Interview aus PROTECTOR 7-8/2017, S. 23 bis 25

Video-Streaming über 4G- und 5G-Netze Revolution in der Videotechnik?

Seetec sieht in der Nutzung schneller Mobilfunknetze großes Potential für die Videobranche. Eine Zusammenarbeit mit dem Technologieanbieter Nokia könnte den Durchbruch bringen. PROTECTOR & WIK sprach mit Geschäftsführer Andreas Beerbaum und Marketing-Direktor Andreas Conrad über hohe Bandbreiten, kurze Latenzzeiten und die Vorteile dezentraler Datenhaltung und -verarbeitung gegenüber aktuellen Cloud- und on-Premise-Lösungen.

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Werden Videoaufzeichnungen ungefiltert an Leitstellen übertragen, fallen gigantische Datenmengen an. Mit dem so genannten „Multi-access Edge Computing“ (MEC) werden Daten an den Rand (Edge) eines Netzwerks verlagert. So wird ein möglicher Flaschenhals in der Cloud vermieden. (Bild: Fotolia/Subscription_Yearly)

PROTECTOR & WIK: LTE ist im Mobilfunkbereich seit mehreren Jahren Standard. Warum sehen Sie gerade jetzt in der Nutzung dieser Netze große Chancen für die Videoüberwachungsbranche?

Andreas Conrad: Grundsätzlich eignet sich die bestehende LTE-Technologie bereits seit längerem für die Übertragung von Videoströmen. Die Bandbreiten sind vorhanden, die Abdeckung des Netzes ist gut und wird immer weiter ausgebaut. Seit einiger Zeit bieten die Provider zudem Services für möglichst zuverlässige Datenübertragung an, so kann man beispielsweise garantierte Bandbreiten oder priorisierte Sim-Karten buchen.

Trotzdem ist LTE derzeit noch gewissen Restriktionen unterworfen was die Bandbreite und die Übertragungsgeschwindigkeit betrifft. Wenn wir jetzt nach vorne schauen, dann kommt das Thema 5G auf uns zu, und das bietet im Vergleich zu heute völlig neue Möglichkeiten in Sachen Bandbreite und Echtzeit-Anwendungen. Die Provider sind hier im Moment verstärkt auf der Suche nach sinnvollen Einsatzmöglichkeiten. Das Thema Video, das von Natur aus hohe Bandbreiten beansprucht, andererseits aber gerade im Security-Bereich eine sehr kurze Latenzzeit erfordert, ist dafür prädestiniert.

Per spektivisch bietet das Thema 5G ein großes Potenzial, aber in der Praxis wird das Ausrollen der Technologie ähnlich wie bei 4G schrittweise verlaufen, da zuerst eine grundlegende Netzwerkabdeckung garantiert sein muss. Zusätzliche Möglichkeiten dürften sich zudem durch die Multefire-Technologie ergeben, die im zweiten Halbjahr 2018 auf den Markt kommen wird: Hier handelt es sich um unlizenzierte LTE-Bänder, die ohne Zutun von Providern genutzt werden können –ähnlich wie WLAN.

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Andreas Beerbaum, Geschäftsführer der Seetec GmbH. (Bild: Seetec)
Andreas Beerbaum: Wir arbeiten für Anwendungen über LTE/5G mit Nokia als einem der weltweit führenden Anbieter von Mobilfunk-Infrastrukturtechnologie zusammen. Die Technologie, die hierbei zum Einsatz kommt, heißt „Multi-access Edge Computing“ – abgekürzt MEC (dezentrale Datenhaltung und -verarbeitung im Gegensatz zum Cloud Computing, Anm. d. Red.). Damit haben wir die Möglichkeit, die Videoanwendungen bis auf die Ebene eines Sendemastes oder einer Funkzelle herunter zu brechen. In die Mobilfunk-Infrastruktur einer Zelle sind Serverkomponenten eingebunden, welche die Bildströme von den in der Zelle verteilten Kameras über LTE empfangen, speichern und bei Bedarf mittels Videoanalyse auswerten.

Eine Weiterleitung der Daten an ein Zentralsystem erfolgt nur im Ereignisfall, beispielsweise wenn die Videoanalyse einen bestimmten Vorfall erkennt oder wenn ein Benutzer Bilddaten anfordert. Das ist für das Backbone-Netz sehr ressourcenschonend, denn nur bei Bedarf werden die Daten in die Zentrale übertragen, von der aus dann weitere Maßnahmen ergriffen werden. Um den Vorteil dieser Architektur zu verstehen, muss man sich nur die Frage stellen: Wo kostet die Datenübertragung eigentlich Geld? Für den Mobilfunk-Provider wird die Datenübertragung unter anderem da teuer, wo die Daten die Funkzelle verlassen und in eine zentrale Infrastruktur übertragen werden, weil dafür leistungsfähige Breitbrandverbindungen genutzt werden müssen – und genau hier bietet MEC Einsparpotenzial. Aber auch für den Endkunden ergeben sich klare Vorteile: So entfallen die Kosten für die oft teure Kabelinfrastruktur. Zudem kann Videosicherheit als Service flexibel gebucht und im Zeitverlauf einfach skaliert werden, ohne dass ein Austausch der Server-Infrastruktur nötig wäre.

Aus dem technisch Machbaren ergeben sich also vor allem effizientere und damit wirtschaftlich interessante Möglichkeiten?

Andreas Beerbaum: Ja, der kaufmännische Ansatz ist sogar noch interessanter als der technische. Denn die Infrastruktur, auf der wir die Videotechnik betreiben können, ist ja bereits vorhanden. Beschließt eine Stadt beispielsweise, die Videoüberwachung auszuweiten, muss die Verwaltung nicht erst jemanden beauftragen, der für mehrere Millionen Euro die Infrastruktur dazu aufbaut. Stattdessen kann man im bereits bestehenden Mobilfunknetz die Videotechnik betreiben und Analyse- oder Aufzeichnungsfunktionen nutzen. Für den Endkunden bedeutet das einen enormen Kostenvorteil: Musste eine Stadt oder Kommune bisher zunächst in eine verkabelte Infrastruktur investieren, um Videotechnik nutzen zu können, können Netze und Rechenkapazitäten, auf denen die gewünschten Funktionen mitlaufen, in Zukunft von einem Provider gemietet werden. Zudem können auch Bereiche, in denen die Schaffung einer verkabelten Infrastruktur überhaupt nicht möglich ist, mit Videotechnik abgedeckt werden.

Bild: Seetec
Andreas Conrad, Marketingleiter bei Seetec. (Bild: Seetec)

Nun gibt es doch inzwischen seit längeren Cloud-Dienste, für die keine eigene Hardware mehr vor Ort erforderlich ist. Wo genau liegt dann der Vorteil der LTE-Lösung?

Andreas Conrad: Im Gegensatz zu Cloud-Lösungen, bei denen permanent große Datenmengen durch die gesamte Netzwerkinfrastruktur übertragen werden, hat man hier den Vorteil, dass die Daten „close to the edge“ bleiben – also dort, wo sie erzeugt werden. Indem das Thema Bandbreite auf diese Weise intelligent gemanagt wird, behebt die MEC-Lösung also die zentrale Schwäche der aktuellen Cloud-Modelle, die auch der Grund dafür ist, weshalb sich diese in der Breite bislang noch nicht durchsetzen konnten – sie ist somit eine Art „intelligentere Cloud“.

Könnte diese Technik also Ihrer Einschätzung nach auch Trend-Themen wie der „Smart City“ weitere Dynamik verleihen?

Andreas Beerbaum: Absolut. Die Smart City ist für uns einer der entscheidenden Anknüpfungspunkte dieser Technologie. Sicherheit aus dem Blickwinkel der Städte und Kommunen eine Leistung, die in einem gewissen Umfang garantiert werden muss, um attraktiv für die Einwohner zu sein. Zur Erbringung dieser Leistung werden intelligente Technologien genutzt – unter anderem auch Videomanagement und Videoanalyse. Ein weiteres Trend-Thema, das möglicherweise durch MEC beschleunigt wird, ist „Mobile Video“. Aktuell setzen zum Beispiel Polizei und Bahn in mehreren Bundesländern Bodycams in Feldversuchen ein. Die Daten werden dabei derzeit noch auf einer Festplatte aufgezeichnet, die der Polizist mit sich trägt. Technisch wäre es denkbar, diese Daten über LTE zu übertragen – zum Beispiel auch live zur Einsatzsteuerung.

Andreas Conrad: Vorstellbar und machbar sind mit der Technik auch temporäre Einsätze, Beispiel Oktoberfest: Hier ist es nicht sinnvoll und wirtschaftlich, für eine relativ kurze Betriebsdauer von circa drei Wochen Netzwerkkabel zu verlegen. Die Realisierung auf Basis von MEC ist hingegen vergleichsweise einfach, da man die Kameras fest bestimmten Funkzellen zuordnen kann. Grundsätzlich erlaubt das Systemkonzept auch den Wechsel von Kameras zwischen verschiedenen Zellen. Das ist dann die nächste Stufe, die zwar zu etwas mehr Datenlast führt, aber den Vorteil hat, dass damit auch mobile Einheiten innerhalb einer Stadt wie etwa Fahrzeuge oder Personen ausgestattet werden können. In einem System laufen also mehrere Technologien und Anwendungsfälle zusammen. Bisher gab es eine Lösung für die Einsatzkräfte, eine andere für die stationäre Videoanlage und für zeitlich begrenzte Einsätze wieder ein anderes System. Jetzt lässt sich alles mit einer Trägertechnologie lösen.

Bild: Nokia
Dirk Lindemeier, Wireless Vertical Solutions, Nokia. (Bild: Nokia)

„Die Kombination von LTE und Multi-access Edge Computing erlaubt den schnellen, flexiblen und kostengünstigen Aufbau engmaschiger und intelligenter Videoüberwachung. Ab Mitte 2018 wird LTE auch als unlizenzierte Funktechnologie zur Verfügung stehen, was weitere Dynamik in den Markt bringen wird.“

Ist das noch alles Theorie, oder wird die Technologie bereits angewendet?

Andreas Beerbaum: Im Ausland ja. Dort planen einige Länder, speziell im asiatischen Raum, schon konkrete Projekte. Deutschland befindet sich dagegen noch im Status der Entwicklungsphase. Das liegt zum einen an den Vorgaben des Datenschutzes. Jeder, der zum Beispiel die Diskussionen um Aufzeichnungszeiten beim Einsatz von Bodycams verfolgt hat, weiß, dass es hier noch Einiges zu klären gibt. Wichtig ist dabei vor allem, zu vermitteln, dass der Datenschutz mit der Anwendung dieser Technik weiter gesichert ist. Natürlich wäre es höchst bedenklich, eine Sicherheitsanwendung ungeschützt über ein öffentliches Kommunikationsnetz zu betreiben. Vielmehr gibt es private LTE-Netze für Behörden, auf die niemand sonst zugreifen kann, und selbstverständlich werden die Daten verschlüsselt. Datenschutz und Netzwerksicherheit spielen bei diesem Thema eine entscheidende Rolle.

Die technische Entwicklung wird dennoch weitergehen. Welche Trends beziehungsweise Veränderungen sehen Sie auf die Videoüberwachungsbranche zukommen?

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Andreas Beerbaum: Multi-access Edge Computing ist eigentlich nichts Anderes als eine hochverteilte Cloud. Der Trend geht also ganz klar in diese Richtung. Dabei stellen wir fest, dass Endkunden Miet- gegenüber Kaufmodellen bevorzugen. Diesen Weg werden auch wir gehen, das heißt, wir werden die MEC-basierten Lizenzen verstärkt über unsere Partner an den Endkunden vermieten. Zudem geht der Trend immer mehr in Richtung mobiler Anwendungen, die Bedeutung von Smartphones wird also weiter steigen. Und es wird neue Player geben, die mit dem Thema Videotechnik in den Markt drängen werden, wie etwa die großen Service- Provider, die teilweise schon jetzt bei Infrastrukturprojekten eine große Rolle spielen.

Andreas Albrecht

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