Menschliches Verhalten und potenzielles Fehlverhalten muss im Brandschutz- und Evakuierungskonzept stets mit bedacht werden.
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Sprachalarmierung

Menschliches Verhalten im Evakuierungsfall

Der Faktor „Mensch“ im Brandschutzkonzept: Wie verhalten sich Menschen im Evakuierungsfall? Wie erreicht sie eine Alarmierung?

Wenn sich die betroffenen Menschen auf eine Alarmierung , wie im Brandschutzkonzept gedacht, im Evakuierungsfall nicht so verhalten, dann sind oft Brandschutzmaßnamen – technisch wie baulich – nicht mehr in der Lage, die Menschen ausreichend zu schützen. Aber warum reagieren Menschen unter Umständen erst mit erheblicher Verzögerung?

Verhaltensmuster im Evakuierungsfall

Es gibt hierzu viel wissenschaftliche Literatur, exemplarisch sei etwa „Fires & Human Behavior“ von D. Canter (1990) und „Unsicher und unerwartet“ von Laura Künzer, C. S. (2017) erwähnt, wo immer wieder gewisse Verhaltensmuster auffallen. Um diese Muster zu verstehen, hilft der Beitrag von Fitzpatrick, C. & Mileti, Puplic Risk Communication (1994): Für Experten für Brandmelde- beziehungsweise Evakuierungstechnik ist diese Arbeit eine wichtige Grundlage: Sie hilft, die Gründe zu verstehen, warum sich Menschen bei einer Alarmierung entsprechend verhalten.

Fünf entscheidende Phasen des menschlichen Verhaltens

Fitzpatrick und Mileti unterteilen die Zeit von der Wahrnehmung bis zur Reaktion auf einen Alarm in fünf Phasen:

  1. Phase – Wahrnehmen:
    Zum Beispiel führt das Nichthören eines Alarmes immer zu einer verzögerten Reaktion. Was sich zunächst wie eine Platitude anhört, ist aber bereits bei näherer Betrachtung existenziell. Ist zum Beispiel die Sprachverständlichkeit (STI) bei einer Sprachalarmanlage (SAA) gegeben? Ist der Störschallpegel berücksichtigt? Eine fachgerechte STI-Messung bei einer SAA oder die korrekte Schaldruckpegelmessung bei einer Sirenen-Alarmierung ist somit überaus wichtig. Aber selbst bei ausreichender Hörsamkeit und Verständlichkeit gibt es Menschen die „nicht hören“ wollen bzw. können. Helfen kann hierbei auch die Anwendung des „zwei-Sinne-Prinzips“. Weitere Informationen hierzu finden sich in: Künzer & Hoffinger, Barrierefreie Alarmierung und Fluchtweggestaltung – für alle (2018).
  2. Phase – Verstehen:
    Die adressierten Menschen müssen wissen, was die Alarmierung bedeutet. Leider hat eine Sirene keine eindeutige Bedeutung. Diese muss erst erlernt werden. Dagegen ist die Bedeutung einer Durchsage– wenn diese sorgfältig erfolgt – sofort klar.
  3. Phase – Als echt identifizieren:
    Auch oder gerade bei regelmäßigen Übungen sind immer wieder Nachlässigkeiten zu beobachten. Menschen tendieren zum Beispiel zu dem Gedanken: „Ach, das ist wieder ein Probealarm. Da gehe ich nicht raus in den Regen“. Das heißt, strickte Anweisungen sowie Vor- und Nachbesprechungen mit strukturierter Auswertung sind bei Übungen besonders wichtig. Hierbei ist auch zu beachten, dass der Betreiber eines Gebäudes für die Übungen verantwortlich ist und die unter Umständen erheblichen regelmäßigen Kosten der Übungen tragen muss. Zu überlegen ist auch, ob diese Übungen in Verbindung mit einer SAA günstiger ausfallen können – weil die Menschen in der Regel deutlich besser reagieren. Eine Pflicht zur Übung kann sich zum einen aus einer Vorschrift ergeben, aus dem Stand der Forschung oder daraus, dass der Verfasser des Brandschutzkonzeptes Übungen in einer bestimmten Frequenz in seinem Konzept festschreibt, vielleicht sogar mit einem Verweis auf die VDI Richtlinie 4062 „Evakuierung von Personen im Gefahrenfall“.
  4. Phase – Auf sich beziehen und als wichtig anerkennen:
    Wenn Personen glauben, dass eine Warnung nicht für sie bestimmt ist, werden sie eher nicht reagieren. Wenn sie aber denken, dass sie gemeint sind, werden sie auch handeln. Bei einer Sirenen-Alarmierung ist die Frage, ob und wie eine bestimmte Person reagiert, von deren persönlichen Risikoeinschätzung abhängig. Diese Risikoeinschätzung ist beispielsweise beeinflusst durch Bildung, Vorerfahrung oder auch Geschlecht und somit praktisch nicht vorhersehbar. Bei einem Sprachalarm hilft die persönliche Ansprache damit dem Einzelne n, sich sofort angesprochenzu fühlen und zu verstehen, welche Gefahr vorliegt. Dabei ist darauf zu achten, dass die Ansprache so formuliert ist, dass sich alle Personen sangesprochen fühlen.
  5. Phase – Entscheiden und reagieren:
    Menschen zeigen nach dem Durchlaufen der Phasen 1-4 drei Verhaltensweisen: sie warten auf Instruktionen, suchen aktiv nach weiteren Informationen, um sich zu entscheiden, und sie verlassen die Infrastruktur. Selbst am Ende dieses Prozesses kommt es also nicht zwangsweise sofort zum Verlassen des Gebäudes. Allgemein kann man feststellen, dass auch diese Phase mit einer „klaren Ansage“ auf ein Minimum reduziert werden kann, wenn man die wichtigen Fragen „Was ist passiert?“, „Was ist zu tun?“, und „Warum ist es zu tun?“ klar, verständlich und eindeutig kommuniziert. Das ist auch mit einer Sirenen-Alarmierung möglich, aber nur wenn die Vielzahl von damit verbundenen Informationen vorher erlernt worden ist.

Konkrete Hilfestellungen

Um insbesondere bei einer Sprachalarmierung die oben genannten Phasen im Sinne einer kurzen Reaktionszeit zu optimieren, finden sich bei Fitzpatrick und Mileti auch konkrete Hilfestellungen, wie die Botschaften aufzubereiten sind.

Es gilt im Wesentlichen:

  • Konsistenz: Widersprüchliche Aussagen führen zu Verunsicherung;
  • Genauigkeit und Vollständigkeit;
  • Klarheit: einfache Sätze ohne Fremdworte;
  • Bestimmtheit: „Es brennt“ statt „Es gibt einen technischen Defekt“;
  • Umfang: etwa „es besteht akute Gefahr durch giftigen Rauch“;
  • klare Anweisung(en): Wie ist zu handeln? „Raus gehen!“ Wann soll es gemacht werden? „Jetzt!“;
  • Wiederholung der Warnung: Um alle zu erreichen und der Warnung Nachdruck zu verleihen;
  • Beschreibung der Örtlichkeit: Genaue Bezeichnung wie etwa. „Dieses Gebäude“.

Sprachalarm ist alternativlos

Ergänzend hierzu kann auch der Leitfaden Krisenkommunikation des Bundesinnenministeriums herangezogen werden, der im Kapitel 5 ähnliche Empfehlungen gibt. Wenn alle oben aufgeführten Aspekte in einer Alarmierung optimal umgesetzt werden – oft ist ein Sprachalarm dafür alternativ los –, ist eine schnelle Evakuierung deutlich wahrscheinlicher und die Reaktionszeit liegt tatsächlich nur zwischen 30 Sekunden und wenigen Minuten.

Michael Köhler, Experte für Sprachalarmierung

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Verhalten in Ausnahmesituationen

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Die technischen Anforderungen für Räumungen oder Evakuierungen, wie Länge und Kennzeichnung von Fluchtwegen, sind in einigen Gesetzen, Richtlinien und Vorschriften festgelegt.

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Unsicher und oft unerwartet

Wie verhalten sich Menschen in Brandrauch?

Warum und wie verhalten sich Menschen bei einem Brandereignis mit Rauchausbreitung und welche Auswirkungen hat dies auf eine Evakuierung? Menschen verbleiben bei Bränden im Rauch und gehen sogar durch Rauch, wenn sie dafür „gute“ Gründe haben. Diese Gründe sind psychologischer Natur. Mangelndes Wissen über die Gefahren von Rauch oder fehlende Informationen über die aktuelle Gefahrensituation spielen ebenso eine Rolle wie Neugier oder Gewohnheiten.

Der ZVEI hat ein neues Merkblatt „Elektroakustische Alarmierungseinrichtungen“ herausgegeben, das nun von einem Experten kommentiert wird.
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Brandschutz

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Der ZVEI hat ein neues Merkblatt „Elektroakustische Alarmierungseinrichtungen“ herausgegeben, das nun von einem Experten kommentiert wird.

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Rettung via Sprachalarmierung

Klare Ansage

Sprachalarmierung als Bestandteil einer Brandmeldeanlage ist ein noch vergleichsweise neues Thema bei der Evakuierung von Gebäuden. Dabei müssen sich Fachplaner und Facherrichter zwingend an Normen und Regelwerke halten.

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