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Wie verändert Künstliche Intelligenz unsere Kommunikation?
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Wie verändert Künstliche Intelligenz unsere Kommunikation?

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Künstliche Intelligenz in der Kommunikation

Kaum ein anderes Thema bewegt die Wirtschaft aktuell so sehr wie die Chancen und Risiken der Künstlichen Intelligenz (KI) in der Kommunikation.

Werden morgen unsere Kommunikationsbotschaften von einer KI erstellt und ohne weiteres menschliches Zutun in mehrere Sprachen übersetzt? Klaus Kapinos vom ASW Nord sprach anlässlich der „Strategie zur künstlichen Intelligenz“ der Landesregierung Schleswig-Holstein mit Doris Weßels von der Fachhochschule Kiel über die Chancen und vielfältigen Anwendungsfälle von Textgenerierung.

Sie sagen in einem Zeitungsartikel der „Zeit“: Wer als Autorin oder Schriftsteller, als menschliches Individuum also, erfolgreich sein wolle, benötigte zwingend ein Mindestmaß an Talent. Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Die Welt ist im Umbruch. Warum ist das so?

Prof. Dr. Doris Weßels: Im Zeitalter Künstlicher Intelligenz (KI) stehen uns Menschen leistungsstarke KI-gestützte Werkzeuge zur Verfügung, die dazu führen, dass wir Menschen in eine andere Rolle wechseln. Beim Einsatz dieser Werkzeuge werden wir quasi zu einem „Maschinenführer“, was bedeutet, dass wir die operative Ebene verlassen und das eigentliche Tun der KI überlassen. Wir wechseln quasi auf eine Managementebene. Das bedeutet aber auch, dass die Gefahren und auch die Chancen die Frage aufwerfen: Haben wir am Ende noch eine Qualitätskontrolle, die wir Menschen durchführen können oder auch durchführen wollen? Das wird dann schwierig, wenn die Algorithmen im KI-Zeitalter für uns nicht mehr transparent sind. Wir haben ein „Black-Box“-Problem, weil wir nur das Ergebnis sehen, aber nicht den Weg dorthin nachvollziehen können. Es stellt sich dann die Frage: Wer verantwortet das Ergebnis? Wir können ja nicht die KI haftbar machen. Bisher haben wir den gesellschaftlichen Konsens, dass der Mensch haftet, aber bei der Entwicklung und Nutzung von KI-Werkzeugen tritt der Mensch in vielen verschiedenen und zugleich neuen Rollen auf. Das macht den Prozess so komplex.

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Was verstehen Sie unter KI in der Ökonomie und auch in der Kommunikation der Wirtschaft?

Prof. Dr. Doris Weßels: Die Frage ist sehr gut. Das Problem ist ja leider, das der Begriff KI bis heute nicht eindeutig definiert ist. Jeder interpretiert ihn anders und das führt zu vielfältigen Diskussionen und Definitionsbemühungen. Für mich ist KI einfach gesagt der Einsatz von Software und gegebenenfalls auch Hardware, zum Beispiel in der Robotik, um das menschliche Kompetenzspektrum bei der Lösung von Aufgaben oder auch Problemen im gesamten Prozessablauf bestmöglich nachzubauen. Das beginnt bei der Aufnahme und Verarbeitung von Daten bis hin zum menschlichen Verhalten und den Reaktionen. Derzeit stehen wir noch am Anfang, aber die Entwicklung zeigt erstaunliche Fortschritte.

Kommunikation und Risikoanalysen mit Künstlicher Intelligenz optimieren

Können schriftliche Werke im Wirtschaftsleben, wie zum Beispiel in der Sicherheitswirtschaft Risikoanalysen und Angebotserstellungen für Dienstleistungen, auch mittels KI erstellt werden?

Prof. Dr. Doris Weßels: Sprache und Text sind ja omnipräsent und bilden die Basis unserer Kommunikation. Grundsätzlich gilt, dass je strukturierter die Texte sind, die wir generieren möchten, umso einfacher ist es, softwaregestützt zu arbeiten. Nachrichten aus dem Sport, der Finanzwelt und dem Wetter werden schon heute häufig durch KI-gestützte Werkzeuge generiert. Um auf Ihre Frage einzugehen: Risikoanalysen sind nach meinen Erfahrungen sehr diffizil und speziell. In diesem Bereich sehe ich derzeit nur punktuell den Nutzen des Einsatzes von KI-gestützten Schreibwerkzeugen. Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist jedoch sehr schnell, sodass das Einsatzpotenzial zukünftig sicherlich zunehmen wird.

Fraunhofer behauptet, dass KI das Potenzial bietet, die digitale Front-End- Kommunikation mit dem Kunden nachhaltig zu verändern. Sehen Sie das auch so?

Prof. Dr. Doris Weßels: Absolut, ja. Es gibt viele spannende Entwicklungen, die aber durchaus polarisieren können. Da geht es zum Beispiel um die Frage, ob Chat-Bots empathisch sein können und ob man sie auch im Bestattungswesen einsetzen kann beziehungsweise sollte. Fürsprecher des Einsatzes argumentieren, dass Menschen, die sich an einen Bestatter wenden, zumindest zu Beginn immer sehr ähnliche Fragen haben, die Chat-Bots sehr schnell und kompetent beantworten könnten. Gegner dieses Einsatzes lehnen diesen Einsatz mit der Begründung ab, dass in dieser hoch emotionalen Situation nur empathische und flexible Menschen eingesetzt werden dürfen. Diese Frage beschäftigt mich, weil hier Grenzbereiche in der Diskussion sehr deutlich werden.

Aus meiner Sicht werden wir als Nachfolger der Chat-Bots immer mehr animierte Avatare in der Kundenkommunikation erleben. Einen Vorgeschmack liefert die seit 2016 existierende Avatarin und digitale Influenzerin Miquela Sousa, auch bekannt als Lil Miquela machuca. Das ist eine digital erzeugte Persönlichkeit mit einem eigenen Instagram Profil. Mitte dieses Jahres hatte sie schon drei Millionen Abonnementen. Drei Millionen Menschen folgen einer digital erzeugten Persönlichkeit. Diese wirkt so realistisch und postet ständig, als ob sie ein natürliches Leben hat. Hier verschwinden die Grenzen zwischen Illusion und Realität sehr eindrucksvoll.

Würde man mit dieser Form der KI der Manipulation nicht die Tür öffnen?

Prof. Dr. Doris Weßels: Der Einsatz von KI-Technologien hebt uns als Menschheit auf eine neue Ebene, wo wir eine extreme Spannbreite zwischen den positiven und negativen Nutzungsmöglichkeiten erleben. Die Chancen und Risiken beim Einsatz von KI-Tools sind extremer geworden als der Einsatz klassischer Software-Werkzeuge zuvor. Das bedeutet natürlich auch, dass die Gefahr der Manipulation durch oder mit dem Einsatz von KI-Tools zunimmt.

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Bedeutet diese neue Technik zur Erstellung von Schriften ein Problem mit dem Urheberrecht?

Prof. Dr. Doris Weßels (lacht): Ja. Mein Gastbeitrag in der Zeitung „Die Zeit“ hatte genau diese Intention, auf die dringend notwendige Anpassung des rechtlichen Rahmens hinzuweisen. Überspitzt formuliert, bewegen wir uns beim Einsatz von KI-gestützten Schreibwerkzeugen in einem rechtsfreien Raum und müssen dringend klären: Was ist rechtskonformes Verhalten und was nicht? Wenn ich mit einem frei zugänglichen Tool oder einer App einen von der KI erzeugten Text generiere, wem gehört dieser Text? Gehört er mir, dem Toolanbieter oder sogar den Softwareentwicklern der Tools? Die Antwort auf diese Frage ist leider völlig unklar. Es besteht nicht einmal eine Kennzeichnungspflicht für derartige Texte.

Unsere KI-Forschungsgruppe hat erkannt, dass wir ein neues Rollenmodell für diese KI-Prozesskette brauchen, welches Verantwortlichkeiten für alle beteiligten Akteure möglichst präzise regelt. Zentrale Rollen sind die Entwickler der Algorithmen und die Textproduzenten, welche die Werkzeuge zur Textproduktion oder auch zur Überarbeitung bestehender Texte einsetzen. Das letzte Glied in der Prozesskette, also der Medienkonsument, kann derzeit nicht erkennen, ob ein Mensch oder eine Maschine den Text verfasst hat. Dieses Problem betrifft somit uns alle.

Mit Verwendung der Tools kann ich also ungehindert „abschreiben“ und erkläre mich zum Autor?

Prof. Dr. Doris Weßels: Da haben Sie eine interessante Frage aufgeworfen. Man muss zwei Werkzeugarten unterscheiden. Einmal solche, die einen ganz neuen Text generieren. Hierbei handelt es sich um Unikate – und nicht um Plagiate. Die andere Gruppe von Werkzeugen wird für das „Rewriting“ eingesetzt. Hierbei handelt es sich um die KI-gestützte Umformulierung vorhandener Texte, die zu Plagiaten bei fehlender Angabe von Quellen führen kann. Und wenn ich noch zusätzlich eigene Texte oder auch KI-generierte Unikate einfüge, dann wird es zunehmend schwieriger, Rückschlüsse auf das Original herzustellen. Plagiatserkennungs-Softwarelösungen geraten hier sehr schnell an ihre Grenzen.

Besorgniserregend in diesem Kontext ist, dass moderne Textverarbeitungssysteme bereits einen „Similarity-Checker“, also einen Ähnlichkeits-Checker, in ihren Editor integriert haben. Wer plagiieren will, überarbeitet den fremden Text so lange, bis das Ergebnis vom Ähnlichkeits-Checker nicht mehr als Plagiat erkannt wird. Das ist natürlich sehr verführerisch und absolut gefährlich.

Man sagt, KI kann Verhaltensweisen viel besser vorhersagen als menschliche Intelligenz, aber auch Wertesysteme entwickeln, die wir nicht erklären können. Daraus können sich fragwürdige Entscheidungen mit einem großen Einfluss auf unser Leben ergeben. Ist das nicht bedrohlich?

Prof. Dr. Doris Weßels: Ja, zweifelsohne. Das motiviert mich, für Aufklärung zu sorgen. Die Risiken müssen kanalisiert werden, soweit das noch geht. Ein Beispiel ist der Robo-Journalismus, wo im journalistischen Bereich KI-gestützt automatisch Nachrichten generiert werden. Das ist wie ein Speed-Journalismus, wo ein Bot eine Nachricht sendet und andere Bots diese aufgreifen, eigene Beiträge generieren und veröffentlichen. Wenn dieser kaum noch zu stoppende virale Effekt von einer Fake-News oder auch einer Fehlinterpretation einer Nachricht des ersten Bots in Gang gesetzt wurde, können die Folgen zum Beispiel in der Finanzwelt verheerend sein und zu weltweiten Turbulenzen führen.

Wir sind als ASW Nord auf das Format der „KI-Schreibwerkstatt“ in der Digitalen Woche Kiel 2021 mit Ihnen als Veranstalterin aufmerksam geworden. Was ist Ihre Botschaft dieses Seminars?

Prof. Dr. Doris Weßels: Ich möchte mit diesem Format gleichermaßen aufklären und sensibilisieren, weil selbst in Expertenkreisen Unwissenheit vorherrscht, welche Fülle an KI-gestützten Werkzeugen am Markt verfügbar ist und wie leistungsstark sie ist. Dahinter stehen immer leistungsstärkere Sprachmodelle, die vielfach Varianten des Modells GPT-3 darstellen. Ich habe bewusst das Format einer Werkstatt gewählt, damit jeder Teilnehmer live erleben kann, wie befremdlich und irritierend es ist, wenn wir als Menschen mit einer kurzen Texteingabe starten und wir dann auf dem Bildschirm direkt sehen, wie die Maschine wie ein „Ticker“ den Text fortführt. An meinen Schreibwerkstätten nehmen Akademiker, Wirtschaftsfachleute und Unternehmer sowie Studierende teil. Dabei erleben sie in der Regel erstmalig die Welt des KI-gestützten Schreibens mit allen Vorteilen und auch Risiken, was in der Regel sehr intensive Diskussionen auslöst. Diese Diskussionen zeigen mir immer wieder, dass wir uns als Gesellschaft viel mehr mit diesem Thema beschäftigen müssen.

Könnten Sie sich vorstellen auch eine Schreibwerkstatt für die Wirtschaft anzubieten beziehungsweise durchzuführen?

Prof. Dr. Doris Weßels: Ja, natürlich. Bei der Werkstatt der DiWiSH hatte ich sehr viele Wirtschaftsvertreter bis hin zur Geschäftsführungsebene inklusive Marketingspezialisten dabei.

Welche Tools, Apps, Programme würden Sie für eine KI-gestützte Wirtschaftskommunikation empfehlen?

Prof. Dr. Doris Weßels: Das Kölner Start-Up deepl.com hat eine sehr leistungsstarke und teils kostenlose KI-gestützte Übersetzungssoftware entwickelt. Aber der Markt der angebotenen Tools für die KI-gestützte Textgenerierung und das Rewriting ist kaum zu überblicken und verändert sich rasant. Zwei Tools, mit denen sich nach meiner Erfahrung gut arbeiten lässt und die über ihre Plattform ein großes Einsatzspektrum abdecken, sind zum Beispiel copy.ai oder auch headlime.com.

Prof. Dr. Doris Weßels ist Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Kiel, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Digitalen Wirtschaft Schleswig-Holstein e.V., Leitungsmitglied der Fachgruppe „Projektmanagement an Hochschulen“ der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM) e.V. und Leiterin der Fachgruppe „Academic Writing“ beim KI-Expertlab Hochschullehre.
Prof. Dr. Doris Weßels ist Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule Kiel, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Digitalen Wirtschaft Schleswig-Holstein e.V., Leitungsmitglied der Fachgruppe „Projektmanagement an Hochschulen“ der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement (GPM) e.V. und Leiterin der Fachgruppe „Academic Writing“ beim KI-Expertlab Hochschullehre.
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