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Smart-Home-Technologie

Offen die Stagnation beenden

Optimale technische Voraussetzungen, glänzende Zukunftsprognosen, aber auch nach wie vor ungelöste Probleme: PROTECTOR & WIK sprach mit Jochen Sauer, Business Development Manager A&E von Axis Communications, über die Bremsen, die der Smart-Home-Markt jetzt lösen muss, um richtig in Fahrt zu kommen.

PROTECTOR & WIK: Herr Sauer, vor genau zwei Jahren bewertete Axis- Geschäftsführer Edwin Roobol im PROTECTOR-Interview den Smart- Home-Markt zwar als interessant, er sagte aber auch, man verfolge hier keine großen strategischen Pläne, da dieser Markt sehr auf Endkunden ausgerichtet sei und der Hauptfokus von Axis unverändert auf dem B2B-Geschäft liege. Hat sich diese Einschätzung inzwischen geändert?

Jochen Sauer: Hier sollten wir uns den Unterschied zwischen Smart Home und Smart Building ansehen. Das Wichtigste vorweg – es gibt keine einheitliche Definition. Wir bei Axis fokussieren uns auf Objekte, die eine professionelle Sicherheitsanlage benötigen und diese im Idealfall auch mit anderen Gewerken verbinden möchten. Also, salopp gesagt, wir sehen uns eher als Anbieter für eine Sicherheitslösung für ein Bürogebäude, als für ein privates Einfamilienhaus. Das heißt natürlich nicht, dass der private Anwender unsere Kameras nicht über unser Partnernetzwerk kaufen und installieren kann. Aber unsere Lösungen richten sich eher an Facherrichter, Fachplaner und Architekten, die die Gebäudeplanung betreuen. Dazu bieten wir ja auch, neben den Produkten, Planungstools und Webinare zur Anwendungsnorm EN 61676-4 an.

Wie hoch schätzen Sie die Chance für Anbieter von Sicherheitstechnik inzwischen allgemein ein, am wachsenden Smart-Home-Markt zu partizipieren?

Sehr hoch. Professionelle Sicherheitstechnik gehört inzwischen bei der Planung von vielen Gebäuden von Anfang an dazu und muss als wichtiger und vor allem integrierter Bereich der Gebäudetechnik gesehen werden. Im Idealfall arbeiten Architekten, Fachplaner, Fachrrichter und der Auftraggeber vom ersten Entwurf an eng zusammen. Da Anforderungen an die Gebäudetechnik steigen und komplexer werden, müssen Architekten und Fachplaner die technischen Kompetenzen der unterschiedlichen Gewerke besitzen, um zukunftsorientiert planen zu können. Denn das Smart Building von heute sollte auch noch morgen die Herausforderungen einer sich schnell entwickelnden Welt meistern können.

Während der Experten-Diskussion „Smart Building – in der Theorie ganz einfach“, zu der Axis im Herbst letzten Jahres eingeladen hatte und die Sie moderierten, wurden mehrere Probleme in der Praxis angesprochen, etwa was die Projektplanung und Umsetzung betrifft. Worin liegen Ihrer Einschätzung nach die Hauptgründe, dass der Smart-Home- Markt trotz glänzender Zukunftsprognosen noch nicht in Fahrt kommt?

Ein Aspekt ist definitiv das Fehlen einer gemeinsamen Sprache zwischen den einzelnen Gewerken der technischen Gebäudeausrüstung. Stellen Sie sich vor, Zutrittskontrolle, Heizung, Licht, Einbruchmelder, Rauchmelder, Rollladen, Aufzugs- und Fluchtwegsteuerung müssen jeweils extra angesteuert werden – ein unglaublicher Aufwand. Doch nicht nur das: Es ist auch um einiges kostenintensiver als eine direkte Kommunikation der Gewerke untereinander. Zudem ist eine Vielzahl an unterschiedlichen Systemen anfälliger für Störungen. Der Grund für diesen Wirrwarr liegt in den proprietären Systemen. Sie schränken ganz enorm ein, denn sie lassen keine oder nur eine sehr schwer und kostenintensiv zu realisierende Integration von Drittanbieter- Produkten zu.

Damit sind Anwender gezwungen, alle Systemerweiterungen vom selben Hersteller zu erwerben. Eine weitere Herausforderung ist ein fehlender Systemintegrator. Dadurch kann es dazu kommen, dass die Bereiche Safety und Security nicht miteinander interagieren können: Fluchttüren, Notbeleuchtung, Entrauchung und Brandmelder werden separat voneinander abgenommen und der Gesamtüberblick über die Vernetzung und die möglichen negativen Wechselwirkungen fehlt. Ein anderer Punkt sind fehlende oder nicht bekannte Standards, die es vereinfachen würden, Produkte zu vergleichen und Systeme ohne Gateways miteinander interagieren zu lassen. Problematisch können auch die kostengünstigeren Plug & Play-Lösungen werden, die eine einfache Handhabung versprechen. Ohne entsprechendes Fachwissen tauchen bei diesen Lösungen schnell Herausforderungen auf, die den Anwender enttäuschen und so die gesamte Smart- Home-Branche in Verruf bringen können. Dennoch drängen immer mehr von diesen Systemen auf den Markt, denn auch die großen Player im IT-Bereich haben längst das Potenzial erkannt.

Welches sind aus Ihrer Sicht die dringendsten Aufgaben, um die Gewerke übergreifende Vernetzung elektronischer Komponenten weiter voran zu bringen?

Der erste Schritt ist die Etablierung von Standards und die Verwendung derselben. Zweitens müssen dann auch die Hersteller umdenken und anstatt proprietärer Anlagen auf digitale Systeme mit gemeinsamen Standards setzen. Denn digitale Lösungen erleichtern die Vernetzung verschiedener Systeme miteinander. Diese können untereinander auf Basis eines TCP/IP-Netzwerks mit standardisierten Hilfs- und Anwendungsprotokollen kommunizieren. Die Stromversorgung sichert Power over Ethernet (PoE). Das erleichtert die Notstromversorgung der angeschlossenen Geräte und spart das sonst zusätzlich benötigte Kabel. Im Sicherheitsbereich gibt es bereits seit 2008 das offene Branchenforum Onvif, das inzwischen auf über 400 Mitglieder angewachsen ist.

Auf dieser Basis entwickelten sich weltweit Standards für IP-basierte physische Sicherheitsprodukte. Seit 2013 ist mit dem Profil C auch der Bereich Zutrittskontrolle integriert. Ein wichtiger Schritt bedeutet zudem die Veröffentlichung der DIN EN 62676- 4, des Leitfadens für Videosicherheitsanlagen. Diese Norm erfüllt im Allgemeinen drei Aspekte: Erstens das Bereitstellen eines Rahmenwerks, um Auftraggeber, Facherrichter und Benutzer bei der Erstellung ihrer Anforderung behilflich zu sein. Zweitens die Unterstützung von Fachplanern und Benutzern bei der Festlegung der geeigneten Anlagenteile, die für eine vorgegebene beziehungsweise gewünschte Anwendung des Sicherheitssystems erforderlich sind. Und drittens das Bereitstellen von Mitteln zur objektiven Bewertung der Eigenschaften einer Videosicherheitsanlage.

Studien, die dem Smart-Home-Markt eine goldene Zukunft vorhersagen, sind die eine Seite. Oft liest man aber auch Meldungen über gravierende Sicherheitsmängel der Systeme, die teilweise Verbraucherschützer auf den Plan rufen. Von einem regelrechten „Security- Tsunami der IoT-Hersteller“ sprach vor kurzem beispielsweise die Beraterfirma SEC Consult. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Die letzten Monate haben es deutlich gezeigt: Der Schutz von IT-Systemen, egal ob es sich um den privaten PC zu Hause, das Smartphone, oder eben das vernetzte Haus beziehungsweise Gebäude handelt, ist nicht mehr eine Option, sondern ein Must-have. Wichtig ist, dass die Sicherheit eines Systems nicht von einer einzigen Komponente abhängt. Im Gegenteil: Alle am System beteiligten Parteien sind hier gefordert. AA

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