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VSW Mainz

Grund zum Feiern

Ende März konnte die VSW Mainz e.V. im Rahmen ihrer Jahrestagung und Mitgliederversammlung ihren 50. Geburtstag feiern. Und das taten Mitglieder, Vorstand und Geschäftsführung zusammen mit zahlreichen Gästen aus Politik, Wirtschaft und von Sicherheitsbehörden und -verbänden in ansprechendem Rahmen: Die über 230 Teilnehmer genossen das inhaltlich anspruchsvolle, aber auch unterhaltsame Programm im Kurfürstlichen Schloss zu Mainz.

Zunächst begrüßte Udo Kaiser, stellvertretend für den Vorstandsvorsitzenden der VSW Peter H. Bachus, der leider krankheitsbedingt nicht teilnehmen konnte, die Anwesenden. Der nach eigenen Angaben größte regionale Sicherheitsverband in Deutschland verfügt mittlerweile über mehr als 260 Mitglieder, Tendenz steigend. Kaiser übergab dann die Moderation an den Journalisten Constantin Schreiber, Moderator der Tagesschau, der während der Tagung eloquent durch das Programm führte. Roger Lewentz, der rheinland-pfälzische Innenminister, unterstrich in seinem Grußwort die Schnittstellenfunktion des Verbandes. Über die Jahre sei eine intensive und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der VSW und der Politik entstanden. Er umriss kurz, wie sich die sicherheitspolitische Situation seit 2015 aufgrund der verschiedenen Anschläge auch auf deutschem Boden verändert habe. Dies habe unter anderem dazu geführt, dass die Polizei personell aufgestockt sowie in ihre Fortbildung und Ausstattung investiert werde. Aber auch neue Herausforderungen wie beispielsweise Cybercrime seien dazugekommen. 50 Jahre VSW Mainz bedeutet auch 50 Jahre Geschichte der Sicherheitsbranche. Und wer könnte sich dieses Themas besser annehmen als der Sicherheitsberater Rainer von zur Mühlen, der seit vielen Jahr zehnten die Branche prägt und begleitet? Die wilden 70er Jahre mit ihren Terroran schlägen, Flugzeugentführungen oder auch der Atomendlagerdiskussion haben das Si cherheitsdenken maßgeblich verändert. Si cherheitskonzepte mussten erst entwickelt werden, in dieser Zeit wurden die ersten Sicherheitsverbände und die Messe Security gegründet. Sicherheitstechnik war an fangs noch mechanisch, bis sich über die Jahre immer mehr elektronische Lösungen etablierten.

Auch die Sicherheitsdienstleis tungen haben sich über die Jahre verändert. So wurden die Berufsbilder Fachkraft für Schutz und Sicherheit oder der Meister für Schutz und Sicherheit erarbeitet, begleitend zu den Anforderungen, die die Entwicklung der Sicherheitstechnik mit sich brachte. Peter Henzler, Vizepräsident beim BKA, skizzierte die aktuelle Sicherheitslage. Dem nach wurden in den vergangenen Jahren je weils ungefähr sechs Millionen Straftaten registriert. Er ging auf die sich dynamisch entwickelnden Bereiche Terrorismus und politisch motivierte Kriminalität ein. Gab es bis 2015 nur einen islamistisch motivier ten Anschlag in Deutschland, seien es seit 2016 sechs weitere gewesen, darüber hinaus wurden 16 Anschlagsversuche vereitelt oder scheiterten. Henzler hob die funktionierende Zusammenarbeit von 40 Behörden im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum in Berlin hervor, verwies jedoch darauf, dass es zur Gefahrenabwehr derzeit keine einheitli chen rechtlichen Standards in den dafür zu ständigen Bundesländern gebe. Für den Bereich Rechtsextremismus stellte er eine vor allem im Internet festzustellende ausländerfeindliche Hetze sowie die mit dem Anwachsen der Zuwanderung nach Deutschland stark gestiegene Zahl von Brandanschlägen auf Asylunterkünfte heraus. Gewalt der linken Szene richte sich besonders gegen staatliche Einrichtungen, zeige sich aber auch im Zusammenhang mit Demonstrationen, in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner und richte sich zudem gegen im Kontext mit „linken Themen“ stehende Unternehmen. Die Organisierte Kriminalität umfasse neben besonders schweren Straftaten zunehmend auch im großen Stil betriebene Massendelikte wie Wohnungseinbruch- oder Ladendiebstahl und weise überwiegend internationale Bezüge auf. So halte sich beispielsweise der „Kopf“ von Einbrecherbanden oftmals im Ausland auf. Im Bereich der Wirtschaftskriminalität seien 2016 zwar „nur“ rund 60.000 Fälle registriert worden, diese verursachten aber die Hälfte des für alle Delikte erfassten Schadens.

Die Cyberkriminalität wie beispielsweise der CEO-Fraud sei ein stark anwachsender Kriminalitätsbereich. Hier sei es unter präventiven Aspekten unabdingbar, die Wirtschaft über Gefahren zu informieren und Aufklärungskampagnen zu starten. Auch in diesem Bereich agierten die Täter transnational und professionalisierten sich zunehmend. Ebenfalls auf dem Vormarsch sei die Cyberspionage. Diese richte sich auch gegen Wirtschaftsunternehmen, wobei die Branchen Chemie, Maschinenbau, Medizin oder auch Energie besonders im Fokus stünden. Daran beteiligt seien unter anderem fremde Nachrichtendienste. Entwicklungen wie das „Internet of Things“, „Smart Home“, „Indus trie 4.0“, „bring your own device“ und andere Innovationen würden zahlreiche neue Angriffspunkte und Tatgelegenheiten mit sich bringen; als Beispiel nannte Henzler das autonome Fahren, das gehackt werden könne.

Professor Dr. Ulrich Wagner von der Universität Marburg widmete sich in seinem Vortrag dem „subjektiven Sicherheitsempfinden in der momentanen Sicherheitslage. Er referierte, dass die Sicherheitslage in den vergangenen 25 Jahren relativ stabil gewesen sei. Die subjektive Wahrnehmung sehe allerdings anders aus, es bestehe eine nur geringe Korrelation zur tatsächlichen Sicherheitslage. Auf die Frage „Wie sicher fühlen sie sich abends in ihrer Wohngegend in Hinblick auf physische Gewalt“ unterscheide man drei Dimensionen: die kognitive: Wie wahrscheinlich ist es, selbst Opfer zu werden? Die affektive: Wie sehr hat man Angst, selbst zum Opfer zu werden? Und die konative: Diese bewirkt Verhaltensänderungen, wie zum Beispiel abends nicht mehr aus dem Haus zu gehen. Bei solchen Befragungen träten die Diskrepanzen zwischen objektivem und subjektivem Sicherheitsempfinden deutlich zu Tage, wie Wagner anhand verschiedener Beispiele erläuterte. Als Ursachen dafür führte er an, dass sich die Kriminalitätsbelastung auf die Kriminalitätsfurcht niederschlage. Es komme zu einer Furcht vor bestimmten Orten oder gesellschaftlichen Gruppen und damit zu einer kognitiven Verzerrung: Der Mensch habe das Gefühl des Kontrollverlustes. Es sei zudem ein menschliches Merkmal, im Kontakt zu Mitmenschen Kategorien und Gruppen zu bilden. Die „eigene“ Gruppe werde immer aufgewertet. Die Kriminalitätsfurcht werde auch durch die sozialen Einflüsse wie Soziale Medien, Politik oder öffentliche Berichterstattung geprägt. Er gab daher den Akteuren in Politik und Gesellschaft mit auf den Weg, eine verantwortungsvolle Öffentlichkeitsarbeit und Berichterstattung zu betreiben. In der abschließenden Podiumsdiskussion zu den aktuellen Herausforderungen an die Sicherheitsbehörden wurde zum einen deutlich, dass es permanent zu Cyberattacken komme, weil es keine IT ohne Schwachstellen gebe, wie Johannes Kunz, Präsident des LKA Rheinland-Pfalz, betonte. Henzler erläuterte, dass als Urheber der hochkomplexen Angriffe verschiedene staatliche Akteure in Frage kämen: nicht nur Russland, sondern auch China oder Indien. Robert Schäfer, Präsident LfV Hessen, erläuterte, dass der Verfassungsschutz zur Terrorismusbekämpfung das Vorfeld scanne, um aufzuklären, wo Gefahren entstehen könnten. Das BKA habe zudem Verbindungsbeamte im Ausland. Dort komme es zur Zusammenarbeit mit den Behörden, und das auch in Krisenstaaten. Der Abend klang mit dem Auftritt des „Staatsfreunds Nr. 1“, dem deutsch-marokkanischen Kabarettisten Abdelkarim, und einem Galabuffet aus.

Annabelle Schott-Lung