Der Hochhausbrand im Londoner Grenfell Tower 2017 hatte verheerende Folgen und warf Fragen bezüglich des vorbeugenden Brandschutzes auf.
Foto: Natalie Oxford

Brandschutz

Mit vorbeugendem Brandschutz gegen Hochhausbrände

Hochhausbrände zählen für die Feuerwehren zu den größten Herausforderungen. Dem vorbeugenden Brandschutz kommt daher eine besondere Bedeutung zu.

Hochausbrände, wie jener 2017 im Londoner Grenfell-Tower, machen deutlich, wie wichtig Brandschutz ist – und sie stellen die Feuerwehren vor enorme Herausforderungen. Ein vermutlich defekter Kühlschrank hatte den Brand ausgelöst, der sich anschließend über die Außenfassade rasch über alle Stockwerke ausbreiten konnte. Bei der Brandkatastrophe starben über 70 Menschen. Der Einsatz hatte auch in Deutschland bei Behörden und Kommunen Diskussionen um die Sicherheit von Hochhäusern in Deutschland ausgelöst, gerade im Hinblick auf die in den Fassaden verwendeten Materialien. Statistisch gesehen sind laut Institut für Schadenverhütung elektrische Defekte immer noch eine der häufigsten Brandursachen, gefolgt von menschlichem Fehlverhalten – sonstige Ursachen einmal ausgenommen. Auch vorsätzliche Brandstiftung ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Kommen zwei Ursachen zusammen, etwa ein defektes Elektrogerät, das den Brand auslöst, und menschliches Fehlverhalten, kann auch der vorbeugende Brandschutz an seine Grenzen geraten.

Hochhausbrand in Mannheim demonstriert erschwerende Faktoren für die Feuerwehr

Das Beispiel eines Hochhausbrandes in Mannheim zeigt, wie verschiedene Faktoren die Arbeit der Feuerwehr erschweren können. In einem von drei Hochhäusern war im Juli ein Feuer in einem Müllschacht ausgebrochen. Das Feuer selbst konnte zügig gelöscht werden, es mussten in der Folge aber weitere Glutnester im Schacht lokalisiert werden, weswegen die Einsatzkräfte alle Wandverkleidungen zum Müllschacht öffnen mussten. Allerdings kam es in weiterer Folge zur Verrauchung einzelner Wohnungen in dem 29-stöckigen Gebäude. Diese entstand durch das langsame Abbrennen von Materialien und Müll, der sich zwischen dem Müllschachtrohr und den Schachtwänden befand. Da der Schacht vertikal nicht geschottet ist, konnte sich der Rauch zunächst dort bis nach oben ausbreiten. „Die Rauchableitung des Schachts funktionierte über das Dach, wo die installierte Belüftungsanlage gleichzeitig die verrauchte Luft als Zuluft wieder in die Wohnungen zurückblies – ein lüftungstechnischer Kurzschluss“, erläutert Mario König, Abteilungsleiter Vorbeugender Brand- und Gefahrenschutz bei der Berufsfeuerwehr Mannheim. Daher musste auch schließlich das gesamte Gebäude mit etwa 550 Personen evakuiert werden, was eine logistische Herausforderung darstellte.

Mängel im vorbeugenden Brandschutz führen zu fataler Kombination von Faktoren

Dass der Brand mit 20 Verletzten vergleichsweise glimpflich ablief, ist zuallererst dem raschen und konsequenten Eingreifen der Feuerwehr Mannheim zu verdanken. Denn wie auch die nachfolgenden Ermittlungen gezeigt haben, gab es verschiedene Mängel im vorbeugenden Brandschutz. So soll der Brand selbst wohl durch einen heißen Gegenstand ausgelöst worden sein, der zwischen dem Müllfallrohr und dem Schacht im ersten Obergeschoß auf bereits dort befindlichen Müll gefallen war und diesen entzündet hatte. Abgesehen von technischen oder planerischen Mängeln – was etwa die Belüftungsanlage angeht – ist hier konkret zu einem erheblichen Teil auch menschliches Fehlverhalten an dem Brandausbruch schuld. Selbst nach Stand der anerkannten Regeln installierte Technik wie Brandschutztüren und -klappen sowie Schottungen ist nur bedingt wirksam, wenn diese umgangen und unsachgemäß benutzt wird. So bedurfte es im Mannheimer Fall eines nicht unerheblichen Aufwands, den Müll zwischen Fallrohr und Schacht zu entsorgen. In Wohnhochhäusern kommt es immer wieder vor, dass Brandlasten wie Sperrmüll nicht selten dort gelagert werden, wo sie Rettungswege behindern, was auch beim Brand des Grenfell Towers der Fall war. Brandschutztüren werden aus Bequemlichkeit verkeilt und offenstehen gelassen, Fluchttüren zugestellt – keine Seltenheit bei Begehungen durch die Feuerwehr oder den Sicherheitsbeauftragten. Baulich gesehen kommt hinzu, dass es etwa in Baden-Württemberg wie auch in einigen anderen Bundesländer keine eigene Hochhausrichtlinie gibt. Hier gilt immer noch die Muster-Hochhaus-Richtlinie von 2008. Solange seit der Baugenehmigung nach damaligem Recht keine baulichen Veränderungen vorgenommen worden sind, genießen die Gebäude Bestandsschutz – ein Müllschacht wäre heute nicht mehr zulässig.

Modernisierung im Sinne des Brandschutzes für Hochhäuser

Viele Objekte leiden seit ihrer Errichtung unter einem Sanierungsstau, um diese im Sinne des Brandschutzes baulich wie anlagentechnisch zu ertüchtigen. Nur bei gravierenden Mängeln muss unmittelbar Abhilfe geschaffen werden, ansonsten muss der Brandschutz nicht angepasst werden, auch nicht bei Modernisierungen, sofern diese in Bezug auf den Brandschutz zu keiner anderen Einschätzung führt als zur ursprünglichen Genehmigung. Häufig wird dann in bestimmten Bereichen doch nachgerüstet, sei es bei der Brandmeldeanlage, Rauchmeldern oder anderen Detektoren, immer in Abhängigkeit der baulichen Gegebenheiten und brandschutztechnischen Anforderungen – oder auch aktuellen Ereignissen. In Newcastle hat ein Betreiber in Reaktion auf den Brand des Grenfell Towers beispielsweise in seinen Wohnhochhäusern M16 Thermal-Kameras von Mobotix in den Müllschachträumen installiert. Damit sollen Schwelbrände bereits früh und zuverlässig erkannt werden.

Bei einem Hochhausbrand, der noch eine Voll-Evakuierung nach sich zieht, müssen Feuerwehr, Rettungskräfte und Behörden aufeinander abgestimmt zusammenarbeiten, um die Auswirkungen für die Betroffenen in Grenzen zu halten. Hochhäuser fallen einsatztaktisch unter die Sonderbauten, die grundsätzlich anders behandelt werden als ein normaler Wohnungsbrand. Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren hat mit den „Qualitätskriterien für die Bedarfsplanung von Feuerwehren in Städten“ Schutzziele definiert, die die örtlichen Berufsfeuerwehren einhalten sollen. In Mannheim sind etwa 90 Prozent der bebauten Fläche im Stadtgebiet in die Gefahrenklassen B3 und B4 eingeteilt. Unter B3 fallen Gebäude mit geschlossener und offener Bauweise, Mischnutzung (Wohnen und Gewerbe), Sonderbauten und eine Gebäudehöhe von maximal 22 Meter. Die Gefahrenklasse B4 umfasst große Sonderbauten, Gewerbebetriebe mit erhöhtem Gefahrstoffumgang ohne Werkfeuerwehr und Gebäude mit einer Höhe über 22 Meter.

Einsatztaktik und Logistik sind entscheidend bei der Bekämpfung von Hochhausbränden

Bei einer Brandmeldung aus einem Sonderbau rücken daher sofort zwei komplette Löschzüge plus eine Abteilung der Freiwilligen Feuerwehr aus, auch wenn noch keine Bestätigung vorliegt. Ziel ist es, von Beginn an mit genügend Einsatzkräften vor Ort zu sein. Entsprechend wird auch vor Ort vorgegangen, statt nur zwei Mann wie bei einem Wohnungsbrand geht ein ganzer Stoßtrupp ins Hochhaus (oder Sonderbau), um unterhalb des vermuteten Brandherds ein Depot für den weiteren Löschangriff anzulegen. Ein solches Szenario fordert nicht nur die Feuerwehr, sondern auch Rettungsdienst, Behörden und andere Stellen. So wurde in Mannheim etwa das THW hinzugezogen, das die Verpflegung der Einsatzkräfte und der evakuierten Bewohner übernahm und die Feuerwehr auch technisch bei der Brandherdsuche unterstützte. Ebenso unterstützte die Feuerwehr Heidelberg sowie zahlreiche Rettungskräfte aus der Umgebung die Kollegen in Mannheim. Hilfsorganisationen standen bereit, die Bewohner aufzunehmen. „Der Verwaltungsstab war darauf vorbereitet, die Menschen zu versorgen und unterzubringen. Busse standen für den Transport bereit, eine Schulturnhalle diente als provisorische Unterkunft. Für eine anschließende Unterbringung in Gebäuden der GBG – Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft – war ebenfalls Vorsorge getroffen worden“, so König.

Prävention stärken und Mängel im Brandschutz konsequent aufdecken

Um das Risiko von Brandereignissen wie jenes in Mannheim zu mindern, bedarf es einerseits Investitionen in die Prävention und anderseits konsequentes Durchgreifen bei Mängeln. Die Berufsfeuerwehr Mannheim kooperiert eng mit anderen Dezernaten wie der Bauaufsicht, um Mängel im Brandschutz aufzudecken und diese abzustellen. Im Bereich Vorbeugender Brandschutz und Gefahrenschutz führten die Kollegen der Feuerwehr 2018 insgesamt 237 Brandverhütungsschauen und Nachschauen, 315 Beratungen, Bauabnahmen und Ortsbesichtigungen durch und gaben 567 Stellungnahmen in bauaufsichtlichen Verfahren ab. Hier sollen vor allem die Gebäudebetreiber in die Pflicht genommen werden, auf adäquaten Brandschutz zu achten. Im äußersten Fall werden Gebäude notfalls auch geschlossen, wenn die Sicherheit der Bewohner nicht gewährleistet ist. Gleichzeitig gibt es ähnlich wie im Gesundheitswesen die Tendenz, den Notruf mit Anliegen zu überlasten, die nicht unbedingt durch die Feuerwehr zu bearbeiten sind.

Um hier wieder eine bessere Balance zwischen Notwendigkeit und eigenem Sicherheitsgefühl herzustellen, unternimmt die Feuerwehr Mannheim viel Aufklärungsarbeit, gerade bei Kindern. Ziel muss es sein, frühzeitig richtiges Verhalten anzulernen, nicht nur im Brandfall selbst, sondern vor allem präventiv, damit es erst gar nicht zum Äußersten kommt. Auch entsprechende Aufklärungskampagnen und Informationsveranstaltungen können helfen, Bewohner für die Gefahren, die durch unachtsames oder fahrlässiges Verhalten entstehen können, zu sensibilisieren. Je mehr diese Strategie aufgeht, desto weniger Vorfälle wie der in Mannheim sind künftig zu erwarten.