Das Bode-Museum in Berlin war Schauplatz eines spektakulären Diebstahls.
Foto: Thomas Wolf

Riskmanagement

Notfallpläne für Museen

Wenn Kulturgüter durch Brand zerstört oder gestohlen werden, ist der Worst Case eingetreten. Um dies zu verhindern, bedarf es angepasster Notfallpläne.

In jüngster Zeit sind einige Museen Opfer spektakulärer Diebstähle geworden; bei der Gelegenheit werden immer auch die Notfallpläne hinterfragt. So reiht sich der Juwelendiebstahl im Historischen Grünen Gewölbe in Dresden im November 2019 in eine Liste prominenter Fälle ein. Kurz zuvor versuchten unerkannte Täter im Landesmuseum in Trier, sich eines Goldschatzes zu bemächtigen, doch die Vitrine hielt den Angriffen stand und die Täter mussten ohne Beute flüchten. Großes Aufsehen erregte der Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze (Maple Leaf) im Wert von 3,75 Mio. EUR aus dem Berliner Bode-Museum 2017. Hier gelang es den Tätern, die Vitrine der Münze zu zerstören und diese anschließend per Schubkarre zu entwenden. Es wird vermutet, dass die Münze eingeschmolzen worden ist.

Auch international gab es aufsehenerregende Taten, wie die im Jahr 2004, als Bewaffnete das Munch-Museum in Oslo überfielen und eine Version des Gemäldes „Der Schrei“ und ein weiteres Bild im Gesamtwert von etwa 90 Mio. EUR stahlen. Dabei scheint immer häufiger weniger der Kunstwert, sondern vielmehr der Materialwert der einzelnen Objekte die Täter anzuziehen, denn bestimmte Objekte wie Gemälde sind vergleichsweise leichter aufzuspüren als etwa Schmuck oder Objekte aus Edelmetallen, die sich einschmelzen lassen. Versicherungstechnisch ist ein Diebstahl für Museen auch deshalb besonders schmerzhaft (neben dem Imageschaden), da viele Exponate sich gar nicht versichern lassen – entweder, weil die Prämien zu hoch sind oder der Wert gar nicht bezifferbar ist.

Die Risiken in Museen erkennen

Aufgrund ihres Zwecks, nämlich einerseits Kulturgüter zu bewahren und zu sammeln und andererseits diese auch den Menschen zugänglich zu machen, ergeben sich für Museen und Ausstellungen eine ganze Reihe an sicherheitstechnischen Fragen, die beantwortet werden müssen. Da es zahlreiche Möglichkeiten der baulichen Ausgestaltung eines Museums gibt, ist es schwer, die Risiken allein für ein Gebäude pauschal zu definieren. So ist es ein Unterschied, ob es sich etwa um ein freistehendes und eigens zum Zwecke der Ausstellung errichtetes Bauwerk handelt oder beispielsweise um einige wenige Räume in einem Gebäude mit ganz anderem Nutzungszweck. Unabhängig vom Gebäude und seiner primären Nutzung gibt es schädigende Ereignisse, die aber immer im Zusammenhang mit dem Bauwerk betrachtet werden müssen.

Wie die obigen Beispiele zeigen, ist Diebstahl in jüngerer Zeit ein zumindest medienwirksames Problem geworden. Solche Taten sind nicht nur auf Ausstellungen beschränkt, sondern können auch Depots, Lagerräume und Transportwege umfassen. Der Fall in Oslo wiederum zeigt, dass auch Raubüberfälle mit Bedrohung von Mitarbeitern und Besuchern nicht ausgeschlossen werden können, auch nicht am helllichten Tag. Ebenso stellt Vandalismus ein Risiko dar, wie der Fall im Freiburger Augustinermuseum vor zwei Jahren zeigt, als vier Bilder mutwillig beschädigt worden waren. Ein weiteres Risiko, das immer wieder zu großen Schäden führt, ist der Ausbruch eines Brandes. Das verheerende Feuer in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek 2004 ist auch 15 Jahre später immer noch Mahnung an einen effektiven Brandschutz. Ursachen für eine Brandentstehung gibt es zahlreiche: von veralteter Elektronik über Strahlungswärme von Lampen und Heizgeräten bis zu Umbauarbeiten und natürlich Brandstiftung. Aber auch Elementargefahren wie Hagel, Sturm oder Starkregen und Überflutung (z.B. Elbehochwasser) dürfen nicht vernachlässigt werden, wenn ein möglichst umfassendes Sicherheitskonzept das Ziel ist.

Viele offene Fragen

Da die hier nicht vollumfänglich aufgezählten Risiken immer auf den Einzelfall hin geprüft werden müssen, sind Hilfestellungen zur Ermittlung des Gefährdungspotenzials durchaus hilfreich. Die Konferenz Nationaler Kultureinrichtungen (KNK) hat vor wenigen Jahren dazu den „Sicherheitsleitfaden Kulturgut“ (SiLK) erstellt. Die KNK ist eine gleichberechtigte Interessensgemeinschaft 23 national bedeutsamer kultureller Institutionen unterschiedlicher Größe und Ausrichtung. Der Leitfaden soll Verantwortlichen die Möglichkeit geben, sich anhand verschiedener Themengebiete und dazugehöriger Fragebögen sowie weiterführender Literatur einen Überblick über die Sicherheit der eigenen Einrichtung zu verschaffen.

„Der Leitfaden hat dabei den Schutz der Kulturgüter im Blick, da es hierfür keinerlei rechtlich verpflichtende Vorschriften und Normen gibt, wie solche Güter zu schützen sind. Er unterstützt bei der Erkennung individueller Risiken und bei der Erstellung von auf die Einrichtungen zugeschnittener Notfallplanungen“, erläutert Dr. Alke Dohrmann, Projektleiterin des SiLK – Sicherheitsleitfadens Kulturgut. Eine Auswertung für 2019 ergibt, dass am häufigsten die Themen allgemeines Sicherheitsmanagement und Brand aufgerufen worden sind, sowohl was die Einführungen betrifft als auch die dazugehörigen Fragebögen. Gut ein Viertel der Besucher stammt aus dem englischen Sprachraum, was zeigt, dass die Themen auch international Beachtung finden. „Aktuell wird daran gearbeitet, den Leitfaden auch in Arabisch verfügbar zu machen, da es im arabischsprachigen Raum ebenfalls einen Bedarf für solche Konzepte gibt“, erklärt Dohrmann.

Beispiel Sicherheitsmanagement

Es erscheint nur logisch, dass das allgemeine Sicherheitsmanagement von Besuchern der Seite vorrangig gelesen wird, denn hier sind die grundlegenden Überlegungen dargestellt, was Sicherheit in einem Museum bedeutet und welche Bestandteile diese beinhaltet. Demnach umfasst Sicherheitsmanagement die Punkte Prävention von Schäden als primäres Ziel, eine umfassende Risikoanalyse, die Inventarisierung aller Objekte als Voraussetzung für die Notfallplanung und dessen ständige Aktualisierung, die Kooperation mit anderen Kultureinrichtungen sowie die Miteinbeziehung des Leihverkehrs. Die Erstellung einer Notfallplanung ist dabei quasi Voraussetzung für ein funktionierendes Sicherheitsmanagement, denn hier werden die notwendigen Reaktionen für die verschiedenen Notfallszenarien geplant, festgelegt und organisiert. Der zum Themenkomplex dazugehörige Fragebogen geht dann auch detailliert auf die verschiedenen Aspekte der Notfallplanung ein und gibt Handlungsempfehlungen. Innerhalb der Notfallplanung wiederum ist die Risikoanalyse der entscheidende Baustein, denn sie bestimmt die möglichen Schadensereignisse in einer Einrichtung, die am wahrscheinlichsten eintreten können und welches Schadensausmaß jeweils damit verbunden ist.

Notfallpläne umsetzen

Ebenso wichtig sind die regelmäßige Wiederholung dieser Analyse und ihre Auswertung sowie die Beseitigung möglicher Mängel bei der Adressierung der Risiken. Neben der Information der Mitarbeiter über eine vorhandene Notfallplanung ist auch die Festlegung und Bildung eines Krisenstabs wichtig, der sich regelmäßig austauschen und den Notfallplan überprüfen und aktualisieren sollte. Ihm obliegen auch die Schulung der Mitarbeiter und das regelmäßige Üben. Auch dem Austausch mit Externen kommt im Rahmen der Notfallplanung eine wichtige Bedeutung zu (Polizei, Versicherer, Feuerwehr, andere Museen), die regelmäßig über die Pläne und Maßnahmen informiert sein sollten. Schließlich ist noch die Frage bedeutsam, ob es einen Evakuierungsplan für die Kulturgüter gibt und ob alle Güter entsprechend inventarisiert sind. Besonders wichtig ist hier die Priorisierung, denn im Katastrophenfall ist eine sichere Rettung aller Objekte nicht immer möglich. Entsprechend müssen diese priorisiert werden, etwa nach ihrem kulturhistorischen Wert, ob das Objekt sich im eigenen Besitz befindet oder eine Leihgabe ist und wie der physische Zustand beschaffen ist (zu fragil für eine Evakuierung). Räumlichkeiten, intern wie extern (die Zusammenarbeit mit benachbarten Einrichtungen ist zu klären), müssen ebenso festgelegt sein wie die Verantwortlichen für eine Evakuierung. Wichtig ist auch, dass geeignetes Material für die Verbringung der Objekte bevorratet wird, also Transportmittel, Verpackungsmaterial, aber auch Werkzeuge, technische Hilfsmittel wie Luftentfeuchter und einen Notfallkoffer für Anschläge mit chemischen Substanzen.

Dynamisch, nicht statisch

Eine einhundertprozentige Sicherheit gibt es nicht, auch wenn der Sicherheitsleitfaden vollständig beachtet wird. Gleichwohl lassen sich die Risiken aber minimieren, sofern die Risikoanalyse und die daraus abgeleiteten Maßnahmen nicht als statisch angesehen werden – sprich, einmal aufgestellt im Glauben, diese so schnell nicht wieder angehen zu müssen. „Doch hier liegt häufig ein Missverständnis vor, denn ein Museum ist in der Regel ein dynamischer Ort, wenn Sammlungen wechseln oder Ausstellungsflächen hinzukommen oder wegfallen“, so Dohrmann. Spätestens dann müssen alle Konzepte wieder auf den Prüfstand, zumindest die organisatorischen, gegebenenfalls sogar bauliche, damit das Sicherheitskonzept wieder den aktuellen Stand widerspiegelt.

Doch auch dann müssen sich Museen und ihre Träger darüber im Klaren sein, dass Fälle wie in jüngster Zeit nur schwer zu verhindern sein werden, wenn tatsächlich „Insider“ mit am Werk sind und die Kriminellen so professionell agieren. Zusätzliche Technik kann da bis zu einem gewissen Grad Abhilfe schaffen, doch handelt es sich dabei immer um Investitionen, für die nicht immer Gelder zur Verfügung stehen und deren Nutzen naturgemäß nicht offensichtlich ist, außer etwa im Fall eines erfolgreich verhinderten Einbruchs. Auch das Thema Denkmalschutz ist eines, das Verantwortliche im Zusammenhang mit der Umsetzung von Sicherheit immer wieder umtreibt, doch auch hier gibt es Möglichkeiten für Fachplaner, die sich mit der Thematik auskennen. Dabei spielt, wie so oft, das Geld die entscheidende Rolle. Insofern bleibt zu hoffen, dass die spektakulären Ereignisse die Verantwortlichen, aber auch die Bevölkerung ein Stück weit für die Probleme sensibilisiert haben, damit einzigartige Kunstobjekte auch künftig ausgestellt werden können.

Foto: Wikipedia/Kai Scherrer

Schutzkonzepte für Kulturgüter

Beim Kleinen beginnen

Es sind nach wie vor die großen Schadensereignisse wie der Brand in der Anna Amalia Bibliothek 2004 und der Einsturz des historischen Archivs der Stadt Köln 2009, die den Verantwortlichen in Museen, Archiven und Bibliotheken im Bewusstsein geblieben sind.

Foto: REM

Brandschutz in den Reiss-Engelhorn-Museen

Unwiederbringliches bewahren

Immer wieder wrerden Museen aufgrund eines mangelnden Brandschutzes ganz oder teilweise geschlossen. Damit in Bestandsgebäuden in erster Linie die Sicherheit der Menschen nicht gefährdet wird, sind vorausschauende Planung und regelmäßige Überprüfungen notwendig, wie das Beispiel der Reiss-Engelhorn-Museen (REM) zeigt.

Prof. Dr. Zerbin kommentiert den Kunstraub in Dresden: „Die Polizei für erfolgte Einbrüche in Museen verantwortlich zu machen, geht an der Realität vorbei.“
Foto: NBS Northern Business School

Sicherheitskonzepte

Kunstraub in Dresden

Das Grüne Gewölbe in Dresden wurde in der vergangenen Woche Opfer eines brutalen Kunstraubes, bei dem wertvolle Kunstwerke entwendet wurden.

Foto: Honeywell

Integrierte Sicherheitssysteme

Nachts im Museum

Je bekannter ein Ausstellungsstück in einem Museum, desto höher ist auch sein ideeller und monetärer Wert. Noch gefährlicher als Diebstahl ist ein Brand, der wertvolle Unikate unwiederbringlich zerstört. Eine umfassende Sicherheitslösung ist daher ein Muss für jedes Museum, vom Heimatmuseum bis zum Louvre.

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