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Foto: Gückel
Onvif stand im Mittelpunkt des zweiten Tages des PROTECTOR Forums Videoüberwachung 2014.

PROTECTOR Forum Videoüberwachung 2014

Onvif wird fünf

Der Wunsch nach Interoperabilität geht oft mit dem Wunsch nach Investitionssicherheit einher. Beides lässt sich mit einem verlässlichen und branchenweit akzeptierten Standard erreichen. Onvif ist 2009 angetreten, genau dies zu ermöglichen. Welchen Stellenwert hat der Standard heute?

Diese Frage beschäftige auch Moderator Dirk Ostermann am eindringlichsten: „Wichtig wäre, zunächst zu erörtern, was Onvif heute in den einzelnen Bereichen der Sicherheitstechnik bedeutet. Mittlerweile ist es fünf Jahre her, dass Axis, Bosch und Sony die Initiative ergriffen, diesen Standard zu etablieren. Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, ist es gelungen oder noch auf dem Weg dahin? Und welche Hemmnisse gab es in der Vergangenheit und welche gibt es aktuell?“

Beim Blick auf die Anfangszeit werden die einstigen Unsicherheiten wieder sehr deutlich, wie auch Christian Ringler von Seetec zusammenfasst: „Wir integrieren seit 2010 Onvif, und am Anfang war es wirklich sehr anstrengend. Denn man hatte unterschiedlichste Kamerahersteller zu integrieren, die zwar alle das Onvif-Etikett auf den Verpackungen hatten, von denen aber die Mehrzahl nicht korrekt über Onvif funktionierte. Mittlerweile sind wir – auch dank des neuen Profile S – deutlich weiter, so dass man sagen kann, es ist auf dem besten Weg, der Standard im Bereich der Videoübertragung zu werden.“

Markus Groben von der Groben Ingenieure GmbH erinnert sich ebenfalls: „Aus der Historie heraus war es so, dass man Onvif als Mittel genutzt hat, um IP-Video generell voranzutreiben. Eben bezugnehmend auf die analogen Videoanlagen, wo man kein Problem mit der Kompatibilität hatte. Doch man muss auch sagen, ganz am Anfang war es nicht mehr als ein Aufkleber – und kein wirklicher Standard.“

Anfang pfui, heute hui?

Dass die Anfangstage nicht rosig waren, bestätigt auch Roland Bauer von Funkwerk Video Systeme: „Wir haben auch frühzeitig über Onvif Kameras bei uns integriert und waren dabei guter Hoffnung. Doch als wir die Kameras dann angeschlossen haben, hat sich gezeigt, dass genau zwei Stück funktionieren, und das waren Modelle von Onvif-Gründungsmitgliedern. Alle anderen haben damals nicht funktioniert, was natürlich schon etwas Frustpotenzial aufgebaut hat. Wenn es darauf ankam, sind wir also auf den nativen Treiber zurückgegangen. Das hat sich heute deutlich verbessert, weil immer mehr Kameras dem Standard gut genügen.“

Die Kompatibilität und Zuverlässigkeit des Standards hat sich also bis dato deutlich erhöht. So sieht es auch Udo Riederle von Indigovision: „Wir sind nicht nur Hersteller von VMS-Lösungen, sondern auch Kamerahersteller – und unsere Kameras besitzen eine Onvif-Firmware. Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht im letzten Jahr. Die Integration lief relativ problemlos, so dass wir sehr zufrieden mit dem Ergebnis sind.“

Und Oliver Nachtigal von Digivod ergänzt: „Da kann ich nur zustimmen, wir haben die gleichen Erfahrungen gemacht. Gerade die Zusammenarbeit mit den Kameraherstellern ist ein sehr wichtiger Punkt bei Onvif. Viele renommierte Kamerahersteller integrieren das Onvif-Protokoll mittlerweile sehr gut in ihrer Software. Dennoch gibt es leider immer noch ein paar schwarze Schafe, die nicht sauber programmieren, und bei denen man noch intensiver nacharbeiten muss, damit auch deren Kameras funktionieren.“

„Onvif entwickelt sich hin zu einem Standard, und das ist auch zu begrüßen, denn davon kann jeder profitieren. Im Bereich der Datentechnik müssen wir ja auch nicht mehr über Protokolle reden, dort ist man schon weiter. Aber man muss auch bedenken, dass der Onvif-Standard immer etwas hinter den aktuellsten technischen Möglichkeiten zurückbleiben wird.“
Markus Groben, Groben Ingenieure GmbH

„Wir müssen auch einen recht großen Aufwand treiben, um Onvif zu implementieren. Es ist ein sehr komplexes Thema und aus der Entwicklersicht manchmal auch problematisch. Denn es kommt noch hinzu, dass wir bei komplexeren Anlagen auch die 20 Prozent nutzen, die mit Onvif nicht abgedeckt werden. Das bedeutet doppelten Aufwand. Dennoch ist Onvif aus meiner Sicht für kleinere Anlagen günstig, weil dort ist die nötige Austauschbarkeit gegeben ist. Bei komplexen Anlagen wird es wieder schwierig, weil man eben auch viele speziellere Funktionen nutzen muss.“
Roland Bauer, Funkwerk Video Systeme GmbH

„Wir sehen immer mehr Systeme, die zentral aufgebaut sind und bei denen immer mehr Features in die Kameras kommen. Auch die Möglichkeiten der Aufzeichnung und der Analyse sind heute extrem vielfältig. Ein Onvif-Standard kann das in der Gänze niemals abbilden. Davon abgesehen ist der Standard aber ein wichtiges Werkzeug, um Dinge zu vereinfachen. Doch gerade bei den komplexeren Anlagen wird es der Onvif-Standard schwer haben.“
Björn Haupt, Geutebrück GmbH

„Ich möchte auch noch eine Lanze brechen für den Onvif-Standard. Man muss sehen, dass weltweit mittlerweile deutlich mehr als 2.000 Produkte aus 470 internationalen Firmen die Konformität nachweisen – und dass kontinuierlich weitere Firmen dies für ihre Produkte anstreben. Aber unsere Diskussionen machen auch deutlich, welch große Komplexität in dieser Arbeit steckt und welche Herausforderungen auf dem Weg hinweg vom kleinsten gemeinsamen Nenner noch zu bewältigen sind. Dennoch: Diese Zahlen dokumentieren, dass der Onvif-Standard auf einem guten Weg ist, sich tatsächlich zu etablieren.“
René Kiefer, Siemens AG

Perspektivisch gesehen

Die Sichtweise von Herstellern ist natürlich eine recht wichtige. Noch wichtiger ist aber die Perspektive von Errichtern und Anwendern, denn von deren Akzeptanz hängt der Erfolg eines Standards ab. Die Grundvoraussetzungen waren und sind hier nicht schlecht, wie Markus Groben findet: „Das Thema hat auch eine kaufmännische Komponente: Man wird kaum videotechnische Anlagen auf der grünen Wiese errichten. Man braucht also Migrationskonzepte, wie einzelne Teile austauscht oder aktualisiert werden können. So ähnlich ist es auch bei Onvif. Wenn man Anlagen konzipiert, die für einen längeren Zeitraum laufen sollen, dann möchte man sich nicht bis zum jüngsten Tag mit einem Hersteller verheiraten, sondern über Standards eine Investitionssicherheit und Flexibilität herstellen.“

Prof. Dr. Andreas Hasenpusch vom Verband für Sicherheitstechnik plädiert für die pragmatische Sicht: „Im Grunde will der Endbenutzer ein System, das funktioniert und das seine Bedürfnisse möglichst perfekt abbildet. Der Onvif Standard wird dabei oft diskutiert, weil sich auch die Errichter gewisse Vorteile erhoffen: etwa, dass sie bestimmte Anlagen effektiver gestalten können, eine größere Auswahl an Kameras bekommen, günstiger Angebote erstellen können und sich eben nicht mit einem Systemhersteller verheiraten. Zum anderen betrifft es natürlich diejenigen, die eine Anlage wirtschaftlich betreiben müssen – die haben ein Interesse daran, die Investitionssicherheit zu gewährleisten.“

Erfolgreiche Entwicklung

Dass wesentliche Punkte dieser Forderungen mit dem Onvif-Standard heute schon umsetzbar sind, denkt René Kiefer von Siemens: „Ich möchte auch noch eine Lanze brechen für den Onvif-Standard. Man muss sehen, dass weltweit mittlerweile deutlich mehr als 2.000 Produkte die Konformität nachweisen – und dass unverändert weitere Firmen dies für ihre Produkte tun. Aber damit wird auch deutlich, welch große Komplexität dahinter steckt und welche Herausforderung. Dennoch: Diese Zahlen dokumentieren, dass der Onvif-Standard auf einem guten Weg ist, sich tatsächlich zu etablieren.“

Das ist auch dringend nötig, findet Oliver Nachtigal: „Die Errichter brauchen eine Verlässlichkeit bei der Planung. Sie müssen sich darauf verlassen können, dass sie mit einem Standard auch die meisten alltäglichen Anforderungen erfüllen können. Sie möchten nicht jedes mal überlegen und zittern müssen, ob das mit der Kompatibilität auch wirklich klappt.“

Dass aber nicht alles immer möglich ist, gibt Prof. Hasenpusch zu bedenken: „In den internen Anforderungspapieren, die man als Planer zu Gesicht bekommt, finden sich oft auch Aspekte, die offenbar von Onvif gefordert werden, die sich aber mit dem Standard nicht umsetzen lassen. Das stellt in sofern ein Problem dar, als die Erwartungshaltung manchmal eine ganz andere ist.“

Dem stimmt Rainer Gräfendorf von Heitel zu: „Generell stellen wir auf dem Markt fest, dass auch viele Errichter noch ein großes Defizit an Wissen haben, was genau Onvif ist und wie der Funktionsumfang des Standards aussieht. Das hat auch damit zu tun, dass die Zeiträume, in denen die einzelnen Versionen des Standards veröffentlicht wurden, recht kurz waren. Außerdem war man mit neuen Versionen auch nicht abwärtskompatibel, was natürlich für Verwirrung am Markt sorgte.“

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