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Reisesicherheit

Gefährliche Selbstüberschätzung

Die eng miteinander verknüpften Themen Expat Security und Reisesicherheit bleiben in Zeiten volatiler internationaler politischer Veränderungen ein dynamisches Arbeitsfeld, welches nur durch engen Praxisbezug, Zielgruppenorientierung und unter Berücksichtigung neuer Risiken erfolgreich im Unternehmen platziert werden kann.

E rfreulicherweise existiert mittlerweile ein breit gefächertes Angebot an Reiserisikoportalen und Riskmaps internationaler Sicherheitsberatungs- unternehmen, die auf Abonnementbasis online relevante Reisewarnhinweise nebst Maßnahmen- empfehlungen zur Verfügung stellen. Aber auch, wenn sich hinsichtlich des Themas Reisesicherheit behörden- und beraterseitig ein Grundkanon an Maßnahmen und Inhalten etabliert hat, bleiben für den Themenverantwortlichen unternehmenskulturelle, zielgruppenspezifische Bedarfe und Nuancen als selbst zu bestimmende Variablen übrig.

Zu vertrauensselig

Im Folgenden zeigen einige Praxisbeispiele, wie ein ignorantes oder selbstüberschätzendes Verhalten zu gefährlichen Situation führen kann.

Einseitiger Fokus auf Straßenkriminalität, trügerische Vertrautheit, unbedarftes Fotografieren und nicht ernst genommene Verhaltensvorgaben
Im Bereich Reise- und Expat Security ist immer wieder zu beobachten, dass Unternehmensvertreter aus westlichen Staaten mit hinreichend legitimierten Regierungen und vertrauenswürdigen staatlichen Organen den politischen und wirtschaftlichen Eliten aus Schwellenländern und deren Umfeld ein unreflektiertes Übermaß an Vertrauen entgegenbringen und Gefahren für ihre persönliche und unternehmerische Sicherheit vielmehr ausschließlich auf „der Straße“ und nicht im Konferenzraum verorten. Wie trügerisch und gefährlich die nur oberflächliche Nivellierung lokaler kultureller Identitäten sein kann und wie sinnvoll das Befolgen von Reisesicherheitsbriefings insbesondere auch durch hochrangige Geschäftsreisende ist, illustriert der folgende Vorfall in der Demokratischen Republik Kongo (DRC): Nach Verhandlungen mit diversen Ministern der kongolesischen Regierung wurden die Mitglieder einer kleinen, aber hochrangigen Wirtschaftsdelegation für weitere Verhandlungen zum Präsidentenpalast chauffiert.

Aufgrund der erst Monate zurückliegenden Ermordung seines Vaters in just diesem Gebäude durch einen Personenschützer hatte der Staatspräsident Joseph Kabila die Sicherheitsvorkehrung auf ein militärisches Niveau angehoben. Die Delegationsmitglieder fühlten sich sicher. Durch die großen Terrassenfenster des Palastes waren in der tropisch grünen Parkanlage für den interessierten Betrachter zwei interessante Details auszumachen. Bedauerlicher Weise richtete sich die Aufmerksamkeit eines älteren Delegationsmitgliedes lediglich auf die großen weißen Reiher, die auf der zentralen Rasenfläche Fröschen nachstellten, und entschied sich entgegen dem Sicherheitsbriefing, zur Kamera zu greifen. Was dem Delegationsmitglied entgangen war, waren die in ihrem Fleckentarn mit der Vegetation verschmelzenden simbabwischen Spezialkräfte, die Kabila zu seinem Schutz aus dem Nachbarland engagiert hatte. Es dauerte exakt sechs Sekunden, bis die beiden gegenüberliegenden Türen des Konferenzraumes aufgerissen wurden und auf die Köpfe aller Anwesenden Sturmgewehre gerichtet waren. Die nachvollziehbar angespannte Situation konnte nur durch den hereineilenden und entsetzten Wirtschaftsberater des Präsidenten und die Löschung der Fotos entschärft werden. Die Delegationsmitglieder waren sichtlich geschockt und begriffen erst zu diesem Zeitpunkt, dass sie nicht in Westeuropa unterwegs waren.

Erfahrene Expats, Instinkthandeln und mangelhafte Projektvorbereitung:
In Reisesicherheitsbriefings begegnet man unter den Teilnehmern zugespitzt formuliert oft zwei sich diametral in ihrer persönlichen Einstellung gegenüberstehende Archetypen, die die Sensibilisierung und Befähigung in Sachen Reisesicherheit zu einem diplomatischen Balanceakt werden lassen können. Auf der einen Seite kann man grob eine Gruppe umreißen, die wenig Auslandserfahrung und unausgesprochene Ängste mit sich bringt und daher interessiert mitarbeitet. Auf der anderen Seite des Spektrums findet man projekterfahrene Expats, die, weil sie „schon alles gesehen haben“, eher gelangweilt dazu tendieren, selbstüberzeugt landesspezifische Sicherheits- und Compliance-Risiken zu ignorieren.

Wie gefährlich die Kombination von in Selbstüberschätzung umschlagendem Expat-Selbstbewusstsein und in diesem Fall nicht erfolgten Reisesicherheitsbriefings sein kann, illustriert der folgende Praxisfall aus Turkmenistan: Anlässlich eines Großprojektes hatte ein westliches Unternehmen für seine Geschäftsreisenden und Expats Zimmer im einzigen Sterne-Hotel einer turkmenischen Provinzhauptstadt angemietet. Der turkmenische Geheimdienst ging auch in diesem Hotel in der hoteleigenen Diskothek, mal mehr mal weniger erfolgreich, mit einheimischen Prostituierten unter Ausnutzung des bemerkenswerten landeseigenen gesetzlichen Kontaktverbotes zwischen einheimischen Frauen und ausländischen Männern bei westlichen Geschäftsreisenden auf „Kompromat-Fang“.

Entgegen dieser vorhersehbaren lokalen Gemengelage hatte es das westliche Unternehmen versäumt, die erste Gruppe seiner entsandten Expats über ein Reisesicherheitsbriefing zu befähigen, sich selbst, die Integrität und die Geschäftsaktivitäten des Unternehmens im Gastland zu schützen, und vertraute ganz auf deren Erfahrungsschatz aus vorangegangenen Projekten in Schwellenländern. Auch wenn es den beiden hier betroffenen Expats bekannt sein musste, dass die wenigen Luxushotels in Schwellenländern den lokalen Machteliten und Mafiagrößen als Tummelplatz dienen, übertrugen sie diese Erkenntnis nicht auf ihre momentane Situation in Turkmenistan. Nur so ist es zu erklären, dass sie in der Hotelbar abends scheinbar unbeobachtet größere Summen an Bargeld abzählten und austauschten. Auf dem Weg zu ihren Zimmern wurden die beiden Expats von zwei kräftigen Männern abgefangen und unmissverständlich zur Herausgabe des Geldes aufgefordert. Ohne Reisebriefing und Deeskalationstraining reagierten die Bedrohten instinktiv, händigten das Geld nicht freiwillig aus und schickten sich an, ihre Bargeldbestände zu verteidigen. Als Konsequenz wurde einer der Ingenieure mit dem Kopf durch eine Rigipswand gestoßen und musste mit einer schweren Gehirnerschütterung außer Landes geflogen werden. Der zweite betroffene Mitarbeiter annullierte wegen des Vorfalls seinen Service-Vertrag vorzeitig und stand mit seinem fachlichen Know-how für das Projekt nicht mehr zur Verfügung.

Praxisbezug dringend erforderlich

Wie die geschilderten Praxisfälle verdeutlichen, stellen sich die Themen Expat Security und Reisesicherheit als weitaus komplexer und anspruchsvoller dar, als zunächst mehr oder minder standardisierte Reissicherheitsempfehlungen vermuten lassen. Über die allgemeinen und grundsätzlichen Regelwerke zur Reisesicherheit hinaus ist es zielführend, sich als Themenverantwortlichen selbst und intensiv in die lokale Risikotopografie der Gastländer einzuarbeiten, individuell auf Mitarbeiter einzugehen, zum Beispiel vor Ort spezifisch für das unternehmenseigene Risikoprofil erstellte Security-Manuals zur Verfügung zu stellen oder im Zweifelsfall auch die Begleitung durch einen Bewacher in Erwägung zu ziehen.

Lars D. Preußer, Geschäftsführender Gesellschafter der Laurentium GmbH

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Unterbringung auf Geschäftsreisen

Hotelkonzepte mitentwickeln

Die Attentate, die in den letzten Monaten Afrika und Europa erschüttert haben, verstärkten den Eindruck einer globalen und unbeständigen Bedrohung, der gegenüber sich kein Unternehmen als geschützt betrachten kann. Dass das Hotelgewerbe Ziel terroristischer Gruppen ist, ist nichts Neues.

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Handlungsoptionen für Geschäftsreisende

Sicherer unterwegs

Die Gefahr, als Geschäftsreisender zum Opfer krimineller Übergriffe zu werden, ist in den zurückliegenden Jahren massiv angestiegen. Geeignete Sicherheitsmaßnahmen werden deshalb für alle Unternehmen zu einem immer wichtigeren Thema.

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Erstellung von Evakuierungsplänen

Wenn es kriselt

Evakuierungen eigener Mitarbeiter aus Gebieten mit politischen Unruhen können sich zum Albtraum eines jeden Unternehmens entwickeln. Eine detaillierte und fallorientierte Planung im Vorfeld hilft, Evakuierungen erfolgreich durchzuführen.

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Fürsorgepflicht bei Auslandsaktivitäten

Ein Schadenersatzurteil mit Folgen

Ende November 2015 verurteilte ein Gericht in Oslo die norwegische Hilfsorganisation „Norwegian Refugee Council“ (NRC) in einem international aufsehenerregenden Prozess zu einer Zahlung von rund 500.000 Euro an einen früheren Mitarbeiter wegen grobfahrlässigem Verstoßes gegen die gesetzliche Fürsorgepflicht vor und nach dessen Entführung in Kenia.

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