Foto: London Metropolitan Police

Sicherheitskonzept bei Olympia 2012

Die Spiele sind eröffnet

Am 27. Juli 2012 beginnen die 30. Olympischen Sommerspiele in London. Hunderttausende Besucher werden in der britischen Hauptstadt erwartet, dazu tausende Athleten und Betreuer aus über 200 Ländern. Für die Metropole bedeuten die Spiele eine enorme Herausforderung an die Logistik und vor allem an die Sicherheit.

Nicht zuletzt, da London 2005 Opfer mehrerer gezielter Terroranschläge war und letztes Jahr mit schweren Unruhen zu kämpfen hatte. Die Verantwortlichen haben es daher mit ganz unterschiedlichen Bedrohungslagen zu tun. W&S wirft einen Blick auf das umfangreiche Sicherheitskonzept.

Es sollen Spiele der Superlative werden. London ist die erste Stadt, die die Spiele zum dritten Mal beherbergt. Dabei werden auch keine Kosten gescheut. Insgesamt soll die Ausrichtung der Olympiade mindestens 9,3 Milliarden Pfund (rund elf Milliarden Euro) kosten, gegenüber 2,4 Milliarden Pfund in der ursprünglichen Planung von 2005. Ein Großteil der Kosten entfällt auf den Ausbau und Erneuerung der Infrastruktur. Ebenso wie die Strukturkosten ist im Laufe der Planung allerdings auch der Etat für die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen angewachsen, nämlich auf mittlerweile etwa eine Milliarde Pfund.

Vielfältige Bedrohungslage

Mit der Bekanntgabe Londons als Austragungsort begann alsbald auch die Planung und Konzeptionierung der Sicherheit der Spiele. Hierzu fertigte das britische Innenministerium einen Bericht (The Olympic Safety and Security Strategic Risk Assessment - OSSSRA) an, in dem eine Risikobewertung der Spiele in der Hauptstadt vorgenommen wurde. Demnach sind Bedrohungen aus fünf Bereichen denkbar: Terrorismus, Organisierte Kriminalität, inländischer Extremismus, Unruhen und größere Schadensereignisse. Der Bericht berücksichtigt dabei nicht nur physische Schäden an Personen oder Eigentum, sondern auch solche an kritischen Infrastrukturen und mögliche Imageverluste für die Hauptstadt beziehungsweise die Regierung als Ganzes.

In den Bedrohungsszenarien steht die Gefahr des Terrorismus an erster Stelle. Die möglichen Angriffe reichen von konventionellen mit Sprengstoff über solche mit biologischen, chemischen oder sogar nuklearen Kampfstoffen. Ebenso werden Angriffe auf die virtuelle Infrastruktur, Cyber-Attacken, nicht ausgeschlossen. Bei Tausenden von Menschen, die sich an öffentlichen Orten überall in der Hauptstadt versammeln und die öffentlichen Transportmittel nutzen werden, besteht hier ein vordringliches Handlungsgebot.

Im Vergleich zur Gefahr eines Terroranschlags sind die anderen Bedrohungslagen zwar nicht zu unterschätzen, doch sind Abwehrstrategien gegen diese vergleichsweise erprobt. Für die Organisierte Kriminalität beispielsweise stellen die Spiele eine lukrative Möglichkeit dar, durch manipulierten Ticketverkauf Profit zu machen, weswegen hier besondere Anstrengungen zur sicheren Vergabe unternommen worden sind. Unter größere Schadensereignisse würde etwa das Ausbrechen von Krankheiten oder der Zusammenbruch der Transportsysteme fallen.

Abwehrstrategien

Für die einzelnen Bedrohungslagen, insbesondere die Gefahr durch terroris-tische Anschläge, haben die Organisatoren der Spiele zusammen mit den Behörden ein detailliertes Konzept ausgearbeitet, das den verschiedenen Szenarien Rechnung tragen soll. Zunächst einmal wollen die Behörden durch einen hohen personellen Aufwand die Sicherheit gewährleisten. Hierzu kommandiert das Verteidigungsministerium insgesamt 13.500 Soldaten aus den verschiedenen Teilstreitkräften für die Spiele ab. Unter anderem unterstützen 5.000 Soldaten die Polizei und die zivilen Kräfte bei ihren Aufgaben und stellen Spezialisten des Kampfmittelräumdienstes bereit. Ferner sind etwa 3.500 Männer und Frauen zusätzlich zum Personal an den Spielstätten eingeplant.

Insgesamt werden die Spiele von etwa 23.700 Sicherheitskräften begleitet, entgegen den ursprünglich geplanten 10.000. Logistische und notfalls militärische Hilfe und Koordination der Einheiten gewährleisten ferner diverse Kriegsschiffe, von denen eines auf der Themsemündung stationiert sein wird. Dazu kommen noch zahlreiche Hubschrauber zur Aufklärung und Unterstützung sowie modernste Kampfflugzeuge auf Abruf. Besonderes Augenmerk gilt auch der Themse selbst. Zu ihrer Absicherung werden Spezialeinheiten der Marine und der Polizei gemeinsam den Fluss patrouillieren. Das Verteidigungsministerium schließt auch die Aufstellung von Raketenluftabwehrsystemen nicht aus, um potenzielle Bedrohungen aus der Luft neutralisieren zu können.

Videoüberwachung aller Orten

Ein weiterer Baustein in der Gefahrenabwehr und -prävention bildet das ausgedehnte Videoüberwachungsnetz, das London bereits 2011 nach den schweren Unruhen eingesetzt hat, um nachträglich Straftäter zu identifizieren. Dabei nutzten die Behörden eine Gesichtserkennungssoftware, die möglicherweise auch bei den Spielen 2012 verwendet werden soll. Für die Überwachung aus der Luft stünden bei Bedarf neben Hubschraubern auch Drohnen, UAV (Unmanned Aerial Vehicle) bereit. Das bei der Übergabezeremonie der Spiele 2008 in London eingesetzte System lieferte über mehrere Stunden hinweg Bilder und Videoaufnahmen der Menschenmenge an verschiedene Bodeneinheiten. Die kompakte Bauweise der mehrrotorigen Drohnen ermöglicht einen schnellen Einsatz vor Ort. Der Nachteil liegt in den Kosten und der Trainingszeit, um die kleinen Multikopter bedienen zu können. Die Polizei dürfte daher verstärkt Hubschrauber mit einer Reihe unterschiedlicher optischer Systeme für diverse Lichtverhältnisse nutzen.

Ferner ist der gesamte öffentliche Personenverkehr auf Schienen, der der Zuständigkeit der britischen Bahnpolizei untersteht (British Transport Police BTP), kameraüberwacht. Herzstück des Überwachungssystems ist die 2006 eröffnete Zentrale, in der alle Informationen und Berichte zusammenlaufen. Die Mitarbeiter überwachen alle kritischen Schienenverkehrsbereiche in und um London, zu denen auch das weitläufige U-Bahnnetz gehört. Insgesamt lassen sich in der Zentrale Informationen von über 10.000 Kameras aufschalten und auswerten. Dieses System gilt als besonders wichtig, um im Ernstfall rechtzeitig Maßnahmen dirigieren zu können.

Auch virtuell gerüstet

Ein weiteres im Strategiepapier OSSSRA genanntes Risiko betrifft Störungen und Angriffe durch Cyber-Attacken. Dass die Gefahr durchaus als real einzuschätzen ist, beweisen die Erfahrungen der Spiele 2008 in Peking: Über zwölf Millionen virtuelle Angriffe hat es während und außerhalb der Spiele gegeben. Für die nun stattfindenden Spiele befürchten die Organisatoren eher einen Angriff auf die Finanzinstitutionen des Landes, wobei Hackattacken auf die Spiele als Ablenkung genutzt werden könnten. Dies schließt etwa Versuche ein, das Ticketverkaufssystem zu manipulieren oder direkt Einfluss auf die elektronischen Messverfahren oder die Anzeige/Ergebnissysteme zu nehmen. Eine Maßnahme dagegen ist die soweit als mögliche Isolation kritischer Systeme von internetbasierten Zugängen. Zusätzlich testen die Betreiber der Systeme diese mit umfangreichen eigenen Attacken, die möglichst alle Spektren abdecken und Schwachstellen rechtzeitig vor Beginn der Spiele aufdecken sollen. Die Tests beinhalten sowohl das Einschleusen von Computerviren als auch das Abschalten von Servern und andere technische Probleme.

Aufmerksamkeit und Training

Während die Behörden und Verantwortlichen große Anstrengungen im Bereich technischer und operativer Sicherheit unternehmen, setzt die Polizei auch auf die Mitarbeit und Hilfe der Bevölkerung. Die Polizei hat dafür eine vierwöchige Anti-Terror Kampagne gestartet, die sich an Bewohner und Besucher gleichermaßen richtet. Eine vertrauliche Telefon-Hotline nimmt Anrufe entgegen, und ein erfahrenes Team von Polizeibeamten wertet diese auf verwertbare Informationen aus. Die Bürger werden in den Werbeanzeigen und Radiospots ermuntert, jede Art von verdächtigem Verhalten oder ungewöhnliche Beobachtungen zu melden. Da alle Informationen gründlich geprüft würden, bevor die Behörden etwaige Maßnahmen ergreifen, sei das Risiko falscher Verdächtigungen laut Polizei gering.

Um die zahlreichen Sicherheits- und Rettungskräfte auf einen Ernstfall vorzubereiten, wird es zudem eine Reihe von Übungen geben, die möglichst realitätsnah verschiedene Szenarien behandeln. In einer Übung, die Ende Februar durchgeführt wurde, simulierte man etwa einen Anschlag auf die Londoner U-Bahn an einem der betriebsamsten Tage. Etwa 2.500 Mitarbeiter der Polizei, Rettungs- und Feuerwehrkräfte waren an der Groß-übung beteiligt. Neben den eigentlichen Rettungsmaßnahmen stand auch die Kommunikation zwischen verschiedenen Stellen und Diensten im Mittelpunkt, ein zentraler Aspekt, denn eine reibungslose Kommunikation ist für eine schnelle und effiziente Hilfe unabdingbar.

Sichere Spiele?

Die britische Regierung und die lokalen Behörden und Organisatoren werden alles in ihrer Macht stehende tun, um die Olympiade so sicher wie möglich zu machen. Dass es dennoch keine hundertprozentige Sicherheit geben kann und wird, zeigt allein die Dimension von über 800.000 zu erwartenden Besuchern. Die bestmögliche Vorbereitung besteht sicherlich in der Berücksichtigung der Eventualfälle und Schadensereignisse sowie in der Ausbildung der beteiligten Kräfte. Das notwendige Abhalten von Übungen und das Testen der physischen wie virtuellen Infrastruktur sowie eine gute polizeiliche Präventionsarbeit können die faktische wie auch die gefühlte Sicherheit der Bewohner und Besucher zusätzlich erhöhen.

Hendrick Lehmann

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