Foto: Pixelio.de/Martin Büdenbender

Amokalarm an Schulen planen

Die Quadratur des Kreises?

Auf Sicherheit bezogene technische Lösungen pflegen oft genug Kompromisse zu sein, weil die Anforderungsprofile und die Bereitschaft, Geld dafür auszugeben, deutlich auseinanderklaffen. So manches ursprüngliche Konzept bleibt aber auch auf der Strecke, wenn unterschiedliche Interessengruppen in die Entscheidungsprozesse involviert sind.

Wie es dennoch möglich ist, unter solchen Rahmenbedingungen eine Lösung zu finden, macht Tobias Töpfer, Projektentwickler der Firma Klink-Popp Elektroplanungs GmbH, gegenüber W&S am Beispiel Amok- und Sicherheitsalarme in Schulen deutlich.

Amok- und Gefahrenreaktionssysteme stellen dabei ein überaus gutes Exempel dar. Die Ausgangssituation ist, dass alle solche technischen Systeme haben wollen und niemand ihre Notwendigkeit bestreitet. Die Zahlen sprechen letztlich für sich: Bernd Ammelung, der Vorsitzende des ZVEI-Arbeitskreises "Amokalarm an Schulen", hat festgestellt, dass beispielsweise in Berlin die Anzahl der Amok- und Gefahrenlagen die Brandfälle inzwischen um das Drei- bis Dreieinhalbfache übersteigt. Doch für Amoksituationen gibt es - im Gegensatz zu Brandlagen - keine ausreichenden Normen und Richtlinien. Statt rechtlicher Vorgaben zählt hier allein der Konsens.

Suche nach der Lösung

Eine solche Situation fand auch der Projektentwickler Töpfer bei einem Planungsauftrag größeren Umfangs (mehr als 20 Schulen) in einer Großstadt im Rhein-Main-Gebiet vor. Das "Was" war klar definiert, nur zum "Wie" hatte jede Seite andere Vorstellungen. Und "Seiten" gibt es viele, wenn es um Schulen geht. Gerade in diesem Bereich ist die Anzahl der Interessengruppen überdurchschnittlich hoch.

Da sind zum ersten die Schulleitungen und Eltern, die oft hochengagiert bei der Sache sind, aber keinerlei Entscheidungskompetenz in finanziellen Fragen haben. Hinzu kommen die Vertreter des Schulträgers, der Hochbauämter (beziehungsweise Facility Management), der Politik und nicht zuletzt der Polizei. Lehrer und Eltern wollen selbstredend die beste verfügbare Lösung, bei der administrativen Seite stehen die Kosten im Fokus, und die Politik trachtet nicht selten nach einer populären, schnell verfügbaren Lösung. Das Beste wollen sie alle, aber jeder will es aus seiner ganz spezifischen Sichtweise.

Ein Planer, der sein Projekt über die Ziellinie bringen will, muss mehr sein als ein technischer "Erfüllungsgehilfe", so sieht es Tobias Töpfer. Nach seinen Worten besteht die moderne Rolle des Fachplaners darin, "Integrator, Moderator und gewissermaßen auch Mediator zu sein". Es gehe nicht darum, die eigene Lösung oder ein favorisiertes Produkt zu "verkaufen", sondern durch geschicktes Vermitteln eine pragmatische Lösung zu finden, die für alle beteiligten Seiten passt.

Wichtig ist es, als erstes den konkreten Bedarf zu ermitteln. Was soll die Anlage können? Nur alarmieren, ohne dass im Einzelfall bestimmt werden kann, welches gefährdende Ereignis dahintersteht? Oder die große Lösung mit automatischem Schließsystem und Kommunikationsmöglichkeit mit den betroffenen Bereichen und Personen in der Amok- oder Gefahrenlage? Und was ist bezahlbar?

Neutralität wichtig

Ein gutes Beratungsgespräch beginnt nach Angaben von Tobias Töpfer damit, dass der Planer sämtliche möglichen und machbaren technischen Lösungsansätze neutral präsentiert und zur ergebnisoffenen Diskussion stellt, und zwar unabhängig von seinen eigenen Präferenzen. Wenig zielführend sei es, nur das vorzustellen, was man als Planer eigentlich von Vornherein haben will. Denn eine tendenziöse manipulative Gesprächsführung bewirkt das Gegenteil von dem, was der Planer eigentlich erreichen möchte. Sie führt zu massiver Verunsicherung und erzeugt ein Klima, in dem ein Konsens kaum zu erwarten ist.

Was jedoch problemlos bereits in der Frühphase festgelegt werden kann (und sogar muss), ist ein Mindeststandard, der keinesfalls unterschritten darf. Denn kein Kompromiss darf so weit gehen, dass die Wirksamkeit der betreffenden Lösung in Frage steht oder lediglich zur einer Alibi-Funktionalität führt.

Völlig verfehlt wäre es dabei, so Tobias Töpfer, von schnellen Entscheidungsprozessen auszugehen. Ein langer Atem sei vonnöten, denn es könne durchaus ein Jahr ins Land gehen, bis die Lösung komplett ist. Insider wissen aus Erfahrung: Kaum etwas ist komplizierter und komplexer als ein Abstimmungsprozess, an dem mehr als eine Person beteiligt und mehr als eine Interessenlage zu berücksichtigen ist.

Von großer Bedeutung sei es, alle Beteiligten gleichermaßen in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen. Das sei nicht einfach, denn in der Praxis passiere es immer wieder, dass Beteiligte bei Treffen verhindert sind. Wegen Terminüberschneidungen, oder weil sie die jeweilige Unterredung für nicht so wichtig halten. Solche Gesprächspartner dürften keinesfalls "links liegen gelassen" werden.

Wenn einzelne Teilnehmer nicht präsent waren, müssten sie wieder "abgeholt" werden, sagt Tobias Töpfer. Das bedeutet konkret, sie wieder auf den aktuellen Gesprächsstand zu bringen und erneut in das Team zu integrieren. Der tiefere Sinn dafür liegt auf der Hand: Jeder der Gesprächspartner kann das Projekt zum Scheitern bringen. Und gerade das subjektive Gefühl Einzelner, nicht genügend in die Meinungsfindung einbezogen zu sein, sprich das fünfte Rad am Wagen zu sein, ist ein klassisches Motiv für eine Verweigerungshaltung. Das Optimum hat ein Planer erreicht, wenn sämtliche Teilnehmer mit einem guten Gefühl aus der Unterredung gehen.

Denn keiner der Beteiligten ist unwichtig, wie fälschlich gedacht wird. Wer kein Entscheider ist, ist auf jeden Fall ein Beeinflusser, der auch ohne finanzielle Kompetenzen viel bewegen oder zum Erliegen bringen kann. Beide Gruppen, Entscheider wie Beeinflusser unter einen Hut zu bringen, ist des Planers höchste Kunst.

Das "Abholen" und Integrieren ist auch dann von eminenter Bedeutung, wenn sich innerhalb der Gesprächsgruppe personell etwas ändert. "Ein Wechsel bedeutet immer eine Störung", betont Tobias Töpfer. Es liege in solchen Situationen am Geschick des Planers, reaktiv mit solchen Situationen umzugehen.

Technik im Fokus

Ein Tipp von Tobias Töpfer ist es, bereits am Anfang der Gespräche die Technik in den Vordergrund zu stellen, also das "Was" und nicht das "Wie". Wenn sich die Teilnehmer über die Art oder die Bandbreite der Technik geeinigt haben - ob es der gelbe Druckknopf mit einem Alarm für alles oder eine Applikation sein soll, die mehr kann und mehr kostet - lösten sich die Fragen des Prozedere auf wesentlich unkompliziertere Weise.

Auf die Technik bezogen, sollte der Planer sowohl souverän als auch kreativ vorgehen. Tobias Töpfer erkannte bei dem besagten Planungsauftrag, dass mit keinem der am Markt erhältlichen Modelle die Zielvorgabe optimal umzusetzen war. Der Planer sprach deshalb mit Herstellern über die Möglichkeiten einer maßgeschneiderten Lösung, die nicht aus dem Katalog stammt.

Es gibt noch viel zu tun für Planer und Errichter. 40.000 Schulen gibt es in Deutschland, und ein Amok- und Gefahren-Reaktionssystem haben die wenigsten. Deshalb bietet der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. Hilfestellungen an. An Planer, Errichter, Nutzer und kommunale Entscheidungsträger richtet sich eine Tagungsreihe unter dem Thema "Amok- und Gefahren-Reaktionssysteme - Sicherungskonzepte für Schulen ausschreiben, planen und errichten", die seit dem 15. März bis zum 21. Juni 2012 in unterschiedlichen Großstädten abgehalten wird.

Auch die ZVEI-Unterlagen zum Thema Amok- und Gefahrensituationen werden in sehr starken Maße nachgefragt. Die erste Auflage der Broschüre "Amok- und Sicherheitsalarme" war mit 5000 Exemplaren schnell vergriffen. Dadurch werde erfreulicherweise deutlich, dass die Bedeutung der Thematik zunehmend erkannt wird, so Arbeitskreisvorsitzender Bernd Ammelung.

Klaus Henning Glitza

Didacta 2012

ZVEI informiert über besseren Schutz für Schulen

Mehr Sicherheit an Schulen steht im Mittelpunkt der Messepräsenz des ZVEI - Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie auf der Bildungsmesse Didacta 2012 in Hannover.

ZVEI

Tagung „Amok an Schulen“ mit neuen Terminen

Die firmen- und produktneutrale Fachtagung „Amok- und Gefahren-Reaktionssysteme – Sicherungskonzepte für Schulen ausschreiben, planen und errichten“ mit begleitender Ausstellung findet im November und Dezember 2011 an fünf Zusatzterminen in mehreren deutschen Großstädten statt.

Foto: Feuerwehr Pirna

Schulsicherheit im Fokus der Didacta

Ideale Plattform

Den Themen Amok- und Sicherheitsalarme wird künftig bei der Bildungsmesse Didacta ein höherer Stellenwert eingeräumt. Für 2014 ist geplant, dass Anbieter und unterstützende Institutionen wie Bundeskriminalamt und Feuerwehr auf einer gemeinsamen Sonderfläche ausstellen.

Foto: Schneider Intercom

Neue Notrufsystem- Norm tritt in Kraft

Besser 0827 als 08/15

Am 1. Juli 2016 wurde eine neue technische Norm für Notruf- und Gefahren-Reaktionssysteme in öffentlichen Gebäuden wie Behörden oder Schulen und Kitas veröffentlicht. Die Richtlinie beschreibt ganz konkret die Anforderungen, die neue Kommunikationsanlagen in Not- und Gefahrenfällen künftig erfüllen sollten.

Special Zutrittskontrolle: Informieren Sie sich rund um den Themenbereich der Zutrittskontrolle

×