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Foto: Thinkstock/ violetkaipa
Es darf ein bisschen mehr sein: Die Bigs-Studie zeigt, dass die deutsche Sicherheitswirtschaft wächst.

Bigs-Studie zur Sicherheitswirtschaft

Deutliches Wachstum

„Die Sicherheitswirtschaft in Deutschland“ – Akteure, Kunden, Themen, Perspektive? Diesen Fragen hat sich das Brandenburgische Institut für Gesellschaft und Sicherheit (Bigs) in einer Studie gewidmet. PROTECTOR befragte dazu Dr. Tim Stuchtey, den geschäftsführenden Direktor.

PROTECTOR: Zunächst einmal: Was oder wer steckt hinter „Bigs“?

Dr. Tim Stuchtey: Das Bigs ist ein anwendungs-orientiertes Forschungsinstitut, das mehrheitlich von der Transfergesell-schaft der Universität Potsdam getragen wird. Daneben sind noch die Unternehmen Airbus, IABG und Rolls-Royce an der gemeinnützigen Gesellschaft beteiligt.

Und wie finanzieren Sie sich?

Der Großteil unserer Forschungsarbeit wird über Drittmittel wie zum Beispiel dem Sicherheitsforschungsprogramm der Bundesregierung oder durch Studienaufträge finanziert.

Sie legen jetzt die Ergebnisse Ihrer zweiten Studie vor. Diese ist im Rahmen des Projekts „Ein wirtschaftswissenschaftliches Indikatorensystem zur Messung von Sicherheit und Sicherheitswirtschaft in Deutschland (Wisind)“ entstanden. Banale Frage: Wie misst man Sicherheit?

Sicherheit messbar zu machen ist wichtig, damit wir in unserer Gesellschaft die richtigen Entscheidungen treffen können. Denn es gibt ja oft einen Unterschied zwischen der gefühlten und der tatsächlichen Bedrohung. Ein einfaches Beispiel: Durch Haiangriffe sterben jährlich weltweit etwa zehn Menschen. Durch Infektionen, die über Moskitos übertragen werden, sterben jährlich 750.000 Menschen. Dabei ist Sicherheit nichts anderes als eine Funktion von Bedrohung und Schutz. Eine Gesellschaft, ein Unternehmen oder der Bürger versuchen, Bedrohungen durch Schutzmaßnahmen zu kompensieren, um das gewünschte Sicherheitsniveau zu schaffen. Schutz kann dabei sowohl gesamtgesellschaftlich über den Staat bereitgestellt werden als auch von kleineren Gruppen oder gar einzelnen Haushalten. Die Frage, der das Bigs nachgeht, ist, welchen Beitrag zum Schutzniveau unserer Gesellschaft die Sicherheitswirtschaft in Deutschland leistet. Hierfür haben wir im vergangenen Jahr nun zum zweiten Mal eine Umfrage innerhalb dieser Branche durchgeführt.

Aus welchen Akteuren setzt sich die „Sicherheitswirtschaft“ zusammen?

Leider hat sich weder in der Wissenschaft noch in der Praxis bislang eine einheitliche Definition dieser Branche durchgesetzt. Daher sind die unterschiedlichen Studien, die sich dieser Branche widmen, kaum miteinander vergleichbar. Am Bigs haben wir eine relativ breite Definition von Sicherheitswirtschaft gewählt, die sowohl die Sicherheitsdienstleister, wie zum Beispiel das Wach- und Schutzgewerbe, die Anbieter von Sicherheitstechnologie – also etwa Einbruchmeldeanlagen – sowie IT-Sicherheitsunternehmen und ihre Verbände umfasst.

Die Marktzahlen, die man zum Beispiel von den Verbänden erhält, sind ja sehr divergierend. Von welcher Basis sind Sie da ausgegangen?

Wir haben insgesamt knapp 6.000 Unternehmen ermittelt, die in dem Bereich tätig sind, den wir als „Sicherheitswirtschaft“ definieren. In der ersten Umfrage wurden knapp 700 zufällig ausgewählte Unternehmen aus diesem Gesamtpool telefonisch befragt. Die Umfrageergebnisse erlauben uns Rückschlüsse auf die Struktur der gesamten Branche.

Diese Basisstudie haben wir nun mit einem Trendbericht fortgeschrieben, für den wir etwa 230 Unternehmen über Entwicklungen in ihrem Geschäftsfeld, aktuelle Trends sowie über den Umfang ihrer Aktivitäten elektronisch befragt haben.

Und welches sind zusammengefasst die wichtigsten Erkenntnisse?

Dank unserer Befragung haben wir inzwischen eine relativ gute Vorstellung über die Struktur der Sicherheitswirtschaft. Wir wissen, dass in diesem Wirtschaftsbereich insgesamt 450.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, und rund 35 Milliarden Euro im Jahr umgesetzt werden.

Und, wichtiger noch, die Branche wächst stark! Allein für dieses Jahr erwarten die Unternehmen ein Wachstum von 5,6 Prozent. Für die nächsten Jahre wird sogar ein Wachstum von über sechs Prozent erwartet. Und das zeigt uns auch, dass es ein wachsendes Sicherheitsbedürfnis gibt, das der Staat nicht alleine bedient. Es gibt eine Tendenz zur Privatisierung von Sicherheit. Wobei private Haushalte hier eher eine untergeordnete Rolle spielen. Die größten Einkäufer von privaten Sicherheitsangeboten sind Unternehmen und die öffentliche Hand.

Hat sich hier etwas gegenüber dem Vorjahr verändert?

Die Datenreihe ist noch zu kurz, um abschließend Trends zu definieren. Aber der Vergleich der bisherigen Untersuchungen zeigt, dass es vor allem im Bereich der IT-Sicherheit nach der NSA-Affäre einen massiven Wachstumsschub gibt. Außerdem gibt es einen Trend zur Internationalisierung und wohl auch zur Konsolidierung. Gerade bei traditionellen Sicherheitsdienstleistungen gibt es eine Konzentrationstendenz am Markt. Es wird spannend sein zu sehen, ob die Politik – zum Beispiel mit der Einführung des Mindestlohns – hier Tendenzen verstärkt.

Haken wir hier kurz nach: Wie sieht es bei der IT-Sicherheit genauer aus?

Die Branche wächst extrem stark. Nach der NSA-Affäre gibt es hier einen echten „Snowden-Effekt“. Deutsche IT-Sicherheitsunternehmen erwarten für die kommenden Jahre ein stark überdurchschnittliches Wachstum von 6,9 Prozent. Zum Vergleich: Die Gesamtwirtschaft wächst voraussichtlich um 1,5 Prozent im Jahr. IT- Sicherheit, der Schutz von Daten und Netzwerken, das ist derzeit das große Thema.

Und welche weiteren Trends sind bei der Sicherheitstechnik und den -dienstleistungen zu erkennen?

Neben dem Meta-Trend IT-Sicherheit schätzen die Unternehmen vor allem die Entwicklung und Vermarktung integrierter Systeme als besonders wichtig ein. Außerdem sehen knapp 80 Prozent aller befragten Unternehmen einen Trend in Richtung eines verstärkten Schutzes kritischer Infrastrukturen. In der Politik ist das auch ein Thema. Und selbst in der Öffentlichkeit wird darüber gesprochen, spätestens seitdem der Roman „Blackout“ auf den Best- seller-Listen steht.

Von besonderem Interesse ist für die Hersteller natürlich die Frage, was sich der Kunde an Sicherheitstechnik wünscht und was er künftig dafür investieren will. Sind Sie auch an Kunden herangetreten?

Nein, eine vollständige Marktanalyse haben wir bisher noch nicht vorgenommen. Es ging uns erst einmal darum, überhaupt in Erfahrung zu bringen, wie sie aussieht, die Sicherheitswirtschaft in Deutschland. Wir würden eine solche Untersuchung aber tatsächlich gerne durchführen, um ein vollständiges Bild zu erhalten und zum Beispiel den erwähnten Trend zur Privatisierung von Sicherheit besser zu verstehen.

Und zum Schluss Ihr persönliches Zwischenfazit: Was möchten Sie der Sicherheitswirtschaft mit auf den Weg geben?

Bei aller Vorsicht, aber es gibt schon eine kleine Faustregel für den Erfolg: Unternehmen, die selbst oder mit Partnern eigene Forschung und Entwicklungsaktivitäten betreiben, wachsen überdurchschnittlich stark. Auch Exportaktivitäten sind ein guter Indikator für überdurchschnittliches Wachstum.

Natürlich macht es nicht für alle Unternehmen Sinn, selbst Forschung und Entwicklung zu betreiben oder Auslandsmärkte zu erschließen. Dennoch sollte sich eine Unternehmensleitung überlegen, ob eine Beteiligung zum Beispiel am nationalen Sicherheitsforschungsprogramm, dem europäischen Pendant „Horizon 2020“ oder den Exportfördermaßnahmen der Bundesregierung nicht sinnvoll wären. Gerade klein- und mittelständische Unternehmen nutzen diese Angebote noch relativ wenig, um Wettbewerbsvorteile gegenüber der in- und ausländischen Konkurrenz zu erlangen.

Interview: Annabelle Schott-Lung

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