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Der bundesweite Warntag hat vor einem Jahr gezeigt, dass das Katastrophenmanagement für solche Ereignisse noch deutlich ausbaufähig ist. 

Katastrophenmanagement

Katastrophenmanagement: Aus dem Fiasko Warntag nichts gelernt

Vor einem Jahr endete der erste bundesweite Warntag im Fiasko. Leider lernt der technikgläubige Mensch nicht dazu, was beim Katastrophenmanagement fatal ist.

Der Philosoph und Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau sagte: „Die Natur betrügt uns nie. Wir sind es immer, die wir uns selbst betrügen.“ Das ist wohl wahr, denn darin sind wir Menschen Weltmeister; seit Jahrhunderten. Verführt vom permanenten Wachstumsglauben beuten wir die Erde aus als würde es kein Morgen geben. So kommt es, wie es Klimaexperten seit Jahrzehnten voraussagen: Wetterextreme nehmen zu – mit unkalkulierbaren Folgen für Natur, Tier und Mensch. Der Rückversicherer Munich Re schreibt hierzu: „Der größtenteils von Menschen verursachte Klimawandel ist Realität und beeinflusst wetterbedingte Naturkatastrophen.“

Katastrophenmanagement und seine Grenzen

Letzte Episoden dieses größtenteils hausgemachten Klimawandels waren verheerende Waldbrände in Griechenland und der Türkei sowie extreme Hitze in Kanadas Westen. Und hierzulande sorgten extreme Wetterereignisse mit Starkregen für massive Schäden, wie die Überschwemmungen der letzten Wochen in Teilen von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen verdeutlichten. Im Grunde bleibt den Menschen nur, endlich aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Eigentlich müsste die Konsequenz lauten: Leben im Einklang mit der Natur. Doch davon sind wir weit entfernt. Herbert Saurugg, Experte für Krisenvorbereitungen, nennt es die Ignoranz, die uns nun einhole. Seine Vorhersage: „Wenn wir es nicht schaffen, uns rechtzeitig anzupassen, werden die Schäden immer schlimmer werden.“ Er folgert: „Daher sollten wir uns gut überlegen, wo in den Katastrophengebieten wieder etwas aufgebaut wird. Denn die nächste Flutwelle kommt bestimmt.“ In diesem Zuge sollte es auch verstärkt darum gehen, ob Menschen zwingend weiterhin an Flüssen und Meeren bauen, ohne Rücksicht auf die Klimaveränderungen mit zunehmenden Hochwassergefahren und steigenden Meeresspiegeln. Randbemerkung: Menschen auf den langsam versinkenden Malediven oder in Teilen Bangladeschs würden sich wünschen, sie könnten an einem anderen Ort bauen und leben als direkt am Wasser. Eine Alternative haben sie meist nicht.

Warntag: von digitalen und analogen Frühwarnsystemen

Nach jeder Naturkatastrophe erfolgt ein ähnlicher Aufschrei. Der wird begleitet von Mitleidsbekundungen der politisch Verantwortlichen über die mediale Dauerschleife bis zur Forderung nach Konsequenzen, doch endlich aus dem vom Menschen gemachten Dilemma zu lernen. Und dann? Meist Stille, nächstes Thema. Fatal, denn im Grunde gehe es nach Krisenexperte Saurugg darum, aus größeren und nicht beherrschbaren Schäden zu lernen und sich anzupassen, bevor etwas passiere. Dazu bräuchten wir seiner Meinung nach stärkere Frühwarnsysteme. Doch die Flucht nach vorne sollte nicht zwingend in digitalen Lösungen enden.

Apropos Frühwarnsysteme. September 2020, der erste bundesweite Warntag endete im Fiasko. Apps, wie Nina oder Katwarn, warnten zu spät oder überhaupt nicht. Die Kritik am zuständigen Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) war eindeutig, inklusive der anschließenden Ablösung des BBK-Präsidenten Christoph Unger. Dabei liegt die Aufgabe des BBK vornehmlich im gesetzlichen Auftrag, die Bevölkerung im Verteidigungsfall zu schützen und sich um „alle denkbaren nationalen Großschadensereignisse“, also auch Naturkatastrophen, zu „kümmern“. Nun, das sich Kümmern heißt alles und nichts. Doch das BBK habe nach eigenen Informationen „bisherige Abläufe, Kapazitäten und Priorisierungen kritisch hinterfragt und die eigenen Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken mit Blick auf zukünftige Lagen analysiert und bewertet“. Ein Baustein der „strategischen Neuausrichtung“ ist der Ausbau der Warn-App Nina zur „Bundes-Warn-App“.

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Grundsätzlich zur App-Warnung: Die Digitalisierung  eröffnet  Katastrophen-  und  Gefahrenwarndiensten durchaus Möglichkeiten, die Bevölkerung zu informieren. Nina und Katwarn sind zwei Beispiele, mobiler und geoinformationsgestützter Warnmelder. Die Idee liegt in einer schnellen Warnung möglichst vieler Menschen. Gleichzeitig stellt das BBK selbst fest: „Warn-Apps und andere digitale Warnmittel sind aber nur ein Teil im Warn-Mix. Um möglichst viele Menschen im Notfall zu erreichen, ist parallel auch der Ausbau und Betrieb analoger Warnmedien nötig.“

Richtig. Denn in diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Was passiert mit digitalen Warnmeldern im Katastrophenfall? Im Zweifel nicht viel. Das ZDF titelte nach den Überschwemmungen an Ahr und Erft: „Wenn der Strom fehlt, versagt die Warn-App.“ Und weiter heißt es in dem ZDF-Beitrag: „Ohne Mobilfunk kein Warn-Hinweis.“ Helfen sollen indes beispielsweise Sirenen – wo sie überhaupt noch installiert sind. Stattdessen schweigen in vielen Fällen die Sirenen. Denn aus Kostengründen, in Ermangelung fehlender Feindbilder nach dem Ende des Kalten Krieges oder aufgrund der digitalen Konkurrenz verschwanden in den vergangenen Jahrzehnten viele Sirenen von unseren Dächern. Geplant ist laut BBK das Sirenennetz zu modernisieren und auszubauen.

Lernunwillige Menschen, boomende Analyse- und Vorhersageverfahren

Im Grunde lernt der Mensch nicht dazu. Da er in puncto Klimaveränderung meist lernunwillig ist, soll es die Digitalisierung lösen. Nicht umsonst boomen moderne Analyse- und Vorhersageverfahren. Neben der Versicherungsbranche setzen beispielsweise auch Banken, die Automobilbranche oder Energieversorger auf die Risikofrüherkennung mittels Big Data & Co.

Allerdings seien wir heute nicht selten in einer Welt der ‚gefühlten Wahrheiten‘ gefangen. Zu dieser Erkenntnis kommt Risikomanagementexperte Frank Romeike. Was er damit meint? „Ein seriöser Umgang mit Kennzahlen bedingt Kompetenzen in den Themenfeldern Datenethik und Datenkompetenz, Stichwort Data Literacy.“ Hierzu zähle seiner Ansicht nach unter anderem die Fähigkeit, Daten auf kritische Art und Weise zu sammeln, zu managen, zu bewerten und anzuwenden. Doch dieses Thema scheine nach Romeikes Dafürhalten heute nicht selten eine untergeordnete Rolle zu spielen. Bestes Beispiel: das Thema Nachhaltigkeit. Mittlerweile eine Art Worthülse, die für alles und nicht stehen kann und mit dem sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gerne schmücken. Herbert Saurugg ergänzt auf die Frage, welche Möglichkeiten moderne Analyse- und Vorhersagemöglichkeiten bieten: „Wenn das in eine funktionierende Kette bis hin zum Einzelverhalten der Menschen eingebunden wird, eine tolle Sache. Aber wir neigen noch dazu, nur die Technik zu sehen. Das reicht eben nicht aus.“

Mindern statt verhindern: Leben mit Naturkatastrophen

Doch was reicht eigentlich aus? Eine Antwort lieferte Deutschlandfunk Kultur mit Blick auf den Schutz vor Naturkatastrophen bereits 2018: „Der Mensch kann nur mindern, nicht verhindern.“ Darin steckt ein Stück weit die Erkenntnis, dass wir nicht Herr über diesen Planeten sind. Das sollten wir begreifen und danach handeln. Hört sich trivial an? Ist es aber nicht. Ein Beispiel bildet die zunehmende Flächenversiegelung in Deutschland. Nach Informationen des Umweltbundesamtes sind „etwa 45 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsflächen (...) versiegelt, das heißt bebaut, betoniert, asphaltiert, gepflastert oder anderweitig befestigt“. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) konstatiert: „Täglich werden in Deutschland mehr als 60 Hektar für Siedlungs- und Verkehrsflächen verbraucht – obwohl es nur die Hälfte sein sollte.“ Und eben diese Flächenversiegelung verhindert bei Starkregen, dass die Wassermassen versickern. Ein weiteres Dilemma sind die menschengemachten Eingriffe in die natürlichen Flussläufe. Dies führt unter anderem dazu, dass Flussauen als natürliche Überflutungsflächen fehlen. Zudem werden Flüsse nach Ansicht der Umweltschutz-Organisation World Wide Fund (WWF) „durch Begradigungen und Staustufen ‚schneller‘ gemacht“. In Zahlen heißt das laut WWF: „Im Rhein etwa rauscht heute eine Hochwasserwelle in 30 Stunden von Basel nach Karlsruhe – 1955 brauchte sie dafür noch 65 Stunden.“ Das bedeutet weniger Zeit im Fall der Fälle, um notwendige Schutzmaßnahmen einzuleiten. Und so steht meist das hausgemachte Reagieren im Mittelpunkt des Katastrophenmanagements. Im Umkehrschluss heißt das: Leben mit den Wetterextremen und Naturkatastrophen, für die wir Menschen selbst verantwortlich sind, weil wir uns selbst betrügen.

Andreas Eicher, freier Fachautor

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