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Videoüberwachung im Verkehrsbetrieb

Erhöhte Effizienz

U-Bahnen sind ein wesentliches Verkehrsmittel in Ballungszentren. Neben einer zuverlässigen Beförderung steht vor allem die Sicherheit der Fahrgäste an oberster Stelle. Daher ist Videoüberwachung oft ein zentraler Aspekt des Sicherheitskonzeptes.

Die Einführung digitaler Systeme erlaubt dabei neue Möglichkeiten, die Effizienz der Überwachung zu steigern, wie das Beispiel der Berliner Verkehrsbetriebe zeigt. In Berlin leben rund 3,5 Millionen Einwohner, von denen viele täglich die öffentlichen Verkehrsmittel der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nutzen. Diese befördern allein mit ihren U-Bahnen täglich etwa 1,5 Millionen Fahrgäste.

Bei einem so hochfrequentierten Verkehrsmittel sind Straftaten wie Diebstahl, Vandalismus, aber auch schwerwiegendere Delikte, oftmals eine nicht auszuschließende Begleiterscheinung. Um hier auch künftig den Fahrgästen einen hohen Schutz zu bieten, haben die BVG begonnen, in 23 von 173 Stationen moderne IP-Netzwerkkameras zu installieren. Ende 2015 werden es dann 56 Stationen sein. Kriterien für die Umrüstung waren unter anderem, wie verwinkelt die Bahnhöfe sind und wie viele Menschen diese nutzen.

Vorteile digitaler Systeme

Während die Videoüberwachung grundsätzlich kein neues Thema ist, bieten die neuen digitalen Systeme einige Vorteile gegenüber den analogen. Denn während sich die analoge Videoüberwachung zumeist auf die forensische Bearbeitung der Videobilder im Sinne der Täteridentifizierung konzentriert, bieten Netzwerkkameras dagegen zahlreiche weitere Möglichkeiten. Im Vergleich zu analogen Kameras ist ihre hohe Auflösung ein entscheidender Faktor. Aber auch aufgrund der vergleichsweise einfachen Installation und Integration in bereits bestehende Sicherheitssysteme für Bahnhöfe, Terminals und wichtige Infrastrukturen eignen sich IP-Kameras sehr gut zur Transportüberwachung. Denn mittels IP-Anbindung könnte das Sicherheitspersonal und Management von überall auf Echtzeit-Videobilder zugreifen, beispielsweise auch von mobilen Geräten. Dies ermöglicht eine bessere und schnellere Lagebeurteilung im Ereignisfall.

Praxistest

Im Zuge eines generellen Austauschs des Videoüberwachungssystems an bestimmten U-Bahn-Stationen wurden die analogen Kameras durch moderne IP-Netzwerkkameras ausgetauscht. Als Grundlage diente ein großangelegter Versuch auf dem Bahnhof Kottbusser Tor, der als eine Art Video-Musterbahnhof für verschiedene Systeme gedient hat. In einem Praxistest sollte unter anderem festgestellt werden, wie viele Kameras für eine optimale vollständige Abdeckung des Bahnhofes notwendig sind.

Der Bahnhof eignet sich aufgrund seiner baulichen Gegebenheiten für einen solchen Test, da hier verschiedene im Berliner U-Bahnsystem anzutreffende Baustile vereint werden. Zu diesen gehören etwa ein Hochbahnhof mit Verglasung und sich damit verändernden Lichtverhältnissen und ein gekrümmter Bahnsteig mit Säulen und vergleichsweiser dunkler Umgebung. Ein Ergebnis der Tests war etwa, dass 360-Grad-Kameras nur bedingt tauglich zur Überwachung sind. „Technisch gesehen sind sie zwar in der Lage, die notwendigen Bilder zu liefern, aber für die Mitarbeiter in der Leitstelle ist oftmals die rasche Orientierung mit solchen Kameras aufgrund der Perspektive schwierig“, erläutert Ingo Tederahn, Sicherheitschef bei der BVG. Solche Kameras sind dort sinnvoll, wo überschaubare Flächen zu überwachen sind. Sie werden daher, wenn überhaupt, nur unterstützend eingesetzt.

Stattdessen kommen vor allem festinstallierte Kameras zum Einsatz, die etwa alle 25 Meter auf den Bahnsteigen platziert sind. Durch die historisch bedingten baulichen Gegebenheiten ist auf manchen Bahnsteigen eine relativ hohe Kameraanzahl notwendig, da beispielsweise die massiven Säulen eine uneingeschränkte Überwachung verhindern oder die Vorräume selbst sehr verwinkelt sind.

Neben der Anbindung von IP-Kameras lassen sich die neu verlegten Ethernet-Leitungen auch für eine Reihe anderer Funktionalitäten nutzen, wie Notrufsäulen oder Spracheinrichtungen. „Neben den neuen Kameras werden die älteren analogen Systeme weiterhin genutzt, wo sie ihren Zweck erfüllen“, so Tederahn. „Bei den analogen Kameras ist die Bildqualität entsprechend auf HD-Standard erhöht worden.“

Flexible Steuerung

Sieben große Schreibtische mit jeweils einem halben Dutzend Monitoren stehen in der Sicherheitsleitstelle der BVG. Vergangenes Jahr gingen hier 110.000 Notrufe von den Notrufsäulen auf den Bahnsteigen der Stadt ein. In der rund um die Uhr besetzten Leitstelle bearbeiten drei Mitarbeiter die eingehenden Meldungen und Alarme der Notrufsäulen. Dabei erfolgt eine automatische Bildaufschaltung. Ferner verfügt jeder dieser drei Arbeitsplätze über eine Quadrantenschaltung, die das Anzeigen von parallel maximal fünf Kameraübertragungen erlaubt.

Weitere drei Kollegen sind mit der Beobachtung der Videobilder aus den Bahnhöfen befasst. Dabei beobachten sie etwa zu bestimmten Uhrzeiten ausgewählte Bahnhöfe und Bereiche, je nach Lagebild. Mittels Managementsoftware kann sich jeder Mitarbeiter einen eigenen Durchlauf durch die Überwachungskameras zusammenstellen. Damit lassen sich für bestimmte Szenarien Kameradurchläufe vorkonfigurieren, sodass sich ein Mitarbeiter per Mausklick beispielsweise ab einer bestimmten Uhrzeit alle Kioske auf den Bahnsteigen anzeigen lassen kann.

Ein weiterer Arbeitsplatz steht einem Beamten der Polizei zur Verfügung, der aus rechtlichen Gründen nur bestimmte, als kriminalitätsbelastet definierte Bahnhöfe direkt beobachten kann. Die Kollegen der anderen Plätze können aber im Ereignisfall jederzeit Überwachungsbilder auf die Station des Beamten aufschalten. In Einzelfällen bei Sondereinsätzen darf die Polizei zur Steuerung ihrer Einsatzkräfte die Videoanlagen der BVG benutzen. Diese Nutzungsmöglichkeiten des Videomaterials durch die Polizei sind durch die einschlägigen Gesetze und zusätzlich in einem Vertrag mit der BVG geregelt. Die Aufzeichnung der Bilder erfolgt für 48 Stunden, sodass genügend Zeit für die Auswertung im Ereignisfall bleibt. Laut BVG hat die Polizei vergangenes Jahr mehr als 5.000 Mal Daten angefragt, fünf Jahre zuvor waren es gut 2.000 Anfragen.

Video auf dem Vormarsch

Auch Software und Systeme zur Detektion von Personen sind auf dem Musterbahnhof erfolgreich getestet worden. Hierbei geht es im Wesentlichen darum festzustellen, ob sich Personen in gesperrten Bereichen, beispielsweise den Gleisen, aufhalten. Nach Abschluss entsprechender arbeits- und datenschutzrechtlicher Vereinbarungen soll der Einsatz von Detektionssystemen auch an anderen Bahnhöfen implementiert werden.

Die Zahl der Kameras an U-Bahnhöfen ist seit 2008 laut BVG von 950 auf aktuell 1.850 gestiegen. Zudem sind alle U-Bahnwagen, 85 Prozent der Busse und rund 60 Prozent der Straßenbahnen ebenfalls videoüberwacht. Während die stationäre Videoüberwachung sich technisch bewährt hat, sind Live-Aufnahmen aus den U-Bahn-Waggons derzeit nicht geplant, da die Aufschaltung von Livebildern aus Fahrzeugen, die sich überwiegend unterirdisch bewegen, technisch zwar möglich ist, sich aber in der Praxis als untauglich erwiesen hat. Die Aufnahmen aus den Waggons werden auf Festplatte aufgezeichnet und regelmäßig überspielt. Anders sieht es mit Aufnahmen aus Bussen aus. Hier ist eine Live-Aufschaltung per Notruf durch den Fahrer in der Implementierungsphase.

Personaleinsatz wichtig

Doch nicht nur videotechnisch hat das Unternehmen aufgerüstet, auch das Personal wurde verstärkt. Die Zahl der Sicherheitsmitarbeiter bei den Verkehrsbetrieben ist in fünf Jahren um 35 Prozent auf aktuell 256 gestiegen. Neben der Nutzung der Videoanlagen kooperieren dabei BVG und Polizei auch mit den „Doppelstreifen“ aus je zwei BVG-Mitarbeitern und zwei Polizeibeamten, die seit 2011 für besondere Einsätze unterwegs sind. Ferner gibt es Streifen von BVG-Mitarbeitern und insgesamt 120 private Sicherheitsmitarbeitern, die täglich in Berliner Bahnhöfen sowie Zügen unterwegs sind.

Inwieweit die Videoüberwachung generell zu einer Verhinderung von Straftaten beiträgt, ist umstritten. Für das Thema Vandalismus bei den BVG lässt sich jedoch belegen: Je besser die Ausstattung mit Kameras insbesondere in den Waggons und auf den Bahnhöfen ist, desto geringer ist die Anzahl an Vandalismusdelikten. Laut Kriminalstatistik der Polizei von 2013 sind Gewaltdelikte um fast zwei Prozent zurückgegangen, dagegen sind gerade Taschendiebstähle nach wie vor ein Problem. Diese lassen sich nur durch einen personellen Aufwand entsprechend wirkungsvoll bekämpfen. Bei einer Umfrage der BVG fand 2013 die Videoüberwachung unter 1.000 Fahrgästen eine hohe Akzeptanz. Das subjektive Sicherheitsgefühl der Fahrgäste ist nämlich für die Akzeptanz des Verkehrsmittels mindestens ebenso wichtig wie die objektive Sicherheitslage.

Hendrick Lehmann

Foto: Berliner Verkehrsbetriebe/ Joite

Axis

Berliner Verkehrsbetriebe setzen auf Netzwerk-Kameras

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) installieren derzeit in 21 Stationen Netzwerk-Kameras von Axis Communications. Denn immer mehr Menschen benutzten inzwischen öffentliche Verkehrsmittel, wodurch auch die Anzahl an Vorfällen, wie Vandalismus, Diebstählen oder Überfällen steigt.

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Videoüberwachung im ÖPNV

Alles im Blick

Millionen Menschen nutzen täglich den öffentlichen Personennahverkehr. Immer wieder kommt es dabei zu gewalttätigen Übergriffen, zu Vandalismus und Diebstahl. Zur Prävention gibt es dabei unterschiedliche Mittel und Konzepte, darunter auch das der Videoüberwachung.

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Sicherheit im ÖPNV

Emotional aufgeladen

Täglich streben Millionen Bürger mit den Fahrzeugen des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) zu ihrem Gelderwerb. Die Zahlen steigen erfreulich. Und objektiv – also statistisch – ist der ÖPNV auch weitgehend sicher. Doch Realität und Empfinden klaffen deutlich auseinander.

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Sicherheit im Nahverkehr durch digitale Videoaufzeichnung

Gesamtlösung von Technik und Mensch

Der Öffentliche Nahverkehr gewinnt heute sowohl in Ballungszentren als auch in deren Umland immer mehr an Bedeutung. Dies belegen laut Statistik die steigenden Fahrgastzahlen der großen Verkehrsverbünde. Die Passagiere erwarten allerdings im Gegensatz zur Fernbahn nicht nur pünktliche An- und Abfahrtzeiten, sondern insbesondere in Ballungsgebieten auch ein Höchstmaß an Sicherheit.