeuge dieser Art, die bei der Polizei zum Einsatz kommen. So hat die Bundespolizei bereits vor einigen Jahren zehn Fahrzeuge vom Typ „EAGLE IV“ erhalten, die ursprünglich in Afghanistan ihren Dienst verrichteten. Der „EAGLE“ löst unter anderem die alten „Sonderwagen 4“ an verschiedenen deutschen Flughäfen ab. Auch dieses Fahrzeug verfügt über einen ballistischen Minenschutz, ein ABC Überdrucksystem, Reifen mit Notlaufeinlagen und Vorrichtung für verschiedene Waffenstationen. Ein Fahrzeug dieses Typs kamen auch am Hamburger Hauptbahnhof während des G 20 Gipfels zum Einsatz. Eine weitere Variante gepanzerter Einsatzfahrzeuge stellt der Toyota „Land Cruiser 200“ von Welp Armouring dar, von dem ebenfalls einige von der Polizei, so in Sachsen, beschafft worden sind. Das Fahrzeug ist in der Schutzklasse VR7 und VR9 verfügbar und schützt damit gegen Munition aus Kriegswaffen bis zu einem Kaliber 7,62x51 Millimeter, bietet Sicherheit gegen Handgranaten (ERV2010) auf dem Fahrzeugdach sowie unter dem Fahrzeug, einen Seitensprengschutz gegen 15 Kilogramm TNT sowie Aluminiumfelgen mit Notlaufsystem und All-Terrain-Bereifung. Ebenso vorhanden ist eine moderne digitale Funkausrüstung. Im Aussehen deutlich ziviler und weniger groß als die gepanzerten Fahrzeuge „Survivor“ und „EAGLE“ können Sondereinsatzkräfte dennoch mit voller angelegter Ausrüstung im Fahrzeug sitzen.

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Internationaler Trend

Der Trend zu schweren gepanzerten Fahrzeugen ist generell bei Polizei- und Sondereinsatzkräften in Europa zu beobachten. Auch die österreichische Spezialeinheit Cobra verfügt in Wien über einen „PMV SURVIVOR II“. Dieses Fahrzeug kann sogar Minen bis zu Stanag Level 4 widerstehen, bis zu acht Personen transportieren und bietet Schutz gegen improvisierte Sprengsätze. Auch die Baseler Polizei prüft die Anschaffung eines gepanzerten Sonderschutzfahrzeugs für ihre Spezialkräfte. In Frankreich setzen die Spezialkräfte RAID (Recherche Assistance Intervention Dissuasion) den 4x4 „PVP Panhard“ ein. Im Vergleich zu den anderen Fahrzeugen handelt es sich um einen sehr mobilen und leichten Vertreter seiner Klasse (unter fünf Tonnen Leergewicht), was sich auch in seinem Schutz zeigt, der mit Stanag Level 2 unter dem der schwereren Typen wie dem „Survivor“ liegt. Dafür wurde 2016 mit dem durchschnittlichen Einsatzgewicht von etwa 23 Tonnen „Nexter Titus“ ein weit schweres Fahrzeug für Teile der französischen Polizei getestet. Es handelt sich um ein Mitglied der Panzerfahrzeugfamilie in der 6×6 Klasse und ist mit Stanag Level 4 auch gegen schwere Kaliber in Form von 14,5x114 Millimeter Munition rundum gepanzert. Der Minenschutz 4a/4b entspricht dem Schutz vor Explosivpanzerminen mit zehn Kilogramm TNT.

Praxis prägt Entwicklung

Generell gibt es auf dem Markt für Sondereinsatzfahrzeuge viele Anbieter, die je nach Herkunft in ihrer Entwicklung vom Einsatz in der Praxis profitieren. Das israelische Unternehmen Plasan etwa setzt mit dem „Sandcat“ ebenfalls auf ein schwer gepanzertes Fahrzeug, das sich für verschiede ne Einsatzszenarien ausrüsten lässt. Neben dem obligatorischen ballistischen Schutz wird auch viel Wert auf die situative Lageeinschätzung gelegt, was sich in optionaler moderner Kommunikations- und Überwachungstechnologie niederschlägt. Ferner kann das Fahrzeug mit „Safe Crowd Attenuating Technology“ ausgestattet werden, ein Paket aus nicht-tödlichen Systemen zur Kontrolle und Eindämmung von gewalttätigen Protesten, darunter Blend- und akustische Schallwaffen.

Die vergangenen Terroranschläge, aber auch die gewalttätigen Krawall beim G 20 Gipfel in Hamburg haben die neuen Dimension gezeigt, der sich Sicherheitskräfte gegenüberstehen. Der Einsatz von automatischen Waffen wie in Paris oder das Werfen von Brandsätzen wie in Hamburg stellt die Entwickler von Einsatzkonzepten vor große Herausforderungen. Dies bedeutet auch, dass das Angebot an Ausrüstung der angepassten Einsatztaktik Rechnung tragen muss. Ballistischer Schutz, eine hohe Mobilität und die Möglichkeit, sich jederzeit einen Lageüberblick zu verschaffen sind nur einige der Anforderungen an heutige und künftige Entwicklungen bei Sondereinsatzfahrzeugen. Da die Fahrzeuge primär aus dem militärischen Nutzungsbereich stammen, ist auch eine Aufrüstung mit Schusswaffen, in Form von Maschinengewehren etwa, denkbar. In Sachsen, wo das Fahrzeug „Survivor R“ von Spezialeinheiten des LKA genutzt wird, gibt es bereits derartige Überlegungen, um sich auch im Ernstfall effektiv gegen Täter zur Wehr setzen zu können. Der Schutzfunktion, die das Fahrzeug erfüllt, würde dann auch eine offensive Kapazität zur Seite gestellt werden. Allerdings dürften solche Aufrüstungen politisch umstritten sein, weswegen abzuwarten bleibt, inwieweit gepanzerte Fahrzeuge der Polizei tatsächlich flächendeckend mit solchen Waffen aufgerüstet werden würden. Gleichzeitig muss die Ausbildung der Polizeikräfte mit den neuen Fahrzeugen und ihren einsatztaktischen Möglichkeiten Schritt halten, denn nur entsprechend ausgebildete und geschulte Kräfte können die verschiedenen Fahrzeugtypen effektiv beherrschen und einsetzen.

Hendrick Lehmann