Der Geirangerfjord ist ein beliebtes Reiseziel für Touristen. An den Felshängen lauert allerdings eine tödliche Gefahr.
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Katastrophenmanagement

Digitale Sirenen

Am Geirangerfjord droht ein riesiger Bergrutsch einen Tsunami auszulösen. Um die Menschen rechtzeitig warnen zu können, wurde ein mobiles Alarmierungssystem installiert.

Jedes Jahr zieht der Westen Norwegens mit seinem weltberühmten Geirangerfjord Hunderttausende Touristen an, die auf einer Kreuzfahrt die beeindruckende Landschaft genießen. Wo die Besucher von wilder Natur, steilen Felswänden und fast senkrecht abfallenden Wasserfällen schwärmen, sehen die Einheimischen vor allem eine drohende Naturkatastrophe. Instabile Bereiche könnten als Erdrutsch ins Wasser abgleiten und eine riesige Tsunamiwelle erzeugen. Schuld daran ist der angrenzende Berg Åkerneset. Jährlich sackt er mehrere Zentimeter in sich zusammen, zudem vergrößert sich eine Spalte am Hang kontinuierlich. Bei einem Felsabbruch könnten nach Berechnungen von Geologen rund 80 Millionen Kubikmeter Gestein in den Fjord stürzen. Zur Verdeutlichung: Mit einer gleich großen Menge an Steinen befüllte Lastwagen würden aneinandergereiht locker einmal die Welt umrunden.

Die Auswirkungen wären fatal: Die aus großer Höhe und fast senkrecht mit immenser Geschwindigkeit in den Fjord krachenden Felsen könnten eine Flutwelle von bis zu 80 Metern Höhe auslösen. Umliegende Dörfer würden innerhalb weniger Minuten von dem Tsunami getroffen werden. Die Zahl ziviler Opfer würde sich noch einmal massiv erhöhen, wenn genau zum Zeitpunkt des Unglücks drei oder vier Kreuzfahrtschiffe mit Tausenden von Menschen am Ende des Fjordes ankern.

Berg gespickt mit Sensoren

Keiner weiß genau, wann es passiert. Dass die Ängste aber nicht unbegründet sind, zeigt die Tsunami-Katastrophe aus dem Jahr 1934. Nicht unweit vom Geirangerfjord, im Tafjord hatte sich in der Nacht des 7. April eine vergleichsweise kleine Felsmasse gelöst. 40 Bewohner umliegender Ortschaften hatten angesichts einer gut 60 Meter hohen Flutwelle keine Chance. Um eine weitere Katastrophe zu vermeiden und Menschen rechtzeitig evakuieren zu können, wurde das interkommunale Unternehmen Åknes/Tafjord Beredskap IKS gegründet. Deren Verantwortliche überwachen einerseits geologische Bewegungen von Gestein und Sediment mit Hilfe von GPS-Sensoren, Seismographen, Lasermessgeräten und Videokameras. Durch die kontinuierliche Beobachtung des Berghangs können sie früh genug Alarm auslösen und rechtzeitig vor einem Felsrutsch Umsiedlungen oder Evakuierungen durchführen. Andererseits hat sich Åknes/Tafjord Beredskap IKS für das Location Based Alerting System (LBAS) der Everbridge-Tochter Unified Messaging Systems (UMS) entschieden, um Einheimische und Touristen im Ernstfall über ihre Mobiltelefone rechtzeitig warnen zu können.

Alle Menschen vor Ort informieren

Das Location Based Alerting System identifiziert dazu alle Mobiltelefone in einem bestimmten geografischen Bereich anhand von Standortinformationen, unabhängig ob das Gerät mit der SIM-Karte eines lokalen Telekommunikationsunternehmens betrieben wird oder über die Roaming-Funktion auf das Netz zugreift. Dazu berechnet das System, welche Basisstationen das angegebene Gebiet abdecken, findet dann die Teilnehmer, deren letzter Standort sich auf diesen Basisstationen befand, und sendet die Nachricht per SMS in verschiedenen Sprachen. So wird sichergestellt, dass Einheimische und Touristen gleichermaßen über eine drohende Naturkatastrophe informiert werden. Die Verantwortlichen von Åknes/Tafjord Beredskap IKS können mit der UMS-Lösung die Dichte, Verteilung und Gesamtzahl der Personen in einem Gebiet einschließlich der Nationalität in Echtzeit visualisieren. Möglich wird das durch die Verknüpfung von LBAS mit den Komponenten der Telekom-Betreiber. Die Privatsphäre jedes Einzelnen wird dabei nicht verletzt: Details über den physischen Standort werden nicht gespeichert oder in irgendeiner Weise offengelegt, alle Informationen bleiben beim Netzwerkbetreiber.

Genauso wichtig ist, dass die Kommunikation bidirektional stattfindet. Durch Rückmeldungen beziehungsweise ihr Ausbleiben weiß das Krisenteam, wer sich in Sicherheit befindet oder ob man die nächste Eskalationsstufe einleiten muss. Im Gegensatz zu gängigen Warn- und Informationssystemen, für die sich die Nutzer entweder erst registrieren oder eine entsprechende App herunterladen müssen, verzichtet das LBAS auf solche „Hürden“: Die Lösung erfordert keine Vorkonfiguration oder Anmeldung, wirklich alle Menschen vor Ort werden anhand ihres aktuellen Standorts identifiziert und benachrichtigt.

Keine Staugefahr

Angesichts der großen Anzahl an Touristen in der Hochsaison legten die Verantwortlichen des Åknes/Tafjord-Projekts auch Wert darauf, dass die Lösung bei Bedarf schnell zu skalieren ist, damit es zu keinen Engpässen beim Versenden der Warnnachrichten kommt. Genauso wenig darf es zu Engpässen im Netz kommen. Die Fähigkeit, Zigtausende Personen innerhalb kurzer Zeit zu alarmieren, ist gerade in Notsituationen eine zwingende Voraussetzung. Das erhöht allerdings die Belastung des öffentlichen Netzes und kann schließlich zu Behinderungen und gar Überlastungen führen. Um dies zu vermeiden und um eine größtmögliche Ausgabe von Nachrichten zu gewährleisten, verwendet das LBAS fortschrittliche Lastausgleichs- und Zellverteilungsalgorithmen sowie Durchflusskontrolltechniken. Darüber hinaus bietet die Lösung eine optionale ortsabhängige Sperrkomponente, die in der Lage ist, andere Dienste zu blockieren, um Notfallwarnungen in Echtzeit an alle Mobilfunkteilnehmer verschicken zu können.

Andere Länder, andere Regelungen

Wie die Länder ihre Bürger im Notfall informieren, ist bislang unterschiedlich geregelt. In den USA und Japan beispielsweise arbeiten Behörden und Mobilfunkanbieter zusammen und nutzen Cell-Broadcast-Technologie, um an jeden Mobilfunknutzer in einer Gefahrenzone eine Warnung per SMS zu schicken. Einzige Einschränkung: Der Smartphone-Besitzer kann diese Funktion im Betriebssystem deaktivieren. Eine automatische Warnung per SMS ist in Deutschland allerdings quasi ausgeschlossen, denn die Cell-Broadcast-Technologie ist hierzulande nicht mehr in UMTS- und LTE-Netzen implementiert. Wer in Deutschland vor Katastrophen und anderen Zwischenfällen via Mobilgerät gewarnt werden will, ist bislang auf eine der unterschiedlichen Apps angewiesen oder muss sich bei einem Mail-Verteiler anmelden.

Das geht der EU nicht weit genug – sie arbeitet gerade an einer Regelung für Notfallwarnsysteme. Im Rahmen der EWGC-Richtlinie sollen alle Mitgliedsstaaten sicherstellen, dass entsprechende Systeme – einschließlich der Übertragung von Warnungen über Mobiltelefone – vorhanden sind. Zudem prüft die Europäische Kommission die Möglichkeiten, ein einheitliches EU-weites Notrufsystem einzurichten, ohne dass sich der Nutzer extra anmelden oder registrieren muss.