Heckansicht eines Soft-SkinFahrzeugs mit IBNS
Foto: Apprich Secur GmbH

Sonderschutzfahrzeuge

Gepanzert oder ungepanzert?

Welches ist die richtige Fahrzeugvariante, die in Zukunft in Deutschland Marktanteile gewinnen wird?

Diese Frage wurde im letzten Jahr immer häufiger gestellt, doch gibt es darauf keine einfache Antwort. Man muss in diesem Zusammenhang den speziellen deutschen Markt betrachten, der in der Vergangenheit klassisch mit gepanzerten Fahrzeugen bedient wurde.

Elektronischer Schutz

In Skandinavien sieht das ganz anders aus. Hier kommen ungepanzerte Fahrzeuge, sogenannte „Soft-Skin-Fahrzeuge“, schon seit mehr als zehn Jahren flächendeckend zum Einsatz, sie haben die gepanzerten Fahrzeuge abgelöst. Allerdings gibt es in diesen Ländern auch eine Besonderheit, da dort der Geldtransport unbewaffnet ausgeführt wird. Für die Sicherheit ihres Personals, des Fahrzeugs und der Werte setzen die Dienstleister auf elektronischen Schutz in Kombination mit IBNS (Intelligente Banknoten-Neutralisierungssysteme). Ziel eines IBNS ist die Unbrauchbarmachung der erhofften Beute einer Straftat zum Beispiel durch Einfärben der Banknoten.

In Abhängigkeit von den Kundenentsorgungen können die Fahrzeuge dort mit einer Ein- oder Zwei-Mann-Crew betrieben werden, was die Logistik sehr flexibel macht. Aufgrund der sich veränderten Geldmenge in Skandinavien kommen in den Städten überwiegend kleinere Fahrzeuge zum Einsatz, die Handels- und GAA-Touren parallel oder nacheinander fahren. Auch in diesen Fahrzeugen werden die Werte in Racks oder Abwurftresoren mit IBNS-Technologie gesichert. Das Personal hat während der Tour keinerlei Zugriff auf die Werte, weshalb diese Logistik als End-to-End-Logistik bezeichnet wird.

Für die Fahrten zwischen den einzelnen Niederlassungen und der Nationalbank werden Trunker (Achsfahrzeuge) eingesetzt, in denen die Werte in Tresoren mit IBNS-Technologie gesichert werden. Die Fahrzeuge werden in der Regel drei bis vier Jahre gefahren, danach wird die IBNS-Ausstattung ausgebaut und in ein neues Fahrzeug umgesetzt. Dieser Tausch wird je nach Beanspruchung der Systeme zweimal durchgeführt, sodass sich die hohen Anfangsinvestitionen für die IBNS-Technologie spätestens nach der ersten Umsetzung amortisiert haben.

Länderbesonderheiten

In anderen Europäischen Ländern wie England und Österreich sowie der Schweiz hat sich mittlerweile der Anteil von Soft-Skin-Fahrzeugen gegenüber den klassisch gepanzerten Fahrzeugen auch deutlich erhöht. Letztendlich kann man feststellen, dass in Ländern, in denen der Geldtransport unbewaffnet ausgeführt wird, überwiegend das Soft-Skin-Fahrzeug genutzt wird.

Andere Länder, wie zum Beispiel Belgien, setzen bei der Sicherheit der Fahrzeuge und Werte auf einen Hybridschutz. Laut gesetzlicher Vorgabe muss hier die Fahrerkabine gepanzert und die Sicherung der Werte mit IBNS durchgeführt werden.

Schließlich gibt es noch die Länder, in denen der Geldtransport traditionell mit gepanzerten Fahrzeugen und bewaffnet durchgeführt wird. Teilweise ist das durch staatliche Vorgaben bedingt, teilweise gibt es aber auch in diesen Ländern eine andere Philosophie über den Schutz für Personal und die Sicherung der Werte. Zu diesen Ländern gehört neben Frankreich, Spanien, Portugal und Griechenland auch Deutschland.

Erfolgreicher Ansatz

In Deutschland hat der klassische gepanzerte Geldtransporter in der Vergangenheit die Logistik komplett für den Handel und die Banken abgedeckt. Wenn man die Vorkommnisse in den letzten zehn Jahren betrachtet, muss man eingestehen, dass diese Form der Logistik in Bezug auf die Sicherheit auch recht erfolgreich war. Allerdings haben sich durch neue Herausforderungen im Bargeldzyklus die Anforderungen an die Dienstleister in den letzten drei Jahren deutlich verändert, sodass sich der Markt für Soft-Skin-Fahrzeuge geöffnet hat. Ein Grund dafür ist, dass Handel und Banken mehr geschlossene Systeme im Backoffice einsetzen. Die Anzahl der Bankfilialen wird zudem verringert, und der Handel bietet seinen Kunden die Möglichkeit des Cashbacks an der Kasse an. Das führt zu einer Verminderung des Transportvolumens und daraus resultierend zu einer Reduzierung in der Frequenz der Entsorgung der Kunden.

So steht der Dienstleister vor der Herausforderung, ob die Entsorgung mit dem gepanzerten Fahrzeug nach wie vor wirtschaftlich ist, oder ob es langfristig zielführender ist, für die Entsorgung kleinere Soft-Skin-Fahrzeuge einzusetzen.

Wirtschaftlichkeit entscheidet

Allerdings müssen für die Betrachtung der Wirtschaftlichkeitsanalyse mehrere Faktoren miteinbezogen werden. So muss zuerst der Einstands-preis eines Soft-Skin-Fahrzeugs sowie eines gepanzerten Fahrzeugs miteinander verglichen werden. Auf den ersten Blick scheinen die Vorlaufkosten bei einem Soft-Skin-Fahrzeug für die IBNS-Technik zuerst einmal deutlich höher zu sein. Aber in die Analyse muss auch die Nutzung der IBNS über einen Zeitraum von zwei oder drei Fahrzeuggenerationen miteinbezogen werden, da dies die Rentabilität des Soft-Skin-Fahrzeugs deutlich verbessert.

Zusätzlich ergeben sich langfristig auch Optimierung und Einsparungen bei der Personalplanung, rechnet man den Einsatz über einen Zeitraum von vier oder acht Jahren, was aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktentwicklung auch ein wichtiger Punkt im Entscheidungsprozess ist.

Auf dem Vormarsch

Somit scheint es nur eine Frage der Zeit – zumindest auf den ersten Blick –, bis auch das Soft-Skin-Fahrzeug in Deutschland flächendeckend zum Einsatz kommen wird. Bei genauerer Betrachtung stellt sich der deutsche Markt aber als sehr speziell dar, da Dienstleister bisher meistens nur Jahresverträge von ihren Auftraggebern erteilt bekommen, was sich bei der Wirtschaftlichkeitsanalyse aktuell noch negativ für das Soft-Skin-Fahrzeug auswirkt.

Ein weiterer nicht zu unterschätzender Aspekt bei der Entscheidung zur Nutzung von Soft-Skin-Fahrzeugen ist aber auch, dass sich alle an dem Geldkreislauf beteiligten Parteien, wie BDGW, Berufsgenossenschaften, Gewerkschaften, Banken, Handel sowie die Bundesbank, auf die IBNS-Technologie einlassen müssen. In Deutschland hat der Prozess begonnen, ist aber noch weit entfernt im Vergleich zu den skandinavischen Ländern. Somit wird es für die kommenden fünf Jahre weiterhin den Bedarf für beide Fahrzeugvarianten auf dem deutschen Markt geben.

In diesem Spannungsfeld ist man als Hersteller aufgefordert, neue Lösungskonzepte für alle Märkte und deren Logistikformen anbieten zu können. Abhängig von dem Bedrohungsgrad muss der Kunde entscheiden können, welcher Fahrzeugtyp am besten für den Einsatzzweck geeignet ist.

Die Herausforderung an die Hersteller ist daher, sich den neuen Anforderungen zu stellen, sodass man in der Lage ist, Lösungskonzepte zu einem wirtschaftlich angemessenen Preis anbieten zu können. Roberto Pareras, Leiter Vertrieb/Prokurist der Apprich Secur GmbH