Kommentar vom 12/04/2018

Messenachruf Die Zerstörung der Cebit

Die IT boomt so stark, dass den Herstellern die Kondensatoren und Widerstände ausgehen. In dieser Zeit ruiniert die Deutsche Messe AG die wichtigste Computermesse der Welt. Ein Desaster mit Ansage.

Von Bernd Schöne.
Bild: Deutsche Messe AG
Das neue Konzept mit neuem Logo, neuem Termin und viel Entertainment ist nicht aufgegangen. Die Cebit 2019 wird es nicht mehr geben. (Bild: Deutsche Messe AG)

Auf den Hype folgte der Absturz. 2001 war die Cebit die größte Industriemesse der Welt. Ein Titan, der aus allen Nähten zu platzen drohe. Parkplätze in der Nähe des Messegeländes wurden zu Höchstpreisen gehandelt. Jedes auch noch so schäbige Privatquartier war ausgebucht. Bis Göttingen. VIPs logierten gerne auch in Berlin und flogen zur Messe ein. Für Pressevertreter begann die Cebit drei Tage vor der Eröffnung. Anreise, und sofort die ersten Termine. Dann zwei knallvolle Pressetage. Eine Pressekonferenz jagte die nächste. Wer einen Sitzplatz wünschte, musste 30 Minuten vorher anwesend sein. 60 Journalisten in einem 40 Quadratmeter Raum - damals kein Problem, die Türen schloss sowieso niemand.

Doch am Horizont zogen bereits dunkle Wolken auf. Für die Expo 2000 wurden in Hannover Unsummen investiert. Ein Besuchermagnet wurde die Expo nicht, dafür verdarb sie die Preise in Hannover und Umgebung nachhaltig. Privatquartiere kosteten nun das Dreifache. Vor allem verlor die Cebit ihren Sonderstatus, die letzte Blüte des Wirtschaftswunders zu sein. Bis 2000 verstand man sich als Gemeinschaft, die etwas Großartiges auf die Beine stellen wollte. Ein besseres Leben für alle dank Digitalisierung und flinken Computernetzen. Von Schnee, Sturm und norddeutschen Regengüssen ließ man sich nicht unterkriegen.

Über 830 000 Menschen zwängten sich 2001 durch die Hallen. An ein geordnetes Arbeiten war schon lange nicht mehr zu denken - aber jeder wollte dabei sein. Alle 27 Messehallen waren belegt. Wer in den unendlich langen Cebit-Nächten, in denen die Messehallen um 23 Uhr voller waren als bei den heutigen Messen tagsüber, gefragt hätte, ob diese Messe untergehen könnte, er hätte nur wieherndes Lachen geerntet. Die Teckies feierten sich selbst, und nicht wenige behaupteten, die wichtigsten Gespräche hätten in diesen feuchtfröhlichen Männerrunden stattgefunden.

Keine Spezialisierung, keine Betreuung mehr

Dann kam der 11. September 2001. Die Dotcom Blase platzte. Die Budgets wurden zusammengestrichen. Erst langsam, dann immer schneller. 2007 wird "Halle 1", die Cebit-Mutter, geschlossen, und die Messe verliert ihren Charme. Denn in dieser Halle hatten Siemens und IBM ihre mehrgeschossigen Stände, privater Fahrstuhl inklusive, Rechenzentrum im Keller. Hier standen die Riesenstände der Speicherspezialisten EMC und Storagetek. Die Speicher zog es nach Frankfurt, zur Storage Networking World (SNW Europe).Bei der PC- Hardware dasselbe Bild. Wo es früher ganze Wälder aus Monitoren gab, sah man bald schon keinen mehr. Wo gerade noch hundert Anbieter von Computergehäusen um Kundschaft buhlten - ein Jahr später gähnende Leere. So etwas zehrt am Ruf, eine Leitmesse zu sein. Doch die Verantwortlichen taten nichts, um den Verfall zu stoppen. Keine Spezialisierung, schon gar keine kompetentere Betreuung der Aussteller.

Hannover ist nicht irgendein Messestandort. Das ergibt sich schon aus dem Namen. Man nennt sich Deutsche Messe AG und besitzt das größte Messegelände der Welt und den Ruf, unverzichtbarer Teil des Wirtschaftswunders gewesen zu sein. Zur Eröffnung von Hannover Messe und Cebit erschienen der Bundeskanzler oder der Bundespräsident. Die Cebit war immer etwas besonderes, welche Messe wurde schon nach einer Halle benannt? Das „Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation" fasst ab 1970 alles rund um Büro und IT in der Halle 1 zusammen.

Als ich 1976 erstmals die Halle 1 betrete ist der Mainframe und die Lochkarte noch Stand der Technik, und Computer sind für viele noch ein Fremdkörper, den man noch nie angefasst hat. Schließlich steht er im Rechenzentrum. Das alles wird sich rasend schnell ändern. Die Innovationen prasseln im Monatstakt auf die Gesellschaft ein. 1986 wird die Cebit zur selbständigen Messe. Terminiert einen Monat vor der Hannover Messe, wenn es andere Menschen zum Wintersport zieht. Die Teckies störte es wenig, sie reisen in Scharen nach Hannover.

Bei den Messe-Eröffnungen im kreisrunden Kongressaal erlebte man Personen, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Darunter Staatspräsidenten aus Russland, Brasilien, Japan und den USA. CEOs wie den Alibaba Gründer Jack Ma (Eröffnungsansprache 2015). Doch große Namen garantieren für nichts. Hewlett Packards Präsidentin Carly Fiorina eröffnete 2001, um 2004 den Stammplatz der Firma in Halle 1 aufzugeben und der Messe den Rücken zu kehren. HP veranstaltet seitdem Privatmessen, wie auch Fujitsu und viele andere. Wer die IT hautnah erleben will, sitzt permanent auf gepackten Koffern, denn zu den Veranstaltungen der Großkonzerne gesellen sich noch Spezialveranstaltungen. Sie alle belasteten das Marketingbudget der Cebit-Aussteller so heftig, dass die Liste der abwesenden Firmen bald länger war, als die der anwesenden.

Geburtsstunde der „Light + Building“

Die Sendboten der Krise erreichten die Messe noch während der Boomphase. Die dominierenden Aussteller brachten immer weniger Neuheiten mit auf die Messe. Stattdessen wurden diese in den USA oder in Asien vorgestellt. Das Personal der Messestände bestand bald nur noch aus Hostessen, denen der Kunde die Produkte erklären musste. Echte Fachbesucher machten sich rar. Auch gab es kaum noch neue Geschäftsbeziehungen auf der Messe.

Das Boomthema Industrievernetzung und Gebäudeautomatisierung hatte man zuvor bereits selbst vom Gelände geworfen, als die Messegesellschaft 1999 die „Weltlichtschau“ nicht mehr auf der Hannover Messe sehen wollte. Angesichts der damals noch ausgebuchten Cebit wollte man sie auch dort nicht. Man bot die Sommerlücke als Ausweichtermin an. Die Aussteller baten in Frankfurt um Asyl, tauften die Messe in „Light + Building“ um und landeten einen vollen Erfolg. 2016 ließ man sie erstmals zeitgleich mit der Cebit stattfinden. Ein böser Streich, denn gleichzeitig zogen die Messemacher noch eine Konferenz über IT-Sicherheit aus dem Hut.

Bild: Messe Frankfurt GmbH
Weil es für Licht und Gebäudetechnik auf der Cebit keinen Platz gab, zog es die Branche zur Messe Frankfurt: Die Light + Building entstand. (Bild: Messe Frankfurt GmbH)

Während nun in Frankfurt das pralle Leben durch die Messehallen fegte, und die Auftragsbücher gefüllt wurden, breitete sich in Hannover langsam Panik aus. Angesichts leerer Hallen fiel die traditionsreiche Eröffnung im wuchtigen Rund des Hannover Congress Centrum (HCC) schon 2017 dem Rotstift zum Opfer. Stattdessen wurde kostensparend in der messeeigenen Halle 9 eröffnet.

Selbst Stammkunde Microsoft sagte ab und blieb der Cebit 2017 fern. Damit ging ausgerechnet jene Firma, die den Niedergang der Cebit ursprünglich eingeläutet hatte: 2002 ließ die Firma Sonys Playstation mit der Begründung von der Messe werfen, eine Spielekonsole sei nicht mit den Richtlinien der Messe vereinbar. Richtlinien kann man allerdings ändern und anpassen, das geschah aber nicht. Viel zu spät erkannte Messe und der Branchenverband Bitkom, dass IT heute durch Konsumprodukte getrieben wird, weil hier die Stückzahlen gigantisch hoch sind. Die Zeit des Mainframe als Maß aller Dinge war vorüber. Big Data kann nur dann funktionieren, wenn auch die Endgeräte der Konsumenten mit an Bord sind. Ausgerechnet den Verantwortlichen der Hightech-Messe Cebit schien das alles nicht bewusst zu sein. Hätten sie besser ihre Söhne oder Enkel gefragt.

Abschied der mobilen Endgeräte

Stattdessen erklärte man den Konsumenten und dessen Produkte zum Feind. Bitkom und Messeleitung redeten so lange von der „B2B-Messe Cebit“, bis das gesamte Segment der Spiele-PC das Feld räumte, die einmal mehr als zwei Hallen belegt hatten.

Auch den Smartphone-Boom verschlief die Messe völlig. Versuche, den Mobile World Congress 2005 beim Wechsel von Cannes nach Barcelona an Land zu ziehen, erwiesen sich als halbherzig und wenig zielführend. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war das Schicksal der Cebit besiegelt. Der gesamte Bereich der mobilen Endgeräte verabschiedete sich aus Hannover. Nun wurden in Barcelona neben neuen Smartphones auch gleich alles Zubehör, die Sendetechnik und das Backoffice präsentiert. Den Verantwortlichen in Hannover bleib die Spucke weg. Vom Start weg in Cannes im Jahre 1995 hätte man Zeit gehabt, zu reagieren. Nachfragen von Journalisten, ob da am Mittelmeer nicht etwas Gefährliches heranreifen würde, wischte man mit einer Handbewegung weg. „Wir sind die Größten".

Zu diesem Zeitpunkt waren die leistungsstärksten Computer schon Richtung "International Supercomputing Conference" abgewandert. Die Rechenzentrumsspezialisten trafen sich in Darmstadt auf der "future thinking". In Köln lockte die "ANGA COM" jene an, die an Breitband, Kabel und Satellit Interesse zeigten. Die Neulinge hatten eines gemeinsam, sie boten qualifizierte Information zu überschaubaren Preisen auf begrenztem Raum. Die Wahrscheinlichkeit, sich Blasen an den Füssen zu laufen, war gering. Bestrebungen, die Ausgebüxten zurückzuholen, wurden nicht wahrgenommen. Die Cebit begann, waschkörbeweise Fachbesuchertickets zu verschenken. Sie landeten, wie kaum anders zu erwarten, in den Händen der Söhne und Enkel der Adressaten.

Die letzten Messen in Hannover waren eine Groteske. Die immer noch zahlreichen Privatbesucher suchten PC-Zubehör, von der Festplatte über die Tastatur bis zur Backupsoftware. Sie suchten vergebens, obwohl alles vorhanden war. Der Planet Reseller in Halle 14 (später Halle 13) bot all die Schätze, die der Normalverbraucher begehrt, und noch viel mehr. Farbenprächtiges Zubehör für Gamer etwa. Doch exakt in diesen Bereich durfte der Besucher nicht. Nur Händler und Presse waren zugelassen. Die Besucher standen fassungslos davor. Während die Messe verödete, boomte der Planet, denn hier waren die Stände klein, die Wege kurz und die Kosten überschaubar. Dass der Reseller-Bereich von Jahr zu Jahr größer wurde, schien bei der Messeleitung niemanden zu stören. Die Frustration der Besucher auch nicht. Immerhin taugte die Messe noch als Plattform zur Buzzword-Verbreitung: Green-IT, Smart City und Cloud-Computing wurden von Hannover aus ins kollektive Bewusstsein der Deutschen befördert. Mehr aber auch nicht.

„it-sa“ folgt auf größte Computermessen

In den letzen Jahren war die Sicherheitshalle der letzte Bereich, der als Messe noch ordentlich funktionierte. Es waren fast alle Hersteller vertreten, man bot also einen echten Marktüberblick, es gab Innovationen und Fachberatung. Für den Berichterstatter aber wurden unschöne Erinnerungen wach. Auch auf der untergehenden Systems in München war die Sicherheitshalle die letzte, die als Messe funktionierte. Beide Hallen hatten etwas gemeinsam. Sie wurden nicht von der Messeleitung geleitet, sondern von Spezialisten, die mit dem Sachgebiet bestens vertraut waren und zudem jeden Aussteller persönlich kannten. Die Sicherheitshalle der Systems wanderte 2008 nach deren Ende nach Nürnberg und wird dort mit großem Erfolg als „it-sa“ weitergeführt. Als letzter Rest der größten und der zweitgrößten Computermesse.

Wie ein Echo wiederholte sich auch ein anderer Aspekt des Niedergangs der Systems. Nachdem die Messeleitung während der Messe 2008 vollkommen überraschend deren Ende verkündet hatte, präsentierte die Münchner Messegesellschaft in einem Kino in Sichtweite des Stachus einige Monate darauf das Konzept für eine Nachfolgeveranstaltung. Die „discuss & discover“, als hochpreisige Mischung aus Konferenz und Ausstellung konzipiert, sollte hochrangige IT-Verantwortliche zusammenbringen, dies jedoch ohne jeden konkreten Inhalt. Mit IT und deren Problemen, standen die Verantwortlichen auf Kriegsfuß. Die Fachpresse reagierte auf das neue Konzept mit Entsetzen und offenem Widerspruch. Das ist nicht nur selten, sondern extrem selten. Die Verantwortlichen priesen ihr Konzept dennoch. 2009 fand die Veranstaltung bei minimalstem Interesse von Seiten der Aussteller und Besucher statt. Danach wurde sie eingestellt. Der Verantwortliche befördert.

Am Ende haben alle verloren

Ein Jahrzehnt später sollte die Cebit ein ähnliches Schicksal ereilen. Auch hier rieten Pressevertreter und die anwesenden Aussteller dringend vom neuen Konzept ab. Ein Aussteller sprach wenig diplomatisch von „Aprilscherz". Ein anderer giftete hinter vorgehaltener Hand: „Die spinnen wohl, da gehen wir nicht hin.“ Ohne Erfolg. Warum gab es das neue Konzept, das niemand wollte? Ein Verantwortlicher, der selbst viel zum Niedergang beigetragen hatte, fasste die Hilf- und Konzeptlosigkeit 2017 während einer abendlichen Runde in Worte: "Irgendwas mussten wir doch machen".

Bild: flickr.com
Ein Bild aus besseren Tagen: Bundeskanzlerin Angela Merkel führte auf der Cebit 2009 eine Delegation aus Kalifornien, USA, um Arnold Schwarzenegger über die Messe. (Bild: flickr.com)

Deutschland hätte vielleicht um die Cebit härter kämpfen müssen. In Frankreich wäre das nationale Ehrensache gewesen, doch gerade Angela Merkel wollte die Messe nicht mehr. 2015 erwähnte sie während der Eröffnungsrede im HCC beiläufig, dass sie eigentlich lieber zu Hause geblieben wäre. Die größte Computermesse der Welt war ihr nicht mehr bedeutend genug. Den traditionellen Eröffnungsrundgang überließ sie 2016 ihrem Wirtschaftsminister Sigma Gabriel. 2018 bleib sie der Veranstaltung ganz fern.

Am Ende bleiben nur Verlierer. Zuerst die PC-Nutzer. Eine umfassende Messe, die alle IT-Aspekte beinhaltet, gibt es nicht mehr. Vor allem fehlt die Cebit neuen Marktteilnehmern, die sich mit ihren innovativen Lösungen gerne persönlich bei möglichst vielen Kunden vorstellen würden. Sie fehlt den vielen Privatvermietern in Hannover und Umgebung, denen sie etwas Geld in die Haushaltskasse spülte. Die Cebit fehlt dem Standort Deutschland, der nach dem Ende der PC-Produktion bei Fujitsu in Augsburg nun binnen Monaten den nächsten Rückschlag erleidet. Da sind die zahllosen Mittelständler - vom produzierenden Gewerbe bis hin zur Anwaltskanzlei - für die der Besuch auf der Cebit die wichtigste Informationsquelle war.

Sie alle reisten bis 2017 an, obwohl die Messe wenig unternahm, ihren Informationshunger zu stillen. Für Riesenräder und Volksbelustigung haben diese Anwender wenig übrig. Ihre Zeit ist ihnen kostbar. Realistische Aufbauten in Testumgebungen mit Lösungsansätzen aus der Praxis, das hatten sie erwartet und gesucht. Die IT ist zu kompliziert und unübersichtlich, um ohne Hilfe zur richtigen Lösung zu gelangen. Doch hier fehlte es an Kompetenz. Bei den Verantwortlichen der Deutschen Messe AG.

Bernd Schöne, freier Journalist in München