Fachartikel aus W&S 6/2009, S. 7

Beschussklassen Waffen brauchen Normen und Widerstand

Im Rahmen der Haverkamp-Fachtagung „Neue Beschussklassen – Innovative Lösungen“ wurden aktuelle Probleme rund um die Normen und Richtlinien für Waffen und Munition beleuchtet.

Bild: Kalscheuer
Bernhard Haverkamp, Mitglied der Geschäftsführung der Haverkamp GmbH. (Bild: Kalscheuer)

An der Tagung für Sicherheitsexperten in Ulm nahmen rund 130 Sicherheits-verantwortliche aus Unternehmen und Behörden teil. „Die Entwicklung der Waffentechnik schreitet schneller voran als die Normierung der Beschussklassen“, erklärte Bernhard Haverkamp, Mitglied der Geschäftsleitung der Haverkamp GmbH. „Unser Ziel als Unternehmen der Sicherheitstechnik ist, Lösungen vorzustellen.“

Laut dem Leiter des Beschussamts Ulm, Rudolf Frieß, fördern vor allem die heutigen politischen Entwicklungen die Verbreitung von Waffen und Munition. „Wenn man bedenkt, dass es allein im Bereich von vier bis 14,5 Millimeter Munitionskaliber rund 400 Waffen gibt, wird klar, dass Normen und Regelungen erforderlich sind“, so Frieß. Zwar gebe es bereits zahlreiche Richtlinien und Standards, aber diese seien untereinander nicht verleichbar. „Die Normen und Richtlinien existieren nebeneinander her. Sie besitzen eigene Anforderungen, unterschliedliche Prüfverfahren und bieten daher kein gemeinsames Level für Verlgeiche“, sagte er.

Normen sind nicht deckungsgleich

Heute gebe es eine produktspezifische Gliederung der Normungslandschaft. So seien beispielsweise die Einstufungsklassen für Helme und Schutzwesten nicht deckungsgleich. Deshalb setzt sich der Leiter des Beschussamts in Ulm dafür ein, dass eine Vereinheitlichung der Prüf- und Messverfahren erfolgt, dass eine Allgemeine Prüfungsrichtlinie (APR) durchgesetzt wird und dass eine Akkreditierung von Prüfstellen nach EN 17025 erfolgen müsse. Das Beschussamt Ulm ist die staatliche Prüf- und Zertifizierungsstelle für Waffen und Sicherheitstechnik im VPAM, der Vereinigung der Prüfstellen für angriffshemmende Materialien und Konstruktionen. Der Verbund wurde 1999 gegründet und ist ein Zusammenschluss amtlicher, ziviler und militärischer Prüfstellen auf fünf europäischen Staaten, die durschschuss- und angriffshemmende Schutzausrüstungen prüfen und zertifizieren. Frieß befürwortete auch eine Richtlinie für das Abprallverhalten von Geschossen, beispielsweise in Schießstätten.

Sicherheitsstahl gegen Durchschuss

Dr. Hartmut Kaiser von ThyssenKrupp Steel GmbH zeigte indes, was die Stahlindustrie den Geschossen entgegenzusetzen hat: So werden Sicherheitsstähle wie der Secure 500 (die Zahl gibt den Härtewert an) für den ballistischen Schutz, Minen- und Sprengschutz eingesetzt. Neben der militärischen Nutzung hält die Panzerung aber auch in den Alltag Einzug.

Bild: Kalscheuer
Autotür nach einem Beschussversuch im Beschussamt Ulm. (Bild: Kalscheuer)
„Eingesetzt werden diese Stähle in Sonderschutz-fahrzeugen, Werttransportern, aber auch in Cockpittüren für Flugzeuge“, erläuterte Dr. Kaiser. Dabei sei sogar eine Prüfung für jedes einzelne Blech vorgesehen. Dabei garantiere eine zunehmende Belchdicke auch eine zunehmende Durchschussischerung. Allerdings müssen die Sicherheitsstähle weiterhin verbaubar sein und das optimale Zusammenspiel von Dicke, Härte und Zähigkeit des Materials erreicht werden. Denn kann sich ein spröder Stahl beim Aufprall eines Geschosses nicht verformen, bricht er und versagt als Schutzmaterial.

Der Waffenexperte Gerhard Wendl gab einen Einblick in die Welt der Handwaffen, sowohl die durch eine Person bedienbaren Kurzwaffen wie Faustfeuerwaffen, aber auch die Langwaffen (so genannte Handfeuerwaffen). Dabei erklärte Wendl, dass vor allem die hochenergetischen Langwaffen und Munitionen mit einer Energie von 600 bis 18.000 Joule von Terroristen und bei Organisierter Kriminalität eingesetzt würden.

Zwiebel-Modell schützt Gebäude

Um Haus und Hof zu schützen, hat Haverkamp das Schutzzonen-Modell entwickelt. Wie bei einer Zwiebel sind unterschiedliche Bereiche in mehreren Etappen abgesichert. So gibt es den Außenbereich, die Peripherie, die Gebäudeaußenhaut und letztendlich den inneren sicheren Hafen. „Wir verwenden lieber den Ausdruck Save Haven als Panic Room, der seit dem gleichnamigen Film mit Jodie Foster einen negativen Beiklang hat“, erklärte Ulrich Weynell von der Firma Haverkamp. Wichtig sei vor allem, dass das grünstichige Panzerglas inzwischen ausgedient habe. „Heute können Architektur und Sicherheit, Einbruch- und Durchschusshemmung ohne sichtbare Beeinträchtigung kombiniert werden“, sagte Weynell.

Folie sichert den Schwachpunkt Fenster

Bernhard Haverkamp stellte mit Hakagard ein Schiebefenster mit eine durchschusshemmender Sicherheitsverglasung nach DIN EN 1063 vor, die auch höherer Geschoss-Energie Stand hält. Vorverglasungen können sogar Sniper-Angriffen widerstehen. Um bestehende Fenster – vor allem auch in denkmalgeschützten Gebäuden – nachträglich abzusichern, kann auf eine Sicherheitsfolie zurückgegriffen werden. So schützen die Profilon-Folien von Haverkamp nicht nur gegen Lauschangriffe, sondern auch vor Durchwurf oder Glassplittern. Auch eine Folie mit Sprengwirkungshemmung oder mit integrierten Alarmfäden gehören zum Haverkamp-Portfolio.
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Nach einem Angriff mit Stahlkugel und Axt hält die Haverkamp-Spezialscheibe auch dem Molotow-Cocktail stand. (Bild: Kalscheuer)

Im Beschussamt Ulm wird beim Schießen auf solche Scheiben erprobt, ob das Geschoss das Glas durchdringen kann und ob die beschuss-abgewandte Seite intakt bleibt. Denn in einer Bank nutzt es nicht viel, wenn zwar das Projektil abgehalten wird, aber der Mitarbeiter durch herumfliegende Glassplitter schwer verletzt wird.

Auf dem Außengelände des Beschussamts Ulm erprobte Haverkamp in Angriffsszenarien mit Sprengstoff, Feuer, Äxten, oder schweren Gegenständen ähnlich wie Pflastersteinen, welchen Belastungen die Sicherheitsglasscheiben Stand halten können. Für Sonderschutz-fahrzeuge bietet Haverkamp auch besonders präparierte Fensterscheiben an, die zwar bei einem Angriff beschädigt werden, aber dennoch zusammenhängend bleiben. Sie können von potentiellen Angreifern von außen nicht eingedrückt werden. Ein Herausdrücken der Scheibe ist nur vom Innenraum her möglich.

Britta Kalscheuer

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