PROTECTOR & WIK-Forum Videosicherheit 2016

Nachhaltig und wirtschaftlich

Teil 2

Dieses Szenario impliziert auch finanzielle Beweggründe, die nicht selten in der Praxis mit entscheidend sind. Die kaufmännische Seite beschäftigt auch Moderator Dirk Ostermann: „Migration hat also einerseits einen technischen Hintergrund, andererseits spielt aber auch das Budget eine wesentliche Rolle. Aber gibt es noch Anlagen, die aus kaufmännischer Sicht nicht modernisiert werden können? Die Bestandskameras könnten doch rein theoretisch technisch ausgewechselt werden. Hapert es schlichtweg am Geld?“

Katharina Geutebrück kann diesen Eindruck zumindest teilweise bestätigen: „Es gibt im Markt noch relativ viele analoge Kameras, die in den Anlagen schon seit Jahren laufen und die aus wirtschaftlichen Gründen nicht getauscht werden. Man stellt zunächst eher noch die zentrale Technik um und setzt auf Hybridrecorder. Allerdings: Wenn nach und nach zusätzliche Kameras installiert werden, dann auf IP-Basis. Neuinstallationen mit analogen Modellen wird es kaum mehr geben.“

Differenziert betrachten

Die Kosten sollte man man immer differenziert betrachten und mit Anwendern möglichst detailliert diskutieren, meint Wilfried Joswig: „Wenn Sie mit neuer Technik in ein altes Netz gehen, dessen Stand Sie nicht kennen, haben Sie kaum eine Möglichkeit das qualitativ zu erfassen. Man muss als erstes den Zustand eines Netzes ermitteln, welches in Betrieb ist. Und das ist eine echte Herausforderung. Je nachdem verschieben sich die Kosten in einem Projekt zwischen Neubau und Migration: Wenn Sie einen Neubau haben, liegen womöglich 60 Prozent bei der Hardware, 20 Prozent im Netz und zehn Prozent jeweils bei Inbetriebnahme und Planung. Bei der Migration in einem vorhandenen Netz macht die Hardware vielleicht nur noch 20 aus, das Netz verschlingt aber plötzlich den Wert von 60 Prozent, weil es bei weitem nicht so leistungsfähig ist, wie gedacht. Das blenden viele aber aus, weil die neuen Komponenten und Kameras so verlockend günstig sind.“

Statements „Der Überbegriff smart ist dieses Jahr mit Sicherheit ein Trend. Aber was versteht man eigentlich unter smart? In unseren Augen ist es nicht nur in Verbindung zu Smart Home zu sehen, auch wenn unsere Kameras neuerdings mit dem KNX-Standard kommunizieren können. Es ist ebenfalls smart, wenn Kameras über entsprechende Schnittstellen und Leistungsfähigkeit verfügen, um zum Beispiel Analyseanwendungen direkt auf der Kamera auszuführen oder um Brandbreite und Speicherbedarf dank smarten Applikationen einzusparen. Wir rechnen wieder mit vielen Besuchern und erwarten gute Gespräche – die Security ist die wichtigste Messe für uns im mitteleuropäischen Raum.“
Oliver Kopp, Distribution Account Manager DACH, Axis Communications GmbH
„Natürlich wird es auch bei uns eine Aufstockung im Portfolio sowie Verbesserungen bei zahlreichen Produkten geben. Wir werden uns auch noch stärker der Low-Light-Thematik widmen, denn hier kann Canon seine 70-jährige Erfahrung im Bereich der Optik ausspielen. Wir stellen auch eine PTZ-Kamera aus, die ungefähr 20 Mal so lichtstark sein wird wie alles, was wir bis jetzt im Programm hatten. Davon abgesehen freue mich natürlich jedes Mal auf die Security, spannende Gespräche vor Ort und neue Projekte.“
Heiko Suwalski, Key Account Manager, Canon Deutschland GmbH
„Ich sehe die Security schon lange nicht mehr als die Innovationsschau im Bereich der Videotechnik in Europa, hier hat sie deutlich verloren. Auch finde ich das Publikum zu regional und zu wenig international. Ich werde mich trotzdem auch dieses Jahr dort umsehen, was man an kleinen Innovationen zu sehen bekommt, vor allem im Zubehörbereich, der für einen Errichter immer interessant ist.“
Wilhelm Fischer, Inhaber, Netzwerkservice Fischer

Auch wenn es an manchen Stellen noch etwas hapert, werden sich die Schwierigkeiten der Migration in Zukunft verringern, glaubt Stefan Bauböck von Sony: „Früher oder später wird sich diese Problematik gelöst haben, weil wir einfach nur noch von IP reden werden. Die analogen Komponenten, welche heute noch verbaut sind, verschwinden nach und nach. Daher sind analoge Produkte für den Kunden auch nicht mehr attraktiv, da manche Komponenten nur noch drei oder vier Monate verfügbar sind. Für Kunden, die eine langfristige Lösung suchen, ist das keine Option. Um den Übergang zu erleichtern, bieten unsere IP Kameras in der Regel einen zusätzlichen analogen Ausgang.“

Volkhard Delfs von Panasonic bestätigt: „Die analoge Technik ist schon seit Jahren mehr und mehr im Schwinden. Wir sind einer der letzten Hersteller, die noch analoge Technik im Angebot haben. Die traditionell großenNamen in der Sicherheitsbranche sind alle dabei, das zurückzufahren. Es ist also schon der Punkt abzusehen, an dem es sie gänzlich nicht mehr geben wird. Dann müssen auch die letzten analogen Anlagenbetreiber ans Migrieren denken.“

Digital-Digital

Die Umrüstung ausgedienter und teilweise längst überholter analoger Technik ist ein Aspekt, der die Migration in den letzten Jahren vorangetrieben hat, aber auch andere Formen gibt es längst, wie Wilhelm Fischer anmerkt: „Die Umrüstung von analog auf digital findet schon lange statt, doch die Kunden möchten Zug um Zug weiter aufrüsten, was eine Migration von digital zu digital bedeutet. Das beinhaltet oft den Wunsch, auch mehrere Hersteller zusammenzubringen und deren Produkte im System zu mischen. Hier sind Standardisierungsbestrebungen wie Onvif auch ein guter Ansatz. Im Normalfall handelt es sich im Tagesgeschäft nicht nur um High-End-Lösungen, sondern ganz normale mittelgroße Anlagen, bei denen man zusätzliche Kameras einbinden will, neue Software installiert oder auch die Speicher dementsprechend aufrüstet. Das alles sollte ohne große Schwierigkeiten möglich sein.“

Gerade hier sieht Katharina Geutebrück noch Nachholbedarf: „Ich denke, dass dieser Nachrüstmarkt noch durch proprietäre Lösungen und nicht offengelegte Schnittstellen ausgebremst wird. Voraussetzung wäre, man forciert wirklich eine einheitliche Plattform, so wie Onvif beispielsweise.“

Digital bedeutet aber nicht zwangsläufig nur Netzwerkkameras statt Analog-Modelle einzusetzen, das Angebot ist vielfältiger, wie Christian Wimmer von Abus Security- Center klarstellt: „Es sind nicht nur IP-Kameras die auf den Markt drücken, vielfach wird gerade bei der Umrüstung von vollanalogen Anlagen auf Produkte zurückgegriffen, die unter den Begriffen HD-SDI, HDTVI, Analog-HD und dergleichen vermarktet werden. Diese oft als Brückenoder Nischentechnologie bezeichneten Lösungen haben aber auch klare Vorzüge. Nicht nur die leichte Installierbarkeit durch den Errichter, sondern auch niedrige Latenz. Natürlich ist es im Vergleich zur IPTechnik ein kleinerer Markt, aber dennoch ist er nicht zu vernachlässigen.“

Andreas Winkler von Secomp stimmt zu: „Lösungen über HDTVI und dergleichen können manchmal durchaus Sinn ergeben. Hiermit wird sehr viel für die Migration getan, weil der Kunde, der seine alten Kabel weiter benutzen will, so neue hochauflösende Techniken einbinden kann. Wir haben das auch ins Programm genommen, weil manche Kunden diese Technik für einzelne Lösungen benötigen, auch wenn wir sonst eigentlich nur IPKomponenten vertreiben würden.“

Über Irrwege ans Ziel?

Die Einschätzung der HD-SDI-Technik als Übergangslösung im Migrationsprozess dürfte zutreffend sein, doch manche sehen darin einen unnötigen Irrweg, den man dem Anwender eigentlich ersparen sollte. Waldemar Gollan von Arecont Vision meint: „Die Entscheidung zur Nutzung universeller IP-Infrastrukturen für CCTV-Anwendungen ist schon lange gefallen. Trotzdem sieht es immer wieder so aus, als ob einige Hersteller spezielle Anforderung in Sonderfällen dazu nutzen, sich gegen diesen Trend wehren zu müssen. Wir sollten als Hersteller nur noch daran arbeiten, für den Anwender die sanfteste Art der Migration zu gewährleisten, statt mit Einzelfällen eine punktuelle Verunsicherung zu erzeugen. Hersteller sollten nicht auf ihren kleinen proprietären Lösungsinseln beharren und dies mit ‚Ich schütze meine Kunden‘ rechtfertigen wollen. Wir müssen aufhören über scheinbare Probleme zu reden und Einzelfälle wie zum Beispiel eine Kamera in einem denkmalgeschützten Gebäude auf einer Marmorwand als Grundlage für andere Technologien zu missbrauchen und diese dann auch noch mit neuen Begriffen wie Brückentechnologie zu verkaufen. Unser Bestreben sollte nicht sein, aufzuzeigen was alles angeblich nicht oder noch nicht möglich ist, sondern die Kunden dabei zu unterstützen die Migration zu IP-basierten universellen Infrastrukturen möglichst reibungslos und letztendlich zukunftsorientiert umzusetzen.“

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Foto: Gückel

PROTECTOR & WIK- Forum Videosicherheit 2016

Nachhaltig und wirtschaftlich

Nur die wenigsten Videoanlagen werden auf der sprichwörtlich „grünen Wiese“ errichtet. Viel häufiger werden bestehende Systeme mit Komponenten ergänzt und modernisiert. Was bei der Migration der Lösungen zu beachten ist, war Thema beim PROTECTOR & WIK-Forum Videosicherheit 2016.

Hintere Reihe von links: Manfred Reinhard, Dirk Ostermann, Uwe Gleich, Mike Bussmann, Andreas Albrecht, Wilfried Joswig, Stephan Dörenbach, Martin Scherrer. Vordere Reihe von links: Christof Knobloch, Thomas Fritz, Mike Plötz und Katharina Geutebrück.
Foto: Michael Gueckel

Forum Videosicherheit 2019

Technologische Transformation

Beim diesjährigen PROTECTOR-Forum Videosicherheit kam der Themenkomplex Vernetzung und Digitalisierung ausgiebig zur Sprache. Im Fokus: Cloud-Systeme.

Hintere Reihe von links: Jochen Sauer, Michael Haas, Andreas Albrecht, Bertrand Völckers, Dirk Brand, Gerhard Harand, Eugen Bondaletow, Harald Allerberger, Dirk Ostermann. Vordere Reihe von links: Wilhelm Fischer, Stephan Roth, Robert Köhler.
Foto: Michael Gückel

Forum Videosicherheit 2019

Plattformen: Offen für alles?

Eines der aktuellen Trendthemen beim diesjährigen PROTECTOR-Forum Videosicherheit war der Plattformgedanke. Doch wie praxisrelevant ist dieses Schlagwort?