Fachartikel aus PROTECTOR Special Videoüberwachung 2018, S. 18 bis 23

PROTECTOR & WIK Forum Videosicherheit 2018 Integration mit Tiefgang?

Integrative Lösungen scheinen allgegenwärtig – kaum ein Hersteller bietet sie nicht in irgendeiner Form an. Doch die Frage, wo eine echte Integration beginnt und wann sie wirklich zum Nutzen der Anwender ist, lässt sich schwerlich pauschal beantworten. Auch deshalb stand das Thema beim Forum Videosicherheit 2018 auf der Tagesordnung.

Bild: Michael Gückel
(Bild: Michael Gückel)

Mit einer eher kritischen Sicht auf das Thema leitete der Moderator der Forums, Dirk Ostermann die Diskussion ein: „Man liest im Grunde permanent von der Verschmelzung der Sicherheitsgewerke, doch scheint mir, dass vieles von dem, was als integrativ beschrieben wird, eher Theorie ist. Daher die Frage: Wie weit geht dieses Zusammenwachsen in der Praxis wirklich?“

Definitiver Spielraum

Für Gerhard Harand vom Distributor Wehrhan TPS ist das eine Frage der Perspektive: „Der Begriff Integration ist schon sehr weit gefasst, und die Bezeichnung integrativ fällt sehr schnell. Hier muss man genau hinsehen, was gemeint ist. Wir haben einerseits natürlich die wirklich hochwertigen Lösungen, wo ein Sicherheitsmanagementsystem alle Subgewerke bündelt. Dieser Ansatz eignet sich für anspruchsvolle Kunden, die prozessorientiert denken und alle möglichen Systeme von der Haustechnik bis zu den Sicherheitssystemen mit eingebunden haben wollen. Das betrifft eher Großprojekte aus der Industrie. Andererseits versuchen auch Videomanagementsystemhersteller immer mehr gängige Gewerke in die Software einzubinden, allen voran die Zutrittskontrolle. Das Ergebnis ist eine Art Leitstand light, den der Kunde aber nicht mit der Leistung eines Sicherheitsmanagementsystems gleichsetzen kann.“ Für Stuart Parris von Abus Security- Center ist die Häufung des Schlagwortes Integration nicht ungewöhnlich: „Videoüberwachung, Alarmanlagen und Zutrittskontrolle lassen sich heute miteinander kombinieren. Der Anwender wünscht eine Lösung für seine Anforderungen. Wir als Hersteller können unsere drei Gewerke integrieren, ohne dass er am Ende mit mehreren verschiedenen Apps hantieren muss. Die Integration von Videoüberwachung hat längst begonnen.“

Bedarf und Wunschdenken

Es ist also als Anwender wichtig, für sich selbst zu definieren, was man sich von einem integrativen Ansatz erwartet, statt einfach einem starken Schlagwort zu vertrauen. Denn unterschiedliche Märkte brauchen unterschiedliche Ansätze. Christian Heller von EFB Elektronik skizziert das Vorgehen seines Unternehmens: „Wir unterscheiden klar Lösungen einerseits für den Privatanwender, teils auch für den Mittelstand und in die großen Industrie-Lösungen. Dabei haben wir für den Privatanwender bereits eine Lösung entwickelt, die Einbruchmeldetechnik und Videoüberwachung verknüpft und jetzt neu auch elektronische Schließzylinder in einer Cloud integriert. Der Nutzer kann hier mit einer einzigen App alle drei Systeme steuern.

Bei den größeren oder industriell ausgerichteten Projekten ist das ganz anders: Hier werden Gewerke in eine übergeordnete Managementsoftware eingebunden und nicht in eine App. Diesen Ansatz wollen wir auch weiterverfolgen, Integrationen vorantreiben und weitere Sicherheitslösungen implementieren.“ Gordon Grünwald von Axis Communications differenziert ebenfalls nach Anwendergröße: „Wir setzen gerade im Small Business und im Medium Business ganz klar auf unsere eigenen integrativen Lösungen, weil wir Produkte haben, die gut zusammenarbeiten. Diese Lösungen sind aber gewissermaßen ‚out-of-the-box‘ und bieten auch weniger Möglichkeiten zur Individualisierung als eine Enterprise-Lösung. Hier hingegen arbeiten wir ganz klar mit unseren Hardware- und Softwarepartnern zusammen, um für den Kunden das Beste zu bieten. Das Wichtigste ist, dass die Gesamtlösung zu den Bedürfnissen des Kunden passt. Das heißt nicht, dass alles von einem Hersteller kommen muss, solange die Anforderungen des Kunden umgesetzt werden. Je offener ein Hersteller ist und je mehr Schnittstellen er bietet, desto einfacher ist es nachher auch die Lösung in der Praxis zu integrieren. Das ist bei uns der große Vorteil, dass wir die meisten Integrationspartner am Markt haben und unterstützen.“

Integratoren in der Pflicht

Die Anbieterseite liefert Produkte und Software, die nach Möglichkeit offen und interoperabel ist, so dass die Kundenanforderungen nach Integration auch optimal umgesetzt werden können. Dennoch sind letztlich Errichter und Integratoren in der Verantwortung, diese Lösung praktisch umzusetzen. Michael Bölsterl von Schmid Alarm erklärt: „Der Kunde kauft seine Anlage in der Regel bei einem Integrator oder bei einem Errichter und wendet sich nicht an einen einzelnen Hersteller, sei es nun auf der Kameraseite oder auf der Seite der Management-Anbieter. Wenn wir beispielsweise eine Lösung anbieten, dann sind wir dem Endkunden gegenüber in der Pflicht, vor allem wenn es Probleme gibt. Dem Kunden ist dann auch relativ egal, ob Komponenten von diesem oder jenem Hersteller stammen. Wir sind verantwortlich für die Integration und dafür, dass alles funktioniert. Dafür müssen wir die Systeme gut kennen und auch mit unseren Partnern und Herstellern in die Diskussion gehen.“ Gerhard Harand stimmt zu: „Wir müssen uns sehr genau über die Möglichkeiten der Produkte informieren, denn es ist schon so, dass die Hersteller gerne betonen, was alles möglich ist, aber es wird eher nicht die entsprechenden Infos geben, was nicht geht. Wir haben auch deshalb ein genau ausgewähltes Angebot an Produkten. So kennen wir die von uns angebotenen Lösungen sehr gut und können Kunden garantieren, dass die Systeme zusammen immer entsprechend den Anforderungen funktionieren. Das ist für den Errichter und in der Folge für den Anwender das Entscheidende.“

Knackpunkt: Integrationstiefe

Distributoren, Integratoren und Errichter müssen quasi selbst prüfen, was in welcher Weise integriert werden kann, denn nicht selten finden sich oberflächliche Lösungen und scheinbare Schnittstellen. Arndt Badstieber von Dahua kennt die Schwierigkeiten: „Was die Integration angeht, muss man auch aufpassen, dass die Anbieter von Videomanagementlösungen oft auch nur gewisse Software-Stände unterstützen, und wenn die Software der Kamera davon abweicht, wird sie nicht mehr unterstützt. Dann muss es entsprechend aktualisiert werden. Das ist nur einer der Stolpersteine in der Praxis. Manchmal kommt es auch vor, dass alte Software mit einer neuen Komponente zusammengebracht wird oder anders herum, und dann geht das Chaos schon los.“ Waldemar Gollan pflichtet bei und rät zur Vorsicht bei allzu optimistischen Versprechen: „Ich sehe die Marketingaussagen mancher Hersteller zur Integration von Third-Party-Produkten durchaus kritisch.

Es werden Aussagen getroffen, die in der Realität nicht uneingeschränkt erfüllt werden und zu Problemen führen können. Wir sind beispielsweise integriert in das VMS eines chinesischen Herstellers, der damit auch relativ aggressiv Werbung in den USA macht. Aber die Integration ist aus meiner Sicht sehr schlecht umgesetzt, wie wir in Projekten haben erfahren müssen. Einige Integratoren, die diese Kombination nutzen wollten, haben damit lang kämpfen müssen. Wenn man also mit Integration wirbt, muss man sicherstellen, dass sie zuverlässig und umfassend durchgeführt wurde.“ Für Michael Bölsterl ist der Knackpunkt die Integrationstiefe: „Man muss beim Thema Integration unheimlich aufpassen. Die so genannte Integrationstiefe variiert vom Relaiskontakt bis zu einer hundertprozentigen bidirektionalen Integration, bei der man Kameras aus dem Videomanagementsystem eines anderen Herstellers heraus perfekt konfigurieren kann. Diese Bandbreite findet sich am Markt, über alle Gewerke hinweg. Es ist daher enorm wichtig, vorher immer genau zu klären: wie tief geht die Schnittstelle wirklich?“

Spezifisch oder Standard?

Ein Ansatz, diese Unsicherheit in Sachen Integrationstiefe etwas zu milden, ist der aus dem Videosektor und in die Zutrittskontrolle hinein erweiterte Standard Onvif. Er soll als Gegenstück zu individuellen, teuren Schnittstellen nach Maß dienen und eine einheitliche Basis schaffen. Über den Erfolg des Standards kann man indes geteilter Meinung sein. Pascal Heinkele von Mobotix sieht diesen eher begrenzt: „Mit der neusten Kameralinie von Mobotix bieten wir Onvif-Support. Damit sind wir in der Lage, neue Märkte zu erschließen. Denn Onvif ermöglicht den Integratoren deutlich flexibler und effizienter bei der Planung von Sicherheitslösungen aus individuell kombinierten Einzelkompontenten zu agieren.

Dennoch bildet dieser globale, offene Schnittstellenstandard nicht immer sämtliche vorhandene Funktionalität aller Produkte ab und bietet somit keine Garantie, dass alle Kameras zwingend zuverlässig mit allen Videomanagement-Systemen funktionieren. Auch gilt es einen wichtigen Punkt zu beachten: Je komplexer die Anforderungen der Kunden, desto komplexer ist die Integration, auch trotz Onvif- Standard.“ Für Harald Allerberger von Hanwha Techwin ersetzt Onvif ebenfalls nicht die separate Integration: „Es werden in der Praxis auch häufig Funktionen benötigt, die man mit Onvif gar nicht abdecken kann, diese kann man nur über die API abrufen. Deshalb wird es auch immer einen Unterschied geben in der Integrationstiefe.

Jeder Kamerahersteller hat eigene Funktionen, die er für gewisse Anwendungen entwickelt hat und ihn von anderen abheben. All diese Besonderheiten kann man mit einem Standard wie Onvif gar nicht abbilden. Dennoch hat Onvif am Markt durchaus seine Relevanz.“ Stuart Parris empfiehlt eine gelassene Sichtweise: „Ich möchte auch eine Lanze für Onvif brechen, denn ich denke der Standard hat einen schlechteren Ruf als er ihn eigentlich verdient. Onvif ist heute deutlich besser als zu dem Zeitpunkt als er eingeführt wurde. Und wenn man sich als Hersteller dort auch aktiv einbringt und die Schnittstelle sauber umsetzt, dann funktioniert Onvif heute für die allermeisten Funktionen gut.“ Wann man sich also für eine Integration mittels Onvif entscheidet oder wann man stattdessen auf eine Implementierung einer maßgeschneiderten Schnittstelle setzen sollte, ergibt sich also ebenfalls aus den eigenen Anforderungen und letztlich auch aus dem Budget, das für das Projekt zur Verfügung steht. Eine sinnvolle Integration kann sich auszahlen, wenn sie Prozesse optimiert, die allgemeine Sicherheit erhöht oder einfach Strukturen verschlankt. Dazu ist es nötig, dass Anwender, ihre Bedürfnisse kennen und klar formulieren können, damit Integratoren und Errichter passgenaue Angebote machen können. Diese wiederum müssen die Produkte der Hersteller und vor allem deren Grenzen kennen, weil sonst aus Integration schnell Frustration werden kann.

MG

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