Entwicklungen bei HD- und Megapixelkameras

Hoch, höher, höchstauflösend?

Teil 3

Höhere Ligen

Was bei HD-SDI ebenfalls öfter bemängelt wird, ist die Deckelung der Auflösung – bei 1080p ist Schluss. Oberhalb davon beginnt die Liga der ausschließlich IP-basierten Megapixelkameras. Sie haben vor allem in speziellen Anwendungen ihren Markt. Stefan Bange skizziert den Musterfall: „Ich glaube, dass hier ein wachsender Markt existiert, man muss nur offen sein und die hieraus resultierenden Möglichkeiten erkennen. Nehmen wir das klassische Beispiel Fußballstadion. Hier zahlen sich die Vorteile von höchstauflösenden Multi-Megapixelkameras aus – vor allem, wenn man auf einer gegenüberliegenden Tribüne noch Gesichter erkennen möchte. Das sind beileibe keine kleinen Projekte, die immer öfter auf Megapixelsysteme setzen, weil sie dadurch die Kameraanzahl erheblich reduzieren.“

Waldemar Gollan zieht den Anwendungskreis noch weiter: „Überall dort, wo es um die Überwachung von großen Arealen geht, können solche Systeme ihre Stärken besonders gut ausspielen, wie zum Beispiel große Werkshallen, Schwimmbäder, Logistikunternehmen, Bahnhöfe und dergleichen. Wir haben unter anderem den Produktionsbereich für spezielle Tiefkühlprodukte mit 80 Stück 20-Megapixelkameras, dies entspricht 320 Fünf-Megapixelkameras, ausgestattet und damit die flächendeckende Überwachung mit einer minimalen Anzahl von Installationspunkten realisiert. Die Anwendungsszenarien sind heute schon enorm breit, es geht hier also nicht nur um absolute Sonderfälle.“ Stefan Bange pflichtet bei: „Es ist keine Nische mehr, man muss nur mit einer anderen Denkweise an die Projekte heran gehen – und das tun mittlerweile auch viele Kunden. Es findet ein zügiger Lernprozess im Markt statt.“

Statement

„Wenn man ein komplettes Neuobjekt plant, bei dem auch die Infrastruktur neu aufgebaut wird, kann man über die Technologien relativ frei entscheiden. Aber wenn man an die vielen Bestandssysteme denkt, wo man oft die alten Koaxialleitungen nutzen möchte, ist das mit Technologien wie HD-SDI oder IP mit Hilfe von Medienkonvertern möglich. Aber man muss auch bedenken, dass die Leitungsqualität nicht immer ausreicht – und dass man neben den Kameras die Recorder und Monitore ebenfalls umrüsten muss.“
Konstantin Ingenheim, Vertriebsleiter, Schmid Alarm GmbH

Rundum sichtbar, rundum sorglos?

Ebenfalls als vermeintliche Nischentechnik und als Trendprodukte gelten die heute in vielfältiger Form erhältlichen Panorama- und Fisheye-Modelle. Marco Pompili erkennt zwar eine Berechtigung für solche Kameras, zieht aber auch klare Grenzen: „Solche Modelle eignen sich gut als Übersichtskameras auf begrenztem Raum. Es gibt davon verschiedene Variationen, auch Kombinationen aus Fischauge und mechanischen PTZ oder solche mit mehreren Objektiven. Man muss aber sehen, dass Fisheyes nur bedingt für die Identifikation einsetzbar sind, es sei denn die Person steht direkt davor. Die oft strapazierte Marketing-Argumentation, mit einer Kamera könnte man zehn Fix-Kameras ersetzen, stimmt höchstens einmal in Ausnahmefällen.“

Für Waldemar Gollan ist die Auswertbarkeit der Bilder eine Frage des Konzepts: „Statt einer Fischaugen-Lösung empfehlen wir mit vier Sensoren zu arbeiten, die über jeweils 45 oder 90 Grad versetzt, eine perfekte Panorama-Ansicht bieten. Sie liefern dann auch in der Bildqualität ein wirklich durchgängig gleichwertiges Bild, bei dem man – anders als bei der Fischaugenlösung – auch über die vier Sensoren hinweg eine Video-Analyse realisieren kann.“ Fedja Vehabovic erkennt ebenfalls Potenzial – wenn auch nicht uneingeschränkt: „Es gibt natürlich einen Markt für solche Panoramakameras. Und vielleicht werden sie auch in Bereichen, wo die Sicherheitsanforderungen nicht zu hoch sind, die PTZ und Fix-Modelle als Übersichtskameras verdrängen können. Aber ob das in fünf oder zehn Prozent der Fälle stattfinden wird, ist schwer zu sagen.“ Auch Wilhelm Fischer ist zwiegespalten: „Ich sehe das insgesamt schon eher als ein Nischenprodukt. Man muss den Nutzen auch mit dem Kunden abklären, denn der Erkennungswert bei Fischeye-Lösungen sei immer noch dahingestellt. Für Übersichtsaufgaben kann es sehr gut funktionieren, aber trotzdem bleibt es für mich eine Nische.“

Dritte Dimension

Die bisherige Entwicklung der Überwachungstechnik hat gezeigt, dass Trends und Technologien aus der Consumer-Welt früher oder später Einzug in die Security-Sparte halten. Einer der aktuellen Trends hat es trotz Hype im Markt der Privatanwender schwer im Sicherheitssektor: Die 3D-Videotechnik scheint momentan noch wenig Relevanz zu besitzen. So sieht es auch Marco Pompili: „3D-Kameras gibt es nun eine ganze Weile, aber auch hier reden wir wieder über Spezialfälle. Man kann 3D sehr gut für Analysen einsetzen, etwa im Einzelhandel für die Personenzählung mit höherer Genauigkeit. Man kann auch 3D-Kameras einsetzen, um Entfernungen zu messen, aber dafür gibt es auch andere Technologien. Ich glaube nicht, dass sich das allgemein durchsetzen wird, zumal auch die 3D-Monitore im Consumer-Bereich nicht wirklich den durchschlagenden Erfolg hatten.“ In der Analyse-Anwendung sieht auch Björn Weber von der Basler AG den größten Nutzen: „Wir haben Kunden, die zwei oder mehr Kameras im Raum synchronisieren und gegeneinander abgleichen. Durch so eine Kalibrierung lassen sich zum Beispiel Fußballspiele analysieren. Das ist aber keine klassische Kameratechnik, weshalb ich nicht von einer 3D-Kameratechnik sprechen möchte, sondern eher von einer 3D-Softwaretechnik.“

Es bleibt spannend

Die Entwicklung bleibt also spannend, das zeigen die neuen Technologien in der Kameratechnik deutlich. Auch wenn einige noch mit dem Etikett der Nischenanwendung versehen sind, könnte sich das bei manchen Lösungen künftig ändern. Auch neue Verfahren und Standards stehen schon in der Startlöchern, wie Waldemar Gollan anmerkt: „Wir beobachten bereits die Potenziale der neuen 4K-Auflösung, die aus der Digitalkino-Technik kommt. In dieser Technik sehen wir den nächsten Schritt in der kontinuierlichen Entwicklung der Videoüberwachungstechnik. Da diese Auflösung der neue Fernsehstandard werden soll, wird dieser erfahrungsgemäß auch in der Sicherheitstechnik bald Einzug halten. Einige Hersteller im Sicherheitsbereich haben schon Präsentationen durchgeführt, und einige sind intensiv mit der Entwicklung beschäftigt, so dass entsprechende Produkte womöglich schon innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate relativ alltäglich sein könnten.“

Ob sie aber in der Masse erfolgreich sein werden, kann nur die Erfahrung zeigen. Bis dato fasst es Björn Weber in einem treffenden Fazit zusammen: „Man kann guten Gewissens sagen, dass 720p der Nachfolger von VGA beziehungsweise PAL ist. Denn die wird es über kurz oder lang nicht mehr geben. Ich denke, dass sich der Großteil der Systeme im HD-Segment zwischen 720p und 1080p abspielen wird. Dennoch wird auch genügend Platz bleiben für Nischentechniken und andere Systemansätze.“

Michael Gückel
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Foto: MG

Entwicklungen bei HD- und Megapixelkameras

Hoch, höher, höchstauflösend?

In den letzten Jahren hat sich die Videotechnik stark gewandelt – hin zu immer höheren Auflösungen und zunehmend smarten Kameras. Höchste Zeit also, die neuesten Trends und Entwicklungen in der Kameratechnik auch beim PROTECTOR Forum Videoüberwachung zu diskutieren.

Foto: Gückel

PROTECTOR-Forum Videosicherheit 2015

Zahlen mit Format

4K, Megapixel, Ultra-HD, 3D, H.265, HD-SDI, HDCVI, 720p, 1080p – die Liste der teilweise kryptischen Schlagworte aus der Videotechnik lässt sich fast beliebig verlängern. An Formaten und Funktionen besteht wahrlich kein Mangel, jedoch an Orientierung für den Anwender. Deshalb kamen aktuelle Entwicklungen aus den Bereichen Videostandards, Kompression und Schnittstellen beim PROTECTORForum Videosicherheit 2015 ausführlich zur Sprache.