Qualitätsmaßstäbe im Wandel

Mehrdimensionale Anforderungen

Teil 2

Ob man dies mit modernen Fertigungskonzepten und Produktdesigns überhaupt flächendeckend erreichen kann, sieht auch Bertrand Völckers kritisch: „Jede neue Entwicklung birgt erst einmal das Risiko, dass es dort größeren Ausschuss gibt oder Komponenten im Alltagsbetrieb kaputt gehen. Wenn das zum Beispiel eine Messkamera für ein Ingenieurbüro betrifft, ist es vielleicht ärgerlich, wenn die Kamera ausgetauscht oder repariert werden muss, weil man eine Woche lang nicht messen kann, aber im Sicherheitsbereich ist es etwas ganz anderes, wenn eine Kamera eingeschickt werden muss. Da muss in der Zeit dann unter Umständen Wachpersonal engagiert werden, was enorm kostet. Hier muss man also andere Strategien entwickeln, um günstige Kosten zu erzielen und gleichzeitig die Reklamationsrate niedrig zu halten.“

Statements

„Natürlich ist Qualität das, was beim Endkunden ankommt. Es ist aber so, dass Endanwender oft nicht wirklich wissen können, was sie benötigen. Im Grunde braucht der Kunde nur das richtige Bild an der richtigen Stelle, etwa um eine Ermittlung zu veranlassen oder um einen Vorgang zu verfolgen. Er ist gut beraten, wenn er auf die Erfahrung des Errichters vertraut. Und der Errichter bietet, wenn er clever ist, auch nur das an, was er sehr gut erkennt. Er wiederum erarbeitet die Lösung mit dem Lieferanten seines Vertrauens, der ihm die Produktqualität bietet, die er für die Anwendung benötigt.“
Ludwig Bergschneider, Aasset Security GmbH


„MTBF ist kein Allheilmittel und auch keine Garantie. Man bekommt eine errechnete Zahl für ein Produkt, die niemals sicherstellen kann, dass in der Praxis auch diese Betriebsstunden garantiert erreicht werden.“
Uwe Höppner, Eneo Security

Dass man sich aber trotz veränderter Realitäten dennoch nicht ganz von den zehn Jahren Betriebsdauer verabschieden mag, zeigt ein Beispiel von Fedja Vehabovic: „Im Idealfall müsste man den Kunden zehn Jahre Garantie geben, was aber niemand tut. Höchstens im Ausnahmefall – und dann zu höheren Kosten. Wir haben etwa eine Ausschreibung in einem arabischen Land begleitet, mit 800 PTZ-Kameras. Dort hat der Kunde zehn Jahre Betriebsdauer gefordert und dies bei teilweise 60 Grad Außentemperatur. Da reden wir über Qualität! Und die kostet dann Geld. Alle, die so eine Ausschreibung ehrlich gewinnen möchten, müssen dann den Preis erhöhen. Einfach ist es also nicht, Qualität zu produzieren – und günstig sowieso nicht.“

Heute gekauft, morgen alt?

Eine solche starre Fixierung auf einen Zeitraum findet Dirk Brand von Samsung Techwin überholt, schon allein aus entwicklungstechnischer Sicht: „Die Kameras, die vor zehn Jahren verkauft wurden, haben aus heutiger Perspektive nur beschränkte Funktionsmerkmale. Sie laufen zwar unter Umständen noch, aber wer möchte sie denn einsetzen, wenn sie nur alle vier Sekunden ein Bild liefern? Ein Kunde würde sich doch heute niemals für diese Kamera entscheiden. Die Produktzyklen, die neue Funktionen bringen, sind so kurz geworden, dass man diese zehn Jahre überhaupt nicht mehr braucht. Weil die Kameras in zehn Jahren so hoffnungslos veraltet sind, dass die keiner mehr einsetzen möchte.“

Ähnlich, jedoch etwas differenzierter will es Uwe Höppner formuliert wissen: „Ich denke, wir müssen hier zwei Dinge auseinander halten. Einerseits den aus Kundensicht absolut notwendigen Investitionsschutz, aber andererseits auch die nicht mehr ganz zeitgemäßen zehn Jahre, innerhalb derer sich ganz andere Funktionen und Möglichkeiten ergeben, die der Kunde nicht missen möchte. Kurzum: Der Kunde erwartet einfach, dass die Lösung, so wie sie heute geliefert bekommt, in zehn Jahren noch funktioniert – aber er kann natürlich nicht erwarten, dass er danach immer noch auf dem aktuellen Stand der Technik ist.“

Ein Paar Hemmschuhe

Die bereits angesprochene immer schneller werdende Entwicklung wird jedoch nicht gänzlich unkritisch gesehen, vor allem, da sie gewissen Einflüssen aus der Consumer-Elektronik unterliegt und von dort auch zunehmend ein Preisdruck aufgebaut wird, mit dem professionelle Sicherheitstechnik nur schwer umgehen kann. Torsten Anstädt sieht hier keinen direkt negativen Einfluss auf die Qualität:„Wenn ich aus Sicht der Hersteller sprechen darf, muss ich sagen, die Qualität leidet in keiner Weise. Ganz im Gegenteil, und das wird fast jeder Kamerahersteller bestätigen können, sie steigt von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat. Wir fahren die Entwicklung nicht herunter, sondern hoch. Die Preise sind natürlich ein Thema, bei dem es Druck gibt. Aber wir lassen uns nicht unter Druck setzen – unsere Kameras haben heute noch den gleichen Preis wie vor zehn Jahren, nur mit höherer Qualität und wesentlich mehr Funktionen.“

Mean Time Between Failures MTBF (Mean Time Between Failures) ist eine Bezeichnung für die mittlere Betriebsdauer zwischen Ausfällen für instand gesetzte Einheiten. Oft wird damit in der Praxis auch die Zeitspanne bis zum ersten Ausfall angegeben. Die MTBF kann zur Abschätzung von Ausfällen in Zeitintervallen verwendet werden. Bei Festplatten sind etwa MTBF-Werte von 1.200.000 Stunden üblich (entspricht etwa 137 Jahren). Aus dieser Zahl kann die Wahrscheinlichkeit berechnet werden, dass es während der Nutzungsdauer (bei Festplatten meist fünf Jahre) zu einem Ausfall kommt. Sie beträgt in diesem Fall etwa 3,6 Prozent. Schätzwerte für die MTBF können durch Lebensdauerversuche ermittelt werden, in denen das Gerät unter anderem Strahlung, Feuchtigkeit, Erschütterungen, Hitze und Ähnlichem ausgesetzt wird. Eine andere Möglichkeit der Ermittlung der MTBF ist die Zuverlässigkeitsprognose. Damit lässt sich abschätzen, ob gesetzte Zuverlässigkeitsziele erreicht werden können. Dazu sind genaue Kenntnisse des Aufbaus des Gerätes und der verwendeten Bauelemente notwendig. Diese dienen als Grundlage zu einer relativ komplizierten mathematischen Berechnung. Die MTBF-Werte sind dabei in der Praxis immer als Anhaltspunkt und Mittelwert zu sehen, stellen aber keine verbindliche Garantie dar.

Die Gewöhnung und die Erwartungshaltung der Anwender wird jedoch sehr wohl durch Consumer-Elektronik beeinflusst, wie Ludwig Bergschneider anmerkt: „Gerade bei Video wird die Meinung der Kunden durch das geprägt, was heute qualitativ vom Fernsehen angeboten wird. Man ist HD-Qualität gewohnt, und schon aus diesem Grund wirkt heute analoge Videotechnik minderwertig in der Anmutung, selbst wenn sie im Einzelfall die Anforderung erfüllen würde. Aber natürlich gilt auch, die Videotechnik hat sich enorm weiterentwickelt, auch im positiven Sinne. Man kann heute viel bessere Bilder liefern und viel mehr Lichtsituationen abdecken als früher.“

Dem stimmt Stefan Bange zu, mahnt aber eine Differenzierung an: „Heute ist jeder ganz anders in der Lage, Bildqualität zu beurteilen, auch weil man einen HD-Fernseher zu Hause hat. Früher wurde gesagt: Das ist das Bild, und es geht nicht besser. Das hat der Kunde akzeptiert. Heute sagt er: Ich habe eine Webcam für 59 Euro, die macht ein besseres Bild als diese 1.000-Euro-Kamera. Dann kann natürlich etwas nicht stimmen. In dem Sinne ist es auch zu begrüßen, dass der Kunde Qualität heute anders beurteilen kann.“

Errichter als Vermittler?

Entscheidend ist also, dass ein Qualitätsbewusstsein beim Endkunden ankommt, jedoch nicht minder wichtig ist die Art und Weise, wie man dieses Wissen dort hin transportiert und aus welcher Perspektive man Qualität beurteilt. Dass sie nie unabhängig vom Preis zu sehen ist, dafür plädiert Wilhelm Fischer: „Qualität und Preis kommen in jedem Projekt irgendwann zur Sprache. Die Frage ist: Bekommt der Kunde für sein Geld auch diese Qualität, die er erwartet? Oder ist womöglich seine Erwartungshaltung zu hoch – gemessen an der Investition? Wenn man heute qualitativ hochwertige Produkte verkaufen möchte, so haben diese natürlich ihren Preis. Für 1.500 Euro pro Kamera erwartet der Kunde einfach keinen Schrott. Und was auch zur Qualität gehört: Meine Kunden möchten, dass nach einer Investition ziemlich lange Ruhe ist.“

vorige Seite 1 - 2 - 3 nächste Seite
Foto: Gückel

Qualitätsmaßstäbe im Wandel

Mehrdimensionale Anforderungen

Die Videobranche agiert heute verstärkt in einem Spannungsfeld aus Preisverfall, Innovationsdruck und Investitionsschutz. Doch inwieweit wirken sich diese teils gegenteiligen Trends auf die Qualität der Anlagen aus? Und welche Maßstäbe können Anwender und Errichter heute noch anlegen?

Foto: Michael Gückel

PROTECTOR & WIK Forum Videosicherheit 2017

Qualität verkaufen

Lässt sich Qualität heute noch verkaufen? Oder haben Hersteller ihre Qualitätsansprüche selbst längst „verkauft“? Eine kritische Ausgangsfrage, der sich das Forum Videosicherheit 2017 angesichts weiter fallender Preise widmete. Welche Auswirkungen das auf die Marktbeteiligten hat und wie sich diese neu aufstellen können, war Kern der Diskussion.

Videoüberwachungssysteme sollten nur die für diesen Zweck konzipierten Speichermedien nutzen.
Foto: Toshiba

Speichersysteme

Videoüberwachung braucht zuverlässige Speichermedien

Die Datenmenge hochauflösender Videos steigt stetig. Benötigt werden Speichermedien, die speziell auf die Videoüberwachung ausgelegt sind.