Foto: Kapinos

Tätererkennung in der Vortatphase

Awareness-Training für Sicherheitskräfte

Das Attentat wird zur Waffe des 21. Jahrhundert. Die Bedrohung der Sicherheit durch Terror und Kriminalität stellt ein massives Problem dar, mit welchem jeder Mensch mehr oder weniger in seinem Alltag konfrontiert wird. Um ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten, wäre es allerdings falsch, dazu nur auf Technik zu setzen.

Der Faktor Mensch sollte unbedingt miteinbezogen werden. Obwohl die Gewährleistung von Sicherheit ein hohes Ausmaß erreicht hat, lässt das subjektive Sicherheitsempfinden der Menschen oft auf das Gegenteil schließen. Angst scheint zu einem bestimmenden Merkmal moderner Gesellschaften geworden zu sein. Daher versucht der Staat, mittels geeigneten Maßnahmen ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Dabei lässt sich ein Wechsel von Ursachenforschung und -bekämpfung zur Implementierung von Präventions- und Kontrollmaßnahmen feststellen.

Frühzeitiges Erkennen

Von Entspannung der weltweiten Bedrohungslage kann derzeit jedoch keine Rede sein. Das Gegenteil ist der Fall, wie die jüngsten Anschläge in Russland, Paris, Brüssel und Istanbul gezeigt haben. Was nützt zum Beispiel eine Sicherheitsschleuse im Bahnhof (oder Airport), wenn sich ein Selbstmordattentäter dann in der Warteschlange in die Luft sprengt? Es ist eine Überlebensnotwendigkeit unserer gesellschaftlichen Ordnung, durch umfassenden Einsatz von Videoüberwachungstechnik sowie offene und verdeckte Ermittlungsarbeit zur Prävention terroristische oder kriminelle Aktionen möglichst frühzeitig zu entdecken und deren Ausführung zu verhindern. Jedoch ergibt sich aus dieser Entwicklung eine Gefahr – nämlich die Technikgläubigkeit und das totale Vertrauen und Verlassen auf die Technik durch Menschen.

Schon eingetretene begrenzte Stromausfälle zeigen diese Problematik recht deutlich. Forschungsprojekte und Entwicklungen zur automatisierten und datengestützten Verhaltenserkennung könnten eine ergänzende Alternative bilden. Sie bergen jedoch die Gefahr in sich, dass eine flächendeckende automatisierte und digitalisierte Verhaltenserkennung zur Verhaltensveränderung bei Menschen führen wird. Dies bedeutet dann eine Einschränkung der individuellen Freiheit und wird von Datenschützern abgelehnt. Auch wenn Planung und Vorbereitung terroristischer oder krimineller Aktionen nicht entdeckt werden, besteht bis kurz vor der Tatbegehung, also in der „Vortatphase“ eine Chance, das Vorhaben zu erkennen und zu verhindern. Diese Chance lässt sich erhöhen, wenn Sicherheitspersonal systematisch dafür sensibilisiert und ausgebildet wird. Die Ausbildungsinhalte von Personenschützern im behördlichen sowie privaten Kontext sowie zivilen Fahndern gibt dazu eine brauchbare Blaupause.

Ausbildungsprogramm „Awareness an Gefahrenorten“

In Zusammenarbeit mit der Security des Airport Hamburg und Studierenden der Hochschule der Polizei Hamburg sowie in der Hochbahnwache Hamburg (ÖPNV) entwickelten Dozenten des VSWN ein diesbezügliches Trainingsprogramm, dessen Praxistauglichkeit belegt wurde. Ausgangspunkt war, dass auch modernste Überwachungstechnik die menschliche Wahrnehmungsfähigkeit bislang noch nicht ersetzen, sondern nur unterstützen kann. Der Schlüssel kann deshalb nur sein, die Wahrnehmungsfähigkeit der Personen, die Sicherheitsaufgaben an Gefahrenorten ausüben, zu fördern.

Von Vorteil ist auch, dass ein gezieltes, kurzfristiges Beobachten ohne technische Hilfsmittel von Menschen und deren Aktionen und Interaktionen nach herrschender Meinung keinen Rechtseingriff darstellt. Zusätzliche gesetzliche Eingriffs-ermächtigungen sind somit nicht erforderlich. Es geht vorrangig um das Wecken und die Förderung der Fähigkeiten des Sicherheitspersonals, verdächtiges menschliches Verhalten in der Vortatphase bei der Vorbereitung und Durchführung von Anschlägen oder bei der Durchführung anderer krimineller Aktivitäten zu erkennen. Die derzeit vorhandene Technik dient der Abschreckung und Prävention sowie im Tatfall der repressiven Täterermittlung und der Tatrekonstruktion.

Zwei Phasen

In allen Fällen haben der/die Täter in diesen Tatplanungsphasen in zwei Stadien, nämlich der Vortat- sowie der Entschlusstatphase, im Rahmen der Tatbegehung (Modus Operandi) typische Täterprofile und Verhaltensmuster gezeigt, die vom normalen Verhalten stark abweichen. Diese Muster und Bewegungsabläufe hätten durchaus die Aufmerksamkeit beim Sicherheitspersonal erregen und als verdächtiges Verhalten beurteilt werden können. Dazu zwei Beispiele: Auf dem Flughafen Istanbul trug einer der Attentäter trotz warmen Wetters eine Art Steppjacke, unter der sich mit Sicherheit die Sprengweste befand. Alle anderen Personen am und im Objekt waren leicht bekleidet. Im Flughafen Brüssel trugen zwei Täter beim Schieben des Gepäcktrolly jeweils nur an der linken Hand einen Handschuh. Erkennung bezeichnet einen kognitiven Prozess der Abstraktion, bei dem eine Wahrnehmung einem Begriff oder Konzept zugeordnet wird.

Das Programm Awareness an Gefahrenorten (AGO) hat demzufolge das Ziel, die Verhaltensmuster oder – profile von Straftätern beziehungsweise Attentätern einem Konzept der Erkennung zuzuordnen. In den bisher durchgeführten Seminaren wurde herausgefunden, dass die „Adaptoren“ ein wesentliches Element zur Erkennung von Verhaltenstendenzen, Verhaltensmuster und emotionalen Zuständen darstellen und somit die theoretische und praktische Wissensvermittlung darauf fokussiert ist. Insbesondere die Adaptoren können Hinweise auf den Grad der Erregung geben. So deuten zum Beispiel Händekneten, „Nesteln“ oder Hand-Hals-Gesten auf den Versuch der Erregungsabfuhr hin. Auch wenn die Täter aus anderen Kulturkreisen stammen, sind die Adaptoren vergleichbar und kaum trainierbar. Nach diesen Erkenntnissen darf sich das Sicherheitspersonal von kulturellen und äußerlichen Unterschieden nicht leiten lassen und daraus Schwerpunkte ableiten.

Das Programm Awareness an Gefahrenorten (AGO) hat demzufolge das Ziel, die Verhaltensmuster oder – profile von Straftätern beziehungsweise Attentätern einem Konzept der Erkennung zuzuordnen. In den bisher durchgeführten Seminaren wurde herausgefunden, dass die „Adaptoren“ ein wesentliches Element zur Erkennung von Verhaltenstendenzen, Verhaltensmuster und emotionalen Zuständen darstellen und somit die theoretische und praktische Wissensvermittlung darauf fokussiert ist. Insbesondere die Adaptoren können Hinweise auf den Grad der Erregung geben. So deuten zum Beispiel Händekneten, „Nesteln“ oder Hand-Hals-Gesten auf den Versuch der Erregungsabfuhr hin. Auch wenn die Täter aus anderen Kulturkreisen stammen, sind die Adaptoren vergleichbar und kaum trainierbar. Nach diesen Erkenntnissen darf sich das Sicherheitspersonal von kulturellen und äußerlichen Unterschieden nicht leiten lassen und daraus Schwerpunkte ableiten.

Das Gehirn trainieren

Aus der Wahrnehmungs- und Kognitionspsychologie wissen wir, dass das Gehirn eines Menschen trainierbar ist, weil die Wahrnehmung von bestimmten „Reizmustern“ (hier die Verhaltensmuster und – weisen) erlernbar ist. Dieses System verlangt jedoch geschulte Mitarbeiter und deren Bereitschaft zur Aufmerksamkeit. Auf diesen Grundlagen sollten Mitarbeiter von privaten Sicherheitsfirmen und Behördenmitarbeiter, wie der Polizei und Zoll durch

  • theoretische Wissensvermittlung über spezifische wahrnehmungs-, kommunikations- und emotionspsychologischen Grundlagen,
  • einer praktischen Durchführung (Übung) durch Darstellung realer Situationen in Zusammenarbeit mit Leitstellen
  • und einer anschließenden Auswertung mit Wissensvertiefung

in der Form sensibilisiert werden, dass sie, mit einem Motivationsschub versehen, die erworbenen Erkenntnissen praktisch und operativ anwenden können. Behandelt werden daher im AGO-Seminar

  • Vermittlung wissenschaftlicher, psychologischer und sicherheitsrelevanter Erkenntnisse,
  • das Beobachten des Arbeitsumfeldes,
  • das Erkennen von besonderen Verhaltensweisen und verdächtigen Gegenständen,
  • das Einschätzen als mögliche Vorbereitungshandlung terroristischer und krimineller Aktionen,
  • das Reagieren als professioneller und umsichtiger Mitarbeiter.

Hier geht es vorrangig um die Erkennung sowie Meldung an die Leitstelle und das Zusammenwirken mit der Leitstelle (gezielte Videoüberwachung, verdeckte Kräfteheranführung, Meldung an die Polizei) und die weitere Beobachtung. Die gewonnenen psychologischen und praktischen Erkenntnisse wurden im Rahmen einer Evaluation in das anwenderorientierte Programm als Maßnahmen- und Leitlinienmodell eingebaut: Die Leitlinien des Ausbildungskonzepts, wie sich Sicherheitsmitarbeiter verhalten sollten, sind somit mit der geltenden Rechtsprechung vereinbar, da es sich hier um kurzfristige „Observationen“ im Rahmen eines kurzen „Beobachtens“ handelt, welche die Freiheit des Einzelnen nicht beeinträchtigen, keinen psychischen Zwang darstellen und das staatliche Gewaltmonopol nicht tangieren.

Faktor Mensch

Sicherheit kann nicht allein durch weitere technische Innovationen geschaffen werden, sondern entsteht aus dem möglichst reibungsfreien Zusammenspiel von Technik, organisatorischen Rahmenbedingungen und professionellem Sicherheitspersonal mit hohem Ausbildungsstand. Somit stimmt AGO mit einer Forderung des Flughafenverbands ADV nach speziell ausgebildetem Sicherheitspersonal an Flughäfen zur Verhaltenserkennung überein. Neben kritischen Infrastrukturen, wie Flughäfen und Bahnhöfe, kommen aber auch Einkaufszentren, Großveranstaltungen, der öffentliche Personenverkehr sowie öffentliche Einrichtungen als Nutzer in Frage.

KHK a.D. Klaus Kapinos, Mitglied im Fachbeirat Sicherheitsmanagement an der Hochschule für Management und Sicherheit Northern Business School Hamburg und verantworlich für die Öffentlichkeitsarbeit des VSWN e.V.

Foto: Kertho/Pixelio

VSWN

Awarenesstraining für Flughafenpersonal

Der Verband für Sicherheit in der Wirtschaft Norddeutschland e.V. (VSWN) unterstützt die Forderung des Flughafenverband ADV nach mehr Einsatz von Mitarbeitern zur gezielten Beobachtung an Airports. Der Einsatz von speziell dafür geschultem Personal ist richtungsweisend.

Foto: Fotolia/Animaflora

Sicherheitswirtschaft und Terrorismusbekämpfung

Potenziale nutzen

Der islamistische Terrorismus ist nicht nur in Paris und Brüssel angekommen. Auch Deutschland liegt im Zielspektrum dieser Terroristen. Angesichts der konkreten dschihadistischen Gefahr stellt sich die Frage, in welcher Weise die Sicherheitswirtschaft einen Beitrag zur Terrorismusbekämpfung leisten kann.

Foto: Deutsche Bahn AG

Verkehrsnetze

Das System im Blick

In der Vergangenheit hat es immer wieder Anschläge auf den öffentlichen Personenverkehr gegeben. Gerade weil diese Ziele vermeintlich leicht zu treffen sind, stellt sich die Frage, wie sich Maßnahmen zum besseren Schutz entwickeln lassen. Das Projekt „Rikov“ will hier Lösungsansätze präsentieren.

Foto: Ralf Prokop (GNU / CC BY-SA 3.0 DE)

Awareness-Forschung

Radikalisierungen früh erkennen und bremsen

Unternehmen können sich, selbst wenn sie dies wollten, gesellschaftspolitischen Konflikten nicht entziehen. EU- oder auch US-Gesetze verpflichten sie zu Anti-Terror-Screenings und auch im eigenen Interesse sucht die Wirtschaft nach Wegen, möglichst frühzeitig potentielle Gefährder zu erkennen: Ein aktueller oder früherer Mitarbeiter, der als IS-Attentäter auffällt, oder eine unentdeckte betriebliche Spendensammlung für Terroristen wäre nicht gut fürs Image.

Special Zutrittskontrolle: Informieren Sie sich rund um den Themenbereich der Zutrittskontrolle

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