Foto: Reveal Media

Bodycams

Die Kamera an der Uniform

Was Polizisten, Sanitätern, Wachleuten, Fahrkartenkontrolleuren oder Ordnungsamtsmitarbeitern entgegengeschleudert wird, würde den normalen Bürger erblassen lassen. Viele Schimpfwörter muss man überhören, aber oft werden auch Grenzen überschritten, wenn zur verbalen noch körperliche Gewalt hinzukommt.

Eine Anzeige wegen Beleidigung oder Bedrohung ist erfolgreicher, wenn es Zeugen gibt oder andere Beweise, wie zum Beispiel Video- und Tonaufnahmen, für das Verhalten des Beschuldigten vorliegen. Einige Polizeieinheiten verfügen über Videoteams zur Beweissicherung und Dokumentation. Diese kommen aber meist nur bei größeren Lagen (Fußball, Demo) zum Einsatz. Für den täglichen Streifendienst wäre aber eine kleine Kamera hilfreich, die der Polizist mit sich führen kann.

An dieser Stelle setzten kleine Videokameras an, die an der Uniform getragen werden können. Die Frage ist, ob diese auch für den polizeilichen Dienst praktikabel sind. Eine Minikamera an der Sonnenbrille angeclipt ist in USA sicher öfter zu verwenden als in unseren Breiten, zumal der Bürger seinem polizeilichen Gegenüber auch gern in die Augen sieht. Und wie steht es mit der Handhabung? Lässt sich die Kamera auch unter Stress ohne „Fummelei“ einschalten? Hat man danach die Hände frei oder muss man die Kamera in Richtung des Täters halten?

Hinzu kommt auch der rechtliche Aspekt: Fällt der Einsatz unter „Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes“ oder ist es eine verdeckte Videoüberwachung, wenn der Bürger nicht erkennt oder rechtzeitig darauf hingewiesen wird, dass man sein Verhalten jetzt aufzeichnet?

Das Gegenüber ist im Bild

Mit all diesen Aspekten hat sich die Firma Reveal Media aus England beschäftigt und ein System entwickelt, welches mittlerweile bei den dortigen Polizeibehörden – aber auch anderen Anwendern – weit verbreitet ist. Das System in der Größe eines Handys wird an die Uniformtasche geclipt, ein großer, auch mit Handschuhen bedienbarer Ein/Aus-Schalter befindet sich an der Seite. Die eigentliche Kamera ist oberhalb platziert und lässt sich neigen und schwenken.

Der Unterschied zu anderen Minikameras besteht im Monitor: Dieser zeigt in Richtung des Gegenübers, er sieht sich also selber und erkennt damit, dass er nun „im Bild“ ist. Zusätzlich blinkt auch noch eine rote LED auf der Oberseite des Gerätes, die auf die laufende Aufnahme hinweist. Von einer verdeckten Videoüberwachung kann nun also keine Rede mehr sein.

Untersuchungen in England zeigen, dass sich durch das Tragen der Kamera eine drastische Änderung bei polizeilichen Einsätzen ergibt: In der Gemeinde Leeds, die Kameras von Reveal Media angeschafft hatte, ergaben sich folgende Ergebnisse: Angeschafft wurden zehn Kameras für 30 Polizisten. Die Kameras wurden auf die Problembezirke verteilt. Der Grund für den Einsatz der Kameras war, das Verhalten der Person vor der Kamera (Bürger) zu verändern und in einigen Fällen auch das Verhalten der Person dahinter (Polizist).

Durch den Einsatz von zehn Kameras wurde die Anzahl der Zwischenfälle um 30 Prozent reduziert. Weiterhin wurden die Aufnahmen zu Schulungszwecken verwendet. Man konnte einigen Polizisten zeigen, dass verschiedene Techniken, die sie verwendeten, zu einer Eskalierung statt zu einer Deeskalierung führten. Durch diesen Hinweis konnte der Polizist mit den meisten Vorfällen 2009 diese im Jahr 2010 um 50 Prozent Prozent senken.

65 Prozent weniger Angriffe

Die Erfahrungen bei anderen Behörden sind ähnlich: Im Fareham Borough Council wurde eine Reduzierung der Angriffe auf die Mitarbeiter um 65 Prozent in den ersten neun Monaten des Kameraeinsatzes verzeichnet. Im nächsten Jahr fand eine weitere Reduzierung um 80 Prozent statt, und die von einer Kamera aufgenommenen Beweise wurden vor Gericht verwendet. In Aberdeen wurden in den Ortsteilen Northfield und Mastrick Kameras eingesetzt. Während in Gesamt-Aberdeen die Anzahl der Straftaten nur um ein Prozent sank, gab es im gleichen Zeitraum in den beiden Orten mit Videokameras eine Reduzierung um 26 Prozent.

Es wurde festgestellt, dass der Einsatz der Kameras schon in einem frühen Stadium dazu führte, dass Täter sich schuldig bekannten. Dies führte auch zu einer Verkürzung und Verringerung (nächste Instanz) von Gerichtsverfahren. Durch die unwiderlegbaren Beweise gaben die Täter das Leugnen der Tat frühzeitig auf.

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