Die Teilnehmer von links: Stefan Erber, Olaf Ruff, Norbert Schaaf, Andreas Wagener, Kolja Beilicke, Tammo Berner, Andreas Albrecht, Florian Du Bois, Ingo Österreicher, Oliver Brandmeier, Johann Notbauer, Sebastian Brose, Florian Lasch, Volker Kraiss.
Foto: Michael Gueckel

Zutrittskontrolle

Integration per Klick?

Die Zutrittswelt wird immer offener und integrativer, der Trend zur Vernetzung hält an. Welche Rolle spielen BLE, Smartphones, Cloud und Co in der Praxis?

Moderator Volker Kraiss schildert zu Beginn der Diskussion an Tag 2 des Forums einleitend seine Eindrücke zum Thema Vernetzung und Integration: „Der Trend zu integrierten Systemen mit einer übergeordneten Metaebene für eine einheitliche Steuerung und Bedienung aller Sicherheitssysteme ist nach wie vor ungebrochen und die Systeme werden immer leistungsfähiger. Viele Systeme setzen auf einen komplett vernetzten Ansatz in der Cloud. Was kann die Zutrittskontrolle bei integrierten Lösungsansätzen beitragen? Denken wir an die mechatronische Schließtechnologie, die in rasender Geschwindigkeit mit der Online-Zutrittswelt zusammenwächst und mehr und mehr Funktionalitäten der klassischen Zutrittskontrolle integriert. Wie und wo findet die Zutrittskontrolle zukünftig ihren Platz?“

Olaf Ruff von Uhlmann & Zacher legt den Fokus auf den kundenspezifischen Nutzen eines integrativen Ansatzes: „Es gibt eine Fülle an Wegen, um Dinge zu integrieren und miteinander zu vernetzen. Eine der Möglichkeiten ist zunächst einmal das Medium. Das kann ein Ausweis sein oder auch ein Smartphone. Oder aber es läuft über spezielle Schnittstellen. Im Grunde ist immer wichtig: Die Kunden möchten Systeme nutzbringend verbinden und Zutrittstechnik oft auch als Organisationsmittel einsetzen. Wir müssen Lösungen anbieten, die die Handhabung der Systeme vereinfachen und Nutzen generieren.“

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Stefan Erber von PCS Systemtechnik stimmt zu: „Die Integration von Systemen erfüllt immer einen bestimmten Zweck, man verbindet Systeme nicht, nur weil es technisch machbar ist. Im Vordergrund steht der Nutzen für den Anwender beziehungsweise der Mehrwert für den Kunden. Dieser will nicht nur eine Zutrittsbuchung durchführen, sondern mit dieser Zutrittsbuchung mehrere Funktionen miteinander verknüpfen. Die Einbindung einer Zeiterfassung oder Aufzugssteuerung ist ein gängiges Beispiel. Gerade in Projekten mit größeren Gebäuden sehen wir zunehmend entsprechende Anforderungen. Effizienz und Optimierung von Prozessen spielen hier eine große Rolle.“

Integrative Basis

Der Trend zur Vernetzung geht also nutzenbedingt meist vom Anwenderbedürfnis aus. Doch um dieses zu befriedigen, muss zunächst die technische Basis für eine umfassende Integration gegeben sein. Hier muss man entsprechend auswählen, findet Tammo Berner von Glutz: „Die Integrierbarkeit hängt auch von der Art der Komponenten ab. Mechatronische Systeme kommunizieren in der Regel nicht ständig und dauerhaft, weil sich das zu stark auf die Batterieleistung auswirkt. Sie kommunizieren eher situativ und auf Anfrage. Aber es kommt auf die Szenarien an, wo man die Verknüpfung in die Gebäudetechnik herstellen will. Wenn sich beim Betreten des Büros die Schränke öffnen, das Licht anschalten und die Jalousie in die richtig definierte Stellung fahren soll, dann geht das selbstverständlich auch über ein batteriebetriebenes System. Da die einzelnen Komponenten dann nicht verkabelt werden müssen, vermutlich sogar noch besser. Wenn es erforderlich ist, dass die Komponenten stetig kommunizieren müssen, wie zum Beispiel bei einem Flughafen, wo an einem Sicherheitsleitstand jede Türbewegung direkt angezeigt wird, dann wäre das wahrscheinlich zu viel Datenverkehr für die Batterie. Das ist der einzige Punkt, wo die verkabelte Zutrittskontrolle noch gewisse Vorteile hat.“

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Oliver Brandmeier von Simons Voss schildert seine Sicht zum Thema Integration so: „Es ist immer die Frage, wer sich mit wem integriert. Wenn ein Hersteller selbst ein kombiniertes Online-Offline-Zutrittskontrollsystem anbietet, dann funktioniert natürlich alles auf Anhieb. Wenn aber ein unabhängiger Integrator, der eine eigene Onlinezutrittskontrolle hat, gewisse Offline-Produkte integrieren will, hat er eine ganz andere Basis und Ausgangslage. Hier gibt man ihm eine Guideline an die Hand, wie er sie integrieren kann und verifiziert das Ergebnis hinterher. Aber es ist die Frage, wie tief geht eine solche Integration? Offlineschließsysteme oder eben auch Digitalzylinder mit Funkanbindung unterscheiden sich vom konzeptionellen Ansatz von der traditionellen Online-Zutrittskontrolle. Das sollte man berücksichtigen.“

Sicherheit und mehr

Für Johann Notbauer von Evva Sicherheitstechnologie hört Integration schon lange nicht mehr bei der Sicherheit auf, man müsse stattdessen das Vorhaben heute vielschichtig durchdenken: „Beim Thema Integration geht es heute oft um Anforderungen zusätzlich zum Sicherheitsaspekt. Die Sicherheit ist bei uns das starke Fundament für die Produkte, aber insbesondere bei den elektronischen Produkten spielt die Integrierbarkeit eine wichtige Rolle, gerade auf softwaretechnischer Ebene. Es geht viel um Organisation und Zusatzfunktionen. Für den Kunden ist entscheidend, dass die Lösung seine Abläufe einfacher macht und Komfort bietet. Gleichzeitig muss man aufpassen, dass das keinen allzu großen Konflikt mit der Sicherheit ergibt. Denn umso höher man die Sicherheit ansetzt, desto eher leidet der Komfort einer Lösung. Komplexe elektronische Anlagen sind nicht trivial aufzusetzen, nur weil vieles softwaretechnisch änderbar ist.“

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Mehrwert und Intelligenz sind auch für Norbert Schaaf vom BHE elementare Aspekte für integrierte Systeme: „Im Prinzip sehe ich den Trend, dass immer mehr Gewerke vernetzt und Systeme integriert werden. Das ist ja nicht nur in der Sicherheitsbranche so, sondern auch in anderen technischen Sparten. Man benötigt intelligente Schnittstellen, um Systeme zu verbinden und einen Mehrwert zu schaffen. Aber gleichzeitig dürfen solche Schnittstellen auch nicht zu viel kosten, wenn man in die Breite gehen will. Sonderentwicklungen für bestimmte Funktionen wären in der Masse zu teuer. Es gibt einige Anwendungen, in denen eine vernetzte und integrierte Zutrittskontrolle sinnig ist, etwa für Wohnbaugesellschaften, die bestimmte Services mittlerweile durch Technik abbilden wollen. Oder sehen wir uns mal die Alterspyramide an, dann sind wir schnell beim betreutem Wohnen, wo es enorm wichtig sein kann, Türen für den Hilfsdienst freizuschalten. Das muss ja meistens auch schnell passieren, weil in der Regel ein Schlaganfall, Herzinfarkt oder ähnliches vorliegt.“

Ingo Österreicher von Dormakaba gibt im Hinblick auf die Anwendbarkeit zu bedenken: „In der Praxis gibt es unterschiedliche Gebäude. Das können Bürogebäude, Hochhäuser, Banken und dergleichen sein oder aber Mehrfamilienhäuser. Wenn wir an das Hochhaus denken, dann kann es eine der wesentlichen Aufgaben sein, den Personenfluss zu regeln und auch den Aufzug mit in die Zutrittsorganisation einzubinden. Oder denken wir an die Wohnungswirtschaft, für die es einen hohen Aufwand bedeutet, die klassische mechanische Schließanlage zu verwalten. Das wird vor allem dann schwierig, wenn Dienstleister vor Ort zu tun haben. Es stellt sich die Frage, wie kann man möglichst einfach einer Drittfirma den Zutritt ermöglichen, ohne dass jemand mit meinem mechanischen Schlüssel zu dem Gebäude fahren muss. Es gibt zunehmend auch cloudbasierte Systeme, beispielsweise für Coworking-Spaces, wo man kurzzeitig Büroräume anmietet und über das Smartphone Zugang erhält. Hier stehen Effizienz und Komfort im Vordergrund, aber überall gibt es eben Schnittstellen zur Zutrittstechnik.“

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Nutzbringende Möglichkeiten

Die Gebäudelandschaft ist also bereits sehr vielfältig, und die Nutzungsarten verändern und erweitern sich stetig. Sebastian Brose vom VdS plädiert, die jeweils individuelle Anwenderperspektive einzunehmen: „Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir nicht versuchen, zu sehr in der Technik zu diskutieren. Am Ende geht es um ein Gebäude, in dem man den Zutritt sicher kontrollieren, regeln und organisieren will. Hinzu kommen vielleicht noch diverse Anforderungen an den Komfort. Diese Funktion interessiert den Nutzer und vielleicht den Versicherer. Und wenn dies die Technik der etablierten Hersteller nur eingeschränkt hergibt, dann kommen womöglich neue Anbieter auf den Markt, die es ermöglichen. Nehmen wir einmal das Thema Carsharing, dort ist es recht clever gelöst, dass man nur einsteigen kann, wenn man die Berechtigung hat. Ohne komplizierte Schlüsselverwaltung beim Nutzer. Das ist ein anderer Ansatz als ihn die klassische Zutrittskontrolle verfolgt. Aber in diese Richtung wird es gehen, weil es für den Anwender unglaublich praktisch ist. Man muss mehr vom Nutzererlebnis her denken.“

Privat- oder Objektgeschäft?

Dass man nicht alle Anforderungen und Trends auf jedes Projekt gleichermaßen übertragen kann, meint Florian Lasch von Abus Security Center: „Was das Thema Vernetzung und Integration angeht, muss man unterscheiden, ob man vom Objekt- und Projektgeschäft redet oder im weitesten Sinne vom Privatanwender. Viele der Anwendungsfälle, die genannt werden, von der Pflege über Delivery bis hin zu Co-Working-Spaces, fallen unter das Thema Digital Living oder auch Smart Home. Hier dient die Zutrittskontrolle als Identifikation der Person, die vor der Tür steht, oder die dann auf die ganze Haussteuerung Zugriff hat. Es gibt viele Millionen Haushalte, die ein zunehmendes Interesse am Thema elektronischer Zutrittskontrolle haben, weil es ihnen Mehrwert und auch mehr Sicherheit bietet. Wenn Sie heute die Technologie anschauen, die in einer Wohnung funktioniert, dann ist es eine reine Frage der Vernetzung dieser Einzellösungen. Viele machen das über BLE oder über eine Cloudverwaltung.“

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Florian Du Bois von BKS rät hinsichtlich der Anwendergruppen: „Ich würde die Grenze zwischen Privatanwender und kleinerem Objekt nicht so messerscharf ziehen. Die Plattform kann sogar die gleiche sein, und auch die Anforderungen an das Produkt in Bezug auf Inbetriebnahme müssen nicht so unterschiedlich sein. Die Frage ist: Wie muss etwas dokumentiert sein, was kann man voraussetzen im Privatbereich – ohne Facherrichter? Das ist im Objekt aber ähnlich. Hier werden Software-Schnittstellen regelmäßig geprüft, aber welcher Errichter soll das tun? Denn die Praxis zeigt, dass wir, obwohl wir viele Softwareschnittstellen haben, doch oft wieder beim Kontakt landen. Das passiert, weil das eine ganz klar definierte Schnittstelle ist. Und das heißt nicht, dass die Softwareschnittstelle schlecht ist, sondern es wird oft unterschätzt, dass man das Ganze auch in Betrieb nehmen und warten muss.“

Dass man vom Segment Smart Home als Anbieter klassischer Zutrittssysteme allzuviel erwarten dürfe, glaubt Norbert Schaaf nicht: „Ich bin der Meinung, dass Smart Home in Zukunft fast ausschließlich ein Thema für den Elektronikversand oder den Baumarkt ist und von professionellen Fachfirmen und Dienstleistern gar nicht mehr angeboten wird, weil zu teuer. Hier müssen die Anbieter absolut sicherstellen, dass der Endverbraucher, der sich diese Systeme bestellt, sie mit Plug und Play einwandfrei installieren kann.“

OSS als Faktor für Integration?

Ein ganz anderer Weg, um eine Basis für die Integration zu schaffen, stellen Standards dar, merkt Florian Du Bois an: „Eine Basis für eine möglichst breite Integration von Komponenten können auch Standards wie etwa OSS sein. Damit ließe sich auch ein Offlinesystem vom Hersteller A mit dem Onlinesystem vom Hersteller B kombinieren. Aber in der Praxis ist es leider recht schwierig, das einheitlich hinzubekommen. OSS böte hier zum Beispiel Möglichkeiten, aber bei solchen Standards sind wir dann wieder beim kleinsten gemeinsamen Nenner, der nicht zwangsläufig alle Anforderungen der Anwender oder alle Lösungen der Produkte abdeckt. Die Hersteller entwickeln ihre Produkte aber weiter und implementieren Innovationen – das muss dann proprietär passieren. Damit lassen sich viele Vorteile, die Produkte voneinander unterscheiden, dann nicht nutzen. Von daher ist dann die Frage: Ist das die Integration, die man sich vorstellt? Oder erwartet man von einem Standard wie OSS hier zu viel?“

Die praktische Relevanz von OSS als Standard für die Zutrittskontrolle ist auch für Olaf Ruff momentan noch recht begrenzt: „Bei OSS versucht man ein einheitliches Datenformat hinzukriegen, mit dem man als Basis zumindest ein bestimmtes Leistungsspektrum abdecken kann. Und wenn uns das letztlich hilft, die Kundenwünsche zu erfüllen, dann kann es eine Bereicherung sein. Aber in der Praxis sehen wir immer wieder, selbst innerhalb von OSS gibt es Unterschiede wie Tag und Nacht. Das ist logisch, weil es noch einige Interpretationsspielräume gibt. Und dann haben wir wirklich den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wenn man in die Tiefe geht, wird es durchaus problematisch, finde ich.“

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Komfort und Schutz abwägen

Kolja Beilicke vom Errichter Röwer Sicherheitstechnik rät dazu, Integration und Vernetzung nicht über den Sicherheitsgedanken zu stellen: „Mein Wunsch wäre es, dass die Hersteller das Thema Sicherheit bei allen Komfortgedanken nicht aus dem Auge verlieren. Denn in der Zutrittskontrolle geht es ja tatsächlich um Sicherheit. Wir können natürlich auf Cloud- oder Online-Systemen der Hersteller zurückgreifen und diese auch Systemübergreifend integrieren, aber dann muss umso mehr gewährleisten sein, dass das System sicher ist.“

Andreas Wagener von Assa Abloy sieht auch künftig genug Raum für diverse Ansätze und Produktklassen: „In der Sicherheits- und Gebäudeleittechnik sehe ich eine klare Tendenz zu immer stärker vernetzen und komplexen Anlagen, die aus der Verknüpfung und Interaktion verschiedener Gewerke wie Zutrittskontrolle, Brandschutztechnik und Videotechnik entsteht. In großen Gebäuden ist das auch sehr sinnvoll. In kleineren Gebäuden sehe ich aber nach wie vor den Bedarf an kleinen und einfachen Systemen, die auch unabhängig voneinander verwaltet werden können.“

Vor neuen Schwachstellen warnt Ingo Österreicher: „Bei allen Komfort-Vorteilen, die Vernetzung und Digitalisierung auch in Unternehmen bieten, gebe ich zu bedenken, dass sich auch neue Sicherheitslücken auftun können. Wenn ich über die Sprechanlage oder über die Cloud eine Tür per Smartphone öffnen will, muss ich mir über die digitale Sicherheit des Handys und der Cloud Gedanken machen. Denn wir verlieren sehr viel an mechanischer Sicherheit, wenn nur noch der Türöffner bleibt. Das ist versicherungstechnisch auch kein wirklicher Verschluss.“

Foto: Michael Gueckel

Dass man trotz teilweise noch berechtigter Bedenken langfristig nicht um einem möglichst integrativen Ansatz herumkommt, davon ist Johann Notbauer überzeugt: „Wir sind zunehmend online mit unseren Systemen oder eben quasi online per Smartphone, mit dem sich Statusinformationen in beide Richtungen austauschen lassen. Und auch die Offlinekomponenten sind oft netzwerkfähig. Das heißt, wenn ich ein entsprechendes Gateway im Flur platziere, kann ich auch einen normalen Zylinder, der in der Regel offline ist, online ansprechen. Das ist auch die Basis für die Integration in die Gebäudetechnik. Denn dann kann ich Präsenzinformationen live erfassen, um etwa die Klimatechnik zu steuern. Es geht generell in Richtung voller Vernetzung der Komponenten. Deshalb ist ein Großteil unserer elektronischen Komponenten über BLE online erreichbar und integrierbar.“

Es kommt also wie so oft auf das Augenmaß an. Trends zu Digitalisierung und Vernetzung müssen berücksichtigt werden, wenn man sich in Zukunft auf die sich verändernden Nutzerbedürfnisse und –gewohnheiten einstellen will. Aber die Erhöhung von Komfort und Flexibilität sollte nicht zu Lasten anderer Faktoren geschehen, schon gar nicht auf Kosten der Sicherheit, welche immer noch den Kern der Zutrittskontrolle ausmacht. Essenziell ist, den Kundenwünschen möglichst viele zukunftsfähige Optionen gegenüberzustellen, die auf lange Sicht sowohl Sicherheit als auch Komfort gewährleisten.