Die entspannte Atmosphäre in den Räumlichkeiten von Kraiss Wilke & Kollegen in Wiesbaden war eine ideale Basis für die Diskussionen beim Forum Zutrittskontrolle 2019.
Foto: Michael Gueckel

Zutrittskontrolle

Für und wider Normen in der Zutrittskontrolle

Anders als Brandschutz und Gefahrenmeldetechnik wird die Zutrittskontrolle kaum durch Normen und Richtlinien reguliert. Fehlt ihnen die Praxisrelevanz?

Das Thema Normung ist seit jeher ein ambivalentes, denn die Interessen von Herstellern, Errichtern, Normungsinstanzen und Anwendern gehen oft auseinander. Moderator Volker Kraiss stellt angesichts dieses Zwiespalts sowie der offenbar eher geringen Verbreitung in der Praxis schon zu Beginn der Diskussion die Frage: „Welche Normen sind für die Realisierung von Zutrittskontrolle oder elektromechanischen Schließungen wirklich relevant? Sind sie für Zutrittsprojekte förderlich oder eher hinderlich? Oder etwas provokanter formuliert: Existieren manche Normen der Zutrittskontrolle gar nur auf dem Papier?“ Oliver Brandmeier von Simons Voss sieht Normen eher als Richtschnur: „Ich denke, Normen sind ein Teil der Basis für die Zusammenarbeit mit unseren Kunden. Auch, weil sie den grundsätzlichen Sprachgebrauch und gewisse Anforderungen in diesem Zusammenhang regulieren. Und wenn man eine gleiche Definition der Anforderungen hat, kann man damit im Endeffekt strukturiert auf die Kundenanforderungen reagieren. Wichtig ist aber, dass der Kunde sich auch dieser Normierung bewusst ist; dass er weiß, wo hört sie auf und wo bindet sie? Und das ist eigentlich der spannende Punkt. Denn wir erleben ständig, dass die Kundenanforderung weit über das, was in der Normierung definiert ist, hinausgeht.“

Foto: Michael Gueckel
Tammo Berner (links) von Glutz stellt die Frage nach der Aktualität von Zutrittsnormen.

Worin begründen sich die Unzulänglichkeiten von Zutrittsnormen?

Für Norbert Schaaf vom BHE liegen gewisse Unzulänglichkeiten in der Natur der Sache: „Man muss Normen und Richtlinien auch vor dem Hintergrund sehen, dass eine Norm immer der kleinste gemeinsame Nenner ist, der in einer großen Bandbreite zu erreichen ist. Und es ist auch klar: Je europäischer es wird, desto schwieriger gestaltet sich dieses Vorhaben. Italiener müssen nicht zwangsläufig das gleiche unter Sicherheit verstehen wie wir Deutschen. Deshalb gibt es nur einen kleinsten gemeinsamen Nenner, von dem man sich fragen sollte, wie nah er an den Kundenbedürfnissen ist.“

Tammo Berner von Glutz greift diesen Punkt direkt auf und erläutert: „Die Hersteller betonen naturgemäß oft ihre Differenzierungskriterien, ihre Besonderheiten, die nicht dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprechen, den eine Norm vorgibt. Ich denke, dass es sehr schwer ist, alles von Nord- bis Südeuropa unter einen Hut zu kriegen. Dann gibt es zusätzlich zwei Organisationen, die sich mit dem Thema Normen beschäftigen. Eine aus dem eher mechanischen Bereich, die anderen mit elektronischen Bauteilen. Und jetzt kommt plötzlich die aktuelle Welt, wo die Welten zusammenwachsen. Das heißt, Normen überlagern sich, Normen widersprechen sich. Wem folgt man? Das heißt, es kann eigentlich nur eine Leitplanke sein. Und es ist auch eine Frage der Aktualität. Welche Zutrittsnormen kennen schon ein Handy als Zutrittsmedium? Das gibt es nicht. Es dauert immer Jahre bis so eine Norm überarbeitet wurde. Und dann ist sie wahrscheinlich wieder Jahre alt, wenn sie veröffentlicht wird.“

Foto: Michael Gueckel
Sebastian Brose (Mitte) vom VdS erklärt, wann und warum sein Unternehmen Richtlinien erarbeitet.

Wie können Normen als Richtschnur für die Realisierung von Zutrittsprojekten dienen?

Die Norm dient in der Praxis also als Richtschnur und Anhaltspunkt, was man bei der Umsetzung von Zutrittsprojekten auf technischer Seite beachten sollte. Zum Komplex Normen zählen im weiteren Sinne aber auch Richtlinien von Instituten oder Prüfinstanzen, wie etwa dem VdS. Dessen Vertreter am Tisch, Sebastian Brose, erklärt den Ansatz seines Unternehmens so: „Wir als VdS erarbeiten Richtlinien nur dann, wenn es entweder keine Norm gibt oder wenn wir gemeinsam mit Branchenvertretern der Meinung sind, dass sie bestimmte Dinge nicht oder nicht ausreichend berücksichtigen. Es muss also ein Bedarf gegeben sein. Gerade im Hinblick auf die Anwendbarkeit auf die Gesamtbetrachtung des Risikos aus Sicht des Versicherers. Eine Norm ist ja oft sehr spezifisch auf ein bestimmtes Produkt bezogen. Für den Versicherer oder denjenigen, der das Risiko trägt, ist ja eigentlich entscheidend, dass das Gesamtsystem die Sicherheit gewährleistet. Was wir außerdem sehen, ist, dass die Normen oft der eigentlichen Entwicklung hinterherhinken oder nur unzureichend bestimmte Dinge betrachten. Es ist auch oft so, dass die Anwendungsfälle aus der Praxis kommen und wir darauf reagieren. Dann formulieren wir spezifische Anforderungen, mit denen wir ein gewisses Normierungsloch, das sich ergeben hat, stopfen. Normen sind sicherlich gut und wichtig, haben aber oft, gerade aus der Sicht des Risikoträgers bestimmte Lücken, beziehungsweise decken nur Teilbereiche ab, um es positiv zu formulieren. Wir versuchen mit den VdS-Richtlinien den ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen, und die Theorie in eine praktischere Abbildung zu überführen.“

Welche Faktoren bestimmen die Relevanz von Richtlinien?

Relevanz kann man Normen und Co also nicht absprechen, man muss aber einschätzen, wie gewichtig sie im Alttag sind. Andreas Wagener von Assa Abloy differenziert: „Normen haben in vielen Bereichen der Zutrittstechnik ihre Berechtigung, beispielsweise für mechanische und mechatronische Zylinder. Für Kunden sind sie wichtig, um Produkte vergleichen sowie die Leistungsfähigkeit inklusive der Sicherheitsanforderungen einschätzen und über den rechtskonformen Einsatz sicher sein zu können. Für Planer und Verarbeiter erleichtert die normierte Klassifizierung von Produkten die Auswahl von geeigneten Herstellern und Produkten.“

Foto: Michael Gueckel
Andreas Wagener von Assa Abloy (links) und Norbert Schaaf vom BHE.

Sebastian Brose ergänzt: „Systeme müssen immer risikoadäquat sein. Deswegen haben wir auch in unseren Richtlinien verschiedene Klassen für die einzelnen Sicherheitsniveaus definiert. Das dient zur Einordnung für den Anwender, was seinem Bedarf entspricht. Wir haben neben der VdS-Klasse Home für den Privatanwender die Klassen A, B und C. Das ermöglicht, dass man genau für den entsprechenden Risikofaktor in die richtige Schublade greifen kann.“

Kann Freiwilligkeit mit Verbindlichkeit mithalten?

Nobert Schaaf zieht den Vergleich zu anderen Gewerken: „Grundsätzlich muss man bei Normen unterscheiden, ob es sich um freiwillige Normen handelt – in diesem Fall sind sie als Richtlinien zu betrachten, die den Stand der Technik abbilden. Oder ob es sich um Normen handelt, die auf einer gesetzlichen Grundlage basieren, wie zum Beispiel die europäischen Normen für Brandmeldesysteme. Letzteres bedeutet: Es gibt keinen Handlungsspielraum. Diese Normen müssen angewendet werden. Anders sieht es bei Normen zum Beispiel für Einbruchmeldetechnik aus, die freiwillig anzuwenden sind. Allerdings gilt es dabei zu bedenken, dass auch die freiwilligen Normen den Stand der Technik darstellen und im Schadensfall ein Gericht bei der Beurteilung darauf Bezug nehmen wird. Betrachtet man den Markt der Zutrittskontrollsysteme, ist man eigentlich eher an grundsätzlichen Lösungen orientiert und geht mit den dafür existierenden Normen relativ entspannt um.“

Kolja Beilicke vom Errichterbetrieb Röwer Sicherheits- und Gebäudetechnik bestätigt den Eindruck: „Normen und Richtlinien sind interessant als Anhaltspunkt, das stimmt, aber wenn ich mir das Tagesgeschäft anschaue, dann werden wir mit konkreten Fragen nach Normen im Bereich Zutritt nicht sehr häufig konfrontiert. Das spielt für die Zutrittsprojekte, die oft sehr individuelle Anforderungen haben, bestenfalls eine untergeordnete Rolle.“

Foto: Michael Gueckel
Florian Du Bois von BKS sieht Normen durchaus auch als Gütesiegel.

Wie kann Normung als Gütesiegel für Anwender dienen?

Florian Lasch sieht noch einen anderen vorteilhaften Aspekt von Richtlinien, Normen und Zertifizierungen: „Ein VdS-Zertifikat ist für uns als Hersteller ein Gütesiegel. Das heißt, wir haben von jedem Produkt auch eine VdS-Variante, die wir anbieten. Für die Mechanik spielt das eine ganz große Rolle, vor allem in Bezug auf Ziehschutz, Bohrschutz und so weiter. In der Elektronik betrachten wir Zertifizierungen nach Norm etwas differenzierter. Wenn man ausschließlich nach Norm bauen würde, fielen viele Innovationen unter den Tisch.“

Dem kann Florian Du Bois von BKS zustimmen: „Das VdS-Siegel ist schon ein Qualitätsmerkmal, denn der VdS ist ein neutrales Institut, das die Produkte geprüft hat. Aber man muss auch sehen, es sind teilweise nur einzelne Produkte, die Teil eines Systems sind – zum Beispiel ein Zylinder eines elektronischen Schließsystems. Von Kunden wird dieses VdS-Siegel manchmal automatisch auf das Gesamtsystem übertragen, was nicht in der Form geprüft ist. Das sollte man bedenken.“

Sebastian Brose plädiert dafür, praxisorientiert zu denken: „Ein Beispiel ist die Prüfung nach der Schließzylindernorm, bei der mit einer sehr schwachen Bohrmaschine auf einem Schlitten ein Schließzylinder angebohrt wird. Es ist relativ leicht, die Prüfung zu bestehen, wenn man einen gehärteten Stift an der richtigen Stelle einsetzt. Doch die Praxis zeigt, dass der Einbrecher aus der Hand bohren würde und quasi automatisch an diesem Stift vorbei bohrt. Deswegen geben wir in dem Fall vor, dass aus der Hand gebohrt wird. Und da kann man jetzt fragen, ob das Besserwisserei sei. Aber ich antworte: Das ist die Praxis.“

Warum es beim Thema Fluchtwege plötzlich anders aussieht

Die Diskussion zeigt also deutlich, dass Normen im Bereich der Zutrittskontrolle gesamtheitlich gesehen tatsächlich eine untergeordnete Rolle spielen. Aber dennnoch gibt es angrenzende Bereiche, in denen es ganz anders aussieht. Fluchtwege sind wegen der Nähe zum Brandschutz eines der Felder, in denen Normen eine größere Rolle spielen.

Oliver Brandmeier von Simons Voss merkt an: „Für Bauteile an Türen, die als Fluchtweg dienen sind unter anderem die Normen EN 179 und EN 1125 relevant. Das betrifft uns als Anbieter von Zutrittskomponenten. Man muss sich als Hersteller die Regularien die im Zusammenhang mit diesen Normen geprüft werden, genau ansehen und Konformität herstellen. Aber gleichzeitig fragt man sich, mit welchem finanziellen Aufwand das hergestellt werden kann und ob die zertifizierenden Stellen überhaupt Kapazitäten haben. Es ist nicht zu vernachlässigen, welchen Aufwand wir als Hersteller hier betreiben müssen. Aber wenn es um Fluchtwege geht, ist dies sehr wichtig. Niemand möchte als Hersteller verantwortlich sein, wenn hinter einer Tür, die sich im Notfall nicht öffnet, ein schrecklicher Unfall passiert ist.“

Foto: Michael Gueckel
Ingo Österreicher (Mitte) von Dormakaba plädiert dafür, Security und Safety bei der Bewertung von Normung nicht zu verwechseln.

Johann Notbauer findet ebenfalls, man dürfe Anforderungen an Fluchtwege niemals ignorieren: „Türkomponenten in Flucht- und Paniktüren sind haftungstechnisch ein heikles Terrain. Die normativen Aufwände dafür sind hoch, denn die Produkte müssen vor allem als Einheit geprüft sein. Das heißt, alle schließtechnischen Komponenten wie beispielsweise Schloss und Schließzylinder müssen als Einheit aufeinander abgestimmt, geprüft und zugelassen sein. Bei der Inbetriebnahme gilt die Sicherstellung, dass die Funktion den normativen Anforderungen entspricht. Wir verweigern auch den Einbau, wenn der Kunde diese Anforderungen aus Budgetgründen nicht entsprechen möchte, und werden dafür manchmal kritisiert. Ich sehe hier aber keinen Spielraum, wenn es um Menschenleben geht.“

Warum die Niederlande Vorreiter sind

Florian Du Bois betont: „Die Fluchttürsicherung muss größte Priorität haben. Das heißt, die Tür muss über die Fluchttürsicherung immer zu öffnen sein. Und da kann es externe Gewerke jeder Art geben, die sie optional zusätzlich berechtigt freigeben. Aber die Funktion der Fluchttürsicherung an sich läuft erstmal für sich autark. In vielen Fällen, oder den meisten Fällen sind wir dann wieder beim Kontakt, der die Fluchttürsteuerung zusätzlich freigibt. Darüber hinaus ist es nicht zulässig, die Fluchttürsteuerung an sich in ihrer Grundfunktion einzuschränken. Hier sind einschlägige Richtlinien und Vorgaben einzuhalten.“

Florian Lasch kann sich dem in weiten Teilen anschließen: „Wir haben die EN 179 und die 1125 angesprochen. Das sind einfach Pflichtthemen, die man beachten muss. Wir merken zunehmend, dass eben auch die EN 15684 als Ausschreibungskriterium heute bei den Kunden eine Rolle spielt. In den Niederlanden sagen sie ganz klar: Im gewerblichen Bereich darf nur ein Zylinder mit den entsprechenden Prüfnormen, der entsprechenden Sicherheitsklasse eingesetzt werden. Das fehlt uns ein bisschen in Deutschland. Aber bei der Zutrittskontrolle, bis auf den Schutz von Leib und Leben bei Flucht- und Brandtüren, gibt es keine mir bekannten Normen, die zwangsläufig vom Markt nachgefragt würden.“

Foto: Michael Gueckel
Florian Lasch von Abus sieht in den Normen EN 179 und 1125 Pflichtthemen.

Für Ingo Österreicher sind zwei Dinge miteinander zu vereinbaren: „Unser deutsches Wort Sicherheit trifft es beim Aspekt Fluchtwegsicherung nicht so ganz. Wir sprechen in dem Fall eher von Safety, also dem Schutz des Lebens. Alles, was mit Brandmeldung und Fluchtwegen zu tun hat, hat immer einen höheren Stellenwert als Security, dem Schutz des Eigentums oder von Werten. Deshalb haben diese Systeme Funktionen, um generell die Sicherheit zu gewährleisten, aber es gibt Schnittstellen, mit denen die Safety-Systeme im Notfall die Oberhand über die Zutrittskontrolle gewinnen. Wenn es um Leib und Leben geht, gelten eben auch andere Anforderungen und es ist verständlich, dass man in diesem Bereich stärkeren Wert auf Normen, Richtlinien und Zertifizierungen legt.“

Die Zutrittskontrolle ist anders als der Brandschutz und die Gefahrenmeldetechnik ein Bereich, in dem es nicht primär um den Schutz von Leib und Leben geht. Dementsprechend fokussiert man sich im Alltag weniger auf strenge Regulierung mittels Normen und Richtlinien. Dennoch können Normen im Sinne der Vergleichbarkeit gute Dienste für den Anwender leisten, vorausgesetzt, die verantwortlichen Stellen halten sie einigermaßen auf der Höhe der Zeit. Praxisferne und veraltete Richtlinien nützen dagegen niemandem, sie stellen nur einen unnötigen Ballast dar. Ist die Praxisrelevanz aber gegeben, können sie – wie der Verweis auf die Wirkung als Gütesiegel zeigt – durchaus auch einen Mehrwert für Hersteller und Kunden darstellen.