Moderne Sicherheisdienstleister bieten ganzheitliche Sicherheitslösungen unter Integration der erforderlichen Sicherheitstechnik einschließlich deren Betrieb.
Foto: Securitas

Interviews

Faktor Mensch bleibt unersetzbar

PROTECTOR wirft mit Manfred Buhl, ehemals CEO von Securitas Deutschland, einen Blick in die Vergangenheit und auf kommende Herausforderungen.

Herr Buhl, Sie sind jetzt seit den 1990er Jahren in der Sicherheitsbranche aktiv. Wenn Sie auf die Anfänge zurückblicken: Was hat sich in diesen Jahrzehnten am nachhaltigsten in der Branche verändert?

Manfred Buhl: Als besonders nachhaltig habe ich in den Jahrzehnten meiner Tätigkeit im Management von Securitas das fast ununterbrochene Wachstum der Sicherheitsbranche erfahren. Die Zahl der Unternehmen im Sicherheitsgewerbe, die Zahl der Beschäftigten und die Umsätze sind fast kontinuierlich gestiegen. Die Zahl der Sicherheitsdienstleister hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt auf derzeit rund 6000. Und ich wage die Bewertung: Das sind 4000 zu viel.

Eine vor allem durch diese Masse verursachte Veränderung ist die Verschärfung des Wettbewerbs mit der Folge von angebotenen Dumpingpreisen mit allen bekannten negativen Auswirkungen. Eine besonders hervorzuhebende positive Veränderung ist die seit den 90er Jahren anhaltende Qualifizierungsoffensive mit der Einführung der Sachkundeprüfung, der Schaffung von zwei Ausbildungsberufen und einer ständigen Ausweitung des Fortbildungsangebots, vor allem in den vom BDSW anerkannten Sicherheitsfachschulen. Eine dritte nachhaltige Veränderung ist der paradigmenartige Wechsel vom bloßen Angebot von „Personenstunden“ zur Erfüllung der hierauf beschränkten Ausschreibungen hin zu ganzheitlichen Sicherheitslösungen, die der Sicherheitsdienstleister in Abstimmung mit dem Kunden entwickelt und dabei die jeweils notwendige Sicherheitstechnik integriert. Deren Zunahme unter teilweiser Substitution personeller Dienstleistungen ist ebenfalls eine nachhaltige Veränderung in der Sicherheitsbranche.

Verändert hat sich auf jeden Fall auch das Image der Branche. Wie nehmen sich die Sicherheitsdienstleister denn selbst wahr und wie werden sie von außen gesehen?

Manfred Buhl: Seriöse Unternehmer im Sicherheitsgewerbe nehmen sich als Dienstleister „privater Sicherheit“ im Auftrag von Privatpersonen, von Unternehmen, aber auch von Kommunen und Behörden wahr, ohne hoheitliche Befugnisse und ohne die Überheblichkeit, „auf Augenhöhe“ mit der mehrjährig fundiert ausgebildeten Polizei zu agieren. Allerdings leisten sie damit einen wichtigen Beitrag auch für die „öffentliche Sicherheit“, nicht nur, wenn sie im öffentlichen Raum auftragsgemäß tätig sind, sondern auch beim Schutz kritischer Infrastrukturen. Deshalb haben die Innenminister die Sicherheitsunternehmen auch als Teil der Architektur der „Inneren Sicherheit“ bewertet.

„Von außen“ her wird das Sicherheitsgewerbe leider oft – insbesondere in Medien – als Wirtschaftsbranche „in der Schmuddelecke“ gesehen, in dem Skandale an der Tagesordnung seien, Schläger und Rechtsextremisten beschäftigt wären und das einzige Ziel der Unternehmer die Maximierung des hohen Gewinns sei.

Securitas als Marktführer in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren auch stark verändert: Weg vom reinen Bewacher hin zum Lösungsanbieter. Was war für das Unternehmen dabei die größte Herausforderung?

Manfred Buhl: Die Auswirkungen des Paradigmenwechsels zu erkennen und sie überzeugend zu erklären, war und ist die wohl größte Herausforderung. Das eigene Team und vor allem die Kunden und deren Einkäufer darauf einzustellen. Es geht um die Umstellung des „Personenstundenangebots“ auf das Angebot der ganzheitlichen Sicherheitslösung unter Integration der erforderlichen Sicherheitstechnik einschließlich deren Betriebs. Kunden, Einkäufer, Manager und Vertriebs-
experten des eigenen Unternehmens sollte klargemacht werden, dass dieser Wechsel für beide Seiten eine „Win-win-Situation“ ist: Der Kunde erhält die effizienteste, bedarfsspezifische, langfristig kostengünstigere Leistung. Und der Sicherheitsdienstleister erhält einen zumeist längerfristigen, umsatzstärkeren Auftrag mit höherer Kundenbindung. Mit der Umstellung verbunden war und ist die große Herausforderung, sicherheitstechnische Kompetenz im Unternehmen zu schaffen: durch Einstellung von Experten, Weiterbildung eigener Fachkräfte und die Gewinnung geeigneter sicherheitstechnischer Unternehmen als langfristige strategische Partner.

Das Berufsbild des Sicherheitsdienstleisters und seine Affinität zu Technik haben sich in den letzten Jahren deutlich gewandelt. Ohne Sicherheitstechnik geht es heute nicht mehr, oder?

Manfred Buhl: In der Tat, eine ganzheitliche Sicherheitslösung ohne jede Sicherheitstechnik ist heute kaum denkbar. Ihre Integration bedeutet Herausforderung und Chance zugleich: Herausforderung, weil der Sicherheitsdienstleister technische Kompetenz entwickeln und in die Sicherheitstechnik investieren muss, wenn der Kunde das wünscht; eine Chance, weil dadurch langfristige Aufträge, mehr Umsatz und Gewinn zu erzielen sind, weil der Arbeitskräftemangel teilweise gemildert werden kann und weil vor allem in der mittelständischen Wirtschaft neue Kunden zu gewinnen sind.

Heute bilden die Sicherheitsdienstleister eine wichtige Säule in der „Sicherheitsarchitektur Deutschlands“, Sie erwähnten es bereits. Welche Aufgaben nehmen heute Sicherheitsdienstleister beispielsweise im öffentlichen Raum wahr und welche Aufgaben könnte man ihnen noch anvertrauen?

Manfred Buhl: Schon heute sind Sicherheitsdienstleister im öffentlichen Raum tätig, nicht nur durch Wahrnehmung und Meldung polizeirelevanter Vorkommnisse im Rahmen von Sicherheitspartnerschaften. Im öffentlichen Raum werden – außerhalb von Hausrechtsbereichen wie etwa beim Schutz des ÖPV – Veranstaltungen, gefährdete Personen oder Transporte geschützt.

Das Unterstützungspotential für Polizeien und Kommunen ist damit nicht ausgeschöpft. Sicherheitsdienstleister könnten – wie es bisher schon in Einzelfällen geschieht – kommunale Ordnungsdienste bei ihrer Streifentätigkeit und Überwachung der Einhaltung sicherheits- und ordnungsrelevanter kommunaler Vorschriften unterstützen. Und sie könnten gesetzlich ermächtigt werden, im Auftrag der Kommune den ruhenden Verkehr zu überwachen.

Wie bewerten Sie die aktuelle Gesetzeslage für das private Sicherheitsgewerbe? Gibt die Politik der Branche den entsprechenden Rückhalt? Was vermissen Sie?

Manfred Buhl: Rechtliche Rahmenbedingungen für das Sicherheitsgewerbe sind zwar in den vergangenen Jahren verbessert worden, insbesondere durch strengere Regulierung der Zuverlässigkeitsanforderungen und die Einführung des ab 1. Juli 2019 zu bedienendes Bewacherregisters, das mehr Transparenz im personellen Bereich verspricht. Die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen aber grundlegend geändert werden: durch ein eigenständiges Gesetz für Sicherheitsdienstleistungen, wie es der Koalitionsvertrag vorsieht.

Notwendig ist vor allem eine Erhöhung der Barriere für die Gründung und nachhaltige Führung eines Sicherheitsunternehmens sowie erhöhte Qualifikations- und Schulungsvoraussetzungen für besondere Einsatzbereiche. Dabei sollte die Betreuung und Kontrolle der Branche aus dem Geschäftsbereich der Wirtschaftsminister herausgelöst und – wie in den meisten europäischen Staaten auch - in den Geschäftsbereich der Innenminister überführt werden, da die Sicherheitswirtschaft Teil der Sicherheitsarchitektur ist.

Aktuelle Megathemen wie Industrie 4.0, Internet der Dinge (IoT) und Künstliche Intelligenz (KI) haben auch Auswirkungen auf das Sicherheitsgewerbe. Sehen Sie darin eher eine Chance oder das Risiko, dass der Faktor Mensch eine Abwertung erfährt?

Manfred Buhl: Der Digitalisierungsprozess bis hin zur Entwicklung von „learning machines“ hat natürlich Auswirkungen auf das Sicherheitsgewerbe. Sicherheitstechnische Anlagen verändern sich durch Vernetzung und Automatisierung, Roboter können „Streifengänge“ im Werkschutz durchführen. In der Zutrittskontrolle ebenso wie bei Passagier- und Gepäckkontrollen treten immer intelligentere Scan-Verfahren an die Stelle von personellen Überprüfungen. So wird sich mancher Arbeitsplatz verändern, von der manuellen Kontrollen hin zur Überwachung automatisierter Detektion und Bildanalyse.

Aber der Faktor Mensch wird weiterhin quantitativ wie qualitativ im Sicherheitsgewerbe unersetzbar bleiben. Strategische Entscheidungen und kreative Prozesse können Maschinen unterstützen, aber nicht ersetzen. Und auch die Intervention lässt sich nur durch personelle Einsatzkräfte durchführen.

Werfen wir einen Blick in die Zukunft: Welche mittel- bis langfristigen Herausforderungen sehen Sie auf die Branche zukommen? Wird es bald nur noch wenige Global Player auf dem deutschen Markt geben?

Manfred Buhl: Die von mir skizzierten Herausforderungen des Arbeitskräftemangels, veränderter krimineller Bedrohungen hin zu elektronischer und aus der Distanz geführter Sabotage- und Spionageangriffen und Betrugsformen sowie technische Innovationsprozesse, vor allem die digitale Transformation, werden sich verstärken. Je komplexer und aufwendiger die zum Schutz gefährdeter Systeme und kritischer Infrastrukturen erforderlichen sicherheitstechnischen Systeme werden, umso schwerer werden es kleinere Sicherheitsdienstleister ohne technische Kompetenz auf dem Markt haben.

Aber es wird auch für sie immer „Nischen“ geben, die für die „Global Player“ zu eng sind, spezielle Leistungssegmente, auf die sie sich besser fokussieren können.

Zum Abschluss: Bleiben Sie der Sicherheitsbranche denn noch in verschiedenen Funktionen erhalten?

Manfred Buhl: Ja, ich werde der Sicherheitsbranche erhalten bleiben, jetzt in beratender Funktion, auch wenn ich künftig mehr Zeit für meine Familie und meine Hobbys haben möchte.