Fachartikel aus PROTECTOR 11/2017, S. 20 bis 21

Bosch Energy and Building Technology Breit aufgestellt in die vernetzte Welt

Bosch Energy and Building Technology gab Anfang Oktober 2017 auf einer Pressekonferenz in Köln tiefe Einblicke in seine zukünftigen Themen und Strategien. Vor dem Hintergrund der durch die Digitalisierung zu erwartenden tiefgreifenden wirtschaftlichen und technischen Umwälzungen, eröffnete Bosch-Geschäftsführer Dr. Stefan Hartung den Tag mit einer Vision.

Bild: Albrecht
Im Business-Bereich des Rheinenergiestadions Köln gab Bosch- Geschäftsführer Dr. Stefan Hartung, der international vertreten Presse einen ausführlichen Überblick über die zukünftigen Themen und Geschäftsfelder seines Unternehmens. (Bild: Albrecht)

Köln im Jahr 2030: Energie kommt vor allem aus regenerativen Quellen. Virtuelle Kraftwerke, also ein Netz aus kleinen dezentralen Anlagen die Strom je nach Bedarf ins Netz einspeisen oder speichern, haben die großen konventionellen Anlagen ersetzt. Überall gibt es Batteriespeicher, alle Gebäude der Stadt denken mit und sind miteinander vernetzt. Deren Wartung wird nicht mehr von Personen durchgeführt, Services erkennen stattdessen in Echtzeit den Zustand von Aufzügen, Heiz- und Klimasystemen. Im Notfall wird automatisch ein Techniker benachrichtigt, automatisch erfolgen auch Zutrittskontrollen für bestimmte Bereiche. Berufspendler erkennen in Echtzeit, wann und wo der Umstieg auf öffentliche, elektrische Verkehrsmittel lohnt, möglichst stau- und emissionsfrei.

Und in Wohngebäuden tauschen sich Hausgeräte, Heizungen und die Sicherheitstechnik miteinander aus. Die Vision der Smart City, der intelligenten Stadt der Zukunft war einer der Schwerpunkte, die Dr. Stefan Hartung während seiner gut einstündigen Rede als Zukunftsprojekt von Bosch Energy and Building Technology vorstellte. Weitere, damit verbundene Geschäftsfelder, in denen das Unternehmen Zukunftspotential sieht, sind das das Internet der Dinge (IoT), smarte Krankenhäuser und Sevices sowie die Datensicherheit der Systeme. Dabei betonte der Bosch-Geschäftsführer vor allem die Chancen, die sich dem Markt in Zukunft bieten: „2050 werden voraussichtlich mehr als sechs Milliarden Menschen weltweit urbane Räume bewohnen – doppelt so viele wie heute oder 70 Prozent der weltweiten Gesamtpopulation“, prophezeite Hartung.

Gleichzeitig wachse die Zahl vernetzter Geräte durch das Internet der Dinge enorm. Bis zum Jahr 2020 sollten es bereits mehr als 20 Milliarden sein, und die IT-Marktforscher von Gartner gingen davon aus, dass 2022 in einem durchschnittlichen Familienhaushalt über 500 smarte, vernetzte Objekte zu finden seien. Das Marktpotenzial schätzten die Experten auf circa 250 Milliarden US-Dollar: „Das wollen auch wir bei Bosch nutzen“, betonte Hartung. Bereits letztes Jahr habe der Unternehmensbereich Energie- und Gebäudetechnik mit weltweit rund 30.300 Mitarbeitern einen Umsatz von 5,2 Milliarden Euro erzielt. 2017 werde der Umsatz voraussichtlich um rund fünf Prozent wachsen – doppelt so viel im Vorjahr. Für das IoT ist Bosch nach Überzeugung von Dr. Stefan Hartung so gut wie kein anderes Unternehmen aufgestellt, von Sensoren über Software bis hin zu Services. So sei sein Unternehmen etwa der weltweit größte Hersteller von mikromechanischen Sensoren, „den Sinnesorganen des IoT“. Man verfüge weltweit über mehr als 20.000 Software-Entwickler, von denen allein nahezu 4.000 für das IoT tätig seien. Bosch entwickele darüber hinaus nicht nur Technik, sondern auch neue Geschäftsmodelle für Services und Dienstleistungen, die zukünftig mehr als die Hälfte des IoT- Marktes ausmachen würden. Und natürlich, so Hartung, sei man seit Jahrzehnten im Hardware-Segment zu Hause: „Diese breite Aufstellung von Bosch ist ein Schlüssel, um den Weg in die intelligent vernetzte Stadt technisch, wie geschäftlich zum Erfolg zumachen.“

Neues Geschäftsfeld Smart Hospital

Eine Art Mikrokosmos der vernetzten Stadt, sind die vernetzten Geräte innerhalb eines Gebäudes, speziell in Krankenhäusern, die Bosch als neues, vielversprechendes Geschäftsfeld ausgemacht hat. Was in Krankenhäusern bislang überhaupt nicht, oder nur als analoge Einzellösung funktioniert, soll dank Boschs Expertise im Internet der Dinge zum Kinderspiel werden, zum Beispiel mithilfe intelligent vernetzter Kamera- und Videotechnik. Laut Versicherungswirtschaft entsteht Krankenhausbetreibern in ganz Europa durch Diebstahl endoskopischer Geräte ein Sachschaden in Millionenhöhe. Sensorbasierte Videotechnik im Eingangsbereich, an Ausfahrten und auf Fluren kann entscheidende Hinweise für die Verfolgung von Straftätern liefern.

Ebenso wichtig ist Prävention: Intelligent gesteuerte Beleuchtung, vernetzte Bewegungsmelder an Türen und Fenstern sowie Einbruchmeldeanlagen schrecken Einbrecher ab, verhindern Diebstähle und sparen Betreibern hohe Neuanschaffungskosten für teure Medizintechnik. „Das Internet der Dinge ist endgültig im Krankenhaus angekommen“, betonte Dr. Stefan Hartung. Dabei gehe es nicht nur um Sicherheit. Vernetzte Lösungen sorgten auch für mehr Komfort und Effizienz in Kliniken. Bosch plane, mit Smart-Hospital-Projekten in den kommenden Jahren einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro zu erzielen. Laut einer Roland-Berger-Studie haben bereits etwa 90 Prozent aller Krankenhäuser eine Digitalisierungsstrategie entwickelt, um ihre Effizienz und Wirtschaftlichkeit zu steigern – auch im Bereich der Infrastruktur.

„Von diesen Ambitionen möchten wir profitieren und werden daher unsere Geschäftsaktivitäten im Bereich vernetzter Produkte und Services für Kliniken ausbauen. Mit unseren intelligenten Lösungen wollen wir zu mehr Lebensqualität und Sicherheit in Krankenhäusern sowie zu mehr Ressourcenschonung beitragen“, so Hartung. Das sei eine große Chance, aber auch eine große Herausforderung. Denn Krankenhäuser stehen unter enormen Druck: 365 Tage im Jahr müssen sie rund um die Uhr reibungslos funktionieren. Unter stetig steigendem Kostendruck müssen Ärzte und Pflegepersonal Patienten versorgen, Menschen und wertvolle Geräte müssen geschützt, die technische Infrastruktur optimal betrieben werden. Mit Smart-Hospital-Lösungen will Bosch einerseits die Klinikbetreibe, andererseits aber auch das Personal bei technischen und administrativen Aufgaben entlasten. Und auch die Patienten sollen von neuen vernetzten Services im Patientenzimmer profitieren, beispielsweise durch interaktive Infotainmentsysteme, betonte Hartung. Der oft anstrengende Weg eines Patienten ins Erdgeschoss, wo dieser erstmal eine Karte erwerben und an einem Automaten aufladen müsse, um fernsehen zu können, gehöre dann definitiv der Vergangenheit an. AA