Welche Folgen hat die Coronakrise für die Sicherheitstechnik-Branche? Gerhard Harand vom Distributor Wehrhan TPS sagt, die Ungewissheit ist das größte Problem.
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Interviews

Folgen der Coronakrise: „Irgendwann kommt der Hammer"

Wie beurteilt die Sicherheitstechnik-Branche die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronakrise? Gerhard Harand sagt, die Ungewissheit ist das größte Problem.

Im Interview mit PROTECTOR und Sicherheit.info gibt Gerhard Harand, geschäftsführender Gesellschafter des österreichischen Distributors Wehrhan TPS, Einblicke in die momentane Situation der Sicherheitstechnik-Branche in der Coronakrise.

PROTECTOR: Sie sind als Distributor an der Schnittstelle von Herstellern und Errichtern. Was hören Sie aus der Branche, wie geht sie mit der Krise um?

Gerhard Harand: In letzter Zeit habe ich viel mit Errichtern, aber auch mit der Industrie über dieses Thema gesprochen, und die meisten sagen, dass ihr größtes Problem im Moment die Unsicherheit ist, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Mit der Ist-Situation können die meisten noch umgehen, aber die Ungewissheit, wann eine stufenweise Rückkehr zur Normalität beginnt, bereitet ihnen schon Sorgen. Das größte Problem momentan ¬ und das gilt sicher nicht nur für unsere Branche – ist die fehlende Perspektive und die Unmöglichkeit zu planen. Wenn man wüsste, der Shutdown hält noch vier oder sechs Wochen an, dann könnte man damit umgehen und sich darauf einstellen. Aber das weiß im Moment niemand, alles ist möglich, auch dass sich die Krise noch über Monate hinzieht.

Unterschiedliche wirtschaftliche Situationen bei Errichtern von Sicherheitstechnik

Wie sieht die wirtschaftliche Lage in der Branche momentan aus?

Bei den Errichtern nutzen im Moment viele die Kurzarbeit. Einige kleinere Betriebe spüren die Auswirkungen noch nicht so sehr, es hängt natürlich auch immer vom jeweiligen Kundenkreis ab, wie stark ein Betrieb betroffen ist. Wenn man beispielsweise viele Banken als Kunden hat, die weiter geöffnet haben, läuft auch das Errichtergeschäft normal weiter. Andere wiederum, die beispielsweise viel in der Brandmeldetechnik aktiv sind, haben das Problem, dass sie in viele Objekte gar nicht mehr rein kommen, und Aufträge werden nach hinten verschoben. Bei Wartungs-Aufträgen ist das kein so großes Problem, diese sind gesetzlich vorgeschrieben und müssen irgendwann ausgeführt werden. Auch Projekte, die bereits in der Bauphase sind, werden wahrscheinlich irgendwann fertig gestellt. Aber viele geplante Projekte, Investitionen in der Zukunft, werden aufgeschoben oder überhaupt nicht mehr realisiert, und ich habe auch schon von Stornierungen größerer Projekte gehört.

Auswirkungen der Coronakrise auf die Sicherheitstechnik-Branche

Befürchten Sie, dass die Coronakrise für kleine und mittelständische Betriebe in der Sicherheitstechnik-Branche existenzbedrohend ist?

In Österreich ist es so, dass die Liquidität durch Kredite relativ locker gehandhabt wird. Die AWS (Austria Wirtschaftsservice, ähnlich der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau KfW in Deutschland; Anm. d. Red.) hat die Kreditvergabe- und Haftungsthematik für den Bund übernommen und ist gemeinsam mit den Banken, die die Kredite zur Verfügung stellen, von der Regierung angehalten, diese auch schnell zu gewähren, und zwar – nach einer Entscheidung der EU - für Kredite von bis zu 500.000 Euro mit einer Staatshaftung von 100 %. Hinzu kommen Förderprogramme und die Möglichkeit Steuern zu stunden. Die Anträge dazu werden vom Finanzamt momentan ohne größere Probleme bewilligt. Das verschafft uns mit Sicherheit etwas Luft.

Wie bewerten Sie die Maßnahmen, um die Wirtschaft in der Krise zu unterstützen?

Insgesamt hat die Regierung sicher schnell und richtig reagiert. Das ist auch der allgemeine Tenor in der Sicherheitstechnik-Branche. Egal ob man mit der Industrie oder mit Gewerbetreibenden spricht, hört man überwiegend die Meinung, die Regierung habe die richtigen Maßnahmen ergriffen, sowohl was die Geschwindigkeit als auch deren Umfang betrifft. Die Hilfsprogramme in Österreich haben ein Volumen in Höhe von 38 Mrd. EUR. Das ist für einen Staat mit etwa acht Millionen Einwohnern schon eine beachtliche Zahl. Man pumpt hier momentan eine Menge Geld in die Wirtschaft, vielleicht ein bisschen zu sehr nach dem Gießkannenprinzip, was natürlich zu Missbrauch einlädt, solche Fälle gibt es auch bereits. Aber anders ist das kurzfristig kaum machbar, man muss in einer Krise wie dieser schnell handeln, und kann nicht vorher jeden Fall einzeln prüfen.

In Krisenzeiten nimmt finanzielle Unsicherheit und Sicherheitsbedürfnis zu

Welche Auswirkungen werden die Maßnahmen Ihrer Meinung nach mittel- und langfristig haben?

Sie werden uns auf jeden Fall Luft verschaffen und den Zeitpunkt, an dem die wirtschaftliche Lage für KMU existenzbedrohend wird, definitiv nach hinten verschieben. Was ich dabei allerdings kritisch sehe: es löst das Problem nicht, es wird nur verschoben. Wenn die Industrie nicht gesund funktioniert, und niemand weiß, wie lange die Krise noch anhält, die Kosten der Firmen weiter laufen, aber die Einnahmen ausbleiben, dann hält man die Firmen mit Hilfskrediten, Förderprogrammen und Steuerschuldungen auf dem Papier zwar am Leben. Aber irgendwann kommt der Hammer. Kurzfristig werden wir diese Phase überstehen, davon bin ich überzeugt, aber wenn die Krise wirklich lange, sagen wir über acht, neun Monate dauert, haben wir langfristig ein Problem. Denn klar ist, dass das alles am Ende irgendjemand bezahlen muss.

Wie denken Sie wird sich die Krise auf die Sicherheitsbranche auswirken?

Im Vergleich zu anderen Branchen, etwa Tourismus oder Gastronomie, ist die Sicherheitsbranche bislang nicht ganz so stark betroffen. In Krisenzeiten schrumpft zwar einerseits die Wirtschaftsleistung insgesamt, andererseits steigt auch meistens das Sicherheitsbedürfnis, was unserer Branche natürlich entgegen kommt. So viele Thermalkameras wie momentan wurden beispielsweise noch nie verkauft. Ob deren Einsatz zur Bekämpfung des Coronvirus wirklich Sinn macht, ist dabei eine andere Frage. Wir haben aktuell auch häufig Anfragen von Supermärkten für Systeme zur Personenzählung, und wir hatten in Österreich zuletzt den Fall eines schweren Banküberfalls, bei dem der Täter eine Atemschutzmaske trug, der die Nachfrage nach unserem Face-Watcher erhöht hat, eine Lösung, die sicherstellt, dass eine Bank nur unvermummt betreten werden kann. Auch die Errichter greifen in der Krise neue Ideen auf. Das wird natürlich aufgeschobene oder abgesagte Projekte nicht kompensieren, aber im Vergleich zu anderen Branchen, wird die Sicherheitsbranche nicht diejenige sein, die den größten Aderlass in der Coronakrise haben wird.

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