Gehen bald in Deutschland die Lichter aus? Wie können sich Unternehmen auf einen Blackout vorbereiten? 
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Gehen bald in Deutschland die Lichter aus? Wie können sich Unternehmen auf einen Blackout vorbereiten? 

Katastrophenmanagement

Blackout: Wie sich Unternehmen darauf vorbereiten können

In Fachkreisen stellt sich nicht mehr die Frage ob, sondern wann ein Blackout eintreten wird. Unternehmen und Organisationen können sich darauf vorbereiten.

Noch nie war das Thema sichere Stromversorgung derart komplex wie heute; durch die Abhängigkeit von so vielen, teils geopolitischen Faktoren erreicht das Szenario eines Blackouts für Unternehmen und Organisationen die bisher höchste Wahrscheinlichkeit. Diese wird in den kommenden Monaten und Jahren weiter ansteigen, denn allein der Klimawandel hat bereits heute einen wesentlichen Einfluss auf Versorgungssicherheit und wird dies auch in Zukunft weiter haben.

Voraussetzung für die Betrachtung des Szenarios Blackout ist ein einheitliches Verständnis und eine gemeinsame Definition: „[Als Blackout] wird ein längerdauernder, großflächiger Stromausfall bezeichnet, der mehrere Staaten gleichzeitig betreffen kann und dessen Auswirkungen weitreichend sind, konkret aber, aufgrund der fehlenden Erfahrungswerte, schwer abschätzbar sind.“ (Oberösterreichischen Zivilschutzverband).

Blackout – wo stehen wir?

Um das Szenario Blackout realistisch betrachten zu können, lohnt zunächst ein Blick auf die aktuelle Lage der Stromversorgung in Deutschland. Fangen wir mit einer guten Nachricht an: Die Stromunterbrechungsdauer pro Kunde nimmt seit Jahren ab. Mit 10,2 Minuten pro Kunde 2020 gab es einen Rekord. Im Vergleich zu anderen europäischen Staaten liegt Deutschland damit auf Topniveau. In den USA beispielsweise muss ein Kunde mit fast einer neun Mal so hohen Nichtverfügbarkeit leben. Stromausfälle in Deutschland, zumal über längere Zeiträume, sind also bislang extrem selten. Das ist die Historie –mit Blick auf das Krisenmanagement für künftige Ereignisse hilft sie allerdings nur sehr eingeschränkt. Tatsächlich wäre es ein Fehler, aus den Erfahrungen der Vergangenheit Gewissheiten für die Zukunft abzuleiten.

Worauf steuern wir zu?

Die Stromversorgung wurde in Deutschland über die Jahre immer besser und sicherer, was die Abrüstung vieler Sicherheitskonzepte zur Folge hatte. Aber leider gibt es mittlerweile viele Faktoren mit wachsender Bedeutung, die das Risiko für einen Blackout deutlich erhöhen. Betrachten wir nur die letzten drei Jahre, sehen wir eine Vielzahl von Krisen und Katastrophen, welche sich direkt auf die Stromversorgung auswirken:

  1. Die Coronapandemie: Der Ausfall von Personal in Kraftwerken und bei Netzbetreibern, die Verschiebungen von Wartungen und Lieferprobleme bei notwendigem Material.
  2. Hochwasser: Bei einem langfristigen Ausfall von Infrastrukturkomponenten können in extremen Fällen auch Erzeugungsanlagen längerfristig nicht zur Verfügung stehen. Das Hochwasser in Ahrweiler hat uns gezeigt, wie vulnerabel unsere Infrastruktur ist.
  3. Krieg gegen die Ukraine: Allein aus diesem Krieg resultieren viele potenzielle Ursachen für einen Blackout. Die Ukraine hat das ukrainische Netz aus dem Verbund mit Russland und Belarus entkoppelt und sich in diesem Jahr mit dem westeuropäischen Netz verbunden. Neu ist hier die Gefahr eines politisch motivierten Blackouts, der Kampf um die Hoheit des größten europäischen Kernkraftwerks Saporischschja in der Ukraine und die potenzielle Gasmangellage in weiten Teilen Europas. Letztere hat nicht nur Einfluss auf unsere Wärmeversorgung, sondern auch auf die Stromerzeugung, denn die wichtige Regelenergie für kurzfristige Strombedarfe wird sowohl von Wasserkraftwerken als auch von Gaskraftwerken geliefert. 
  4. Klimawandel: Hier sind uns noch gar nicht alle potenziellen Risiken bekannt, aber schon heute müssen (Kern-)Kraftwerke heruntergefahren werden, wenn die Kühlung wegen zu geringer Wasserstände oder auch zu hoher Flusstemperaturen nicht möglich ist. Aktuell kann in Europa die benötigte Kohle an vielen Stellen wegen niedrigen Pegelstände nicht mehr über den Wasserweg zu den Kohlekraftwerken transportiert werden. Unwetter, teilweise sogar Tornados verursachen Leitungsschäden, und die starke Hitze hat einen negativen Einfluss auf die Strommengen, die über die Trassen transportiert werden können. Extreme Temperaturen reduzieren den Stromertrag bei Photovoltaikanlagen und senken die Luftdichte und somit auch die Menge des erzeugten Stroms aus Windkraftanlagen. Geringe Niederschläge reduzieren die Einsatzbereitschaft der wichtigen Wasserkraftwerke. Zurzeit erwägt Norwegen deshalb, seinen Stromexport zurückzufahren.

Blackout: Krisenvorsorge für Unternehmen in 7 Schritten

Der BVSW bietet Unternehmen auf seiner Kampagnen-Homepage strukturierte Informationen und Checklisten zur Krisenvorsorge im Falle eines Blackouts.
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Unternehmen und Organisationen müssen in Szenarien denken

Neben diesen Krisen kommen weitere Bedrohungen hinzu, die für das Verständnis der Herausforderung „Blackout“ wichtig sind. Es hilft uns nicht, einfach abzuwarten, wir müssen die Lage beurteilen und versuchen, bei wachsenden Risiken in verschiedene Richtungen zu denken.

  • Cyberangriffe speziell auf die Energieversorger - sowohl Erzeuger als auch Netzbetreiber. 
  • Zunehmende Komplexität des Netzmanagements, welches ursprünglich für die Verteilung aus großen zentralen Kraftwerken zum Endverbrauer konzipiert wurde. Jetzt speisen auch viele dezentrale Erzeuger ein Vielfaches der in einem Netzgebiet benötigten Strommengen ein. Und ihre Anzahl wird mit dem Ausbau erneuerbarer Energien weiter steigen.
  • Die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung des Energiemanagements (zum Beispiel Smart-Meter) bringt neue Sicherheitsanforderungen und damit auch Risiken mit sich.
  • Der kurzfristige Ausstieg aus der Kernenergie und der mittelfristige Ausstieg aus der Kohleverstromung reduziert wesentlich den Anteil der regelbaren Erzeuger im Netz. Folglich steigt die Abhängigkeit von nur eingeschränkt steuerbaren Erzeugern.
  • Die Substitution fossiler Antriebe und der Umstieg auf Wärmepumpen erhöhen den zukünftigen Strombedarf und stellen zusätzliche Kapazitätsanforderungen an die bestehenden Netze.

Die Komplexität eines Blackouts ist enorm. Wesentlich ist dabei, dass es sich per Definition um eine Katastrophe handelt und die Unternehmen nur einen sehr eingeschränkten Entscheidungs- und Handlungsrahmen haben. Wobei dazu schon umfangreiche Erfahrungen währende der Coronapandemie gesammelt werden konnten. Bei einem Blackout wären die Auswirkungen aber deutlich extremer.

Richard Branson sagte: „Der beste Weg, etwas zu lernen, ist es zu tun.“ Diese Empfehlung sollte Organisationen motivieren, sich im Rahmen einer Übung auf einen Blackout einzustellen, um geeignete Maßnahmen zu identifizieren. Und sei es bei einem Logistikunternehmen nur die Vorgabe, ab einem bestimmten Zeitpunkt den Tank maximal halbleer zu fahren. Im Rahmen einer derartigen Übung sollte durch ein Worst-Case-Brainstroming ein Maximum an relevanten Facetten, welche die Organisation betreffen könnten, aufgezeigt werden.

Es kommt sicher anders …

Der Staat kann, wie schon bei Corona erfahren, nur eingeschränkt für jegliche Szenarien inklusive der unbekannten vorsorgen. Er muss aber im Fall eines Katastropheneintritts umgehend Maßnahmen einleiten. Die Energieversorger intensivieren den Ausbau von „schwarzstartfähigen“ Kraftwerken, die allein wieder ihren Betrieb aufnehmen können. Fast alle Windparks und Photovoltaikanlagen können nicht unabhängig Strom liefern. Mit Hilfe der autarken Kraftwerke sollen Netzinseln ermöglicht werden, um dezentral die Stromversorgung wieder aufzubauen.

Egal, welches Szenario eine Organisation annimmt, es wird auf jeden Fall anders kommen. Dennoch ist es wichtig, bestimme Szenarien zu durchdenken und mögliche Maßnahmen abzuleiten. Bei einem echten Blackout weiß man dann viel schneller, was konkret zu tun ist.

Ralf Marczoch, Geschäftsführer Mata Solutions GmbH