Die vom Start-up Security and Safety Things (SAST) entwickelte Plattform richtet sich zunächst an IP-Kamera-Hersteller, soll zukünftig aber um weitere intelligente Services erweitert werden.
Foto: Bosch

Interviews

Plattform für IP-Kameras: Geschlossen für Offenheit

Nach der Gründung einer herstellerneutralen Plattform für IP-Kameras, sprach PROTECTOR mit Dr. Tanja Rückert, CEO Bosch Building Technologies, und Hartmut Schaper, CEO des Start-ups SAST.

Mit dem Start-up und hundertprozentigen Unternehmenstochter Security and Safety Things (SAST) stellt Bosch der Videobranche eine Plattform für IP-Kameras zur Verfügung, und forciert gelichzeitig seine Ambitionen im Internet der Dinge (IoT). Ende letzten Jahre stellte das Unternehmen in Grasbrunn das Konzept vor.

Bosch investiert 300 Millionen Euro in Künstliche Intelligenz

PROTECTOR & WIK: Frau Dr. Rückert, als Managerin und IoT-Expertin waren Sie 20 Jahre für SAP, unter anderem in Palo Alto im Silicon Valley, tätig. Nun sind Sie zurück in Deutschland und leiten seit 1. August 2018 den Geschäftsbereich Bosch Building Technologies. Wie fällt ihr Fazit nach den ersten 100 Tagen in dieser Position aus?

Dr. Tanja Rückert: Äußerst positiv. Die Offenheit, die mir hier persönlich und dem Thema IoT entgegenbracht wird, ist sehr beeindruckend. Die Investitionsbereitschaft in Software allgemein, konkret in die Themen Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Industrie 4.0 ist sehr groß bei Bosch. Das zeigen allein schon die Zahlen: Wir arbeiten eng mit über 20.000 Entwicklern an diesen Themen zusammen, 300 Millionen Euro investieren wir in den nächsten Jahren allein in KI.

Für mich ist es sehr faszinierend, nun direkt an der Quelle der Daten zu sein. Denn diese ist nun einmal die Kamera, dies ist der Rauchwarnmelder oder die Einbruchmeldeanlage. Solches Know-how im Hardware-Bereich haben die Player im Software- und Cloud-Bereich nicht in diesem Ausmaß. Diese Kriterien waren sehr wichtig für meine Entscheidung, zu Bosch zu wechseln. Was mich aber genauso überzeugt hat, ist die Werteorientierung von Bosch. Das Motto, notfalls Geld zu verlieren, aber niemals das Vertrauen, wird hier wirklich gelebt. Ich bin stolz, jetzt Teil von Bosch und dieser Philosophie zu sein.

PROTECTOR & WIK:Welche Ziele verfolgen Sie in Zukunft?

Dr. Tanja Rückert: Die Aufgabe wird vor allem sein, Software- und Hardware-Knowhow noch stärker zu verbinden. Wenn wir die beiden Bereiche noch enger zusammenbringen, schaffen wir mit dem Zugriff auf die Daten die Basis, um weitere intelligente Services anzubieten, beispielsweise die frühzeitige Verschmutzung von Rauchwarnmeldern, um mögliche Fehlalarme weiter zu reduzieren. Wir werden also in Richtung integrierter Intelligenz gehen, aber auch in Richtung Intuition. Denn der Bedienungskomfort, die Frage, wie schwierig oder leicht Geräte zu handhaben sind, wird zu einem immer wichtigeren Entscheidungskriterium, gerade für die jüngeren Generationen.

PROTECTOR & WIK: Nach 20 Jahren Erfahrung bei SAP, fällt Ihnen die Beantwortung der folgenden Frage wahrscheinlich leicht: Auf welchem Stand ist die Sicherheitstechnik in Sachen Digitalisierung beziehungsweise neuer Technologien im Vergleich zu anderen Branchen? Im Consumer-Bereich beispielsweise haben Übersetzungsprogramme ja in den letzten Monaten enorme Fortschritte gemacht.

Dr. Tanja Rückert: Ihre Beobachtung ist zwar richtig, aber so einfach ist die Antwort nicht. Was die Technologie in den Komponenten und Lösungen betrifft, hinkt die Sicherheitstechnik anderen Branchen keinesfalls hinterher. Wenn wir uns aber fragen, was sind schnelle Industrien und was langsame, sind die Sicherheits-, aber auch die Gebäudetechnik- und die Immobilienbranche eher langsame Industrien. Vor allem im Sicherheitsbereich gelten natürlich sehr hohe Qualitätsansprüche, von daher sind die Entwicklungszyklen von Produkten wesentlich länger. Deshalb schreitet der Wandel hier langsamer voran als im Endkundenbereich.

Etablierung eines herstellübergreifenden Standards

PROTECTOR & WIK: In der Videobranche verfolgen bereits mehrere Unternehmen eine Plattform- Strategie. Nun haben mehrere Hersteller von IP-Videokameras gemeinsam die Open Security & Safety Alliance gegründet, und mit der Security and Safety Things GmbH (SAST) gibt es eine weitere Plattform. Was hat es mit den beiden Organisationen auf sich, und was unterscheidet sie von bereits bestehenden Konzepten?

Hartmut Schaper: Die Open Security & Safety Alliance ist eine Industrieallianz, ein Verbund aus Herstellern und Integratoren, der von der herstellerspezifischen Ausrichtung bereits bestehender Plattformen weg möchte. Hier geht es um die Nutzung und Etablierung eines gemeinsamen, herstellerübergreifenden Standards, der von der SAST entwickelt und zur Verfügung gestellt wird. Die SAST ist hierbei also das Vehikel, einen solchen Standard technisch umzusetzen und möglich zu machen, sie liefert den Mitgliedern der Allianz sozusagen das Software-Betriebssystem.

Diese Entwicklung wollten wir beschleunigen, deswegen auch das Investment in ein Start-up. Wir wollen die Plattform nicht nur definieren, sondern sie den Mitgliedern der Allianz auch kostenlos zur Verfügung stellen, um so dafür zu sorgen, dass diese neue Technologie möglichst schnell und flächendeckend in den Markt kommt. Gleichzeitig arbeiten wir intensiv mit Anwendungsentwicklern zusammen, um zu gewährleisten, dass alle Schnittstellen des Ökosystems gleichzeitig beginnen zu arbeiten. Dr. Tanja Rückert: Wir haben beide viel Erfahrung im Bereich Software und haben uns gefragt: Was ist die Herausforderung für ein solches Konzept? Eine davon ist, wenn mehrere Firmen zusammensitzen, Aufgaben diskutieren und Kosten verhandeln, was mit der SAST vermieden wird. Eine andere Frage ist jene nach der Offenheit. Wir haben die System-Architektur zwar so gewählt, dass prinzipiell alles offen ist, aber es gibt eben auch die Möglichkeit der Hersteller, sich an den einzelnen Schnittstellen zu differenzieren.

Plattformökonomie als Konzept

PROTECTOR & WIK: Im Smart-Home-Bereich wurden in mehreren, miteinander konkurrierenden Standards einer der Hauptgründe gesehen, warum der Markt nicht richtig in Schwung gekommen ist. Sehen Sie dieses Problem auch für das Plattform-Konzept in der Videobranche?

Dr. Tanja Rückert: Ich würde diese Frage nach Standards und Plattformen etwas trennen. Zunächst denke ich, dass es auch unsere Branche helfen würde, wenn eine stärkere Standardisierung der Konnektivität eintreten würde, dies idealerweise nicht regional begrenzt, sondern industriespezifisch auf globaler oder zumindest europäischer. Ebene. Die Bedingung nach nur einem einzigen Standard sehe ich dabei aber nicht. Ähnliches gilt auch für das Plattformkonzept, wenn wir dieses weiter als auf IP-Kameras begrenzt denken. Es wird also auf eine Plattformökonomie hinaus laufen.

Hartmut Schaper: Eine einzige Plattform scheint auf den ersten Blick ideal zu sein, da man sich darauf festlegen muss. Andererseits besteht in der Alternativlosigkeit die Gefahr, dass die Plattform irgendwann satt wird, sich zu langsam weiter entwickelt und mit der Innovationsgeschwindigkeit nicht mehr Schritt hält. Deshalb sieht man in den meisten Branchen mehrere Systeme, meistens zwei bis drei, was einen gesunden Wettbewerb garantiert, und meine Erwartung ist, dass dies auch in der Videobranche so kommen wird.

Wie strukturiert Bosch allgemein die Entwicklung neuer Ideen und die Gründung von Start-ups fördert, zeigt folgendes Video: