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Sicherheit im ÖPNV

Emotional aufgeladen

Täglich streben Millionen Bürger mit den Fahrzeugen des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) zu ihrem Gelderwerb. Die Zahlen steigen erfreulich. Und objektiv – also statistisch – ist der ÖPNV auch weitgehend sicher. Doch Realität und Empfinden klaffen deutlich auseinander.

Subjektiv empfinden die Passagiere öffentlicher Verkehrsmittel häufig eine gewisse Unsicherheit, deren Ursache ihnen nicht immer bewusst ist. Gestützt wird dieses latente Gefühl durch die Dramatisierung einzelner Vorfälle durch die Medien. Das Unsicherheitsgefühl ist keineswegs nur bei Frauen, Alten und Gebrechlichen vorhanden, auch Jugendliche sind davon betroffen. Ihre Unsicherheit basiert auf der Furcht vor Gleichaltrigen. Eine junge Frau dazu: „Die Mädels haben Angst vor der Anmache der Prolls und die Jungs vor den Provokationen der anderen Jungs“ – vorweggenommenes Verhalten; sie wissen, was kommen kann.

Auf der Suche nach dem Warum

Wer sich unsicher fühlt, wird öffentliche Verkehrsmittel nicht oder weniger nutzen, das füllt die Straßen mit Autos und schmälert die Einnahmen der Verkehrsunternehmen. Sie sind daher gut beraten, wenn sie sicherheitsfördernde Maßnahmen ergreifen, was sie auch tun. Allerdings ohne über die Folgen einzelner Maßnahmen genau Bescheid zu wissen. In einem Verbundvorhaben mit dem sperrigen Titel „Subjektive Sicherheit im ÖPNV-Test und Evaluation Ausgewählter Maßnahmen (SuSiteam)“ gehen Experten den Wirkungsweisen und dem Zusammenspiel einzelner bereits existierender Maßnahmen nach.

Die insgesamt fünf Projektpartner stehen für Erfahrung und Kompetenz im ÖPNV: eine Forschungseinrichtung (Zentrum Technik und Gesellschaft der Technischen Universität Berlin (ZTG)), ein Verkehrsverbund (Verkehrsverbund Berlin Brandenburg GmbH (VBB)) sowie drei Verkehrsunternehmen – die Verkehrsbetriebe Brandenburg an der Havel GmbH (VBBr), die Oberhavel Verkehrsgesellschaft mbH (OVG) und die S-Bahn Berlin GmbH (S-Bahn). Neben der Überprüfung, wie einzelne Maßnahmen der jeweiligen Verkehrsbetriebe wirken, wurde untersucht, wie sich bauliche und technische Maßnahmen, der Personaleinsatz vor Ort und kommunikative Maßnahmen auf das Sicherheitsempfinden auswirken.

Im Dunkeln ist’s leicht munkeln

Bei SuSis Untersuchungen kam heraus, dass Zeichen von Verwahrlosung Unsicherheitsgefühle im öffentlichen Raum fördern. Hier ist besonders die Bahn gefordert. Manche Bahnhöfe gleichen Müllhalden, zerbrochene oder zugenagelte Fenster, verschmierte Wände und verrottende Toiletten treten jedes subjektive Sicherheitsbedürfnis geradezu mit Füßen. Lange, dunkle und stinkende Gänge sind tatsächlich unsicher und werden auch so empfunden. Sie schädigen das Image des ÖPNV und vergraulen potentielle Nutzer. Schwer vermittelbar bei Milliardengewinnen der Bahn.

So werden helle und saubere Bahnhöfe und Haltestellen gefordert mit verständlichen Informationsdurchsagen. Das Netz der Notrufsäulen auf den Bahnsteigen muss insbesondere im Bereich der S-Bahnen weiter ausgebaut werden und die bereits vorhandenen noch deutlicher gekennzeichnet und beworben werden.

Service statt Security

Mehr Personal auf der Fläche, gängige Praxis im Handel, um Inventurverluste zu drücken, ist nicht unbedingt die Lösung. Es kommt vielmehr darauf an, dass das Personal, das sich auf Bahnsteigen, an Haltestellen und sonstigen Einrichtungen des ÖPNV aufhält, als Helfer wahrgenommen wird. Das bedeutet, dass die Mitarbeiter, die diese Aufgabe übernehmen, geschult werden, um kompetent Auskunft über beispielsweise Fahrpläne und Verspätungen geben zu können. Sie sollten eher als Service- denn als Sicherheitspersonal empfunden werden. Sicherheitskräfte haben weit verbreitet ein eher negatives Image und erwecken darüber hinaus oft den Eindruck, dass der Ort, an dem sie sich aufhalten, auch unsicher ist. Nach wie vor aber vermitteln Polizeibeamte beispielsweise an Brennpunkten das größte Sicherheitsgefühl. „Wir müssen vom reinen Sicherheitsdenken wegkommen und den Service in den Fokus nehmen“, sagt Heike Rau, beim VBB zuständig für die Abteilung Service & Sicherheit sowie maßgeblich an der Erarbeitung von SuSi beteiligt, und weiter: „mehr Service heißt mehr Sicherheit“.

Leere Züge und Busse in den Abendstunden sind Gift für die subjektive empfundene Sicherheit. Begleitendes Servicepersonal wäre ebenso wünschenswert wie durchgängige Waggons, die inzwischen von den Verkehrsbetrieben verstärkt bestellt werden.

Kein Schluck mehr aus der Pulle

Ein ständiges Ärgernis und oft Ursache für das Unwohlsein der Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel ist der übermäßige Konsum von Alkohol im Bereich des ÖPNV. Er stellt einen erheblichen Stör- und Gefährdungsfaktor dar. Unberechenbare Reaktionen von Betrunkenen, Pöbeleien bis zu echten Bedrohungen der Reisenden, Verdreckung, zerbrochene Flaschen mit der Gefährdung durch Splitter machen Alkoholgenuss zum Kernproblem.

Seit September 2011 gilt im Hamburger Verkehrsverbund ein Alkoholkonsumverbot. Vorreiter in Sachen Alkoholabstinenz ist das Bahnunternehmen Metronom, das bereits seit 2007 Stoff an Bord verbietet - mit beachtlichen Erfolgen in Sachen Sauberkeit und Wohlgefühl. Auch andere Städte sind auf den Dreh gekommen, Dortmund, Aachen und Bielefeld setzen unter anderen auf alkoholfreie Nahverkehrsnetze.

Alkoholfreie Busse und Bahnen sind nach Ansicht der Hamburger Passagiere sauberer, das Verhalten der anderen Passagiere sei „besser“ und das Sicherheitsgefühl ist größer. Die einzelnen Verkehrsunternehmen, die für die Vandalismusschäden aufkommen müssen, verzeichnen zudem bei Alkoholkonsumverboten deutlich sinkende Schadensraten. Dr. Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) bezeichnet das Hamburger Verbot als „gutes Beispiel, das auch in anderen Städten Schule machen wird“. Für die Polizei ist Alkohol ohnehin schon seit langem der „Gewaltförderer Nummer Eins“.

Tatsächlich zeigen Erfahrungen, dass selbst Gegner des Verbotes inzwischen durchaus die guten Seiten anerkennen. Die Bahn zuckt jedoch noch zurück, sie glaubt an den „verantwortungsvollen“ Umgang mit Alkohol bei den meisten Reisenden.

Videoüberwachung ist politisch gewollt

Bis zu den Terroranschlägen von London war die physische Sicherheit im ÖPNV eine Selbstverständlichkeit. Dabei ging es meist um Verspätungen, funktionierende Bremsen, auch betrunkene Reisende und kabbelnde Jugendliche. Erst mit der verhältnismäßig schnellen Aufklärung mithilfe der in Großbritannien weit verbreiteten Videotechnik begann auch in Deutschland ein Umdenken. Kameras wurden hoffähig. Rund achtzig Prozent der Bürger begrüßen trotz bedenkentragender Datenschützer die Videoüberwachung sowohl innerhalb der Busse und Bahnen wie auch auf den Bahnhöfen und Haltestellen, aber auch an öffentlichen Plätzen.

Die im Dezember letzten Jahres nicht detonierte Bombe vom Bonner Hauptbahnhof, die ja eher zufällig entdeckt wurde, scheuchte Sicherheitsbehörden und Bahn zudem auf, ist doch die reale Bedrohung plötzlich ganz nah. Nun wird bessere Zusammenarbeit zwischen Bahn und Staatspolizei versprochen. Bei der Überwachung der Bahnhöfe will man nun enger zusammenarbeiten. Auch Innenminister Hans-Peter Friedrich hat sich für eine Ausweitung der Videoüberwachung ausgesprochen: Mit verstärkter und verbesserter Videotechnik ließen sich „Gewalttäter abschrecken und Straftaten und geplante Anschläge aufklären“ Nur: Wer soll das bezahlen? So ziert sich denn auch die Bahn, zusätzliche hochauflösende PTZ-Kameras mit der entsprechenden Aufzeichnungstechnik in den Bahnhöfen zu installieren – es sind simple Kostenüberlegungen.

Mitschnitt als Beweismittel

Die Kamerabestückung von Bussen und Bahnen ist inzwischen Standard, es gibt kaum noch ein Verkehrsunternehmen, das nicht beim Ordern neuer Fahrzeuge Kameras zur Kontrolle des Geschehens mitbestellt und gleichzeitig ältere Fahrzeuge nachrüstet. Werden noch Anti-Scratching-Folien aufgebracht, wird auch dem Vandalismus in Bussen und Bahnen wenn nicht gleich Einhalt geboten, so doch die Ausführung erschwert und die Verfolgung erleichtert. Der Mitschnitt einer dolosen Tat ist ein Beweismittel, alleine schon deshalb lohnt sich der verstärkte Einsatz von Kameras.

Noch einmal Heike Rau: „Wir müssen die Aufenthaltsqualität auf Bahnhöfen, Haltestellen und in Fahrzeugen verbessern“, damit komme man dem Ziel einer optimalen subjektiven Sicherheit im ÖPNV näher. Der Leitfaden von SuSiteam „Subjektive Sicherheit im ÖPNV“ kann dabei helfen.

Michael Hassenkamp

Foto: Heag Mobilo

Videoüberwachung im ÖPNV

Alles im Blick

Millionen Menschen nutzen täglich den öffentlichen Personennahverkehr. Immer wieder kommt es dabei zu gewalttätigen Übergriffen, zu Vandalismus und Diebstahl. Zur Prävention gibt es dabei unterschiedliche Mittel und Konzepte, darunter auch das der Videoüberwachung.

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Fußballfan-Gipfel

Alkoholverbot im ÖPNV gefordert

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann hat sich beim Fußballfan-Gipfel der Deutschen Bahn in Frankfurt am Main für deutlich höhere Sicherheitsmaßnahmen bei der An- und Abreise von Fußballfans ausgesprochen.

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Sicherheit bei der MVG

Sehen und gesehen werden

Immer mehr wird tatsächliche und gefühlte Sicherheit zum Gradmesser der Attraktivität des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Was Wunder, dass die Verantwortlichen der Verkehrsunternehmen hohe Millionensummen in die Steigerung der Sicherheit investieren.

Foto: Wikicommons/ DXR

Videoüberwachung im Verkehrsbetrieb

Erhöhte Effizienz

U-Bahnen sind ein wesentliches Verkehrsmittel in Ballungszentren. Neben einer zuverlässigen Beförderung steht vor allem die Sicherheit der Fahrgäste an oberster Stelle. Daher ist Videoüberwachung oft ein zentraler Aspekt des Sicherheitskonzeptes.

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