Bei Großveranstaltungen bietet sich das Konzept der lageorientierten Führung an.
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Sicherheitskonzepte

Konzept der lageorientierten Führung

Um bei Großveranstaltungen im Notfall schnell reagieren zu können, bieten sich die Methoden und Kompetenzen der lageorientierten Führung an.

Um Großveranstaltungen sicher durchführen zu können, eignet sich ein Konzept, das auf den Methoden der lageorientierten Führung beruht. Denn in Deutschland findet jährlich eine beachtliche Zahl von Großveranstaltungen, wie Festivals, Fußballbundesligaspiele, Volksfeste oder Marathonläufe, statt. Sie ziehen pro Jahr nahezu 400 Mio. Besucher an.

Hoher Planungsaufwand bei Großveranstaltungen

Unabhängig von der Besucherzahl kann eine Veranstaltung mit einer erhöhten Gefährdungs- oder Eskalationsgefahr sicherheitstechnisch – und abhängig von den örtlichen Besonderheiten – als Großveranstaltung eingestuft werden. Administrativ geht mit Großveranstaltungen regelmäßig im Hinblick auf die für die Besucher zu gewährende Sicherheit ein hoher Planungs- und auch Genehmigungssaufwand einher. Charakteristisch für Großveranstaltungen ist auch die hohe Zahl der an der Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltung beteiligten privaten Akteure und öffentlichen Aufgabenträger wie Ordnungsbehörden, Behörden sowie Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS). Die Veranstaltungssicherheit in Deutschland ist hoch einzustufen. Nicht zuletzt durch Ereignisse wie die „Loveparade-Katastrophe“ oder den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt sensibilisiert, wurde das Krisenmanagement professionalisiert und auch der Krisenkommunikation eine größere Bedeutung beigemessen. Dennoch bleiben Restrisiken, welche im Veranstaltungsmanagement einen gesteigerten Planungs-, Ressourcen- und Führungsbedarf auslösen, um schnell auf sich dynamisch verändernde Lagenentwicklungen und unkalkulierbare Änderungen der Rahmenbedingungen reagieren zu können.

Lageorientierte Führung

Zur Bewältigung der damit verbundenen Aufgaben bieten sich konzeptionell die Methoden und Kompetenzen der lageorientierten Führung an, wie sie in Fachprojekten an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl untersucht und entwickelt werden. Unter lageorientierter Führung ist „ein Führungshandeln in direkter Abhängigkeit von der aktuell vorherrschenden Lage“ zu verstehen. Somit ist es „ein flexibles, den Anforderungen der jeweiligen Lage angepasstes dynamisches und proaktives Führen unter Anwendung spezifischer Methoden“. Ausgehend von der Routinelage, welche noch mit dem Standard-Ressourceneinsatz bewältigt werden kann, werden in der Kehler Klassifizierung in einem fünfstufigen Aufbau aufsteigend Routinelagen, Gestaltungslagen, krisenhaften Lagen, Krisenlagen und Katastrophenlagen unterschieden.

Ausschlaggebende Kriterien für die Zuordnung zu einer der genannten Lagen sind das drohende oder bereits realisierte Schadenspotenzial sowie die drohende oder bereits eingetretene Überforderung der (Regel-)Organisation. Folgerichtig werden Großveranstaltungen gleich komplexen Genehmigungsverfahren den Gestaltungslagen zugeordnet. Wie sich in den oben genannten Beispielen gezeigt hat, können gerade bei Großveranstaltungen unvorhergesehene und ungeplante Ereignisse auftreten und in kürzester Zeit die Lage eskalieren und somit eine krisenhafte oder schlimmere Entwicklung einleiten.

Stabsarbeit

Hierauf müssen sich Veranstalter und Sicherheitskräfte einstellen und in der Veranstaltungsorganisation entsprechende Vorkehrungen treffen. Zu empfehlen sind daher bei Großveranstaltungen bereits praxiserprobte Modelle der Einrichtung von „Koordinierungsstellen“, die erweitert als „Koordinierungskreise“ in Aufbau, Funktion und der Kompetenzzuweisung durchaus mit den in den einschlägigen Verwaltungsvorschriften der Länder für den öffentlichen Bereich vorgesehenen Stäben bei außergewöhnlichen Ereignissen oder Katastrophen zu vergleichen sind. Diese Vorschriften sehen Stabsarbeit auch bei der aufwendigen Koordinierung bereichsübergreifender Verwaltungsvorgänge vor. Es geht dabei vorrangig um die Bildung von flexiblen, lageangepassten Organisationen, weshalb Parallelen zu einem „agilen (Projekt-)Management“ unverkennbar sind. Solchen koordinierenden Stellen kommt somit bei der Planung von Veranstaltungen und der damit verbundenen Antizipation von möglichen negativen Ereignissen im Rahmen der lageorientierten Führung die Aufgabe zu, mögliche Problemfelder zu analysieren und Lösungsalternativen darzustellen („Issue Management“).

In diesem Zusammenhang wird an der Hochschule Kehl mit der Einbindung der Collaboration-Plattform „CAI World“ auch die Einrichtung von digitalen Lagezentren erfolgreich simuliert. Damit kann die Arbeit der Stäbe beziehungsweise Koordinierungsstellen oder -kreise nicht nur ortsungebunden zuverlässig gesteuert, sondern auch der Zugriff der Beteiligten auf alle notwendigen Informationen und damit die Voraussetzungen einer sinnvollen Krisenkommunikation geschaffen werden. Auch während der Veranstaltung haben diese Koordinierungsstellen den Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten zu garantieren, weshalb sie ständig zu besetzen sind und die notwendige Verbindung zwischen der Veranstaltungsleitung und allen beteiligten (Sicherheits-)Organisationen zu garantieren haben.

Idealtypischer Weise sollten solche Stellen auch im Ernstfall entscheidungsbefugt sein, um die operative Führung aller notwendigen sicherheitsrelevanten Maßnahmen während der Veranstaltung übernehmen zu können. Für diesen Ernstfall sieht die lageorientierte Führung ein Konzept des „situativen Führens“ vor, welches auf die konkrete Lage abstellt, die individuellen Persönlichkeiten und Möglichkeiten aller Beteiligten berücksichtigt sowie die vorhandenen Ressourcen erfasst.

Führungsverantwortung übernehmen gehört zum Konzept

Erfolgreiche lageorientierte Führung ist von den Führungs- und Kommunikationskompetenzen der verantwortlichen Leitungskräfte abhängig. Deshalb wird in dem Kehler Studienprojekt an einem kompetenzorientierten Curriculum für eine spezifische Aus- und Fortbildung gearbeitet. Der Wille und die Bereitschaft der verantwortlichen Personen, Führungsverantwortung zu übernehmen und Entscheidungsbereitschaft zu zeigen, ist dabei die Grundvoraussetzung lageorientierten Führens. In diesem Verständnis zeichnen sich Führungskräfte nicht zuletzt in Situationen, in denen Erfahrungswerte fehlen und keine Zeit für aufwendige und analytische Handlungsabwägungen bleibt, durch den Mut zur Übernahme von Verantwortung, ein erhöhtes Maß an Flexibilität und ein besonderes Augenmerk auf die Arbeitsfähigkeit der Beteiligten aus. 

Thomas Berg, ehem. Generalsekretär der Führungsakademie Baden-Württemberg
Dr. jur. Herbert O. Zinell, Lehrbeauftragter der Hochschule für Öffentliche Verwaltung Kehl, FP „Lageorientierte Führung“