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Kritische Infrastrukturen

Krise in der Stadt

Ein Hochwasser überschwemmt die Stadt, der Strom fällt flächendeckend aus und das Rathaus muss wegen Keimen geräumt werden – die Veranstaltung „Criise“ lenkte den Blick in Dortmund auf Krisenszenarien bei kritischen Infrastrukturen, und zeigte, wie Krisenmanagement dabei helfen kann.

Rund 700 Teilnehmer kamen im Rahmen der 62. Jahresfachtagung der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. (vfdb) am 17. Juni 2014 in die Westfalenhallen, und konnten sich auf der Zusatzveranstaltung „Criise – Critical Infrastrukture Event“ über Krisen in der Stadt informieren. Vor allem Vertreter von Kommunen, aber auch Brandschutzingenieure, Leitstellenplaner, Sicherheitsverantwortliche aus Unternehmen, Experten aus Feuerwehr, Katastrophenschutz und Rettungsdiensten folgten der Einladung. Sie erhielten nicht nur einen Einblick in mögliche Krisenszenarien, und die Folgen von gestörten kritische Infrastrukturen, sondern auch einen Ausblick auf Strategien zu deren Prävention und Lösungen vom Krisenmanagement bis hin zu modernen Leitstellen.

Auf der Agenda standen nicht nur Krisenmanagement und Notfallpläne für Stromversorger, Häfen als Element der kritischen Infrastruktur und Theorien zum Krisenmanagement, sondern auch Forschungsprojekte, Gefahrenabwehrpläne, resiliente Gebäude, die etwaigen Gefahren trotzen, und die Sicherung von Brücken und Tunneln.

Risiken einschätzen

Besonderes Augenmerk galt in der Veranstaltung den Leitstellen als Teil der kritischen Infrastruktur. Mathias Heist von der Hochschule Furtwangen erläuterte anhand einer Risikomatrix, wie Risikoanalysen für Großleitstellen wie zum Beispiel bei der Berliner Feuerwehr aussehen können. Von Brand über Unwetter, Vandalismus und Angriffen mit Sprengstoffen – das Risiko ist immer das Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit mal Schadensschwere (Ausfallzeit, Personen- und Sachschäden).

„Die integrierte Leitstelle der Berliner Feuerwehr erhält täglich rund 3.500 Notrufe“, veranschaulichte Mathias Heist. „Selbst bei einer Ausfallsicherheit von 99,9 Prozent bleiben 8,76 Stunden Ausfallzeit im Jahr, das ist nicht tolerabel“. Gelöst werden könne das Problem durch redundante Systeme oder die Übernahme durch eine Ausweichleitstelle bei Totalausfall. Heist gab auch zu Bedenken, dass jede Risikoeinschätzung zu einem Maßnahmenkatalog führen sollte, der auch unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV) und Notstromgeneratoren berücksichtigt.

Abschließend ging er auf die gesteigerten Anforderungen der DIN EN 50518 für Leitstellen ein, die zum Teil deutlich höhere Anforderungen an die Bauweise und Absicherung stellt.

Awareness der Mitarbeiter

Moderator Wilfried Gräfling von der Landesbranddirektion Berlin erinnerte daran, auch die Mitarbeiter und ihre Aufmerksamkeit zu trainieren: „Ausfälle kommen oft von innen und entstehen durch Fehler von Menschen. Wichtig ist es, die Awareness der Mitarbeiter zu schulen, denn jeder kennt den Fall, dass Türen aus Bequemlichkeit festgekeilt werden. Zudem sollten einmal in der Woche Ausfälle und die Reaktionen darauf geübt werden.“

Über die technischen Innovationen in der Hard- und Software sowie in der Kommunikation von Leitstellen berichtete Dr. Clemens Gause (Siemens und Zukunftsforum). „Eine gewisse Vollkasko-Mentalität in der Bevölkerung führt zu wachsendem Bedarf an Sicherheitstechnik im öffentlichen Leben, vermehrte Investitionen bei Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS), kürzeren Innovationszyklen, neuen Sicherheitskonzepten durch Standardisierung und Interoperabilität und Großleitstellen“, fasste er zusammen. Leitstellen könnten jedoch durch Lösungen wie Siemens Siveillance Command, ein Steuersystem für Planung und Entscheidung in Routine- und Krisensituationen, unterstützt werden.

Zum Risiko für kritische Infrastrukturen können auch intelligente Stromnetze (Smart Grids) werden, ebenso das blinde Vertrauen in IT, digitale Dienste und das Internet. „Das Internet wurde ursprünglich nur als Austauschplattform für Wissenschaftler ausgelegt, in Bezug auf höhere Sicherheitsanforderungen gibt es alternative Systeme, wie sie aus dem Verteidigungsbereich bekannt sind.“

Unterstützung durch das LKA

In Rheinland-Pfalz, wo ein eigenes Kommunikationsnetz genutzt werden kann, stellen sich hingegen andere Fragen. Die Umsetzung der Sicherheitsanforderungen nach DIN EN 50518 im Bereich öffentlicher Leitstellen war Thema von Udo Gruber von der Feuerwehr Ludwigshafen, die für rund 600.000 Einwohner zuständig ist. Seine Empfehlung zur Einschätzung eigenen Infrastruktur-Sicherheit und der Gefahren durch Ausfall von Energie, Strom, Wasser oder Gas, lautete, das jeweilige Landeskriminalamt bei der Risikoabschätzung mit einzubinden. Innerhalb der Leitstelle müssen technische Anforderungen und Details wie Einblickschutz und durchschusshemmende Türblätter berücksichtigt werden.

Gruber mahnte im Hinblick auf die Risikobewertung aber auch dazu, die Verhältnismäßigkeit nicht aus den Augen zu verlieren: „Denn was nutzt eine hochwassersichere Leitstelle bei einem Jahrhunderthochwasser, wenn alle anderen Infrastrukturen ringsum längst abgesoffen sind?“

Verwaltung als kritische Infrastruktur

Hier wurde auch deutlich, wie essentiell Business Continuity Management (BCM), also die Sicherstellung des Fortbestands, für kritische Infrastrukturen ist. Dieses Thema griff Prof. Ernst-Peter Döbbeling von der Universität Furtwangen auf. Sein Vortrag „Das Rathaus fällt aus – was tun?“ widmete sich allerdings nicht nur dem Rathaus als Institution, die für Hilfe im Katastrophenfall sorgen soll, sondern dem Rathaus als kritische Infrastruktur an sich. „Kommt es in der Verwaltung zu einer Beeinträchtigung, ist die öffentliche Sicherheit gestört. Nicht nur Staat und Verwaltung, sondern auch die Kommune ist Teil einer kritischen Infrastruktur“, erläuterte er.

Zu den BCM-Sofortmaßnahmen zählte Prof. Döbbeling unter anderem das Krisenmanagement in Form eines Verwaltungsstabs, aber auch die Improvisation. Kurzfristig müsse eine Priorisierung von Leistungen und deren Einschränkung erfolgen. „Die Eheschließung ist im akuten Fall vielleicht nicht ganz so wichtig wie die Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis“, merkte er an. Auch eine interkommunale Zusammenarbeit müsse ermöglicht sein. Mittelfristig müsse einer Verlagerung oder ein Transfer sowie eine Wiederherstellung der Leitungen im Fokus stehen. Neben Notfallplänen sei aber auch eine Auswirkungsabschätzung essentiell, so Dr. Döbbeling: „Hier müssen auch Informationen für den Bürger bereitgestellt werden, welche Dienstleistungen wie lange ausfallen werden.“

Nicht erreichbare Amtsleiter

Das Krisenmanagement auf Ebener der Kommune als untere Katastrophenschutzbehörde stand im Mittelpunkt des Vortrags von Benno Fritzen (Feuerwehr Münster). Am Beispiel eines verschneiten Heiligabends, an dem Schneelasten Dächer zum Einsturz brachten, zeigte er auf, wie wichtig Krisenstab, Informationsmanagement, Erreichbarkeit und Rufbereitschaft sind. Als die Feuerwehr trotz der Weihnachtstage Informationen über gefährdete Sporthallen benötigte, wurde deutlich, dass die private Erreichbarkeit von Amtsleitern und die Verfügbarkeit von Verwaltungsmitarbeitern nicht gegeben war – ein Anlass um das kommunale Krisenmanagement zu hinterfragen und umzugestalten.

Dr. Maren van der Meer vom Emscher Genossenschaft Lippe Verband zeigte kritische Elemente der Wasserwirtschaft auf. Abseits der Versorgung mit Trinkwasser ist auch die Abwasserbeseitigung eine wichtige Aufgabe, die bei Störungen mit ihren Kanälen – aus denen auch Industrie und Kraftwerke ihr Kühlwasser entnehmen -, Pumpwerken und Kläranlagen überregionale hygienische Auswirkungen haben kann. Die Abhängigkeit von der Stromversorgung wird dabei durch Redundanzen und Stromgeneratoren abgefangen. Regen- und Messnetzdaten aus Hochwasserinformationssystemen ermöglichen darüber hinaus eine Berechnung der Hochwasserwahrscheinlichkeit und eine Abfluss-Vorhersage – damit die Krise in der Stadt ausbleibt. Die Folgeveranstaltung Criise 2015 wird im Rahmen der Feuerwehrmesse Interschutz vom 8. bis 13. Juni 2015 in Hannover veranstaltet.

Britta Kalscheuer
Die Trinkwasserversorgung als Teil der Kritischen Infrastrukturen muss entsprechend gesichert werden – hier das Beispiel eines Wassertransportmoduls.
Foto: M. Lülf, Berufsfeuerwehr Mülheim an der Ruhr

Katastrophenschutz

Trinkwasser als Teil der Kritischen Infrastruktur

Die Trinkwasserversorgung gehört zu den Kritischen Infrastrukturen (Kritis). Für Not- und Krisensituationen muss entsprechend vorgesorgt werden.

Eine kommunale Feuerwehr kann auch Sicherheitsleistungen für Unternehmen erbringen.
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Katastrophenschutz

Projekt (Re-)Kommunalisierung von Sicherheitsleistungen

Beim Projekt „(Re-)Kommunalisierung von Sicherheitsleistungen im Bereich der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr“ (ReKom-S) kann ein erstes Resümee gezogen werden.

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BOS und Unternehmen

Webbasierte Alarmierung im Notfall

BOS und Unternehmen müssen zur Alarmierung von Einsatzkräften und anderen Personenkreisen heute nicht mehr nur auf etablierte Funknetze (POCSAG, Tetra) zurückgreifen, sondern können mobile sowie stationäre Telefon- und Datennetze mitnutzen. Intelligente, plattformunabhängige Alarmserver erledigen hierbei das Management und schaffen Redundanzen.

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Vernetzte Industrieleitstellen

Veränderte Gefahrenlage

Betreiber von Industrieanlagen und kritischen Infrastrukturen investieren in ihre Sicherheit. Denn in Folge der veränderten Gefahrenlage und eines gestiegenen Sicherheitsbewusstseins verschärfen die Aufsichtsbehörden ihre Anforderungskataloge. Das Resultat sind zeitgemäße Leitstellen, die die Bevölkerung und die Infrastrukturen schützen und Mitarbeiter entlasten.