Foto: Matthias Heyde/Fraunhofer Fokus

Alarmierungssysteme

Kommunikationsmix

Katastrophen wie das letztjährige Hochwasser zeigen das Fehlen einer zentralen Alarmierungsmöglichkeit für die Bevölkerung leider allzu deutlich. Doch es gibt Alternativen: PROTECTOR sprach mit Dr. Ulrich Meissen vom Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus) über Alarmierungssysteme, die sich unter anderem auf Mobiltelefone und Internet stützen.

PROTECTOR: Bitte stellen Sie zunächst Ihr Institut kurz vor. Mit welchen Themen beschäftigen Sie sich?

Dr. Ulrich Meissen: Im Bereich der öffentlichen Sicherheit am Fraunhofer Fokus entwickeln wir neue Lösungen für eine effektive Gefahrenabwehr. In unserer Arbeit zielen wir auf die Vernetzung bestehender Sicherheitslösungen ab, um nützliche Synergien für die Bevölkerung zu schaffen.

Dabei ist es uns besonders wichtig, den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Perspektiven möglichst stark einzubinden. Studien zeigen, dass Menschen in Gefahrensituationen sehr wohl rational und verantwortungsvoll handeln, sofern sie richtig informiert werden. In Zeiten knapper Ressourcen und erheblichen Personalmangels in der Gefahrenabwehr sollten wir dies nutzen und den Menschen als aktiven Teilnehmer der Gefahrenabwehr verstehen.

Stichwort Gefahren-abwehr: Die meisten Kommunen haben bereits vor Jahrzehnten ihre Sirenen abgebaut. War das aus Ihrer Sicht zu voreilig?

Nein, aus der damaligen Sicht ist der großflächige Abbau der Sirenen nachvollziehbar. Ihre Aufgabe im Kalten Krieg war es, die Bevölkerung im Spannungsfall zu alarmieren. Heute ist das in dieser Weise glücklicherweise nicht mehr nötig.

Trotzdem können die Sirenen eine wichtige Rolle in der kommunalen Gefahrenabwehr spielen. Ihre große Bedeutung ist vor allem durch den Weckeffekt des Sirenensignals gegeben. In Expertenkreisen setzt sich aber zunehmend die Meinung durch, dass die Menschen nur durch das Zusammenspiel verschiedener Warnlösungen optimal erreicht werden können.

Wie sieht ein optimales Zusammenspiel aus?

Die Gefahrenabwehr in Deutschland ist hervorragend organisiert, und die Menschen fühlen sich zurecht im Alltag sicher. Nach wie vor stellt aber die „letzte Meile“ eine große Hürde dar: Wie können die Menschen im Büro, zu Hause, im Kindergarten und unterwegs so informiert werden, dass sie sofort richtig handeln können?

Sirenen geben nur einen Warnton ab, aber keine konkreten Verhaltenshinweise. Lautsprecheransagen hören die Menschen nicht, wenn sie moderne isolierte Fenster haben oder hörgeschädigt sind. Neue Technologien können hier helfen, Lücken zu schließen. Unser Warnsystem Katwarn bietet eine derartige Lösung an.

Wie funktioniert Katwarn? Und wo ist es im Einsatz?

Mit Katwarn können Landkreise und kreisfreie Städte in Gefahrensituationen die Menschen über das Mobiltelefon alarmieren – und zwar ortsgenau und mit Verhaltensinformationen. Der große Vorteil ist also, dass die betroffenen Bürger sofort wissen, was sie tun müssen, um in Sicherheit zu bleiben.

Katwarn ist bereits seit 2009 in verschiedenen Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland im Einsatz, zum Beispiel in Berlin, Hamburg und Nürnberg.

Vor welcher Art von Katastrophen kann damit gewarnt werden?

Das Katastrophenwarnsystem informiert über lokale Unglücksfälle wie zum Beispiel Großbrände, Industrieunfälle, Funde von Bombenblindgängern, Hochwasser, Dammbrüche und sich schnell ausbreitende Krankheiten; und das per Smartphone-App, SMS und E-Mail.

Außerdem nutzt der Deutsche Wetterdienst die Katwarn-Smartphone-App für amtliche Unwetterwarnungen der höchsten Stufe.

Gerade Städte wie Berlin haben ja eine riesige Ausdehnung. Wie individuell können Warnhinweise da verfasst sein?

Da die Katwarn-Nutzer an ihrem Aufenthaltsort automatisch oder selbst über die Postleitzahlengebiete bestimmen, für die sie Warnungen bekommen möchten, erhalten sie nur Benachrichtigungen über Gefahren, die sie auch wirklich betreffen. Die Warnungen werden dabei in zuständigen Leitstellen speziell für die betroffenen Gebiete aufbereitet und anschließend durch das System zum Empfänger transportiert.

Die Nutzung ist für die Bürger zwar kostenlos, aber nur wer sich freiwillig und aktiv anmeldet, wird auch gewarnt. Eine „Zwangsversendung“ an alle Betroffenen wäre ohne großen technischen und finanziellen Aufwand nicht realisierbar und könnte auch aufgrund der fehlenden Vorbereitung der Bevölkerung negative Effekte haben.

Wir setzen hier auf die Initiative der Bevölkerung wie zum Beispiel die Weiterleitung der Warnung an das persönliche Umfeld. Dies ist mit Zwangsversendung nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich.

Jetzt zur Cebit stellten Sie gerade Safest vor. Worin besteht der Unterschied zu Katwarn?

Safest ist ein Krisenmanagementsystem, das für die Sicherheit der Bürger in stark frequentierten öffentlichen Bereichen sorgt, zum Beispiel am Flughafen oder Bahnhof. Das System ermöglicht es, Menschenmengen und gefährliche Situationen schnell zu erkennen und dabei gleichzeitig die Anonymität der Bürger zu wahren.

Außerdem erleichtert das System die Evakuierung, indem es Menschen mithilfe ihrer Mobiltelefone aus der Gefahrenzone führt und die zuständige Leitstelle informiert, ob die Evakuierung nach Plan läuft.

Der Informationsfluss bei solchen Systemen läuft ja von der Behörde zum Bürger. Wie schätzen Sie Alarmierungs-möglichkeiten über Twitter & Co ein? Hier läuft der Informationsfluss ja von Bürger zu Bürger. Birgt das nicht auch Gefahren?

Sie haben recht: Einerseits ist Social Media heute ein fester Bestandteil der täglichen Kommunikation vieler Menschen und demnach auch für die Gefahrenabwehr nicht zu ignorieren. Wenn soziale Medien in der Gefahrenabwehr eingesetzt werden, kann die Reichweite von Warnungen erheblich erhöht werden. Andererseits kann aber auch jeder ungeprüfte Warnnachrichten verfassen und zum Beispiel über Twitter verbreiten.

Zukünftig wollen wir trotzdem auch Katwarn noch stärker mit sozialen Medien koppeln, um einen Dialog zwischen den Bürgern und den Einsatzkräften zu ermöglichen. Es muss aber deutlich sein, dass es einen offiziellen Urheber der Warnung gibt und dass sich die Twittermeldungen darauf beziehen.

Mit diesen Systemen wird nur ein bestimmter Personenkreis erreicht. Das sind aber noch nicht 100 Prozent der Bevölkerung. Wie sieht Ihre „Ideallösung“ aus?

Kein Warnsystem ist in der Lage, alle Bürger zu erreichen. Was für die Sirenen gilt, gilt natürlich auch für die Mobiltelefone: Nur durch einen intelligenten Mix aus verschiedenen Sicherheitstechnologien kann eine flächendeckende Bevölkerungsalarmierung erzielt werden.

Aber nur, weil nicht alle Menschen ein Mobiltelefon besitzen, das Telefon hin und wieder ausgestellt ist oder das Mobilfunknetz im Extremfall komplett ausfallen kann, sollte man auf diese Möglichkeit nicht verzichten.

Interview: Annabelle Schott-Lung

Dr. Ulrich Meissen ist Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (Fokus).

Foto: Bundesministerium für Inneres BM.I

Warnsystem „Katwarn“

International vernetzter Betrieb gestartet

In Gefahrensituationen erhalten seit Anfang Juli 2017 betroffene Menschen in Österreich offizielle Warnungen direkt auf das Smartphone oder als Benachrichtigung via SMS- und E-Mail von den zuständigen Behörden. Dafür bietet Österreich die eigene App „Katwarn“ kostenlos in den App-Stores an.

Foto: Lupo/Pixelio

Stadt Nürnberg

Neues Online-Alarmierungssystem

Nürnberg führt das kommunale Warn- und Informationssystem „Katwarn“ ein. Ab sofort erhalten alle angemeldeten Bürger behördliche Warnungen vor Gefahrensituationen über eine Smartphone-App. Die Warnungen gibt es für iPhones und Android-Smartphones. Alternativ steht das System auch per Short-Message-Service (SMS) und per E-Mail zur Verfügung.

Foto: Fraunhofer Fokus

Fraunhofer Fokus

Katastrophen-App in Hamburg erprobt

Erfolgreicher Test der Katastrophen-App Katwarn: Rund 35000 angemeldete Nutzer wurden gestern in Hamburg über das Handy probeweise alarmiert. Katwarn ist als bundesweit einheitliches Warnsystem bereits in vielen Städten, Landkreisen und Bundesländern fest etabliert und hat insgesamt fast eine halbe Million Nutzer.

Der Geirangerfjord ist ein beliebtes Reiseziel für Touristen. An den Felshängen lauert allerdings eine tödliche Gefahr.
Foto: UMS/Shutterstock

Katastrophenmanagement

Digitale Sirenen

Am Geirangerfjord droht ein riesiger Bergrutsch einen Tsunami auszulösen. Um die Menschen rechtzeitig warnen zu können, wurde ein mobiles Alarmierungssystem installiert.